Vor der Frankreich-Wahl

Französische Provinz: Wo Marine Le Pen leichtes Spiel hat – und Macron ins Leere blickt

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Vor einem Jahr wüteten in der beschaulichen Provinzstadt Montargis schwere Krawalle. Das Gefühl der Unsicherheit, aber auch die soziale Misere kommen der Rechten zugute. Eine Reportage.

Montargis – Im „Bistro Balto“ gilt an diesem verregneten Nachmittag: je trüber der Blick, desto klarer die Meinungen. „Montargis ist eine tote Stadt“, deklamiert ein Mann mit einem Unterlippen-Piercing kategorisch auf die Frage, wie es der Stadt hier am Südrand des Pariser Beckens geht. „Ich bin hier aufgewachsen, ich weiß, wovon ich rede. Früher war hier in der Rue du Général Leclerc dreimal die Woche Markt. Jetzt ist das Zentrum leer. Die Leute haben keine Arbeit mehr, kein Geld.“ Der Wirt stimmt zu: Im Supermarkt U sehe er alte Leute, die ihre Frischprodukte nicht mehr im Kilo kauften – „sondern hier drei Tomaten, dort zwei Äpfel“.

Montargis, 15 000 Menschen, anderthalb Autostunden südlich von Paris gelegen, ist eine jener gesichtslosen Kleinstädte Frankreichs, die dahinsiechen. Betriebe schließen, die Ärzte ziehen weg, Läden machen Konkurs. Im Schaufenster des Immobilienmaklers „Côtés Particuliers“ sind Einfamilienhäuser für weniger als 100 000 Euro zu haben.

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Dieses schleichende Phänomen hat der bekannte Geograph Christophe Guilluy das „periphäre Frankreich“ genannt. Betroffen sind Kleinstädte wie Fameck, Tarare, Lillers, Firminy und zig andere – Ortsnamen, die es nie in die Abendnachrichten schaffen, obschon sie die Kernstruktur des Landes bilden. Das wirkliche, das echte Frankreich ist nicht der Eiffelturm – das ist Montargis.

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Einmal in jüngster Zeit hat das verlorene Städtchen am Rande des Pariser Beckens Schlagzeilen gemacht: In der Nacht auf den 1. Juli 2023 brach die Gewalt wie ein Blitzschlag über Montargis herein. Jugendliche aus dem Einwandererviertel im Norden fielen ins Zentrum ein und verwüsteten es stundenlang, systematisch. Wie in ganz Frankreich reagierten sie auf den Tod des von einem Polizisten bei einer Kontrolle erschossenen Autofahrers Nahel in Paris.

Stützbretter und Bauzaun bleiben in der Brandlücke von vor einem Jahr der Rue Dorée wohl länger stehen.

Am Tag danach war der Spuk in Montargis wieder vorbei. Einzelne Geschäfte der Einkaufsstraße Rue Dorée bleiben aber noch heute von Holzbrettern abgedeckt. An der Stelle der abgebrannten Apotheke klafft eine Baulücke; die Stützbalken, die das Nachbarhaus am Einstürzen hindern, hat die Stadtverwaltung absurderweise mit Farbbändern geschmückt, flankiert von einem Blumentrog und einem Kunstwerk.

Eine redselige Passantin mit künstlichem Haar und Schirm erzählt von sich, sie habe am Morgen danach gesehen, wie der Apotheker verloren in den rauchenden Trümmern stand und geweint habe. Inzwischen habe er Montargis verlassen, wie auch der Schokoladeverkäufer und der Schuhmacher.

Der Coiffeur im Stadtzentrum hält noch die Stellung. Die Besitzerin Mireille erzählt, wie die „jeunes“ – ein Synonym für die migrantische Jugend – das Schaufenster ihres Geschäftes mit einem Auto gerammt hätten, um dann einen Molotow-Cocktail ins Innere zu schmeißen.

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Ihr Laden ist inzwischen renoviert. Und „RN-Territorium“, wie Mireille freimütig bekennt. Mireilles junger Kunde auf dem Frisiersessel schaltet sich ein: „Wir, die Franzosen, die Weißen, schlagen nicht alles kurz und klein. Wo es Probleme gibt, sind doch immer Araber dabei.“ Er hebt einen Zeigefinger, an dem Farbe klebt: „Und das ist jetzt nicht rassistisch.“ Eine wartende weißhaarige Frau pflichtet ihm bei: „Natürlich nicht! Aber“, fügt sie an, „könnten Sie sich bitte etwas beeilen, Mireille? Ich warte schon seit zehn Minuten.“

Hoffnungsloser Leerstand hinter Spanplatten wird die Regel.

Am Abend lädt der Kandidat des RN, Thomas Ménagé zu einem Wahltermin im Dorf Courtenay ein, wie Montargis im vierten Wahlkreis des Departementes Loiret gelegen. Der 32-jährige Immobilienjurist folgte einst dem konservativen Präsidenten Nicolas Sarkozy, bevor er zu den Lepenisten überlief. Wie so viele hier in Montargis. War Ménagé schon 2022 mit diskussionslosen 63 Prozent der Stimmen gegen einen prominenten Ex-Bildungsminister von Emmanuel Macron in die Nationalversammlung gewählt worden. Am Sonntag (30. Juni) will er das Wahlresultat noch übertreffen, verspricht er vor einer Hundertschaft gestandener Landwirte:

RN gegen Klimawandel und für mehr Polizei: „weder links noch rechts“ sondern „gesunder Menschenverstand“

Thomas Ménagé, RN (Le Pen-Partei): „In den letzten zwei Jahren habe ich mich für eine zusätzliche Gendarmerie-Brigade eingesetzt. Und gegen die Windräder, diesen ökologischen Widersinn. Der RN steht weder links noch rechts, wir folgen dem gesunden Menschenverstand. Wenn wir die Parlamentsmehrheit gewinnen und die Regierung stellen, werden wir einige Sofortmaßnahmen durchwinken, zum Beispiel Mindeststrafen für gewisse Delikte. Die Mehrwertsteuer für Brenn- und Treibstoff senken wir von 20 auf 5,5 Prozent.“

Thomas Ménagé.

„Davon profitieren zuerst Landbewohner wie Sie, die mit dem Auto weite Strecken fahren. Die großen Wahlthemen wie die Rücknahme von Macrons brutaler Rentenreform oder die Einschränkung des Schengenraumes vertagen wir auf den Herbst, damit die Wende nicht zu abrupt ausfällt. Haben Sie keine Angst, der Machtwechsel wird ruhig vonstattengehen. Ich kann nicht ausschließen, dass ein paar Autos brennen werden, aber das ist kein Grund, nicht für das RN zu wählen, oder? Als ich am 2022 erstmals gewählt wurde, rief mich die Präfektur an und anerbot sich, mich durch zwei Wagenladungen CRS-Polizisten zu schützen. Ich lehnte dankend ab. Und was geschah? Nichts!“

Nicht alle freuen sich in Montargis auf den angekündigten RN-Sieg. In der Bäckerei gegenüber dem „Balto“ bedauert eine freundliche Frau, dass die Stadt heute wie zweigeteilt sei. Die „jeunes“, die hier vor allem türkischer und senegalesischer Herkunft seien, sehe man unter der Woche nie, da sie anderswo zur Schule gingen oder arbeiteten. Nur am Samstagnachmittag kämen sie in Gruppen, um in den Handy- und Kleiderläden zu shoppen. „Die übrigen Einwohner schauen sie scheel an“, sagt die Frau. „Das Problem von Montargis ist, dass man hier neben- und nicht miteinander lebt.“

Diesen Umstand bedauert auch Mélusine Harlé, die 51-jährige Kandidatin des Macron-Lagers, die als Genossenschaftsdirektorin in Paris arbeitet und am Telefon ausführt:

Stimmung in Frankreich gegen Macron: Auch in Montargis hat Macrons Partei wohl keine Chancen

Mélusine Harlé, Renaissance (Macron-Partei): „Das Mittellager von Emmanuel Macron könnte die einzelnen Bevölkerungsgruppen hier sicherlich am besten aussöhnen. Der Präsident kämpft für das Wohlbefinden aller. Konkret für die Rechte der Frauen, für die Kaufkraft der Ärmsten, für die Chancengleichheit der Banlieue-Jugendlichen bei der Arbeits- oder der Wohnungssuche. Die extreme Rechte und die extreme Linke führen dagegen Hassreden auf die Ausländer und die Reichen. Es stimmt, der Präsident ist momentan kein Wählermagnet: Wenn ich hier im Département unterwegs bin, höre ich überall: ‚Nicht Macron, nur nicht Macron.‘“

Mélusine Harlé.

„Dabei hat er die Arbeitslosigkeit gesenkt und den Leuten über die Covid-Zeit und die Inflation geholfen. Auch hier. Montargis ist arm, die Leute sind verzweifelt. Vor vier Jahren waren die ‚Gelbwesten‘ sehr stark, sie besetzten wochenlang zwei Verkehrskreisel. Auch das zeigte, wie verlassen und deklassiert sich die Leute hier fühlen. Die Züge und die Hospitäler funktionieren nicht mehr. Die Leute haben Angst, sie sind beunruhigt, verzweifelt. Das nutzen die Extremisten aus.“

Hat Harlé Wahlchancen gegen den RN-Kandidaten? Es ist zu bezweifeln: Im „Bistro Balto“ kennt man nicht mal ihren Namen. Der Mann mit dem Piercing nennt den Präsidenten abschätzig „l’autre“: „Der andere da, er muss aufpassen, sonst endet er wie Ludwig XVI.“ Also unter der Guillotine. Ein aufrechter Antimonarchist und Republikaner, der Mann? Nein, er denkt und sagt auch laut: „Die Republik ist Scheiße.“ Das klingt fast nach dem RN.

Das Gebäude neben dem „Balto“ existiert auch nicht mehr. Ausgebrannt vor einem Jahr. Ein paar Schritte weiter in der Rue du Général Leclerc folgt – ohne Brandspuren – das städtische Gericht. Amtsschreiber Bruno Nottin, ein Arbeitersohn und Kommunist, kandidiert für die „Neue Linksfront“ und erklärt:

Kommunisten gegen Le Pen: Mission Le Pen bei der Frankreich-Wahl zu verhindern

Bruno Nottin, Volksfront (Linksallianz): „Machen wir uns nichts vor, hier herrscht die Rechte. Das RN hat die etablierten Républicains in diesem ländlichen Département absorbiert und ersetzt. Es profitiert von der Unsicherheit, dem Drogenproblem, von der sozialen Misere. 34 Prozent der Bevölkerung leben hier unter der Armutsschwelle. Bei Einwohnern, die für miese Saläre malochen, wie etwa den Gelbwesten, verfängt der rechte Diskurs gegen die Einwanderer. Dabei hat Le Pen nichts zu bieten. Die Linksfront will die Energiepreise und die Grundnahrungsmittel dagegen blockieren oder staatlich verbilligen. Wir wollen massenhaft Lehrer, Ärzte, Polizisten und Quartiershelfer einstellen.“

Bruno Nottin.

„In manchen Vierteln begegnen Sie heute eher einem Dealer als einem Sozialarbeiter. Da muss man sich nicht wundern, wenn die Lage ab und zu explodiert. Momentan höre ich in den Einwanderervierteln erstmals viele Immigranten sagen, es sei wichtig, abstimmen zu gehen, um Le Pen zu verhindern. Ob die Linke die Wahlen gewinnen kann, ist schwer zu sagen. Immerhin holt sie gegenüber den Lepenisten auf. Sicher ist, dass es gegen eine RN-Regierung politischen Widerstand gäbe. Das französische Volk hat die Kraft dazu. Es würde nie zulassen, dass das RN zwischen Religionen oder Hautfarben zu unterscheiden beginnt. Das wäre nicht mehr Frankreich.“ (Stefan Brändle)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Accorsini Jeanne/Pool/ABACA

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