„Aussitzen ist keine Strategie“: Expertin warnt vor anhaltendem Trump-Schrecken – selbst ohne Trump
VonLisa Gilz
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Der EU fehlt eine gute Strategie im Umgang mit der US-Regierung: Doch so unberechenbar sei Donald Trumps Handeln gar nicht, sagt eine Expertin.
Die zweite Amtszeit von US-Präsident Donald Trump ist geprägt von anhaltenden Kontroversen und vom Ringen anderer Länder, mit der teils erratischen Politik der Trump Administration Schritt zu halten. Eine neue Studie des Global Public Policy Instituts in Berlin und der Helmut-Schmidt-Bundeswehr-Universität in Hamburg beschäftigt sich mit der Frage, was zu tun ist, „Wenn dein Verbündeter narzisstisch wird“. Sofie Lilli Stoffel hat mit Philipp Herzberg die Studie erarbeitet. Sie erklärt im Interview mit der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media, wieso es nicht hilft, Trumps Amtszeit einfach auszusitzen.
Sofie Lilli Stoffel arbeitet am Global Public Policy Institut in Berlin und hat sich in einer Studie damit beschäftigt, wie europäische Politikerinnen und Politiker in Zukunft mit der US-Politik umgehen können.
Frau Stoffel, Ihre Studie ist zumindest laut Titel ein „Selbsthilfe-Handbuch“ für europäische Politikerinnen und Politiker im Umgang mit der Trump-Administration. Wieso haben Sie sich jetzt damit beschäftigt und nicht schon 2016?
Ich konzentriere mich auf Sicherheitspolitik und versuche immer, einen anderen, strategischen und langfristigeren Blickwinkel zu finden. Die Wiederwahl von Donald Trump war abzusehen. Ich war überrascht, wie andere Regierungen im Frühjahr damit zu kämpfen hatten, eine Antwort auf Trumps Politikstil zu finden, obwohl wir vier Jahre Zeit hatten, uns darauf vorzubereiten. Die amerikanische Regierung unter Trump hat ihren Politikstil nochmals intensiviert, was die Notwendigkeit strategischer Antworten erhöhte. Dieser Macht-getriebene Politikstil ist in allen Kabinettsmitgliedern mehr oder weniger vertreten, und Europa hat bisher keine konsistente Antwort darauf gefunden. Die Gefahr ist, dass Europa nicht mehr in der Lage ist, eigene Sicherheitsinteressen zu verfolgen, wenn es ständig nur reagiert.
Auch ohne Trump als Präsident: „Der Politikstil wird wahrscheinlich bestehen bleiben“
Sie beschreiben, wie man mit einem verbündeten Land umgehen muss, das narzisstische Verhaltensmuster zeigt. Können Sie das erklären?
Bisher interagierten wir mit den USA oft auf sachlicher Ebene, wie in einer engen Beziehung. Die Trump-Regierung zielt jedoch stärker auf Macht, Image und Performance ab. Daher kam die Idee, einen psychologischen Ansatz zu verwenden, wobei die Narzissmus-Theorie als interpretativer Rahmen diente. Es geht nicht darum, eine universell gültige Theorie zu liefern, sondern einen neuen Denkansatz zu bieten, indem Narzissmuskriterien auf die Verhandlungsebene zwischen Staaten übertragen werden.
Sie betonen, dass der Fokus auf dem Politikstil und nicht auf der Person Donald Trump liegen sollte. Warum ist das so wichtig?
Es geht in der Studie nicht darum, eine Ferndiagnose für Trumps Persönlichkeit zu stellen. Es ist entscheidend, sich nicht auf Donald Trump als Person zu versteifen, da der Politikstil auch bei anderen Persönlichkeiten im Umfeld des MAGA-Kreises derselbe ist. Ob das nun Außenminister Marco Rubio, Vizepräsident JD Vance oder etwa Pressesprecherin Karoline Leavitt ist. Wir haben noch das Mindset von Trump 1.0, wo sich alles um ihn als Person dreht. Selbst wenn er 2028 nicht antritt, wird der Politikstil wahrscheinlich bestehen bleiben. Ein „Aussitzen“ der Situation ist keine nachhaltige Strategie für Europa, da diese Politik in den USA beliebt ist und zur Wiederwahl Trumps führte.
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Wie sollte Europa auf diese Art der Politik reagieren?
Aus der Narzissmus-Forschung lassen sich Gegenstrategien ableiten, die ursprünglich für Freunde, romantische Partner oder Arbeitskollegen entwickelt wurden. Europa muss nicht grundlegend seine Identität ändern. Wir sollten aber aufhören, ehrliches und sachliches Feedback von der Trump-Regierung zu erwarten. Es ist wichtig, aus der reaktiven Position auszubrechen, die das eigene Verfolgen von Sicherheitsinteressen behindert. Europa sollte selbstbewusst handeln und eine freundliche, aber neutrale Haltung entwickeln. So lässt sich die Gefahr von „Rache-Spiralen“ minimieren, und dem Spektakel diplomatischer Stunts wird der Wind aus den Segeln genommen
Welche Rolle spielt Deutschland bei der europäischen Einheit?
Deutschland muss dazu beitragen, Europa zu einen und Ressourcen in die europäische Einheit zu investieren. Wir neigen oft dazu, uns hinter der Behauptung der Unberechenbarkeit der USA zu verstecken. Europa muss geschlossen auftreten, auch wenn einzelne Themen bestimmte Länder mehr betreffen als andere, um zukünftige Risiken zu minimieren. Es ist wichtig, in die „Optik“ zu investieren, um europäische Unabhängigkeit und Einigkeit zu repräsentieren, auch wenn die tatsächliche Integration länger dauert. Ein gutes Beispiel war dafür etwa, als die Staats- und Regierungschefs der großen europäischen Länder mit Selenskyj in die USA reisten.
Sie sagen „Behauptung der Unberechenbarkeit“. Wie meinen Sie das?
Es handelt sich nicht um Unberechenbarkeit, sondern um Muster, die bisher nicht ausreichend verstanden wurden. Es ist wichtig, diese Muster zu erkennen und sich auf die Auslöser dieser Politik zu konzentrieren, anstatt auf die einzelnen Themen. Gleichzeitig sollte der Impuls zur sofortigen Reaktion unterdrückt werden, indem man lernt, „nichts zu sagen und nichts zu tun“, um Ressourcen zu schonen. Europa sollte mutiger sein und sich auf die eigenen Interessen besinnen, indem es Selbstbewusstsein projiziert und Beziehungen zu neuen Partnern aufbaut, um zu zeigen, dass es nicht allein ist.