VonPeter Siebenschließen
Die Raumfahrt wird zum immer größeren Wirtschaftsfaktor. Das sorgt für Wettbewerb zwischen zwei Bundesländern – auch beim Thema Verteidigung.
Köln – Wenn es um Raumfahrt geht, neigen Politiker bisweilen zu Pathos. „Der Weg ins All führt über Nordrhein-Westfalen“, sagte NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) bei der Eröffnung der „SpaceTech“-Konferenz im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrtzentrum (DLR) in Köln.
Er meint das ernst. Und tatsächlich wird jeder Astronaut der europäischen Weltraumorganisation Esa im Ausbildungszentrum in Köln ausgebildet, im Bundesland sitzen 400 Unternehmen aus der Branche. Raumfahrt ist ein Wirtschaftsfaktor, mit einem Wachstumspotenzial von zehn Prozent jährlich – so viel wie kaum ein anderer Industriezweig.
Raumfahrt für Verteidigung: USA nach 100 Tagen Trump „nicht mehr ganz so zuverlässig“
Vor allem aber: Beim Thema Sicherheit gilt Raumfahrt als Kern- und Zukunftstechnologie. „Das ist kein Nice-To-Have oder Science-Fiction“, betonte NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Grüne). Einerseits geht es dabei um Klima-Forschung und Katastrophenschutz mithilfe von neuen Satelliten.
Es geht aber auch um Verteidigung. So entsteht in Köln der sogenannte Govsat-Com-Hub, über den die Satelliten-Kommunikation von ganz Europa gesteuert werden soll. „Projekte wie dieses sorgen dafür, dass die Ukraine nicht erpressbar ist“, so Wüst. Aktuell nutzt die Ukraine vor allem US-System wie Elon Musks Starlink. Europa brauche deshalb ein eigenes Satellitensystem. „Doch die Partner, die derzeit die Technologie haben, sind seit 101 Tagen vielleicht nicht mehr ganz so zuverlässig“, so der Ministerpräsident in Anspielung auf die ersten 100 Tage Amtszeit von US-Präsident Donald Trump.
Sticheleien gegen Söder: „Es geht nicht um Selfies“
NRW soll das „Herz der europäischen Raumfahrt“ werden, so will man es in der Landesregierung. Allerdings: Auch Bayern hat Raumfahrt-Ansprüche, positioniert sich mit Projekten wie „Bavaria One“, bei dem es um die Entwicklung unbemannter, suborbitaler Flüge geht – ein Lieblingsprojekt von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder.
„In NRW geht es aber um die Sache, und nicht um Selfies“, stichelte Mona Neubaur gegen Söder, der zuletzt mit Handyfotos von der Papstbeerdigung auf sich aufmerksam machte, die man geschmacklos nennen darf. Allerdings heißt die designierte Bundesraumfahrtministerin im Kabinett Merz Dorothea Bär – und die kommt aus Bayern. Besteht nicht die Gefahr, dass sie den Fokus eher auf ihr Heimatbundesland legt?
„Beide Bundesländer haben ihre Stärken. Aber in Köln werden alle Esa-Astronauten ausgebildet und in NRW wird für die nächste Mondmission trainiert“, so Ministerpräsident Wüst am Rande der Veranstaltung im Gespräch mit dieser Redaktion. NRW sei ein „hidden Champion“, dessen Technologie-Potenziale er bekannter machen wolle. Wohl auch deshalb hat NRW jetzt mit dem Astronauten Reinhold Ewald einen eigenen Raumfahrt-Botschafter. Esa-Präsident Josef Aschbacher machte seinerseits klar: „Wir sind bereit, unseren Standort in Köln auszubauen, und dabei zu helfen, dass NRW wirklich zum Herzen Europas der Raumfahrt wird.“
Astronaut Alexander Gerst: Europa muss bei Raumfahrt unabhängiger werden
Alexander Gerst hat als jemand, der als einer von wenigen Menschen die Erde bei Raumflügen von außen sehen durfte, vielleicht mehr als andere den Blick aufs große Ganze: „Wir haben mit NRW und Bayern gleich mehrere Zugpferde in Deutschland beim Thema Raumfahrt, das ist doch ein großes Glück“, so Gerst im Gespräch mit dieser Redaktion.
Deutschland und Europa müssten aber dringend unabhängiger von anderen Playern wie etwa den USA machen, so Gerst. „Die Raumfahrt bestimmt große Teile unseres modernen Lebens maßgeblich, etwa wenn es um Kommunikation geht, aber auch bei der Verteidigung.“
Derweil werden weltweit 50 Prozent der Raumfahrtausgaben in den Bereich Verteidigung investiert – in Europa sind es allerdings nur 15 Prozent. Esa-Chef Aschbacher konstatierte: „Darüber sollten wir Europäer nachdenken.“
Rubriklistenbild: © Peter Sieben, Michael Kappeler/dpa (Montage)

