Freiheitsbewegung

Protest im Iran: „Frauen stellen die größte Bedrohung für das Regime dar“

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Demonstrantinnen forderten kürzlich in Brüssel, den Widerstandes des iranischen Volkes gegen das Regime zu unterstützen.
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Die Iran-Expertin und Aktivistin Neda Amani spricht im Interview über den Zustand der Protestbewegung, die Rolle der Frauen und die Frage, was nach einem möglichen Sturz des Regimes kommen könnte.

An diesem Dienstag jährt sich der Tod von Jina Mahsa Amini zum dritten Mal. Ihr Tod löste 2022 eine landesweite Protestwelle im Iran aus, die nicht der erste Versuch ist, den Terror der Machthaber gegen das iranische Volk zu bekämpfen. Frauen spielen in dieser Tradition eine besondere Rolle.

Frau Amani, seit dem israelischen Angriff im Juni gilt das iranische Regime als sehr geschwächt. Wie wirkt sich das auf die Stimmung in der Bevölkerung aus?
Wichtig ist, nicht alles auf diesen Zwölf-Tage-Krieg zu reduzieren. Der eigentliche Krieg ist seit über 46 Jahren zwischen der Bevölkerung und dem Regime. Die Schwäche des Systems ist vor allem das Ergebnis jahrelanger Aufstände. Diese Welle des Widerstands hat das Regime an den heutigen Punkt gebracht. Und es ist entscheidend zu betonen: Den höchsten Preis hat und zahlt noch immer die Bevölkerung und insbesondere jüngere Menschen. Jugendliche organisieren sich im Untergrund, viele davon in den sogenannten Widerstandseinheiten und wollen so die Angst der Gesellschaft vor dem Regime durchbrechen. Diese Generation bildete das Zentrum der Proteste und führte die Aufstände der Jahre 2017, 2018, 2019 und besonders im September 2022 an, bei denen Millionen Menschen gegen Unterdrückung, Korruption und das gesamte System auf die Straße gegangen sind. Vor allem im Aufstand vom September 2022 stand das Regime am Rande seines Sturzes. Diese Bewegungen haben gezeigt, dass niemand mehr an Reformen glaubt. Gefordert wird ein grundlegender Wandel.
Wie steht es heute um die Protestbewegung im Iran?
Es gibt täglich Streiks von Bauern, Lastwagenfahrern, Lehrkräften, Ölarbeitern und Rentner:innen im ganzen Land. Seit 2014 gibt es in jeder Provinz organisierte Widerstandseinheiten, die Graffiti mit Parolen anbringen und Symbole der Unterdrückung – wie etwa die Eingänge der Basidsch- und Revolutionsgarden-Stützpunkte – in Brand setzen. Trotz der massiven Internetabschaltungen gelingt es diesen Gruppen, sich landesweit zu organisieren. Die Proteste sind keineswegs spontane Ausbrüche – auch 2022 nicht. Sie folgen einer klaren Struktur, und das spiegelt sich in den Parolen wider: Überall im Land sind es dieselben Rufe, die die Menschen verbinden. Und dieser Widerstand reicht bis in die Gefängnisse. Seit 85 Wochen gibt es den „No to Execution Tuesday“ (Dienstage ohne Hinrichtungen) – jeden Dienstag protestieren Gefangene mit Hungerstreiks gegen Hinrichtungen. Trotz drohender Todesstrafen veröffentlichen sie Fotos und Parolen aus ihrer Zelle. Diese Solidarität inspiriert andere und hält den Widerstand lebendig. Fakt ist: Der Anstieg der Hinrichtungen ist die andere Seite der Medaille und zeigt, dass das iranische Regime schwächer ist als je zuvor. Mehr als 1600 Hinrichtungen allein in diesem Jahr. Das beweist die Angst des Regimes vor seiner eigenen Bevölkerung.
Mehr als 80 Prozent der Bevölkerung wollen den Sturz des Regimes? Gäbe es danach eine demokratische Alternative?
Ja – und sie heißt der Nationale Widerstandsrat Iran (NWRI). Dieser Rat wurde im Juli 1981 gegründet und verfolgt das Ziel, die Islamische Republik zu beenden. Er entstand unmittelbar nach dem Massaker vom 20. Juni desselben Jahres in Teheran, bei dem das Regime Tausende friedliche junge Menschen tötete. Die treibende Kraft war damals die Organisation der Volksmojahedin Iran (MEK), doch der Rat vereint darüber hinaus zahlreiche demokratische Strömungen, Intellektuelle sowie Vertreter:innen ethnischer und religiöser Minderheiten. Er ist ein pluralistisches Bündnis, das seit über vier Jahrzehnten für ein demokratisches und freies Iran kämpft. Erst letzte Woche demonstrierten Zehntausende Exil-Iraner:innen in Brüssel für den sogenannten „dritten Weg“, den Maryam Rajavi, die gewählte Präsidentin des NWRI im Jahr 2006 im Europarat vorgestellt hat: Nein zu Beschwichtigung, Nein zu Krieg, Ja zur Unterstützung der Bevölkerung und ihres organisierten Widerstands. Am 23. und 24. September haben Exiliraner:innen in den USA zu einer weiteren Großdemonstration in New York aufgerufen. Die Bewegung stößt weltweit auf Resonanz. Der NWRI verfolgt außerdem ein klares Programm: Trennung von Religion und Staat, Gleichberechtigung von Frauen und Männern, Abschaffung der Todesstrafe und einen atomfreien Iran. Er genießt zudem finanzielle Unabhängigkeit, da er ausschließlich von der Bevölkerung und ihren Sympathisant:innen finanziert wird und damit unabhängig von fremden Staaten ist. Ein weiterer bemerkenswerter Punkt ist, dass jede Kommission zu 50 Prozent aus Frauen besteht und viele dieser Kommissionen auch von Frauen geleitet werden.

Zur Person

Neda Amani (35) lebt in der Schweiz und gilt als wichtige Stimme der iranischen Diaspora. Die Aktivistin wirkt bei den Vereinten Nationen mit sowie im Europäischen und im Schweizer Parlament. FR

Neda Amani.
Die Frauen sind also treibende Kraft dieser Bewegung?
Die Opposition wird von Frauen geführt – das ist für mich das Bewegendste. An der Spitze steht Maryam Rajavi, eine bekennende Muslima, die in ihrem Programm die Trennung von Staat und Religion fordert. Für mich, die weder Kopftuch trägt noch einer Konfession angehört, ist es ein starkes Signal: Wir kämpfen Seite an Seite, unabhängig vom Glauben, für dieselben Werte. So stelle ich mir die Zukunft des Iran vor. Was mich besonders beeindruckt, ist die Vielfalt innerhalb der Bewegung. Jede und jeder bringt eine eigene Geschichte mit – Mütter, die mehrere Kinder durch das Regime verloren haben, Angehörige von Gefangenen, Menschen, die trotz schlimmster Erfahrungen ihre Hoffnung nicht aufgeben. Diese kollektive Kraft macht den Widerstand unzerstörbar. Das Regime versucht im Inland, ihn mit Folter, Hinrichtungen und Einschüchterung zu brechen und im Ausland, durch Diffamierungen und Lügenpropaganda. Doch genau daraus wächst unsere Stärke. Frauen haben im Iran seit jeher an vorderster Front gekämpft – seit mehr als 120 Jahren. Immer wieder wurden sie entrechtet: Mal zwang man ihnen das Kopftuch auf, mal riss man es ihnen mit Gewalt herunter. Selbst über ihr Erscheinungsbild konnten sie nie selbst bestimmen.
Das heißt, dieser Nationale Widerstandsrat wäre eine Art Übergangsregierung?
Ja, der Nationale Widerstandsrat versteht sich als Übergangsregierung, aber nicht als dauerhafte Macht. Sein Programm sieht vor, nach dem Sturz des Regimes für sechs Monate die Verantwortung zu übernehmen, um unter internationaler Beobachtung den Rahmen für freie und faire Wahlen zu schaffen. Ziel ist nicht Machterhalt, sondern der Übergang zur Volkssouveränität. Der Rat versteht sich damit nicht als neues Herrschaftssystem, sondern als Brücke von der Diktatur zu einer freien, demokratischen Republik.
Warum wird diese Alternative im Westen kaum wahrgenommen?
Ein zentraler Grund für die verzerrte Wahrnehmung des Widerstands liegt in der systematischen Propaganda des Regimes. Seit Jahrzehnten investiert die Islamische Republik Milliarden, um die Volksmojahedin und den Nationalen Widerstandsrat zu diffamieren, durch Filme, Bücher, Serien und sogar inszenierte Schauprozesse. Ziel ist es, Angst zu verbreiten und den Widerstand zu isolieren, auch im Westen. Viele Medien und Regierungen übernahmen unkritisch das Narrativ, man müsse das bekannte Übel behalten oder die iranische Diaspora sei zu zerstritten, um eine Alternative zu bilden. Diese alten Narrative wurden bereits von der ehemaligen Diktatur, dem Shah und später von den Mullahs verbreitet. Die jüngsten Hinrichtungen von Behrouz Ehsani und Mehdi Hassani allein wegen ihrer Unterstützung der Volksmojahedin zeigen erneut den Preis, den dieses Engagement fordert. Dieser Widerstand ist tief in der iranischen Gesellschaft verwurzelt und verkörpert Werte, die im völligen Gegensatz zur Ideologie der Mullahs stehen. Genau deshalb ist er die einzige legitime Alternative.

Mahsa ist nicht tot! Sie lebt in jedem rebellischen Blick, in jedem Bild, das die Zensur durchbricht, in jedem Ruf nach Freiheit weiter. Mahsa ist nicht tot! In den Blicken der jungen Frauen, die ihre Haare im Wind wehen lassen, atmet sie weiter. 

Jafar Panahi, Regisseur
Wie würde es den regionalen Milizen wie die Hisbollah im Libanon, die Huthi-Miliz im Jemen und die Hamas im Gazastreifen ergehen, wenn das Regime gestürzt würde?
Das Regime steht seit 46 Jahren auf zwei Säulen: Repression im Inland und Expansion des Terrors nach außen. Dazu gehören auch die Bündnisse mit den Huthi im Jemen, der Hisbollah im Libanon und den Milizen im Irak. Milliarden sind in Kriege in Syrien, in den Libanon, in den Irak geflossen. Und das geht so weiter: Während die iranische Bevölkerung verarmt, werden Milizen finanziert. Aber als der Krieg im Juni ausbrach, zeigte sich deutlich, dass kein Verbündeter bereit war, sich irgendwie daran zu beteiligen. Und sobald die Geldquelle versiegt, brechen diese Allianzen zusammen – wie in Syrien. Das bedeutet: Fällt das Regime, fallen auch seine Proxys.
Das Regime ist geschwächt, aber noch nicht am Ende. Teheran verfügt nach wie vor über erhebliche Offensivfähigkeiten, sein Sicherheitsapparat bleibt sehr mächtig und das Regime treibt sein Atomprogramm weiter voran. Für mich sieht es nicht so geschwächt aus.
Die islamistische Diktatur ist gefährlich, das stimmt, aber vor allem, weil sie vom Westen beschwichtigt wird. Seit Jahrzehnten wissen alle, dass Teheran eine Atombombe will. Es gibt Beweise, Dokumente, geleakte Informationen. Trotzdem halten EU, Deutschland oder die Schweiz am Atomdeal fest, geben Kredite – während im Inland Hinrichtungen und Repression zunehmen. Das ist Heuchelei. Und es zeigt den Menschen im Iran: Wir können uns nur auf uns selbst verlassen. Öl- und Gasexporte bringen Milliarden. Doch die Wirtschaft ist korrupt und wird von den Revolutionsgarden kontrolliert. Sie sitzen an der Spitze von Firmen, auch im Westen. Deshalb fordert die Opposition seit Jahren, die Revolutionsgarde auf die Terrorliste zu setzen. Das würde das Regime wirtschaftlich massiv schwächen.
Der Nationale Widerstandsrat sagt Nein zu Krieg, wäre ein Sturz des Regimes ohne Waffen überhaupt möglich?
Nach dem Sturz des Shah, kurz nach Khomeinis Machtübernahme, gab es schon die ersten Massenproteste mit überwiegend Jugendlichen, die für die Demokratie und soziale Gerechtigkeit protestiert haben. Sie waren nicht bewaffnet und wurden mit Waffengewalt verstummt. Niemand will Krieg. Aber Selbstverteidigung ist ein Menschenrecht. Warum sollte diese Selbstverteidigung den iranischen Bürger:innen nicht gewährt werden? Ich bin gegen jegliche Waffengewalt, aber in so einer Situation sprechen wir von Krieg. Das ist eine unverhältnismäßige Kraft, die Menschen auslöschen will.
Im Iran geht es weit mehr als um eine Frauenbewegung, aber wie geht es den Frauen im Iran?
Heute betrachtet das Regime Frauen als seine größte Gefahr, nicht zuletzt, weil sie gebildet sind. Bis zu 60 Prozent der Studierenden im Iran sind Frauen. Bildung bedeutet Macht, und genau davor fürchtet sich das Regime. Darum sind Frauen systematischer Entrechtung ausgesetzt: Sie haben keine grundlegenden Rechte, ob im Scheidungs- oder Sorgerecht oder bei der freien Berufswahl. Gleichzeitig zwingt das Regime sie, als Sittenpolizistinnen gegen andere Frauen vorzugehen. Opfer werden so zu Täterinnen gemacht. Doch trotz dieser Repression haben iranische Frauen nie nachgegeben. Schon beim Sturz des Shahs spielten sie eine entscheidende Rolle, und auch heute tragen sie die schwersten Lasten von Gefängnis, Folter und Hinrichtungen. Der Widerstand der Frauen ist kein plötzliches Phänomen, sondern Teil einer langen Tradition. Ein eindrückliches Beispiel ist Maryam Akbari Monfared. Seit 2009 sitzt sie ununterbrochen im Gefängnis, nur weil sie Gerechtigkeit für ihre Brüder fordert, die 1988 als Sympathisanten der Volksmojahedin hingerichtet wurden. In einem ihrer Briefe schreibt sie: „Ich schreibe diese Worte nicht aus Traurigkeit, sondern aus Stärke, aus der Verantwortung heraus, die Stimme derer zu sein, die nicht mehr sprechen können.“ Dieses Beispiel steht für Tausende andere. Iranische Frauen haben nie und werden niemals vor diesem Regime kapitulieren. Genau deshalb wird der Nationale Widerstandsrat bewusst von Frauen geführt. Für das Regime ist eine gebildete, emanzipierte Frau, die auch noch Muslima ist, die größte Bedrohung seines ideologischen Fundaments.

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