Neuer Schlag gegen Russland

Mit Himars und Alufolie: Ukraine kämpft verbissen um ungestörten Handy-Empfang

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Abflug in den Äther: Die russische Orlan-10-Drohne ist Teil des Leer-3-Systems. Das Flugobjekt stört den Handy-Empfang und wird von einem aus einer Deckung operierenden Laster koordiniert. Jetzt hat Wladimir Putin wohl eine Einheit verloren.
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Die Ukraine hat offenbar einen russischen Störsender zerstört – Putins Truppen versuchen die Kommunikation zu kontrollieren; bislang wohl erfolglos.

Saporischschja – „Sie können einfach einen Lastwagen mit der entsprechenden elektronischen Anlage hinstellen, um die Funksignale des Gegners zu stören“, sagt Lennart Maschmeyer – ihm zufolge sei genau das die Art von Cyberkrieg, die aktuell möglich und effektiv zu bewerkstelligen sei, wie der Wissenschaftler vom Center for Security Studies (CSS) der ETH Zürich in der Neuen Zürcher Zeitung gesagt hat.

Einen dieser Lastwagen hat Wladimir Putin jetzt offenbar verloren, behauptet Newsweek: Die Ukraine hat nach eigenen Angaben ein Leer-3-EW-System Russlands in der südlichen Region Saporischschja ausgeschaltet, wie auf einem Video in den sozialen Medien zu sehen sein soll – als Absender gelten Drohnenpiloten der 129. Territorialen Verteidigungsbrigade der Ukraine.

Offenbar war der Ukraine dieser Schlag mit einer amerikanischen Himars (High Mobility Artillery Rocket System) gelungen, nachdem Aufklärungsdrohnen den russischen Laster der Elektronischen Kriegführung (Eloka) geortet hatten; das soll der ukrainische Sender Militarnyi berichtet haben. Das Leer-3 ist ein drohnenbasiertes EW-System (Electronic Warfare = Eloka), das Russlands unbemannte Drohne Orlan-10 dafür nutzt, Mobilfunknetze zu deaktivieren und dem russischen Militär gleichzeitig ermöglicht, eigene Nachrichten ins Netz einzuspeisen. Das System kann gegnerische Mobiltelefone blockieren, während die eigene Telefonie weiter funktioniert. Der Leer-3 nutzt einen sechsrädrigen Laster als Kommando- und Kontrollposten und koordiniert pro Einheit drei mit Störsendern ausgestattete Orlan-10-Drohnen.

Das Smartphone – möglicherweise kriegsentscheidend im Konflikt der Zukunft

Moskau hat die Leer-3 seit Anbeginn des Ukraine-Krieges gegen die einheimischen Truppen eingesetzt, bestätigte das russische Verteidigungsministerium laut Angaben von Newsweek. Wie das Magazin Armyrecognition schreibt, kann das System die Mobilfunk-Kommunikation der ukrainischen Armee in einem Umkreis von bis zu 30 Kilometern für mehrere Dutzend Stunden stören, während sich die Drohne am Himmel befindet. Das System könne etwa 2.000 Mobilfunkteilnehmer gleichzeitig unterdrücken und auch SMS versenden und damit falsche Nachrichten streuen. Die Hauptaufgabe des Leer-3-Systems bestehe jedoch darin, Konzentrationen von Mobilfunkteilnehmern in Wäldern, entlang von Flussbetten, in Siedlungen und anderen unauffälligen Orten zu erkennen und lahmzulegen.

Möglicherweise spielt das individuelle Smartphone in der aktuell geführten Generalprobe zum Krieg der Zukunft eine mitentscheidende Rolle, wie der Bundeswehr-Major Paul Strobel aktuell für die Konrad Adenauer-Stiftung schreibt. Zu Beginn des Krieges sei ihm zufolge zu befürchten gewesen, dass eine massenhafte Nutzung von Smartphones und deren Kameras entweder Adressaten für Propaganda oder gleichermaßen Ziele für die elektronische Aufklärung werden könnten und den individuellen Soldaten gefährdeten. Doch die Befürchtungen, dass Soldaten durch das bloße Mitführen eines Handys aufgeklärt und bekämpft werden könnten, scheinen sich im Groben nicht bewahrheitet zu haben, schreibt Strobel.

„Der bloße Einsatz des Flugmodus auf modernen Geräten, das Herausnehmen der Sim-Karte oder das Einpacken des Handys in spezielle faradaysche Behälter beziehungsweise Alufolie scheinen in der Lage zu sein, millionenteure Eloka-Systeme wirkungslos zu machen.“

Major Paul Strobel für die Konrad-Adenauer-Stiftung

Allerdings räumt er ein: „Letztendlich entsteht ein erstaunlich präzises ,öffentliches Lagebild‘, das durch eifrige Social-Media-Nutzerinnen und Nutzer laufend aktualisiert wird. Truppenbewegungen, Truppenteile und Vorgehen, gar Hinterhalte – kaum etwas lässt sich offenbar noch geheim halten.“ Die Ukraine hat im Netz die Regie des Krieges übernommen: Sie ließ ihren Soldaten offensichtlich in der Nutzung der Smartphones freie Hand. „Hunderte Videos zeigen mit Smartphones, Videokameras und GoPros ausgestattete Soldatinnen und Soldaten. Sie filmen Hinterhalte, Gefechtsfelder und erbeutete Fahrzeuge, aber auch die Nachwirkungen von Kampfhandlungen, Tote und verwundete russische Soldaten, aber auch ukrainische Zivilisten“, schreibt Strobel.

Die Ukraine soll seinen Recherchen zufolge eine Internetabdeckung von 99,9 Prozent besitzen, was die Russen seit Kriegsbeginn zu unterbinden versuchen. 64,6 Prozent der Bevölkerung sollen regelmäßig aktiv Social Media nutzen; dadurch entstünden hunderte und tausende Puzzlestücke in Form von Videos und Fotos, die verschiedene große Lagebilder ergäben. Noch im August vergangenen Jahres hat der in der Schweiz forschende Lennart Maschmeyer die russischen Bemühungen um die Hoheit im Cyber-Raum gegenüber der NZZ als mäßig eingestuft: „Russland hat in den letzten Jahren versucht, die Ukraine langsam zu schwächen und zu unterwandern. Dazu gab es Cyberangriffe auf das Stromnetz, die vermutlich auch das Vertrauen der Bevölkerung in die Regierung untergraben sollten. Das hat aber offensichtlich nicht funktioniert.“

Die Aufklärungsdrohne – möglicherweise voller Bauteile aus Deutschland

Brisant am Leer-3-System ist der sogar noch im Januar wiederholte Verdacht, der russische Kommunikations-Blocker nutze Technik aus Deutschland. Das Handelsblatt hatte darüber berichtet, dass in der Orlan-10-Drohne Bauteile aus Deutschland stecken sollen. Medienberichten zufolge handelt es sich dabei um einen bayerischen Konzern. Eine ukrainische Hackergruppe hatte eigenen Angaben zufolge in Unterlagen der russischen Rüstungsfirma Special Technological Center (STC) Belege gefunden über den Kauf westlicher Elektronik-Komponenten für den Bau von militärischen Systemen über den Umweg von Zwischenfirmen in Drittstaaten in Europa, Asien und Amerika.

Das ukrainische Internetportal Informnapalm hat einige der angeblichen STC-Dokumente veröffentlicht. Demnach teilte das deutsche Unternehmen als Reaktion auf den Bericht der Hacker laut Handelsblatt mit, es habe mit Beginn des Ukraine-Kriegs umgehend „seine Geschäftsbeziehungen nach Russland beendet“. Das Unternehmen habe seit Kriegsbeginn keine Produkte nach Russland oder an eine der Firmen aus den Dokumenten exportiert. Für den Konzern sei es „selbstverständlich, sich jederzeit streng an geltende Vorschriften und Gesetze zu halten“, zitiert das Handelsblatt das Unternehmen.

In der Orlan-10 steckt aber wohl noch mehr deutsches Know-how, wie die hessenschau im Oktober berichtet hat: Ein Unternehmer in Hessen soll Bauteile für russische Kriegsdrohnen und weitere Güter nach Russland geliefert haben – entgegen der aktuell geltenden Sanktionen. Gegen den 47-Jährigen sei im Oktober ein Haftbefehl vollstreckt worden. Via Hongkong soll der Verdächtige zwischen 2022 und 2023 „diverse elektronische Bauteile“, Modellflugzeugmotoren und weitere Güter in einem Gesamtwert von etwa zwei Millionen Euro durch „vorgeschobene Umgehungslieferungen“ nach Russland ausgeführt haben – diese Teile werden zum Beispiel in der russischen Drohne Orlan-10 verbaut.

Die Alufolie – Pfennigartikel legt Putins millionenschwere Aufklärung lahm

Bislang galten Wladimir Putins Truppen in der Ukraine als wenig flexibel und schlecht geführt, weil ihnen die digitale Kommunikation gefehlt hatte. Neueren Studien zufolge hat die russische Armee dazugelernt. Den ukrainischen Streitkräften sei anfangs „in einer noch nie da gewesenen Weise“ gelungen, Daten aus zivilen und militärischen Quellen zu aktuellen Lagebildern zu verdichten, um sie anschließend gegen die Invasoren aus Russland einzusetzen, sagt Oberst Tim Zahn im Bundeswehr-Podcast Nachgefragt. Das ukrainische Militär war mit GPS-gesteuerten Waffen sehr effektiv, darunter Storm Shadow- und Scalp-Marschflugkörper, gelenkten Mehrfachraketen, die von Himars-Trägerraketen abgefeuert werden, und M982 Excalibur 155-mm-Artilleriegeschosse, berichtete Business Insider.

Wladimir Putin: Das Macho-Image des russischen Präsidenten

Wladimir Putin in einem camouflage-farbendem Tauchanzug während eines Ausflugs in der russischen Republik Tuwa in Sibirien im Jahr 2017. Das Foto zeigt den russischen Präsidenten während einer Verschnaufpause.
Wladimir Putin in einem camouflage-farbendem Tauchanzug während eines Ausflugs in der russischen Republik Tuwa in Sibirien im Jahr 2017. Das Foto zeigt den russischen Präsidenten während einer Verschnaufpause. © Alexei Nikolsky/Imago
Ebenfalls im sibirischen Tuwa ist dieses inzwischen weltbekannte Foto entstanden, welches Wladimir Putin beim Reiten in den russischen Bergen zeigt. Mal wieder inszeniert sich der Kreml-Chef besonders männlich und zieht vor der Kamera prompt das Shirt aus. Das Bild liegt allerdings schon einige Jahre zurück: entstanden ist es 2009.
Ebenfalls im sibirischen Tuwa ist dieses inzwischen weltbekannte Foto entstanden, welches Wladimir Putin beim Reiten in den russischen Bergen zeigt. Mal wieder inszeniert sich der Kreml-Chef besonders männlich und zieht vor der Kamera prompt das Shirt aus. Das Bild liegt allerdings schon einige Jahre zurück: entstanden ist es 2009. © Imago
Wladimir Putin während einer Trainingssession in Sotschi im Jahr 2019. Der russische Präsident gilt als großer Judo-Fan und hat im Jahr 2000 in Tokio den Titel des sechsten Dan des „Kodokan-Judo“ verliehen bekommen.
Wladimir Putin während einer Trainingssession in Sotschi im Jahr 2019. Der russische Präsident gilt als großer Judo-Fan und hat im Jahr 2000 in Tokio den Titel des sechsten Dan des „Kodokan-Judo“ verliehen bekommen. © Mikhail Metzel/Imago
Selbst wenn sich der Kreml-Chef nahe den Gewässern Russlands erholt, sind die Kameras der russischen Staatspresse nicht weit entfernt. Schnappschüsse von einem schwimmenden Wladimir Putin, wie hier im Jahr 2017, würde ihnen sonst glatt entgehen.
Selbst wenn sich der Kreml-Chef nahe den Gewässern Russlands erholt, sind die Kameras der russischen Staatspresse nicht weit entfernt. Schnappschüsse von einem schwimmenden Wladimir Putin, wie hier im Jahr 2017, würde ihnen sonst glatt entgehen. © Alexei Nikolsky/Imago
Bekleidet mit olivgrüner Jagdhose und einem dazu passenden Sonnenhut präsentiert sich Wladimir Putin beim Angeln in den sibirischen Bergen im Jahr 2017. Geht es nach dem russischen Präsidenten, hat der Oberkörper aber freizubleiben.
Bekleidet mit olivgrüner Jagdhose und einem dazu passenden Sonnenhut präsentiert sich Wladimir Putin beim Angeln in den sibirischen Bergen im Jahr 2017. Geht es nach dem russischen Präsidenten, hat der Oberkörper aber freizubleiben. © Aleksey Nikolskyi/Imago

Allerdings haben die Russen inzwischen massenhaft Daten aus den Smartphones gefangener ukrainischer Gegner auslesen und zu Lagebildern der Stellung sogar einzelner Geschütze verdichten können. Auch die intelligenten Excalibur-Geschosse westlicher Haubitzen sind anfällig für Störsender und haben an Wirksamkeit eingebüßt. Dass die Ukraine nach mehr als zwei Jahren russischer Aggression auf dem eigenen Territorium dennoch verbissen dagegenhalten kann, liegt nach Meinung von Autor Paul Strobl an der unter den Soldaten herangereiften individuellen Erkenntnis der Bedeutung Elektronischer Kampfführung: „Viele Soldaten scheinen sich zu behelfen: Der bloße Einsatz des Flugmodus auf modernen Geräten, das Herausnehmen der Sim-Karte oder das Einpacken des Handys in spezielle faradaysche Behälter beziehungsweise Alufolie scheinen in der Lage zu sein, millionenteure Eloka-Systeme wirkungslos zu machen.“

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