Ideen zur Rente

„Ökonomischer Nonsens“: Boris Palmer wettert gegen das Wahlprogramm der AfD

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Boris Palmer hält nichts von einer „Dämonisierung“ der AfD, sieht die Partei aber auch nicht als Alternative für das Land. Das macht er mitunter am Wahlprogramm fest.

Tübingen - Auf dem Parteitag in Riesa (Sachsen) hat die AfD nicht nur Co-Chefin Alice Weidel endgültig zur Kanzlerkandidatin gewählt, sondern präsentierte dazu ein durchaus brisantes Wahlprogramm. Weidel übernahm dabei den kontroversen Begriff „Remigration“ und vertrat heikle Russland-Positionen, aber auch die Vorstellungen der zumindest in Teilen rechtsextremen Partei zum Thema Rente zieht weite Kreise. Zum einen will die AfD die Arbeitszeit bis zum Ruhestand noch weiter verlängern, zum anderen werden Parallelen zum Nachbarland Österreich gezogen, das aktuell mit seinen eigenen Dämonen zu kämpfen hat.

Boris Palmer: Der polarisierende Oberbürgermeister der Stadt Tübingen

Blick auf Geradstetten, ein Ortsteil der Gemeinde Remshalden im Rems-Murr-Kreis, Baden-Württemberg.
Boris Palmer wurde 1972 in Waiblingen geboren und wuchs in Geradstetten im Remstal auf. © IMAGO/Panthermedia
Helmut Palmer demonstriert am 21.08.2000 lautstark in Asperg bei Ludwigsburg in Häftlingskleidung und mit einem Judenstern versehen gegen die gegen ihn verhängte dreimonatige Freiheitsstrafe wegen angeblicher Beamtenbeleidigung.
Der Vater von Boris Palmer, Helmut Palmer (1930-2004), war als „Remstall-Rebell“ bekannt. (Archivfoto) © Norbert Försterling/dpa
Boris Palmer im Jahr 2004 auf dem Balkon seiner Wohnung in Tübingen.
Nach dem Abitur (mit Note 1,0) studierte Boris Palmer in Tübingen Mathematik und Geschichte auf Lehramt. © IMAGO/Horst Rudel
Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen, spricht, bei der Bundesdelegiertenkonferenz von Bündnis 90/Die Grünen in der Neuen Messe Freiburg.
1996 wurde er Mitglied der Partei Bündnis 90/Die Grünen und 2001 erstmals in den Landtag gewählt. © Uli Deck/dpa
Joschka Fischer (GER Bündnis 90 Die Grünen Bundesaußenminister) und Boris Palmer (GER Bündnis 90 Die Grünen MdL Spitzenkandidat für das Amt des Oberbürgermeisters von Stuttgart) anlässlich einer Wahlkampfveranstaltung in Stuttgart.
Im Jahr 2004 trat Boris Palmer als Kandidat der Grünen bei der Oberbürgermeisterwahl in Stuttgart an. © IMAGO/Horst Rudel
Boris Palmer, Spitzenkandidat der Grünen für das Amt des Oberbürgermeisters von Stuttgart, legt den Rollrasen anlässlich einer Wahlkampfveranstaltung am Marktplatz in Stuttgart aus.
Im ersten Wahlgang landete Palmer hinter Wolfgang Schuster (CDU) und Ute Kumpf (SPD) auf dem dritten Platz.  © IMAGO/Horst Rudel
Boris Palmer telefoniert kurz vor einer Wahlkampfveranstaltung am Marktplatz in Stuttgart.
Da der Abstand zur Zweitplatzierten Ute Kempf zu groß war, zog Boris Palmer seine Kandidatur für einen zweiten Wahlgang zurück. © IMAGO/Horst Rudel
Brigitte Russ-Scherer (SPD) und Boris Palmer (Grüne) stellen sich in der Hermann-Hepper-Turnhalle Tübingen als Bewerberin und Bewerber für die Oberbürgermeisterwahl der Öffentlichkeit vor.
Im Jahr 2006 trat Boris Palmer (links) gegen Amtsinhaberin Brigitte Russ-Scherer (rechts) bei der OB-Wahl in Tübingen an.  © Norbert Försterling/dpa
Boris Palmer, der Gewinner der Wahl zum Tübinger Oberbürgermeister, gibt am Sonntag (22.10.2006) im Rathaus von Tübingen der Verliererin, der Amtsinhaberin Brigitte Russ-Scherer (SPD) die Hand.
Er konnte sich bereits im ersten Wahlgang durchsetzen und wurde zum Oberbürgermeister von Tübingen gewählt. © Bernd Weißbrod/dpa
Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer zeigt am Mittwoch (07.02.2007) auf dem Marktplatz in Tübingen auf seinen neuen Dienstwagen, einen Toyota Prius.
Für Kritik sorgte der frisch gewählte Tübinger OB, weil er sich im Heimatland von Mercedes und Porsche für einen ausländischen Hybridwagen entschied. © Marijan Murat/dpa
Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (Bündnis 90/Die Grünen, l) steht am 24.10.2012 mit seinem Elektrorad in Tübingen (Baden-Württemberg) neben seinem Kontrahenten im Auto, Florian Nuxoll.
2012 gewann Boris Palmer mit seinem Elektrofahrrad ein Wettrennen gegen ein Auto. © Jan-Philipp Strobel/dpa
Bürger gratulieren Boris Palmer (M, Grüne) am 19.10.2014 in Tübingen (Baden-Württemberg) zum erneuten Gewinn der Oberbürgermeisterwahl.
Bei der Wahl 2014 wurde Boris Palmer mit einer deutlichen Mehrheit im ersten Wahlgang wiedergewählt. © Thomas Niedermüller/dpa
Der grüne Oberbürgermeister von Tübingen, Boris Palmer, spricht am Samstag (20.11.2010) in Freiburg bei der Bundesdelegiertenkonferenz von Bündnis90/Die Grünen.
Im Jahr 2021 beantragte der Landesvorstand der Grünen in Baden-Württemberg ein Parteiausschlussverfahren gegen Boris Palmer. © Rolf Haid/dpa
Boris Palmer, Oberbürgermeister der Stadt Tübingen, gibt in seinem Arbeitszimmer ein Interview.
Nach einem Kompromiss ließ Palmer seine Mitgliedschaft bei den Grünen bis Ende 2023 ruhen. © Sebastian Gollnow/dpa
Boris Palmer, der alte und neue Oberbürgermeister von Tübingen, kommt nach seiner Wiederwahl auf den Marktplatz und empfängt Glückwünsche.
Auch 2022 konnte sich Boris Palmer bei der OB-Wahl erneut durchsetzen, allerdings als parteiloser Kandidat. © Bernd Weißbrod/dpa
Boris Palmer bei einer Sportlerehrung in Tübingen.
Im Jahr 2023 trat Boris Palmer nach einem Eklat bei einer Konferenz aus der Partei Bündnis 90/Die Grünen aus. © IMAGO/ULMER
Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen, sitzt am 04.08.2016 auf einem Sofa im Rathaus von Tübingen
Die deutlichen Wahlgewinne zeigen, dass Boris Palmer in Tübingen durchaus beliebt und für seine Stadt sehr erfolgreich ist. © Christoph Schmidt/dpa
Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen, trägt eine FFP2-Maske bei einem Pressetermin der Stadt Tübingen zur Übergabe von Corona-Schnelltests.
Bundesweite Aufmerksamkeit erlangte das „Tübinger Modell“ während der Corona-Pandemie. © Marijan Murat/dpa
Lisa Federle, Notärztin, und Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen, nehmen an einem Pressetermin der Stadt Tübingen zur Übergabe von Corona-Schnelltests teil.
Dieses Modell hatte Boris Palmer zusammen mit der Tübinger Notärztin Lisa Federle (links) entwickelt. © Marijan Murat/dpa
Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer nimmt an der Gemeinderatssitzung im Rathaus teil.
Allerdings steht Palmer immer wieder in der Kritik und gilt deshalb als polarisierender Politiker. © Tom Weller/dpa
Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer nimmt an der Gemeinderatssitzung im Rathaus teil.
Unter anderem wurden ihm mehrfach rassistische Äußerungen vorgeworfen, auch von seiner früheren Partei.  © Tom Weller/dpa
Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen, spricht im Landratsamt bei einer Pressekonerenz.
Durch seine konfrontative Art gilt Boris Palmer als einer der streitbarsten Bürgermeister Deutschlands.  © Bernd Weißbrod/dpa
Boris Palmer im Oktober 2024 bei der Eröffnung der bundesweit ersten beheizbaren Fahrradbrücke in Tübingen.
Die Kontroversen um ihn, aber auch seine politischen Leistungen machen Palmer zu einem der bekanntesten Oberbürgermeister Deutschlands. © IMAGO/Markus Ulmer
Talkrunde Markus Lanz im ZDF mit Boris Palmer (Bildmitte).
Er ist regelmäßig Gast in großen Talkformaten, wie hier bei Markus Lanz. © IMAGO/teutopress GmbH
Boris Palmer im Oktober 2024 bei Markus Lanz im ZDF.
Dort äußert sich Boris Palmer auch regelmäßig zur Politik auf Bundesebene. © IMAGO/teutopress GmbH

Das Thema Rente nimmt Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (parteilos) zum Anlass, um das Wahlprogramm der AfD zu analysieren. „Von der Dämonisierung der AfD und der Brandmauer halte ich nichts“, stellt er in seinem Post auf Facebook zunächst klar und erklärt, dass das die Partei nur stärker machen würde. „Aber sie ist keine Alternative für Deutschland (kAfD).“ Eben das würde das frisch verabschiedete Bundestagswahlprogramm aufzeigen. Zuletzt wurde Boris Palmer nach Aussagen über Merz und Habeck angefeindet.

Boris Palmer bezeichnet AfD-Ideen zur Rente in Deutschland als „ökonomischen Nonsens“

Im Wahlprogramm behauptet die AfD in Bezug auf die Rente, eine Versicherung anzustreben, mit der sich Erwerbstätige wieder einen „finanziell gesicherten Lebensabend erarbeiten“ können. Deshalb sollen die Renten signifikant erhöht werden. „Unser ferneres Ziel ist es, in mehreren Schritten das durchschnittliche Rentenniveau der westeuropäischen Länder zu erreichen, das derzeit bei gut 70 Prozent des letzten Nettoeinkommens und damit deutlich höher liegt, als das deutsche“, heißt es in dem Programm im Wortlaut. Das würde im Umkehrschluss aber noch höhere steuerliche Abgaben für die Beschäftigten bedeuten.

„Die kAfD (sic) will allen Ernstes die Renten um ein Drittel anheben (von 48 % auf 70 % des letzten Verdienstes)“, schreibt Boris Palmer auf Facebook. „Eine solche Aufblähung des Sozialstaats fordert nicht mal die Linke.“ Schon heute sei der Zuschuss zur Rentenversicherung der größte Posten im Bundeshaushalt, der sich für die Forderungen der AfD fast verdoppeln müsste. „Wenn man erreichen will, dass die gut ausgebildeten und leistungswilligen Deutschen das Land verlassen und in Länder ziehen, wo man von seinem Einkommen auch was behalten darf, dann beschließt man einen solchen ökonomischen Nonsens.“

Vergleich mit Österreich hat laut Palmer „fast schon ironische Qualitäten“

In dem Wahlprogramm nennt die AfD für das angeblich bessere Rentenniveau ein konkretes Beispiel und verweist dabei nicht auf das Nachbarland Niederlande – die Studien zufolge sogar das beste Rentenniveau der Welt haben –, sondern auf Österreich. „In Österreich etwa, bezieht ein Arbeitnehmer mit Durchschnittslohn nach 45 Jahren eine Rente von 2.600 Euro, ein vergleichbarer Rentner in Deutschland magere 1.500 Euro“, heißt es im Wahlprogramm. Boris Palmer kritisiert in seinem Post, dass sich die Partei gerade jetzt mit dem Nachbarland vergleicht, das derzeit selbst zu kämpfen hat.

Boris Palmer (parteilos) hält nichts von einer Dämonisierung der AfD, bezeichnet die Partei aber als „Keine Alternative für Deutschland“.

„Ausgerechnet Österreich als Vorbild zu nehmen, das gerade wegen einer dramatischen Haushaltskrise keine Regierung mehr zustande bekommt und erheblich mehr Beiträge zur Rentenversicherung kassiert, hat schon fast ironische Qualitäten“, schreibt der Tübinger Oberbürgermeister. In der Alpenrepublik wurde allerdings auch der offen rechtsextreme FPÖ-Politiker Herbert Kickl vom Bundespräsidenten mit der Bildung einer Regierung beauftragt, woran sich die AfD wohl gerne orientieren möchte. Boris Palmer sieht in dem Programm aber eben keine Alternative für Deutschland. „Und dafür muss man nicht über Nazis und Rechtsextreme spekulieren, es steht einfach schwarz auf weiß im Programm.“

Rubriklistenbild: © Jan-Philipp Strobel/dpa

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