Putins Hassobjekt ist die Hoffnung ihres Landes: die Kämpfer der Asow-Brigade. Zehn Jahre nach ihrer Gründung erhalten sie den Segen der US-Regierung.
Mariupol – „Zu Asow gehörten rechtsextreme Straßenkämpfer, Fußball-Hooligans der Mannschaft Kharkiv Metallist, aber auch Liberale, unpolitische Menschen, einige Hippies und einige Anarchisten“, sagt Politikwissenschaftler Christian Mölling dem ZDF. Die bisher in Ungnade gefallenen Kämpfer der Ukraine sind jetzt offenbar rehabilitiert, wie die Washington Post berichtet: „USA heben Waffenembargo gegen ukrainische Militäreinheit auf“, titelt das Blatt. Auf X (vormals Twitter) tauchen jetzt Videos auf, die die Integrität und Moral der Truppe im Ukraine-Krieg beweisen sollen.
Im vergangenen Sommer hatte die Post bereits berichtet, die ukrainische Regierung setze ihre Hoffnungen auf diese Einheit, indem sie sie sehr früh nach der Besetzung der Krim in die Nationalgarde übernommen und zu einer von sechs „Offensivbrigaden“ ernannt habe; denen falle die Hauptlast der Befreiung besetzter Gebiete zu. Als Teil der Nationalgarde gehört sie nicht zur regulären ukrainischen Armee, ist also ein paramilitärischer Verband und untersteht dem Innen- anstatt dem Verteidigungsministerium. Allerdings schien die Asow-Brigade bisher mit Vorsicht zu genießen zu sein. In 2015, also ein Jahr nach der russischen Annexion der Krim, wurde publik, was Wladimir Putin der Ukraine als Grund für den Krieg vorgeworfen hatte – am Beispiel von einem Asow-Ausbilder mit dem Kampfnamen „Alex“, wie USA Today berichtet hatte:
Asow-Brigade: Die Milizionäre mit den scheinbar zwei Gesichtern
In einem Interview habe er „zugegeben, Nazi zu sein, und sagte lachend, dass nicht mehr als die Hälfte seiner Kameraden Nazis seien. Er sagte, er unterstütze eine starke Führung der Ukraine, wie sie Deutschland im Zweiten Weltkrieg hatte, lehne aber den Völkermord der Nazis an den Juden ab. Minderheiten sollten toleriert werden, solange sie friedlich seien und keine Sonderrechte forderten, sagte er, und das Eigentum reicher Oligarchen sollte weggenommen und verstaatlicht werden“.
„Beispielsweise zerstörte das Asow-Bataillon für Spezialoperationen ein Regiment der 90. Panzerdivision der russischen Armee im Kampf um Browary, wodurch nicht zuletzt der russische Vormarsch auf die ukrainische Hauptstadt Kiew gestoppt werden konnte. Asow-Kommandeur Prokopenko habe für die militärischen Erfolge seines Regiments im März 2022 den höchsten ukrainischen Ehrentitel ,Held der Ukraine‘ verliehen bekommen.“
Die Milizionäre haben scheinbar zwei Gesichter, wie noch zu Kriegsbeginn die Deutsche Welle (DW) berichtet hat: Für die einen seien die Asow-Kämpfer Neonazis, für die anderen ukrainische Nationalhelden. „Die Kämpfer der berüchtigten Truppe sind ins Zentrum des Informationskrieges zwischen Moskau und Kiew gerückt. Während Russland die Kampftruppe als ‚faschistisch‘ brandmarkt, werden die Mitglieder des Regiments seit Beginn der russischen Ukraine-Invasion von vielen Ukrainern gefeiert“, berichtete die DW. Die ursprünglichen Freiwilligen waren laut ihrem Bericht Zivilisten aus den von Separatisten kontrollierten ostukrainischen Städten Donezk und Luhansk, der zentralrussischen Stadt Kirowograd und der ehemaligen Sowjetrepublik Weißrussland. Zehn bis 20 Prozent der Kämpfer könnten nationalsozialistisch gesinnt gewesen sein.
Asow-Brigade: Für rechtsextreme Tendenzen seit langem keine Belege
„Mehrere von ihnen sagten, sie wollten ihr Heimatland und Europa vor den Ambitionen des russischen Präsidenten Wladimir Putin schützen, den sie für den Krieg verantwortlich machen“, schreibt die Deutsche Welle. Demzufolge hatte Ivan Gomza zu Kriegsbeginn bereits Entwarnung gegeben. Die meisten Rechtsextremen hätten den Kampfverband bereits mit der Einbindung in die Nationalgarde verlassen, wie der Professor der Kiew School of Economics in den Länder-Analysen der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen veröffentlicht hat. Allerdings scheint die Regierung um US-Präsident Joe Biden die Unbedenklichkeit erst jetzt bestätigen zu wollen. „Nach gründlicher Prüfung hat die 12. Asowsche Spezialbrigade der Ukraine die Leahy-Prüfung des US-Außenministeriums bestanden“, zitiert die Washington Post ihre Erklärung.
Die Behörde bezog sich dabei auf das nach dem ehemaligen demokratischen Senator Patrick J. Leahy benannte „Leahy-Gesetz“, wonach keine US-Militärhilfe erlaubt ist an ausländische Einheiten, denen glaubhaft schwere Menschenrechtsverletzungen nachgewiesen wurden“, schreibt die Post und verweist auf das Außenministerium, das keine Beweise für derartige Verstöße gefunden haben will. Zu Beginn des Krieges hatte sich auch der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages mit der Frage beschäftigt, ob die Asow-Brigade zum Trainingscamp deutscher Rechtsextremer werden könnte – ohne allerdings eine besondere Gefahr festgestellt zu haben.
Address by the commander of the 12th Special Forces Brigade Azov, Colonel Denys Prokopenko, on the lifting of the US ban on the transfer of weapons to the unit.
"I would like to congratulate all the soldiers of the 12th Special Forces Brigade Azov and the entire civilized world… pic.twitter.com/8NSorFgQ5r
Asow-Brigade: Synonym für den verzweifelten Kampf um Mariupol
In der Ukraine sei der Name der Brigade zum Synonym für den letzten Kampf des Landes in der belagerten Stadt Mariupol geworden, wie die Washington Post schreibt. Die Ukraine habe demnach den verbliebenen Truppen in der Stahlfabrik letztendlich befohlen, sich den russischen Streitkräften zu ergeben, um zu überleben. Nach Angaben der Post hatten sich Anfang Mai dieses Jahres noch mehr als 900 Soldaten der Brigade in Gefangenschaft befunden. Die heutige Einheit habe mit der ursprünglichen Miliz nichts mehr zu tun, beteuern ukrainische Offizielle und bedauern, dass der Verband ohne die vorenthaltene Ausrüstung und Ausbildung weitaus effektiver hätte sein können.
Immerhin hat der Youtube-Kanal der Einheit fast vier Millionen Abonnenten; und fast 400.000 Nutzer haben verfolgt, wie Asow-Kämpfer im Serebryansky-Wald gerade einen russischen Gegenangriff zurückgeschlagen haben wollen. Das offenbar von einer Helm-Kamera eines Ukrainers gefilmte Stück zeigt, wie Soldaten Schützengräben besetzen, als die Russen einrücken in den Wald, den die Ukrainer nach eigenen Angaben seit einem Jahr halten – im Serebryansky-Wald soll die Frontlinie des Verwaltungsbezirks Luhansk verlaufen. Das Video zeigt unverhohlen das Emblem des Verbands: Die um 90 Grad gedrehte Wolfsangel – das aus dem Mittelalter entlehnte Symbol einer inzwischen verbotenen Wolfs- oder Bären-Falle wurde von den Nationalsozialisten entlehnt und gilt heute als verboten.
Der Strategiewechsel der US-Regierung falle zeitlich zusammen mit neuen Vorstößen des russischen Militärs in der Ostukraine und Angriffen auf die Energieinfrastruktur des Landes, spekuliert aktuell der Spiegel; mit steigender Offensivkraft der Russen fallen also anscheinend die Ressentiments der US-Amerikaner. Laut dem Spiegel seien jetzt auch den Amerikanern die Verdienste dieser Einheit wieder eingefallen: „Ein Sprecher des Außenministeriums wies auch auf die ‚heldenhafte Rolle‘ der Asow-Kämpfer im Kampf um die Hafenstadt Mariupol 2022 hin.“
Asow-Brigade: Putins Albtraum im Kampf um das Asow-Stahlwerk
Politikwissenschaftler Gomza verweist auf Schätzungen, nach denen fast 2.000 russische Soldaten während der Belagerung des Stahlwerks in Mariupol der Azow-Brigade und befreundeten ukrainischen Einheiten zum Opfer gefallen waren. 3.500 russische Soldaten sollen verletzt worden sein. Demnach habe Russland auch 68 Panzer, 111 Schützenpanzer, 25 Transportwagen, ein Patrouillenboot und ein SU-25-Kampfflugzeug bei Mariupol eingebüßt.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
Außerdem seien zahlreiche Bataillone des Asow-Regiments an anderen Kriegsschauplätzen an wichtigen Erfolgen beteiligt gewesen, so Gomza. „Beispielsweise zerstörte das Asow-Bataillon für Spezialoperationen ein Regiment der 90. Panzerdivision der russischen Armee im Kampf um Browary, wodurch nicht zuletzt der russische Vormarsch auf die ukrainische Hauptstadt Kiew gestoppt werden konnte. Asow-Kommandeur Prokopenko habe für die militärischen Erfolge seines Regiments im März 2022 den höchsten ukrainischen Ehrentitel ‚Held der Ukraine‘ verliehen bekommen“, schreibt Gomza.
Um ihr Image bemüht war die Einheit aber bereits 2015. Ausbilder „Alex“ habe bezüglich der Zahl der Nazis in der Einheit zu vorschnell gesprochen und nur für sich – was er allerdings dürfe; das sagte gegenüber USA Today sein damalige Kommandeur Oleg Odnorozhenko. „Aber er hat kein Recht, Aussagen zu machen, die als Standpunkt des Regiments ausgelegt werden können. Er wird für seinen Mangel an Disziplin hart bestraft werden.“