Machtdemonstration oder Desinformation? Lukaschenko zeigt Modell geheimer russischer Oreschnik-Rakete
VonNadja Katz
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Eine Modellrakete in Lukaschenkos Büro hat möglicherweise wichtige technische Details über Russlands neues Mittelstreckensystem „Oreschnik“ preisgegeben.
Minsk – Bei einem Treffen des belarussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko mit dem Premierminister Kirgisistans war im Hintergrund der Gesprächsrunde ein Modell des russischen Raketensystems „Oreschnik“ in seinem Büro zu sehen. Die Aufnahmen, die über den belarussischen Propagandakanal Pul Pervogo verbreitet wurden, zeigen das Modell, dass vermutlich bewusst im Bildausschnitt positioniert wurde.
Die scheinbar beiläufige Inszenierung wird von internationalen Medien und Militärbeobachtern wie dem Informationsportal Defense Express unterschiedlich interpretiert. Das bewusste Platzieren des Raketen-Modells könnte einerseits als eine Machtdemonstration Lukaschenkos dienen. Anfang des Jahres hatte Belarus erklärt, dass bereits ein einziges Oreschnik-System ausreiche, um die Sicherheit des gesamten Landes zu gewährleisten, so Lukaschenko laut der russischen Nachrichtenagentur Tass. Bei Bedarf würden zudem weitere Systeme aus Russland geliefert.
Machtdemonstration Lukaschenkos oder gezielte Desinformation? Russlands Raketen-Launcher unter der Lupe
Andererseits könne es sich bei der offenen Platzierung des russischen Raketen-Launchers auch um eine gezielte Desinformation der belarussischen Politik handeln. Denn die Fotos des Modells veranlassten unter Militärexperten bereits intensive Analysen der Konfiguration des Gefährtes, inklusive Schlussfolgerungen bezüglich möglicher Schwachstellen im Lieferkettensystem der russisch-belarussischen Militärkooperation.
Die Analysten konnten anhand der Fotografien laut Defense Express bereits das Fahrgestell als MZKT-79291 identifizieren, das vom Minsker Radschlepperwerk (MZKT) produziert wird. Dieses Fahrgestell basiere auf einer 12×12-Radkonfiguration und sei bereits als Grundlage für verschiedene russische bodengestützte Raketensysteme bekannt, einschließlich der RT-2PM2 Topol-M und RS-26 Rubezh-Systeme.
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Russland-Rakete setzt wohl auf belarussisches Fahrgestell: Eine Schwachstelle der militärischen Kooperation
Sollte die Zuordnung des Fahrgestells also korrekt sein, liegen nun die Herkunft und die Logistikkette des Fahrzeugs offen und sind daher anfälliger für mögliche Kontrollen und Lieferengpässe. Wenn es sich bei der Oreschnik-Rakete tatsächlich um das RS-26-Rubezh-System oder ein direktes Derivat davon handelt, habe diese Identifizierung zudem weitere operative und geopolitische Auswirkungen.
Für militärische Verteidigungsplaner sind diese Informationen von großer strategischer Bedeutung: Die Mobilität des russischen Raketen-Systems erschwere zwar deren Ortung, doch die Abhängigkeit von einem einzigen ausländischen Lieferanten für das Fahrgestell schränke die Produktionsgröße ein und dieser werde zu einem Dreh- und Angelpunkt für Exportkontrollen oder gezielte Störungen.
Lukaschenko-Foto des russischen Raketen-System-Modells erlauben Rückschlüsse auf Kapazität
Besonders wertvoll sind Defense Express und News Ukraine nach auch die Gewichtsberechnungen, die sich aus der Identifizierung ableiten lassen. Als russische Ingenieure eine heimische Alternative zur belarussischen MZKT-Lösung entwickelten, schufen sie ein 12×12-Fahrgestell mit einer deklarierten Nutzlastkapazität von etwa 50 Tonnen – explizit 10 Tonnen weniger als das belarussische Äquivalent. Daraus lasse sich schließen, dass das MZKT-79291-Fahrgestell eine Nutzlastkapazität von etwa 60 Tonnen besitzt.
Basierend auf historischen Vergleichen mit sowjetischen Systemen, die eine Transportkapazität von etwa 55 Tonnen hatte, können die Experten das Gesamtgewicht der Oreschnik-Rakete in ihrem Transport-Launch-Container auf etwa 45 bis 48 Tonnen, die Rakete selbst etwa 40 bis 43 Tonnen schätzen.
Russland riskiert strategische Verwundbarkeit durch Abhängigkeit von Belarus
Die Abhängigkeit von belarussischen Fahrgestellen stellt den Experten zufolge eine bedeutende strategische Verwundbarkeit für Russlands Raketenprogramm dar. Das Minsker Radschlepperwerk (MZKT) ist seit 2020 auf der Sanktionsliste der Europäischen Union. Im Jahr 2022 wurden das Werk, sein Direktor Aliaksei Rymasheuski und der stellvertretende Direktor Aliaksandr Vetsianevich auf die Sanktionsliste der USA sowie weiterer westlicher Länder gesetzt.
Lukaschenko hatte laut News Ukraine im März 2024 bestätigt, dass Belarus Trägerfahrzeuge für das Oreschnik-System produziert. Die Stationierung des Oreschnik-Systems in Belarus, die Ende 2024 abgeschlossen wurde, verstärkt die strategischen Sorgen regionaler Verteidigungsplaner, wie das militärische Informationsportal Militarnyi berichtete. (Quellen: Clash Report, Defense Express, Militarnyi, News Ukraine, Pul Pervogo, Tass) (nana)