Ukraine-Krieg

Belarus: Flucht vor dem Krieg – Immer mehr Männer verweigern Militärdienst

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Belarussische Streitkräfte bei einer Militärübung am Freitag (04.03.2022). Immer mehr Männer sollen den Kriegsdienst verweigern.
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Belarus ist offiziell im Russland-Ukraine-Krieg neutral. Allerdings zieht das Land derzeit Männer in den Kriegsdienst – ganz zum Missfallen der Bevölkerung.

Update vom 29. März um 08:30 Uhr: Auch wenn weiter Spekulationen darüber laufen, ob Belarus dem Ukraine-Krieg aktiv beitritt, hält sich die Regierung um Alexander Lukaschenko weiter zurück. Am vergangenen Montag, 28. März, wurde bekannt, dass das russische Militär wohl zur Vorbereitung neuer Raketenangriffe auf die Ukraine ihre Abschussrampen in Belarus mit neuen Projektilen bestücken. Das berichtete der ukrainische Generalstab. Die Angaben konnten nicht unabhängig überprüft werden.

Zuletzt hatten sich Gerüchte gehäuft, dass ein belarussischer Kriegseinsatz im Ukraine-Krieg doch noch eintreten könnte. In dem Nachbarland seien Soldaten zunehmend russischer Kriegspropaganda ausgesetzt, hieß es vom ukrainischen Generalstab. Zudem haben inzwischen auch die letzten belarussischen Diplomaten Kiew verlassen.

Erstmeldung vom 18. März um 16:00 Uhr: Minsk – Die Rolle, die Belarus im Russland-Ukraine-Krieg einnimmt, ist eine, die nicht leicht zu durchschauen ist: Während Machthaber und Verbündeter von Wladimir Putin, Alexander Lukaschenko, immer wieder eine Beteiligung an dem russischen Angriffskrieg im Nachbarland Ukraine ausschließt, sehen zumindest westliche Nationen in Belarus einen starken Verbündeten Russland, der überhaupt den Ukraine-Krieg ermöglicht hat. Zuletzt gab es auch scharfe Kritik seitens der Vereinten Nationen, weil die Vertreter es als erwiesen ansahen, dass Belarus den Einmarsch Russlands in die Ukraine ermöglicht hat.

Russland-Ukraine-Krieg: Lukaschenko lehnt Einsatz in der Ukraine für Belarus ab

Als Lukaschenko vergangene Woche nach Russland reiste, vermuteten westliche Experten bereits, dass sich Belarus dem Krieg in der Ukraine anschließen könnte, allerdings gibt es bisher keine Anzeichen, die darauf hindeuten. Zuletzt lehnte Alexander Lukaschenko einen Truppeneinsatz im Russland-Ukraine-Krieg, in dem auch die Gefahr vor Chemiewaffen besteht, ab. 

Russland werde nicht von belarussischen Soldaten unterstützt werden, sagte der Machthaber von Belarus vor einigen Tagen. Dennoch: Auch in Belarus gab es in den vergangenen Tagen Truppenbewegungen in Richtung der ukrainischen Grenze. Wie es in einer Mitteilung vom Samstag, 12. März, aus dem Verteidigungsministeriums heißt, wurden die Truppen zur Sicherung der Grenze eingesetzt werden.

Insgesamt solle fünf Kampfgruppen an die südliche Grenze von Belarus entsandt worden sein. Das sagte der belarussische Vizeverteidigungsminister Viktor Gulewitsch. Die Einheiten sollten gemeinsam mit Grenzschutztruppen verhindern, dass „nationalistische bewaffnete Formationen“ aus der Ukraine nach Belarus einmarschieren können. „Die Truppenbewegungen stehen in keiner Weise im Zusammenhang mit einer Vorbereitung und noch weniger mit einer Teilnahme belarussischer Soldaten an der Spezial-Operation auf dem Territorium der Ukraine“, hieß es seitens Gulewitsch. Lukaschenko* gilt als einer der wenigen engen Verbündeten von Russland. China hat sich inzwischen etwas von Moskau distanziert.

Wladimir Putin führt Krieg in der Ukraine: Russische Truppen greifen von Belarus aus an

Ähnlich wie in Russland wird der Angriffskrieg in der Ukraine, der sich noch intensivieren könnte, durch die Armee von Wladimir Putin nicht als solcher bezeichnet. Vielmehr wird von einer Spezial-Operation gesprochen. Auch wenn Belarus nicht an Kampfhandlungen in der Ukraine teilnimmt, billigt die Regierung allerdings die russische Invasion.

Darauf deutet die Tatsache hin, dass russische Streitkräfte mit Kampfjets und Raketen von Belarus aus Ziele in der Ukraine angreifen. Die Ukraine wirft dem Nachbarland vor, es plane den Kriegseintritt an der Seite Russlands. Derweil nehmen Experten an, dass es in Kiew nicht zu einem ausgedehnten Häuserkampf kommen wird.

In Belarus fliehen Kriegsdienstverweigerer vom Russland-Ukraine-Krieg

Inmitten der Kriegswirren scheint Belarus allerdings weiter sein Militär aufstocken zu wollen. Wie ein Beitrag des Redaktionsnetzwerks Deutschland nun enthüllt, scheint es dabei allerdings große Probleme zu geben. Immer wieder soll es vorkommen, dass Männer sich dem Kriegsdienst verweigern und in Nachbarländer fliehen. Diese Informationen stammen aus einer Kampagne der belarussischen Menschenrechtsorganisation Nash Dom. In Angst vor Krieg und Wehrdienst würden seit dem 4. März täglich 400 bis 600 Männer die Grenze nach Litauen überqueren.

Hintergrund der Flucht vor dem Kriegsdienst in Belarus soll sein, dass die Regierung wohl wegen des Kriegs in der Ukraine, in dem auch das Asow-Bataillon eingesetzt wird, Masseneinberufung von Männern im Alter von 18 bis 58 Jahren zur Armee ausgerufen hat. Das soll die Leiterin der Organisation, Olga Karatch, dem evangelischen Pressedienst gesagt haben. Auch wenn Belarus offiziell nicht am Russland-Ukraine-Krieg beteiligt ist, sollen die Männer wohl für Kämpfe im Nachbarland ausgebildet werden. Nash Dom hat aus diesem Grund die Kampagne „Nein meint nein“ ins Leben gerufen. Hierfür würde die Organisation auch Beratung für Kriegsdienstverweigerer anbieten.

Kriegsdienstverweigerer in Belarus: Litauen und Lettland nehmen nur begrenzt Belarussen auf

Wie das RND berichtet, seien Kriegsdienstverweigerer aus Belarus allerdings in den Nachbarländern nur begrenzt willkommen. Litauen und Lettland wollten nur einer begrenzten Anzahl Einreise und Asyl gewähren. Karatch ruft daher weitere Länder auf, Kriegsdienstverweigerern aus Belarus Asyl zu gewähren und die Kampagne ihrer Organisation europaweit zu verbreiten, um dafür zu sorgen, dass weniger Belarussen in die Ukraine gehen und für Russland Ukrainer töten.

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Lukaschenko lehnt Beteiligung an Russland-Ukraine-Krieg ab – dennoch mehr Einberufungen

Die offizielle, ablehnende Haltung gegenüber einer offenen Beteiligung im Russland-Ukraine-Krieg seitens Lukaschenkos, der sich jüngst noch mehr Macht* sicherte, ist nach Einschätzung einiger Experten allerdings auch nachvollziehbar: „Lukaschenko möchte unbedingt vermeiden, dass seine Armee direkt am Krieg teilnimmt, denn das wäre sehr unpopulär bei der Bevölkerung“, zitiert das SRF Vadim Moschejko vom Belarussischen Institut für Strategie-Forschung BISS.

Umfragen im Land würden zeigen, dass das Volk im Russland-Ukraine-Krieg Neutralität wahren möchte. Sollte Lukaschenko dennoch den Befehl eines belarussischen Einmarsches in die Ukraine geben, ist davon auszugehen, dass ihm die Militärführung folgen würde.

Belarus: Solidarität liegt im Russland-Ukraine-Krieg nicht unbedingt aufseiten von Putins Armee

Da allerdings viele Belarussen sich ethnisch eng verwandt mit den Ukrainern fühlen, ist nicht auszuschließen, dass sich Soldaten der Befehlsausführung nur widerstrebend fügen würden. Es kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass eine Truppenangehörige zur Ukraine überlaufen könnten. Schon jetzt würde sich nach SRF-Informationen Widerstand gegen die russische Invasion der Ukraine zeigen.

Allerdings seien Sabotageakte gegen militärische Infrastruktur nur Einzelfälle. Wie Experten derzeit schätzen, könnten sich zudem bereits vermehrt belarussische Oppositionelle in der Ukraine befinden, um gegen Russland zu kämpfen. Es bleibt also abzuwarten, wie sich Belarus in den kommenden Kriegstagen gegenüber Russland positionieren wird. * kreiszeitung.de und merkur.de und fr.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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