Trotz allen Fortschritts – unbeholfen: Auch, wenn die Ukraine immer wieder neue Bodendrohnen als einsatzfähig ankündigt, bleiben die Einsatzmöglichkeiten bisher begrenzt. Mitte April hatte das Innovationscluster Brave1 in der Region Kiew die bisher umfangreichsten Bodenrobotertests durchgeführt. Die Tests konzentrierten sich auf Fernkommunikation, Belastbarkeit und Widerstandsfähigkeit gegen elektronische Kriegsführung (Archivfoto).
Die Ukraine bringt eine neue Bodendrohne an die Front. Nur für die Logistik. Ohne Waffen. Kampfdrohnen gehen sonst eventuell auf die eigenen Leute los.
Kiew – „In diesem Jahr haben wir mehrere Tausend Bodenplattformen gekauft, und nächstes Jahr, glaube ich, brauchen wir Zehntausende“, zitierte Reuters im Dezember 2024 Mychajlo Fjodorow. Der Minister für digitale Transformation in der Ukraine versucht, gegen Wladimir Putins Invasionstruppen in der Ukraine eine Roboter-Armee aufzustellen. Sowohl in der Luft als auch am Boden – jetzt teilt das Verteidigungsministerium mit, dass mit der „Murakha“ („Ameise“) der nächste Bodenroboter für Kampfeinsätze zugelassen werden soll. Der kleine Kämpfer werde eine halbe Tonne bewegen können – da, wo es knallt; so die Ankündigung.
„„Murakha“ ist ein kettengetriebener Roboterkomplex, der zur Unterstützung von Einheiten unter schwierigen Bedingungen, unter feindlichem Beschuss und an verminten Frontabschnitten konzipiert ist“, schreibt das Verteidigungsministerium in der Ankündigung des neuen Fahrzeugs – das ohne Bewaffnung ausgeliefert wird. Die Ameise wird offensichtlich ausschließlich für den Güter- beziehungsweise Personentransport eingesetzt werden. Das Ministerium weist ausdrücklich darauf hin, dass die Steuerung ermöglichen soll, die Ameise auch innerhalb von Gegenmaßnahmen durch elektronische Kriegsführung einzusetzen; desweiteren könne das kettengetriebene Fahrzeug Gelände mit „komplexem Relief“ meistern und ließe sich auch von kleineren Furten kaum stoppen.
Drohnen der Ukraine: „Im Grunde sind diese Wagen nichts anderes als ferngesteuerte Modellautos“
Fahrzeuge wie die Ameise oder andere Modelle würden längst an verschiedenen Frontabschnitten ihren Dienst verrichten, beispielsweise auch in der Region Kursk, in der sich die Ukraine auf dem Territorium Russlands eine Enklave erkämpft habe, sagt Fjodorow gegenüber Reuters. Die Ukraine verfüge über mehrere Ausbildungszentren, um den Umgang mit den Robotern zu lehren, fügte er hinzu.
„Wir setzen solche Systeme nicht mit aufgesetzten Waffen ein, da ich in diesem Bereich Angst vor friendly fire habe. Diese Systeme können unerwartetes Verhalten zeigen, weshalb ihre Technologie noch nicht weiterentwickelt wurde.“
Die Roboter sollen Nachschub heranrollen, abschleppen, Minen legen oder räumen sowie Kamikaze-Einsätze fahren, berichtet der Sender CBS über einen Spenden-Aufruf auf einer Website der ukrainischen Regierung zur Finanzierung der Gefährte. „Die Topografie in Teilen der Ukraine mit viel flacher und wenig bewachsener Fläche scheint mir, anders als urbanes Gelände, eher günstig für den Einsatz solcher Drohnen“, sagte Frank Sauer dem Spiegel. Im Gegensatz zum Politikwissenschaftler Universität der Bundeswehr in München mit dem Schwerpunkt Autonome Waffensysteme bleibt das Nachrichtenmagazin vorsichtig:
„Im Grunde sind diese Wagen nichts anderes als ferngesteuerte Modellautos mit einer Kamera“, urteilt das Magazin. Den Krieg der Terminatoren werden die Armeen erst in ferner Zukunft ausfechten. Jedenfalls hatte das Johann Frank im Jahr 2020 gegenüber dem österreichischen Standard behauptet: „Es ist aber natürlich ein Unterschied, ob es nur um die Entwicklung von Prototypen geht oder ob man moderne Technologien strukturell in die Organisation integriert hat.“
Roboter gegen Russland: Einsatz, um eigenes Personal aus Feuerkämpfen weitestgehend herauszuhalten
Was der Ukraine möglicherweise inzwischen gelungen ist; beziehungsweise in Ansätzen, wie das ukrainische Magazin Militarnyi Glauben machen möchte. Im Dezember 2024 will die Brigade „Charter“ in Richtung Charkiw „eine vollständig robotische Operation“ durchgeführt haben, wie sie auf Facebook mittels eines Videos publiziert hat. Dabei seien sowohl Boden- als auch Luftdrohnen zum Einsatz gekommen, berichtet Militarnyi: „Am Boden waren Manipulationsdrohnen, Minenleger, Kamikazes und mobile Geschütztürme im Einsatz, in der Luft schwere Multirotorbomber, Überwachungsdrohnen und verschiedene FPVs“ (First-Person-View-Drohnen), so das Magazin.
Roboter-Einsätze seien komplex, sagte dem Magazin ein Offizier des Dienstes für unbemannte Systeme der Planungsabteilung der Brigade „Charter“ mit dem Rufzeichen „Mathematiker“ – allein das Wetter beispielsweise nehme erheblichen Einfluss auf den Erfolg der Mission. „Bei Bodendrohnen besteht die Schwierigkeit auch darin, dass wir die Routen berücksichtigen müssen, die sie zurücklegen müssen, da sie von unterschiedlichen Punkten aus starten.“ Auch der parallele Einsatz von Drohnen in der Luft zur Überwachung und als Repeater (Verstärker) der Signale müsse berücksichtigt werden – für den Hinweg der Mission genau so wie für den Rückweg, der anders ausfallen könne, wie „Mathematiker“ erläuterte.
Der Mehrwert von Roboter-Missionen liegt aktuell weniger in der Kampfwertsteigerung der eigenen Armee, beispielsweise durch mit Maschinengewehren bestückten Bodendrohnen, sondern darin, eigenes Personal aus Feuerkämpfen weitestgehend herauszuhalten. Allerdings äußern die Praktiker an der Front, dass die Drohnen, besonders die Drohnen am Boden, in der Propaganda als viel leistungsfähiger dargestellt würden, als sie an der Front seien. Wie Militarnyi berichtet, sei die Geländegängigkeit eine der Herausforderungen, denen sich die kämpfende Truppe zu stellen hätte – vor allem mit nassen und aufgeweichten Böden hätten verschiedenen Modelle Schwierigkeiten; tatsächlich wird fleißig mit Rad- und Kettenfahrwerken gleichermaßen experimentiert; beide Kriegsparteien sowie die Nato-Länder stehen wohl noch am Anfang.
Roboter im Ukraine-Krieg: „Landgestützte Systeme nutzen wir jedoch hauptsächlich für logistische Zwecke“
„Auf Produktionsebene würde ich mir wünschen, dass die Probleme mit der Geländegängigkeit gelöst werden. Das erfordert viele Ressourcen, viele Tests und Zeit. Wir haben nicht genügend Personal, um das zu organisieren. Wir sind kein Hersteller. Ich würde mir eine Federung der Drohnen wünschen, die ihnen aufgrund des stärkeren Bodenkontakts eine deutlich bessere Geländegängigkeit ermöglichen würde“, äußert ein Zugführer mit dem Rufzeichen „Pan“ gegenüber Militarnyi-Autorin Kateryna Suprun.
Trotz aller regelmäßigen Ankündigungen neuer Typen, fehle ihrer Meinung nach ein schlüssiges Konzept für den Einsatz von Bodenplattformen. Der Erfolg der Einsätze hinge ab von der Kreativität des Militärs, die die verschiedenen Typen im Einsatz habe sowie von den externen Faktoren – Landschaft, Wetterbedingungen und den Möglichkeiten, die Roboter den Erfahrungen im Kampf entsprechend weiter zu entwickeln, wie sie schreibt. Und an Entwicklung sei noch eine Menge zu leisten, äußert jedenfalls „Yas“ aktuell gegenüber dem Magazin The War Zone.
„Landgestützte Systeme nutzen wir jedoch hauptsächlich für logistische Zwecke. Die Technologie ist noch recht roh, und die Stabilität ist nicht sehr hoch. Wir setzen solche Systeme seit Herbst 2024 ein, und sie sind mittlerweile mehr oder weniger stabil. Sie sind durchaus funktionsfähig und einsatzbereit, weisen aber dennoch viele Besonderheiten auf, die noch weiter verfeinert werden müssen“, sagt der Kommandeur der 12. Spezialkräftebrigade Asow des Bataillons für unbemannte Systeme der ukrainischen Nationalgarde.
Drohnen machen Soldaten Angst: „Wir setzen solche Systeme nicht mit aufgesetzten Waffen ein“
Auch er berichtet von den Herausforderungen durch die Funkwellenphysik – rollt eine Bodendrohne in eine Senke, kann die dahinter liegende Bodenerhebung die Funkwellen und damit die Verbindung zum Piloten unterbrechen, was die Drohne zum Stillstand zwingt und selbst zum Ziel werden lässt. „Wir können die landgestützten Robotersysteme maximal zur Evakuierung der Leichen unserer gefallenen Waffenbrüder einsetzen. Wir haben auch versucht, sie als Kamikaze-Drohnen einzusetzen, aber sie zeigten keine hohe Effizienz. Sie erreichen ihr Ziel in der Regel nicht“, klagt „Yas“.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
Daher sind die Bodendrohnen angewiesen auf Unterstützung von fliegenden Drohnen als Repeater, also als Verstärker des Funksignals. Das würde wiederum Energie kosten, was die Repeater-Drohnen immer wieder zum Nachladen zwinge, sagt der Kommandeur. Durch das Hin- und Herfliegen samt Ladezeiten würden sich die Einsätze von Bodendrohnen gezwungenermaßen über Stunden hinziehen.
Erstaunlich ist die Aussage des Drohnen-Praktikers über die bisher immer wieder propagandistisch ausgeschlachteten Drohnen mit Maschinengewehren. „Yas“ sagt, dass seine Truppe die Finger davon lasse – aus Selbstschutz, wie er gegenüber The War Zone deutlich klar stellt.: „Wir setzen solche Systeme nicht mit aufgesetzten Waffen ein, da ich in diesem Bereich Angst vor friendly fire habe. Diese Systeme können unerwartetes Verhalten zeigen, weshalb ihre Technologie noch nicht weiterentwickelt wurde.“