Verletzte aus Gaza: „Die Welt hört die Stimmen dieser Kinder nicht“
Tausende verletzte Kinder aus Gaza müssten laut NGOs im Ausland behandelt werden. Ägypten, die Emirate und Jordanien helfen – Europa tut wenig.
Gaza – Heute ist ein besonderer Tag für Elin, es ist ihr Geburtstag. Die Siebenjährige strahlt und sieht mit ihrem weißen Rüschenkleid und einer Haarschleife genauso aus wie viele Mädchen in ihrem Alter. Dabei ist sie oft müde und erschöpft, sie schläft viel und kann nicht draußen spielen. Elin hat einen großen bösartigen Tumor im Bauch und bekommt deshalb eine Chemotherapie. Der Tumor könne erst operiert werden, wenn er kleiner geworden ist, sagen die Ärzte im King Hussein Cancer Center in Jordaniens Hauptstadt Amman.
Monate des Bangens: Kinder aus Gaza warten auf versprochene Evakuierung von Trump
„Fünf Monate lang haben wir darauf gewartet, dass Elin endlich evakuiert werden kann“, sagt ihr Vater Rami Kilani, „dabei stand sie ganz oben auf der Liste. Wir hatten die Hoffnung schon aufgegeben.“ Im Dezember vergangenen Jahres bemerkte die Familie, dass Elin krank war. Sie verlor in kurzer Zeit massiv an Gewicht und war zunehmend apathisch. Die Ärzte in Khan Junis im Gazastreifen konnten zwar eine Diagnose stellen, aber außer einer wöchentlichen Bluttransfusion nichts für sie tun.
Vor dem Gaza-Krieg: Die Geschichte des Israel-Palästina-Konflikts in Bildern
„Ihr Zustand wäre jetzt deutlich besser, wenn wir nicht so lange hätten warten müssen, bis wir nach Amman kommen konnten.“ Im Juni durfte Elin mit ihren Eltern und der kleinen Schwester ausreisen. Sie wohnen nun in der Nähe des Krebszentrums im Hotel. Die Kosten für Behandlung und Unterkunft übernimmt der jordanische Staat auf Geheiß von König Abdallah II. – er hatte US-Präsident Donald Trump im Februar versprochen, tausend krebskranke Kinder aus Gaza in dem Zentrum zu behandeln, das für seine Top-Medizin bekannt ist.
Deutschland taucht in Hilfsliste nicht auf
Doch die Überstellungen verlaufen nur schleppend. Seit Oktober 2023, dem Ausbruch des Gaza-Kriegs, wurden über die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 1065 Kinder aus Gaza geholt; Jordanien hat davon 94 kranke oder verletzte Kinder plus 192 Begleitpersonen aufgenommen. Nur Ägypten und die Emirate behandeln mehr kriegsverletzte oder schwer kranke Kinder in ihren Krankenhäusern.
Tausende Kinder brauchen dringend medizinische Hilfe. Kinder mit Kriegsverletzungen und schwerwiegenden Vorerkrankungen drohen zu sterben, wenn sie nicht evakuiert und medizinisch behandelt werden.
In Ägypten sind es bisher mehr als 500 Kinder mit rund 2500 Begleitpersonen über die Weltgesundheitsorganisation WHO, insgesamt deutlich mehr. In Europa hat Italien mit 59 Kindern am meisten aufgenommen; Deutschland taucht auf der WHO-Liste nicht auf. „Tausende Kinder brauchen dringend medizinische Hilfe“, sagt Tess Ingram, Unicef-Sprecherin in Amman. „Kinder mit Kriegsverletzungen und schwerwiegenden Vorerkrankungen drohen zu sterben, wenn sie nicht evakuiert und medizinisch behandelt werden.“
Die spezialisierte Behandlung, die diese Kinder brauchen, sei in Gaza nicht möglich. Die noch funktionsfähigen Krankenhäuser seien überlastet, Medikamente nicht ausreichend verfügbar und Stromausfälle aufgrund von Treibstoffmangel machten Operationen schwierig.
Langwierige Prozedur: Evakuierung von kranken Kindern aus dem Gazastreifen ist kompliziert
Viele Überstellungen laufen über die WHO, manche über Unicef, NGOs oder staatliche Initiativen. Rund 5000 Kinder konnten so seit Ausbruch des Gaza-Kriegs den Küstenstreifen verlassen. Die Prozedur ist langwierig und kompliziert. Laut WHO muss zunächst medizinisches Personal in Gaza bestätigen, dass ein Kind nicht vor Ort behandelt werden kann, die Behörden in Gaza müssen zustimmen, dann kommt das Kind auf eine Evakuierungsliste.
Die WHO sucht dann nach Ländern zur Aufnahme und übermittelt die Liste an die israelische Behörde für die besetzten Gebiete, Cogat, die eine Sicherheitsprüfung vornimmt und grünes Licht geben muss. Die WHO betont auf Anfrage, man sei vor allem bemüht, mehr Länder zu finden, die zur Aufnahme von Kranken und Verletzten aus Gaza bereit seien.
Rund 10000 Personen würden derzeit auf einen dringenden Transfer warten. Andere Organisationen wie „Ärzte ohne Grenzen“ machen indes vor allem Cogat dafür verantwortlich, dass die Überstellungen so zögerlich vorankommen.
Israel lehne viele Anfragen ab: Evakuierungen variieren nach Lage der militärischen Situation in Gaza
„Der Prozess der medizinischen Evakuierung ist sehr komplex und variiert immer wieder je nach der militärischen Situation in Gaza“, sagte Hani Isleem, Projektkoordinator für medizinische Evakuierungen aus Gaza von „Ärzte ohne Grenzen“, gegenüber Reliefweb. „Manchmal wissen wir nicht, warum eine Anfrage abgelehnt wird, manchmal erhalten die Begleitpersonen keine Erlaubnis zur Ausreise.“ Viele Anfragen würden von Cogat abgelehnt. „Ärzte ohne Grenzen“ habe es bis Ende Juli lediglich geschafft, 22 schwer verletzte oder erkrankte Personen aus Gaza herauszuholen.
„Auch wir hatten Probleme, die israelische Genehmigung zu bekommen, aber es gab lange Zeit auch kein Land, das bereit war, Elin aufzunehmen“, sagt ihr Vater Rami. „Tausende weitere Kinder in Gaza brauchen dringend medizinische Hilfe. Die Welt hört ihre Stimmen nicht.“ Die Familie ist sehr froh, nun in Amman zu sein und etwas Hoffnung schöpfen zu können. Doch nach dem Ende der Behandlung müssen sie zurück nach Gaza. „Dort gibt es nichts, keine Nahrung, kein sauberes Wasser, nichts.“ Wann das sein wird, wissen sie nicht.
142 Patientinnen und Patienten aus Gaza, die meisten von ihnen Kinder, wurden seit Kriegsbeginn im King Hussein Cancer Center behandelt. Es sind die Nachbarländer, die die größte Last der Versorgung tragen, während sich Europa mit der Aufnahme von Verletzen und Kranken zurückhält. (Claudia Mende)