- VonDaniel Roßbachschließen
Warum sich die Shoah-Überlebende Irene H. Butter verpflichtet fühlt, ihre Erfahrungen aus dem Holocaust zu teilen.
This story has also been published in English.
Es sei „heute noch relevanter, davon zu erzählen, als es vor – sagen wir – zehn Jahren war. Denn wir sehen, dass der Faschismus wieder im Aufschwung ist. Deshalb fühle ich mich verpflichtet, meine Geschichte zu teilen“
Das sagt Irene H. Butter, die 1930 als Irene Hasenberg in Berlin in einer jüdischen Familie geboren wurde. 1937, nachdem die Nazis ihren Großvater und ihren Vater gezwungen hatten, ihre Bank, aufzugeben, floh die Familie vorm Nationalsozialismus nach Amsterdam – ohne die Großeltern, die später ins KZ Theresienstadt deportiert und getötet wurden. Irenes Familie selbst wurde 1943 verhaftet und ein Jahr später nach Bergen-Belsen verschleppt.
Irene H. Butter: Flucht vor den Nazis nach Ecuador
Dank der von einem Helfer in Schweden ausgestellter Reisepapiere für Ecuador kamen Irene, ihr Vater John, ihre Mutter Gertrude und ihr älterer Bruder Werner schließlich frei, doch John Hasenberg starb in Folge der Misshandlungen der Nazis noch auf dem Weg in die Schweiz. Dort wurde die Familie zwischenzeitlich getrennt, kam aber in den Vereinigten Staaten wieder zusammen wo Irene weiter aufwuchs, an der Duke University promovierte und in Ann Arbor Professorin für Gesundheitsmanagement wurde.
Zum Thema
Ein Forum, in dem Irene Butter vor kurzem ihre Lebensgeschichte erzählt hat, ist der vom NDR produzierte Podcast „Zeitkapsel: Irene, wie hast du den Holocaust überlebt?“. Dazu haben vier 16 Jahre alte Mädchen aus Hamburg Butter eben diese Frage gestellt – und viele weitere: „Es war etwas sehr besonderes, wie sehr die Mädchen auf mich eingegangen sind und viele und tiefgreifende Fragen gestellt haben“, sagt Butter. Insgesamt 22 Stunden lang haben Butter und die Teenagerinnen über Videoverbindung miteinander gesprochen und sich schließlich auch persönlich in Deutschland getroffen: „Das war eine sehr bedeutsame Erfahrung für mich“, sagt Butter.
In einem der im Podcast festgehaltenen Gespräche bescheinigt Butter den vier Mädchen, dass sie durch das Anhören ihrer Geschichte dem sich damit Auseinandersetzen selbst zu Zeuginnen des Horrors des Holocaust werden. Glaubt sie, dass die Erinnerung an die Shoah so über den Lebenshorizont derer, die sie durch- und überlebt haben, hinaus lebendig gehalten wird? „Nunja, es ist eine Hoffnung.“
Vernichtung im Nationalsozialismus
Im Holocaust, der systematischen Vernichtung von Gruppen von Menschen, denen die Rassenideologie der Nazis das Recht zu leben absprach, wurden von deren Machtergreifung 1933 bis zum Kriegsende 1945 mehr als sechs Millionen jüdische Menschen ermordet.
Auschwitz-Birkenau war das größte Vernichtungslager der Nazis, allein dort wurde etwa eine Million Jüdinnen und Juden umgebracht. Trotzdem gab es auch dort Versuche des Widerstands.
Am 27. Januar 1945 befreite die sowjetische Armee das Lager und 7650 verbliebene Gefangene, dieser Tag ist deshalb der des Gedenkens an die Verbrechen Deutschlands unter den Nationalsozialisten. Gezielt getötet wurden Opfer aber auch außerhalb der Gaskammern, durch Zwangsarbeit und brutale Misshandlung, Transporte in Viehwagons unter unvorstellbaren Bedingungen oder Erschießungen in Deutschland, den besetzten Gebieten in Europa oder im Kontext des Krieges.
Opfer der Vernichtungsmaschinerie wurden neben Jüdinnen und Juden, die völlig ausgelöscht werden sollten, auch Sinti:zze und Rom:nja, politisch Verfolgte, Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter:innen, als homosexuell, „asozial“ oder „kriminell“ Verfolgte, Opfer der Krankenmorde, der NS-Justiz, Zeugen Jehovas, oder Menschen, die bei Geiselerschießungen getötet wurden.
Raul Hilberg, Autor einer der ausführlichen Dokumentationen des Horrors des Holocausts, des Buches „Die Vernichtung der europäischen Juden“, schreibt im Vorwort zu diesem Werk: „Diese Vergangenheit nicht zu kennen heißt, sich selbst nicht begreifen.“ rba
Diese Hoffnung bedeute für sie eben auch, dass gerade junge Menschen durch ihre Erlebnisse verstehen, was es bedeutet, in einer menschenfeindlichen Diktatur zu leben. Dass sie dazu in der Lage sind, und sich mit ihrer Geschichte identifizieren können, habe sie in den vier Jahrzehnten, in denen sie öffentlich über die Shoah gesprochen hat, immer wieder erlebt, versichert die 93-Jährige der Frankfurter Rundschau im Gespräch, für das sie in ihrem noch immer vollen Terminkalender Platz macht.
„Ich wollte zur Aktivistin werden und etwas verändern“
Menschen, die ihre Geschichte gehört haben, fühlten sich verpflichtet, Butters Maximen zu folgen, sagt sie: „Schaue nie tatenlos zu, und weigere dich, Feinde zu haben.“ Für Deutsche heute bedeute das etwa, sich gegen den Faschismus zu stellen, wie das mit den Anti-AfD-Demonstrationen jüngst mehr Menschen begonnen haben zu tun.
Und doch sieht Butter in der eigenen Heimat, den USA, stärker werdende autoritäre Tendenzen, und beobachtet auch aufmerksam, wie Rechtsextreme in Deutschland Zustrom bekommen. Ja, das fühle sich angesichts ihrer Verfolgung durch die Nazis wie ein Betrug für sie an, sagt Butter: „Es zeigt, dass die Leute nicht aus der Geschichte lernen, auch wenn wir vielleicht über Geschichte lernen.“ Was, glaubt sie also, kann es bewirken, ihre Erlebnisse zu teilen?
Butter erklärt es mit einem Akt der Selbstbehauptung: „Ich habe den Schritt gemacht, statt eines Opfers – das ich natürlich war – zu einer Überlebenden zu werden. Das bedeutet, in einer machtvolleren Position zu sein: Ich wollte zur Aktivistin werden und etwas verändern.“ Für Irene Butter heißt das, zu tun was auch immer man in der Lage ist – in der eigenen Arbeit, im persönlichen Umfeld, oder im Kontakt mit politischen Repräsentant:innen.
Das gilt für Butter auch angesichts des Krieges in Gaza. Sie hat familiäre Verbindungen nach Israel wie Palästina, und in Ann Arbor gründete sie vor mehr als 20 Jahren die Gruppe Zeitouna, in der palästinensische und jüdische Frauen sich unter anderem über den Konflikt in Nahost austauschen.
„Nach dem Holocaust“, sagt Butter, „wurde der Slogan ‚Nie wieder‘ ständig wiederholt. Aber das war ein falsches Versprechen. Obwohl dem so viele Institutionen gewidmet sind, gibt es jetzt den Krieg zwischen Israel und Gaza, der absolut fürchterlich für mich ist. Ich schäme mich dafür, dass so viele Menschen grundlos getötet werden. Das muss nicht passieren, und es sollte nicht passieren.“ Die Mahnung der Shoa müsse die Konfliktparteien verpflichten, von der Gewalt abzurücken. „Wenn wir nicht endlich eine Lösung finden, die allen gleiche Freiheiten und Chancen gewährt, fürchte ich, dass Krieg und unnötiges Töten weiter gehen.“
