Nato-Gipfel in Vilnius: Ukraine-Beitritt könnte zum „Drama“-Thema werden
VonChristina Denk
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Am 11. Juli beginnt der Nato-Gipfel. Es stehen wichtige Entscheidungen an – zur Ukraine und für die Zukunft des Bündnisses. Stoltenberg ringt um Einigkeit.
Vilnius – Ein „besonderer Gipfel“: So bezeichnet NATO-General Jörg See das anstehende Nato-Treffen in Vilnius. Ein Gipfel mit „sehr wichtigen Entscheidungen“, heißt es von Jens Stoltenberg. Zum zweiten Mal findet das Gipfeltreffen in diesem Jahr unter den Eindrücken des Ukraine-Krieges statt. Es soll um die Unterstützung der Ukraine und die Zukunft des Bündnisses gehen. Doch was wird konkret verhandelt? Und sind Streitigkeiten programmiert? Ein Überblick.
Nato-Gipfel in Litauen: Ukraine hofft im Krieg gegen Russland auf Militärhilfen
In Vilnius laufen längst die Vorbereitungen für den Gipfel, der am Dienstag und Mittwoch (11. bis 12. Juli) stattfinden wird. Staats- und Regierungschefs der 31 Nato-Länder werden erwartet. Nach litauischen Angaben werden 12.000 Einsatzkräfte vor Ort sein.
Auch die Bundeswehr hat Soldaten und Flugabwehrsysteme in das an Russland grenzende Land verlegt. Und während die Chefs der Länder erst am 11. Juli anreisen, ringen Diplomaten und politische Entscheidungsträger bereits im Vorfeld um Lösungen für die Top-Themen des Gipfels.
Ukraine-Nato-Rat soll erstmals zusammentreten
Dazu gehört unter anderem die Unterstützung der Ukraine im Krieg. Erstmals wird in Vilnius ein Nato-Ukraine-Rat zusammentreten, der aus den 31 Nato-Ländern und Wolodymyr Selenskyj besteht. Der Rat wird einberufen, um nach Stoltenbergs Worten künftig „auf Augenhöhe“ über Fragen der transatlantischen Sicherheit zu verhandeln und die Beziehungen zu vertiefen.
Vor dem Nato-Gipfel in Vilnius versucht Jens Stoltenberg noch eine Einigung für den Beitritt Schwedens zu erzielen. Auch die Diskussionen um die Ukraine dürften schwierig werden.
Militärhilfen für die Ukraine: Selenskyj erhofft sich zudem neue Militärhilfen durch die Nato-Staaten. Eine Hoffnung, die umgesetzt werden dürfte. Wie AFP berichtet, plant die Nato ein mehrjähriges, vorerst 500-Millionen-Euro-Programm zu beschließen. Das Paket soll helfen, Kiews sowjetische Militärtechnik durch moderne Nato-Technik zu ersetzen. Und auch die geplante Lieferung von Streumunition der USA an die Ukraine dürfte Thema sein.
Nato-Gipfel in Litauen: Ukraine-Beitritt könnte zum „Drama“-Thema werden
Nato-Beitritt der Ukraine: Ein zweiter großer Punkt auf der Ukraine-Agenda des Gipfels ist die ukrainische Hoffnung auf ein konkretes Engagement für einen künftigen Nato-Beitritt. Hier stellte Stoltenberg bereits Mitte Juni klar: „Wir werden bei dem Gipfel in Vilnius nicht über eine Einladung diskutieren.“ Bislang gibt es ein vages Versprechen des Bündnisses, dass die Ukraine eines Tages aufgenommen wird, das laut dpa beim Gipfel erneuert werden soll.
Die ukrainische Regierung hat eingeräumt, dass ein Beitritt während des Ukraine-Krieges unwahrscheinlich ist. Dennoch hofft das Land laut Oleksandr Merezhko, Mitglied des ukrainischen Parlaments, auf eine konkrete Einladung beim Gipfel. Oder: „Auf dem Gipfel in Vilnius wird beschlossen, dass die Ukraine der Nato beitreten wird, und auf dem Gipfel in Washington 2024 wird die Einladung zum NATO-Beitritt ausgesprochen“, fügte er gegenüber Newsweek hinzu.
Uneinigkeit vor Nato-Gipfel zum Ukraine-Beitritt
Wie das Redaktionsnetzwerk Deutschland berichtet, unterstützen einen Beitritt aktuell die baltischen Staaten und Polen. Deutschland und die USA tun dies bislang nicht. Für einen Beitritt bräuchte es Einstimmigkeit unter den Nato-Staaten.
Nato: Die wichtigsten Kampfeinsätze des Verteidigungsbündnisses
Vor dem offiziellen Gipfel versuchen Diplomaten gerade einen „vollständigen Konsens“ zu erreichen, berichtete Fabrice Pothier, ehemaliger Direktor für politische Planung bei der Nato Newsweek. Ein möglicher Kompromiss besteht darin, das Heranführungsverfahren zum Nato-Beitritt für die Ukraine zu streichen – wie es auch bei Schweden und Finnland passierte. Sollte jedoch kein Kompromiss gefunden werden, „muss das Thema zu den Staatsoberhäuptern gebracht werden“, so Pothier. „Dann sind die Dinge ziemlich offen, was das Ergebnis angeht.“ Das könnte für „Drama“ sorgen, so der Ex-Nato-Direktor.
Nato-Gipfel in Litauen: Schwedens Beitritt steht weiter auf der Kippe
Ebenfalls der Nato beitreten will Schweden. Doch hier verweigern die Türkei und Ungarn weiterhin ihre Zustimmung. Recep Tayyip Erdogan fordert von Schweden für den Nato-Beitritt nach wie vor ein härteres Vorgehen gegen kurdische politische und militante Gruppen im Land. Der türkische Präsident hatte bereits vor dem Gipfel angekündigt, Schweden solle keine baldige Zustimmung erwarten.
Um eventuell doch noch zu einer Einigung zu kommen, hat Stoltenberg ein Vermittlungstreffen zwischen dem schwedischen Regierungschef Ulf Kristersson und dem türkischen Präsidenten Erdogan für Montag (10. Juli) angekündigt. Fatih Ceylan, ein pensionierter türkischer Botschafter bei der NATO, glaubt dennoch nicht an eine Einigung vor dem Gipfel. Dies sei „eher schwierig, wenn nicht gar unmöglich“, sagte er gegenüber Newsweek. Das Treffen werde stattdessen eine Basis für zukünftige Verhandlungen schaffen. Türkische und schwedische Diplomaten werden am Donnerstag (13. Juli) aufeinander treffen.
Nato-Gipfel in Litauen: Umgang mit China, neue Militärausgaben und die Zukunft Stoltenbergs
Auch die allgemeine Zukunft des Bündnisses wird auf dem Gipfel zum Thema werden. Dazu zählen der Verbleib Stoltenbergs als Generalsekretär, was mangels Nachfolger als Formalie gilt, der Umgang mit China und die Präsenz der Nato im Osten. Außerdem könnte es einen neuen Beschluss zu den Mindest-Militärausgaben der Nato-Länder geben. Bislang gilt die Zwei-Prozent-Marke als Richtwert.
Die weiteren Themen des Nato-Gipfels:
Jens Stoltenberg: Offizielle Bestätigung zur Verlängerung seines Vertrages als Generalsekretär bis zum 1. Oktober 2024 (kein strittiges Thema)
Militärausgaben der Nato-Staaten: Beschluss des Zwei-Prozent-Ziels als Untergrenze. Nato-Staaten sollen mindestens zwei Prozent ihres BIPs in Rüstung stecken. (bereits beschlossen)
Umgang mit China: Treffen mit Vertretern aus Japan, Südkorea, Neuseeland, Australien zum Umgang mit Pekings „Zwangspolitik“ (erwarteter Ausgang: Bestätigung der Beschlüsse des Gipfels 2022)
Baltische Länder fürchten Aggression Russlands - Neue Verteidigungspläne
Präsenz der Nato im Osten: Als letzter Punkt soll die Präsenz der Nato im Osten zum Thema werden. Vor allem den baltischen Ländern ist eine starke Unterstützung der Nato wichtig. Sie fürchten, bei einem potenziellen Angriff durch Russland nicht gegenhalten zu können.
Jens Stoltenberg kündigte neue regionale Verteidigungspläne für den Norden, Osten und Süden des europäischen Bündnisgebiets. Künftig sollen bündnisweit rund 300.000 Soldatinnen und Soldaten in Einsatzbereitschaft gehalten werden, so dpa. Die Türkei sperrt den Beschluss aufgrund von Formulierungen über Zypern noch.