Ohne Trumps Tomahawks: Ukraine verstärkt Angriffe auf Russlands Wirtschaft
VonJens Kiffmeier
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In Orenburg brennt eine Gasanlage: Die Drohnenangriffe der Ukraine zeigen Auswirkungen im Krieg gegen Russlands Wirtschaft. Putin steht unter Druck.
Kiew/Moskau – Die Nadelstiche gegen Russlands Wirtschaft gehen weiter: Erneut hatten ukrainische Drohnen in der Nacht zu Sonntag die russische Energieinfrastruktur getroffen. So griff die Armee von Präsident Wolodymyr Selenskyj eine Gasanlage in der über 900 Kilometer von der Ukraine entfernten Region an und löste einen Brand aus. Die Anlage sei beschädigt worden und müsse vorerst den Betrieb einstellen, berichtete der Kyiw Independent am Montag (20. Oktober). Die Löscharbeiten dauerten an. Parallel dazu meldeten russische Medien auch einen Brand in einer Ölraffinerie in der Region Samara.
Diese nächtlichen Attacken sind im Krieg gegen Russland Teil einer systematischen Strategie der Ukraine, die seit August ihre Angriffe auf russische Raffinerien und andere Energieanlagen verstärkt hat, um die Treibstoffversorgung zu unterbrechen. Das langfristige Ziel ist klar: Wladimir Putins Position im Ukraine-Krieg nachhaltig schwächen und den russischen Präsidenten dazu zwingen, über ein Ende des Konflikts zu verhandeln.
Russlands Wirtschaft vor dem Abgrund: Ukraine-Taktik zermürbt Putin
Allein innerhalb der vergangenen 24 Stunden überzogen sich die Ukraine und Russland gegenseitig mit jeweils mehr als 40 Drohnen-Attacken auf die Energieinfrastruktur – ob auf Öl-Raffinerien, Gaswerke oder Umspannwerke. Wie sowohl der ukrainische als auch der russische Generalstab laut dem Kyiw Independent meldet, konnte ein Großteil der Raketen aber von der Gegenseite abgefangen werden. Droht Russlands Wirtschaft deswegen der Kollaps?
Vor allem die Ukraine erhofft sich, der Wirtschaft des von Präsident Wladimir Putin regierten Russlands schmerzhafte Verluste zuzufügen. So sieht der ukrainische Militärgeheimdienstchef Kyrylo Budanow in den gezielten Angriffen auf russische Ölraffinerien einen größeren wirtschaftlichen Schaden für Moskau als durch internationale Sanktionen. „Tatsächlich haben unsere Angriffe eine größere Wirkung erzielt als die Sanktionen. Das ist einfach eine mathematische Wahrheit“, hatte Budanow laut Suspilne kürzlichbeim Kiewer internationalen Wirtschaftsforum erklärt.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
Besonders bemerkenswert ist nach Budanows Angaben der hohe Anteil heimischer Produktion bei diesen Operationen. „Wir arbeiten hauptsächlich mit unseren eigenen Mitteln – 99 Prozent davon sind unsere eigenen“, so der Geheimdienstchef weiter.
Brennende Öl- und Gasanlagen: Experte sieht Russlands Wirtschaft wanken
Die Auswirkungen der ukrainischen Angriffe auf Russlands Wirtschaft werden immer deutlicher. Der russische Journalist und Wirtschaftsexperte Andrey Gurkov beobachtet eine sich verschärfende Krise in verschiedenen Bereichen. „Russland erweitert den Import von Treibstoff – in erster Linie von Benzin“, erklärte Gurkov im Gespräch mit der Bild-Zeitung. Russland importiere Benzin aus Belarus und Asien, vor allem aus China. „Wenn Russland anfängt, Benzin zu importieren, da muss irgendwas falsch laufen.“
Grund dafür seien die massiven ukrainischen Drohnen-Angriffe auf Raffinerien. „Offensichtlich hat Russland ein Problem mit der Flugabwehr – nämlich nicht genügend Kapazitäten“, sagt Gurkov. Seit August wurden laut Gurkov mindestens zehn Raffinerien getroffen, es gab insgesamt 28 Angriffe in zweieinhalb Monaten. In 57 Regionen mangele es an Benzin, auf der annektierten Krim gebe es bereits Rationierungen.
Gleichzeitig rutscht die Leistung von Putins heimischer Industrie ab. In mehreren Großbetrieben gebe es Kurzarbeit ohne Lohnausgleich, vor allem in der Automobil- und Zementindustrie. Der Autobauer Avtovaz lasse nur noch vier Tage pro Woche arbeiten, beim Landmaschinenhersteller Rostselmasch laufe die Produktion sogar nur noch drei Tage.
Ein Bericht der Moscow Times bestätigt diese Entwicklung. Demnach sollen ukrainische Angriffe zuletzt mindestens vier große russische Ölraffinerien außer Betrieb gesetzt und damit 44,3 Millionen Tonnen Jahreskapazität stillgelegt haben – etwa 13 Prozent von Russlands Gesamtraffinierungskapazität. Laut Reuters gingen die russischen Ölproduktexporte im September im Vergleich zum August um 17,1 Prozent zurück und beliefen sich auf insgesamt 7,58 Millionen Tonnen.
Angriff auf Russlands Wirtschaft: Funktioniert die Zermürbungstaktik im Ukraine-Krieg?
Viele Zahlen lassen sich im Ukraine-Krieg nicht unabhängig überprüfen. Doch die Taktik hinter den Angriffen auf Putins Wirtschaft folgt einem klaren Plan: Russland soll auf lange Sicht zermürbt werden. Steigende Preise sollen Unmut in der Bevölkerung sähen und die Stimmung gegen Putin drehen lassen. Wie die Tagesschau berichtet, unterscheiden sich diese Angriffe von den russischen Angriffen auf die ukrainische Energieversorgung. Ihr Ziel sei es nicht, den Russinnen und Russen das Leben zu erschweren, vielmehr solle die russische Wirtschaft getroffen werden, darunter die Rüstungsindustrie.
Der ukrainische Militärexperte Ivan Stupak betonte gegenüber dem Internetportal NV: „Das Ganze hat systematischen Charakter.“ Seit August greife die Ukraine den russischen Ölsektor im großen Maßstab an und seit Oktober sei noch die Stromversorgung hinzugekommen. „Im russischen Gebiet Wolgograd hat die Ukraine gerade ein sehr großes Umspannwerk getroffen. Mit seiner Hilfe kommt Strom von einem Wasserkraftwerk in die zentralen Regionen Russlands.“
Während die Ukraine also durchaus militärische Erfolge gegen russische Infrastruktur verbucht, kämpft das Land jedoch selbst weiterhin mit den Folgen anhaltender Angriffe auf die eigene Energieversorgung. Putin reagiert mit verstärkten Angriffen auf ukrainische Energieanlagen – eine Taktik, die ukrainische Beamte als „Waffenisierung des Winters“ bezeichnen. Die Offensive an den Frontabschnitten hatte sich zuletzt wieder verlangsamt, die Verluste in dem Angriffskrieg stiegen wieder. Vor diesem Hintergrund, so berichtet es die Welt, fahre Russland nun wieder die Luftangriffe auf die ukrainischen Versorgungssysteme hoch.
Tomahawk-Raketen für Angriffe auf Putins Wirtschaft: Trump lässt Ukraine hängen
Doch ob die Taktik aufgeht, bleibt abzuwarten. Der Druck auf Putin wächst. Gurkov warnte zwar vor übertriebenen Erwartungen bezüglich der wirtschaftlichen Auswirkungen auf Russland – das Land verfüge noch über ausreichend „Widerstandsfähigkeit“, um den Krieg „ziemlich lange“ fortzusetzen. Dennoch verwies er auf ein grundlegendes Prinzip: „Kein langwieriger Krieg hat jemals der Wirtschaft eines Landes genützt.“ Die Annahme, dass Russland es zunehmend schwerer habe, sei „im Prinzip von Natur aus richtig“.
Gleichzeitig steigt der internationale Druck. Die USA unter Präsident Trump, der zuletzt von Putin enttäuscht war, sollen der Ukraine zumindest nach Berichten der Financial Times nun Satellitendaten liefern, um die Angriffe auf russische Raffinerien zu ermöglichen. Beobachter spekulieren bereits darüber, ob die Angriffe auf russische Raffinerien oder die Drohung mit „Tomahawk“-Marschflugkörpern Putin zurück an den Verhandlungstisch bringen könnten.
Vor allem mit Blick auf die tiefliegenden Industrieziele in Russland hatte die Ukraine lange gehofft, die reichweiten-starken Marschflugkörper aus den USA zu bekommen. Zwar hatte US-Verteidigungsminister Pete Hegseth dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj vor seinem Treffen im Weißen Haus mit Donald Trump vor wenigen Tagen „mehr Feuerkraft“ in Aussicht gestellt. Doch nach einem Telefonat mit Kremlchef Putin machte der US-Präsident erst einmal einen Rückzieher. In Kiew nahm man das mit großen Bedauern zur Kenntnis. Dennoch will Selenskyj weiter an seiner Taktik der gezielten Nadelstiche festhalten. (Quellen: Kyiw Independent, Reuters, Tagesschau, Financial Times, Suspilne, Bild, NV, Moscow Times, AFP) (jek)