Drohnen-Innovation

„Tödliche Präzision“: US-Firma will Drohnen mit Maschinengewehren auf Putin hetzen

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Ein ukrainischer Soldat bedient eine Quadrocopter-Drohne – demnächst kann er damit auch ein schweres Maschinengewehr in den Einsatz tragen. Die Amerikaner bieten gerade ein solches Modell an.
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Als „bahnbrechend“ bewirbt eine US-Firma ihre neue Maschinengewehr-Drohne. Deren „tödliche Präzision“ soll auch im Ukraine-Krieg zum Einsatz kommen.

Washington D.C./Kiew – Eine „bahnbrechende Kombination aus Luftüberlegenheit und tödlicher Präzision“ verspricht Feloni Aero. Das in den USA ansässige Unternehmen will jetzt aufwarten mit einer Drohne, die Maschinengewehre trägt – beziehungsweise Panzerabwehrraketen. Newsweek berichtet von dieser Waffe, die nach Unternehmensangaben im Ukraine-Krieg „bahnbrechend“ zum Vorteil für die Ukraine einschlagen werde. Das US-Unternehmen erhofft sich zügig einen Auftrag – eventuell bereits mit den jüngst bewilligten 61 Milliarden Dollar der USA.

„Felon 1.0“ und „FelonX“ heißen die beiden angepriesenen Quadrocopter – „Schwerverbrecher“, wie der Produktname auf Deutsch heißt. Der Rüstungsbetrieb lässt in seinem Marketing keinen Zweifel daran, dass ihre Produkte Wladimir Putins Ambitionen einen Strich durch die Rechnung machen werden: „Die bewaffneten UAVs von Feloni Aero bieten eine transformative Lösung und bieten beispiellose Präzision, Agilität und Effizienz in Kampfszenarien. Ausgestattet mit hochmoderner Bewaffnung, dem 5.56-Waffensystem sowie Raketennutzlast und fortschrittlichen Überwachungsfähigkeiten können diese Drohnen den ukrainischen Streitkräften dabei helfen, komplexe Sicherheitsherausforderungen effektiv und sicher zu meistern“, wie Newsweek das Unternehmen zitiert.

US-Ingenieure überbieten sich aktuell geradezu mit innovativen Lösungen zur Aufrüstung der Ukraine. Im Dezember hatte das Unternehmen Anduril Industries aus Kalifornien mit einem Killer aus der Kiste aufgetrumpft: Deren „Roadrunner“ ist eine kaum mannshohe Drohne, die aus einem Metallbehälter heraus senkrecht startet und zurückkehrt, wenn sie ihr Ziel verfehlt hat – danach wäre sie wieder einsatzbereit. Im März wollten dann in Los Angeles drei Informatik-Studenten beinahe ihren eigenen Marschflugkörper entwickelt haben.

Das Trio behauptete, sie hätten lediglich einen 3D-Drucker und rund 450 Euro benötigt für eine Drohne, die ihre GPS-Koordinaten ohne Signal berechnet und zwar mittels eines Algorithmus, der Satellitenbilder von Google Maps mit Bildern ihrer Kamera abgleicht. Der Drohnen-Prototyp weist Ähnlichkeiten mit dem an die Geländekontur angepassten Leitsystem des Marschflugkörpers Tomahawk auf, wurde jedoch zu einem Bruchteil der Kosten und des Zeitaufwands entwickelt. Der Clou an dem Schnäppchen: Das System soll resistent sein gegen elektronische Störsignale, dem „jamming“ beziehungsweise „spoofing“ – darüber berichtet hatte Aviation Week.

Selenskyj ohne Alternative: Ihm fehlen fast eine halbe Million Soldaten

Im Prinzip habe die Ukraine nach Expertenmeinung keine andere Wahl als konsequent auf die Drohne zu setzen, behauptet das amerikanische Foreign Policy Magazine; mit anderen Worten: Wenn die Ukraine alles an und hinter der Front sehen und bekämpfen könnte, auch Einheiten und sogar einzelne Truppen, die sich in ihrem Rücken bewegen, gerate für Russland der klassische Bodenangriff aus gepanzerten Massenverbänden zur überholten Taktik. Ohnehin verlassen Präsident Wolodymyr Selensky gerade die Kräfte. Er muss wieder aufs neue mobil machen.

Der Deutschlandfunk beziffert die Kräfte der Ukraine unter Waffen auf 900.000 Soldaten und 1,2 Millionen Reservisten. Russland dagegen verfüge demnach über 1,3 Millionen aktive Soldaten und rund zwei Millionen Reservisten. Eine halbe Million Kämpfer will Selenskyj neu rekrutieren – mittels des seit April geltenden Mobilisierungsgesetzes, worüber auch der Deutschlandfunk berichtet: Alle Männer von 18 Jahren haben einen Grundwehrdienst zu absolvieren. Mit 25 Jahren sind Fronteinsätze möglich, eine militärische Ausbildung vorausgesetzt. Ukrainer im Ausland im wehrfähigen Alter zwischen 18 und 60 Jahren sind grundsätzlich verpflichtet, sich im Wehrregister aufnehmen zu lassen.

Selenskyjs Chance: Die „Schwerverbrecher“ könnten die gelichteten Reihen füllen

Dennoch fehlen den Verteidigern Soldaten – deren Lücken könnten die „Schwerverbrecher“ tatsächlich füllen. Mit Ideen für „Terminatoren“ war auch Russland schon vor etlichen Jahren an die Öffentlichkeit gegangen. 2017 hatte der Stern die Geschichte von „Fedor“ erzählt, ein Roboter auf zwei Beinen „mit Knarren in den Händen“, wie der Stern das Bild des Revolverhelden auf X (vormals Twitter) kommentierte: „Bei dem Schießtraining geht es darum, dem Roboter zu zeigen, wie man Prioritäten setzt und wie man spontane Entscheidungen fällt“, zitiert der Stern weiter den Adressaten des Posts, Dmitri Rogosin, der damalige stellvertretende Ministerpräsident der russischen Föderation.

Ob auf zwei Beinen, auf Panzerketten, auf Rädern oder mit Propellern – die Autonomisierung der Waffentechnik verläuft dynamisch und wird mit jedem gefallenen Soldaten an Geschwindigkeit zunehmen. „Die Situation an der Front hängt von Drohnen ab. Das ist ein Krieg rund um die Uhr“, äußerte Ende vergangenen Jahres Mychajlo Fedorow gegenüber Newsweek. Der Minister für digitale Transformation ist der Kopf der Drohnen-Armee der Ukraine. Grundsätzlich will die Ukraine ihre eigenen Produkte perfektionieren: die FPV-Drohnen (First-Person-View), die in Zehntausenden produziert und aufgebraucht werden, Abwehr-Drohnen beispielsweise gegen „herumlungernde Munition“, also Drohnen, die über einem Ziel kreisen, bis sie irgendwann darauf herabstürzen, sowie Aufklärungsdrohnen.

Hoffnung für Selenskyj: US-Drohne mit Miniguns getestet

Mit den Feloni-Quadrocoptern käme jetzt eine weitere Angriffs-Waffe hinzu. Über Preise schweigt Feloni Aero, allerdings dürften sie den Stückpreis der ukrainischen Do-It-Yourself-Lösungen deutlich übersteigen. Die nächsten Fragen wären dann die nach der Zahl der eingesetzten Drohnen beziehungsweise deren Einsatzzweck. Möglicherweise könnten sie als Schwarm gegen Panzerverbände vorgehen beziehungsweise Infanterie bis in ihre Schützengräben hinein verfolgen. Der Krieg der Systeme hätte begonnen. Auch die Amerikaner selbst scheinen jetzt ein schweres Maschinengewehr unbemannt aufsteigen lassen zu können, wie die Flugrevue aktuell berichtet.

Erstmals habe ein unbemanntes Flugsystem Maschinengewehre gegen Bodenziele eingesetzt. Die neun Meter lange und 16 Meter Spannweite messende Mojave-Drohne habe dabei mit ihren beiden Miniguns unter den Tragflächen beispielsweise einen Pick-up geschreddert – in zwei Flügen soll sie sieben Angriffe geflogen sein. „Die Verwendung von Miniguns an einer Drohne erfordert allerdings von dem Piloten an der Fernsteuerung ein deutlich höheres Niveau an situativer Wahrnehmung. Daher lag der Fokus bisher klar auf der Verwendung von lasergelenkten Präzisionswaffen“, schreibt die Flugrevue. Die Drohnen-Piloten an der ukrainischen Front dürften allerdings Übung haben.

Versprechen an Selenskyj: Angriffe mit „chirurgischer Präzision“

Für Besatzungen russischer Panzerfahrzeuge würde diese neue Generation von Drohnen ein Höllenfeuer entfachen und die Moral der Invasionsarmee weiter dämpfen. Drohnenangriffe, beispielsweise auf gepanzerte Einheiten, seien ein „interessantes asymmetrisches Mittel, um Russland Schaden zuzufügen, ohne tatsächlich große Investitionen zu tätigen“, sagte jüngst Marina Miron gegenüber der Deutschen Welle. Die Wissenschaftlerin am King‘s College in London hält allerdings für unwahrscheinlich, wie sie sagt, „dass ukrainische Angriffe so großen Schaden anrichten, dass die russische Militärmaschinerie kollabiert“.

Wladimir Putin: Das Macho-Image des russischen Präsidenten

Wladimir Putin in einem camouflage-farbendem Tauchanzug während eines Ausflugs in der russischen Republik Tuwa in Sibirien im Jahr 2017. Das Foto zeigt den russischen Präsidenten während einer Verschnaufpause.
Wladimir Putin in einem camouflage-farbendem Tauchanzug während eines Ausflugs in der russischen Republik Tuwa in Sibirien im Jahr 2017. Das Foto zeigt den russischen Präsidenten während einer Verschnaufpause. © Alexei Nikolsky/Imago
Ebenfalls im sibirischen Tuwa ist dieses inzwischen weltbekannte Foto entstanden, welches Wladimir Putin beim Reiten in den russischen Bergen zeigt. Mal wieder inszeniert sich der Kreml-Chef besonders männlich und zieht vor der Kamera prompt das Shirt aus. Das Bild liegt allerdings schon einige Jahre zurück: entstanden ist es 2009.
Ebenfalls im sibirischen Tuwa ist dieses inzwischen weltbekannte Foto entstanden, welches Wladimir Putin beim Reiten in den russischen Bergen zeigt. Mal wieder inszeniert sich der Kreml-Chef besonders männlich und zieht vor der Kamera prompt das Shirt aus. Das Bild liegt allerdings schon einige Jahre zurück: entstanden ist es 2009. © Imago
Wladimir Putin während einer Trainingssession in Sotschi im Jahr 2019. Der russische Präsident gilt als großer Judo-Fan und hat im Jahr 2000 in Tokio den Titel des sechsten Dan des „Kodokan-Judo“ verliehen bekommen.
Wladimir Putin während einer Trainingssession in Sotschi im Jahr 2019. Der russische Präsident gilt als großer Judo-Fan und hat im Jahr 2000 in Tokio den Titel des sechsten Dan des „Kodokan-Judo“ verliehen bekommen. © Mikhail Metzel/Imago
Selbst wenn sich der Kreml-Chef nahe den Gewässern Russlands erholt, sind die Kameras der russischen Staatspresse nicht weit entfernt. Schnappschüsse von einem schwimmenden Wladimir Putin, wie hier im Jahr 2017, würde ihnen sonst glatt entgehen.
Selbst wenn sich der Kreml-Chef nahe den Gewässern Russlands erholt, sind die Kameras der russischen Staatspresse nicht weit entfernt. Schnappschüsse von einem schwimmenden Wladimir Putin, wie hier im Jahr 2017, würde ihnen sonst glatt entgehen. © Alexei Nikolsky/Imago
Bekleidet mit olivgrüner Jagdhose und einem dazu passenden Sonnenhut präsentiert sich Wladimir Putin beim Angeln in den sibirischen Bergen im Jahr 2017. Geht es nach dem russischen Präsidenten, hat der Oberkörper aber freizubleiben.
Bekleidet mit olivgrüner Jagdhose und einem dazu passenden Sonnenhut präsentiert sich Wladimir Putin beim Angeln in den sibirischen Bergen im Jahr 2017. Geht es nach dem russischen Präsidenten, hat der Oberkörper aber freizubleiben. © Aleksey Nikolskyi/Imago

Inwieweit der „Schwerverbrecher“ das Zeug dazu hat, Russlands Invasion zu stoppen, wird sich zeigen. Auch vom Killer aus der Kiste scheint bisher kein Exemplar den Weg an die Front gefunden zu haben. Und die Serienreife des neuen Coups von Feloni Aero ist zunächst einmal eine Behauptung. Sollte sie aber bestehen, und eine Armee kleiner Quadrocopter ähnlich einem Heuschrecken-Schwarm aus allen Rohren feuernd über ein Gefechtsfeld surren, macht diese Vorstellung den Krieg noch unmenschlicher als er ohnehin schon ist.

Bereits die Wortwahl des Feloni Aero-Marketings, wie sie Newsweek weitergibt, klingt im Grunde gruselig: Die raketenbestückte „FelonX“-Drohne sei so konstruiert, dass sie ihre Last „mit beispielloser Effizienz und Präzision“ transportieren könne. Für die maschinengewehrbewehrte „Felon 1.0“ bemüht Feloni Aero sogar den unter Militärs möglicherweise beliebtesten Euphemismus: die Kompetenz, mit „chirurgischer Präzision anzugreifen“.

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