Die Wirklichkeit: Volltreffer auf eine Statue von Wladimir Iljitsch Lenin in der Stadt Sudscha im Bezirk Kursk. Die Ukraine hat erklärt, diese Stadt erobert zu haben. Die Nachfolger des Begründers der Sowjetunion versuchen jetzt mit Fake-News ihre Sicht darzustellen.
In Kursk prallen die Realitäten aufeinander: Der Kreml spricht von einer „Falle“ für die Eindringlinge. Die Ukraine marschiert – wohin bleibt offen.
Sudscha – „Die Einnahme einiger Dutzend russischer Grenzdörfer unter Verlust vieler Menschenleben und Ausrüstungsgegenstände wird nicht helfen“, sagt Emil Kastehelmi. Gegenüber Newsweek äußerte sich der Analyst des in Finnland ansässigen Thinktank Black Bird Group skeptisch, was der Ukraine ihre Offensive nützen sollte. „Im Allgemeinen wird der Krieg in Kursk nicht gelöst, die strategisch wichtigsten Regionen sind nach wie vor die Ost- und Südukraine“, zitiert ihn das Magazin. Spekulationen gehen auch in die Richtung, dass Wladimir Putin die Verteidiger möglicherweise in eine Falle gelockt haben könnte und der Countdown für eine Gegenoffensive tickt.
Auch RusslandsOffensive in Charkiw war anfänglich so verstanden worden, als wolle die russische Invasionsarmee zwar ihr Territorium vergrößern, aber gleichzeitig die Verteidigungskräfte der Ukraine überdehnen – offenbar war dieses Unterfangen gescheitert. „Ich habe in der Taktik-Ausbildung gelernt, Gebiete, die ich gewinne, die muss ich auch halten können“, sagt Janet Watson. Sie ist Hauptmann der Bundeswehr und fragte kürzlich im Podcast Nachgefragt, inwieweit einer der beiden Kontrahenten überhaupt in der Lage sei, Territorium nicht nur einzunehmen, sondern vor allem zu sichern.
Überraschung, Bewegung, Geschwindigkeit: Ukraine unbeirrt in der Offensive
„In zahlreichen anderen Fällen haben russische Regierungsstrukturen reale Bedrohungen ignoriert und andere übertrieben oder erfunden, um sie der Agenda der politischen Führer anzupassen.“
Allerdings widersprechen ihm die Analysten des Institute for the Study of War (ISW) und ziehen ein verheerendes Fazit: Beide Seiten haben sich verrannt und festgefahren. Selbst wenn Wladimir Putin seinen Verteidigern die offene Flanke geboten hat, um sie von seinen eigentlichen Zielen abzulenken, hätte er selbst wahrscheinlich sogar wenig davon: Das Ausmaß des Krieges in der Ukraine verhindere, dass eine der beiden Seiten den Krieg in einer einzigen entscheidenden Kampagne lösen könne, bilanziert das ISW. Dem Institut zufolge sind weder die russischen Offensiven in der Ostukraine noch die ukrainische Gegenoffensive im Verwaltungsbezirk Kursk Militäroperationen, die den Krieg entscheiden werden.
Newsweek bezieht sich in seinen Überlegungen auf das propagandistische Gegenfeuer aus Russland als Reaktion auf den ukrainischen Husarenritt. Beispielsweise soll der kremlfreundliche Fernsehsender Zargrad TV behauptet haben, „die ukrainischen Brigaden seien ,in eine Falle getappt‘ und hätten schwere Verluste erlitten“, wie das Magazin berichtet. Die russische Nachrichtenagentur Tass lässt den Tschetschenen-Söldner Apty Alaudinow scharfzüngig formulieren: „Unsere Situation ist völlig unter Kontrolle. Der Feind versucht rund um die Uhr, in unser Territorium einzudringen. Alle diese Versuche enden mit der Eliminierung des Feindes und dem Verbrennen der Ausrüstung. Deshalb zerstören wir die Reserven des Feindes.“
Ukraine nimmt Sudscha: Putins Russland zu träge, um entsprechend zu reagieren
Newsweek allerdings stellt die Aussagen aus offiziellen Quellen den gegenteiligen Aussagen russischer Militärblogger entgegen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat überdies aktuell die Einnahme der russischen Stadt Sudscha erklärt. Wie der Deutschlandfunk berichtet, wolle die Ukraine in der Stadt eine Kommandozentrale einrichten – sie habe überdies inzwischen 80 russische Siedlungen unter Kontrolle, wie Selenskyj geäußert haben soll. Dass Putin eine Schurkerei habe aushecken können, indem er der Ukraine freien Eintritt in sein Reich gewährt hat, hält kein Beobachter für halbwegs plausibel; beispielsweise legt das Maxim Trudolyubov nahe.
Trudolyubov zufolge seien die politischen wie organisatorischen Strukturen Russlands dafür viel zu träge, wie der Autor für den Thinktank Wilson Center schreibt. Auch angesichts der jetzt von der Ukraine proklamierten Territorialgewinne. „Die russischen Kommandostrukturen reagierten auf den Angriff bemerkenswert langsam. Erst am vierten Tag des Einmarsches zeigte Moskau Anzeichen, den Ernst der Lage zu begreifen: Es wurden Notstandsmaßnahmen verhängt, einige Truppen nach Kursk umgeleitet, Evakuierungsmaßnahmen eingeleitet und der Zivilbevölkerung minimale Hilfeleistungen versprochen.“
Russland krankt am System Putin: Realitätsferne der Regierung untergräbt ihre Stabilität.
Trudolyubov behauptet, dass das russische Kommandosystem für eine so weitgreifende Finte viel zu starr sei – dafür müsste ihr der Blick für die Realität eigen sein. Dass die Ukraine überraschend und unbehelligt das russische Grenzland überrennen konnte, habe die gleichen Ursachen wie die militärisch dilettantisch durchgeführte Invasion im Februar 2022: in Entscheidungen, „die von der Realität abgekoppelt waren“, wie Trudolyubov ausführt. Die operativen, logistischen und technologischen Vorbereitungen seien unzureichend gewesen, genauso wie die Annahmen über die ukrainische Führung, deren Militär, deren Gesellschaft – und: der Hilfsbereitschaft der westlichen Länder.
„In zahlreichen anderen Fällen haben russische Regierungsstrukturen reale Bedrohungen ignoriert und andere übertrieben oder erfunden, um sie der Agenda der politischen Führer anzupassen“, schreibt Trudolyubov. Diese Kultur fördere Loyalität und oberflächliche Erscheinungen gegenüber einer ehrlichen Berichterstattung über die Realität vor Ort – ihm zufolge gelte das gleichermaßen für die Regierung wie für das gesamte Militär. Russland ist nicht das einzige Land, in dem es eine organisatorische Tugend ist, die Wahrheit zu verschweigen oder die Machthaber zu belügen. Die anhaltende Realitätsferne der russischen Regierung untergräbt weiterhin ihre eigene Stabilität.
Der Vorstoß in Kursk sei die größte grenzüberschreitende Offensive der Ukraine seit Beginn des russischen Angriffskriegs und die erste einer ausländischen Armee auf russischem Boden seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, schreibt die Tagesschau. Sich an der Grenze zum eigenen Reich überrumpeln lassen zu müssen, war ein Volltreffer in das russische Selbstverständnis – beziehungsweise ein Frontalangriff auf das russische Regime; das besteht allein oder zumindest vorrangig in der Person des Diktators Wladimir Putin, wie Fabian Burkhardt behauptet. „Solange Putin an der Macht ist, wird sich das Regime nach innen und außen weiter radikalisieren“, schreibt der Osteuropa-Kenner des Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung für die Bundeszentrale für politische Bildung.
Ukraine-Krieg vollends im Patt: Verhandlungslösung scheint näher gerückt
Peter Dickinson sieht den russischen Diktator Wladimir Putin inzwischen völlig desavouiert – vor allem weil der Analyst des Thinktank Atlantic Council Belege kennen will, nach denen die Ukraine diese Operation wohl über Monate vorbereitet habe; unbemerkt auch von den russischen Geheimdiensten. Dickinson wiederum sieht durch die Einnahme russischen Territoriums die drohende Pattsituation ausgeräumt und hält einen länger dauernden Zermürbungskrieg durch die ukrainische Maßnahme für unwahrscheinlich.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
Laut dem Institute for the Study of War gehe Putin wahrscheinlich davon aus, dass Russland, solange es die Initiative behielte und die Ukraine von operativ bedeutenden Gegenoffensiven abbrächte, wie sie der Ukraine auf lange Sicht entscheidende Verluste zufügen könne – und zwar länger als die westliche Sicherheitshilfe für die Ukraine anhielte oder die ukrainische Bevölkerung beziehungsweise Wirtschaft den Krieg verkrafte.
Dickinson dagegen erscheint vielmehr eine Verhandlungslösung näher gerückt – er sieht Putin vor aller Welt bloßgestellt. Wenn Putin jetzt nicht zu einer entscheidenden Gegenoffensive antrete, könne er künftig keine „roten Linien“ mehr markieren, behauptet Dickinson. Dies gelte nicht nur gegenüber der Ukraine, sondern auch gegenüber der Nato. „Der Vormarsch der ukrainischen Armee nach Russland hat tiefgreifende Auswirkungen auf die Wahrnehmung des Krieges.“ (KaHin)