Belarus-Militärbasis nahe Polen: Experten warnen vor Atomplänen
VonMax Nebel
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Satellitenbilder zeigen nahe Minsk einen neuen Militärkomplex. Experten halten dort russische Oreschnik-Raketen mit möglicher Nuklearrolle für denkbar.
Minsk – Belarus errichtet südlich von Minsk auf einem früheren sowjetischen Nuklear-Standort mutmaßlich eine militärische Anlage, die nach Analyse aktueller Satellitenbilder strategische Bedeutung haben dürfte. Der Komplex liegt im Distrikt Sluzk nahe dem Dorf Pawlowka, rund 60 Kilometer von Minsk und etwa 245 Kilometer von Polens Grenze entfernt.
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Recherchen eines Teams von Radio Free Europe/Radio Liberty (RFE/RL) mit Partnern aus Estland belegen seit Juni 2024 Rodungen, umfangreiche Erdarbeiten und den Bau mehrerer Areale, verbunden durch neue Straßen. Die Aufnahmen zeigen vier getrennte Sektoren auf über zwei Quadratkilometern Fläche – mit mindestens 13 Munitionsdepots hinter Schutzwällen, drei je rund 100 Meter langen Hallen sowie Fundamenten weiterer Gebäude. Offizielle belarussische Dokumente oder Katastereinträge zu dem Projekt existieren nicht, staatliche Stellen äußerten sich nicht.
Belarus baut geheime Militärbasis nahe der polnischen Grenze
Der Standort war zu Sowjetzeiten Teil der Nuklearinfrastruktur: Hier befanden sich der Stützpunkt des 306. Strategischen Raketenregiments und eine nukleartechnische Versorgungseinheit, nach 1993 verfiel das Gelände. Die jetzige Anlage knüpft laut Experten an diese Vergangenheit an – auch in ihrer topografischen Anlage, etwa mit einem erhöhten Ost-Sektor, der sich für Luftverteidigung eignet, schreibt RFE/RL.
Parallel dazu dokumentieren weitere Medien neue oder modernisierte Militärstandorte im Land. Hierunter befindet sich auch ein im Aufbau befindlicher Stützpunkt am Stadtrand von Homel, weniger als 40 Kilometer von der Grenze zur Ukraine.
Bauarbeiten nahe Bauarbeiten nahe Pawlowka südlich von Minsk: Auf dem früheren sowjetischen Raketenstandort entsteht seit 2024 offenbar ein weitläufiger Militärkomplex. Experten halten ihn für mögliches Lager oder Startbasis des neuen russischen Mittelstreckensystems Oreschnik, das bereits in der Ukraine eingesetzt wurde.
„Wahrscheinlich nuklear bewaffnet“ – Oreschnik-Rakete im Fokus
Sicherheitsanalyst Konrad Muzyka bewertet den Komplex als strategisch: „Es wird wahrscheinlich nuklear bewaffnet sein oder eine nukleare Komponente wird damit verbunden sein“, sagte er RFE/RL. Die Anlage eigne sich zudem zur Stationierung des russischen IRBM-Systems (Mittelstreckenrakete) Oreschnik. Der finnische Russland-Analyst Marko Eklund schätzt die Anlage ähnlich ein: „Strategische Raketenbasen sind gleich. Ich kann nicht sagen, was es sonst sein könnte.“
Die Newsweek zitiert das Netzwerk „iSans“, das den Ort beobachtet: Es gebe „derzeit nicht genug Daten“ für den Schluss, dass dort eine Nuklearbasis oder eine Oreschnik-Stellung entstehe – „aber es kann nicht vollständig ausgeschlossen werden“.
Die Zeitung Kyiv Post verweist ebenfalls auf die RFE/RL-Recherche und betont die Lage „weniger als 250 Kilometer“ von der polnischen Grenze entfernt – mit möglicher Nutzung für ballistische und „sogar nukleare“ Systeme.
„Sapad-2025“ und die Sorgen der NATO
Die Enthüllungen fallen mit den russisch-belarussischen Großmanövern „Sapad-2025“ zusammen, die von Freitag (12. September) bis zum darauffolgenden Dienstag stattfinden. Laut Minsk, berichtet etwa Polskie Radio, werden bei den Übungen auch Planungen beziehungsweise Trainings für den Einsatz russischer Nuklearwaffen und der russischen Hyperschall-Mittelstreckenrakete Oreschnik geprobt.
Westliche Staaten reagieren alarmiert: Polen schloss aus Sicherheitsgründen vor der militärischen Übung den Grenzübergang zu Belarus, und stationierte rund 40.000 Soldaten an seiner Grenze, um auf mögliche Eskalationen vorbereitet zu sein. Derweil überwachen die NATO-Partner die Aktivitäten engmaschig.
„Sapad-2025“ – ein Überblick:
Was?: Großes russisch-belarussisches Militärmanöver (“Sapad 2025“ bzw. auf Deutsch: „Der Westen 2025“)
Wann?: 12.–16. September 2025
Teilnehmer: Offiziell etwa 13.000 Soldaten, westliche Geheimdienste schätzen bis zu 150.000, darunter auch neue taktische Nuklearwaffen und der experimentelle Mittelstreckenraketenwerfer Oreschnik
Ziel: Offiziell Abwehr und Grenzsicherung, inoffiziell vermutete Vorbereitung für Angriffe auf NATO-Gebiete, darunter besonders die Suwalki-Lücke (strategischer Korridor zwischen Polen und Litauen)
Kontext: Übung folgt auf russische Drohnenüberflüge in polnischem Luftraum und erhöht die Spannungen an der NATO-Ostflanke, mit erhöhter Militärpräsenz in Polen, Litauen und Lettland
Historie: Frühere Sapad-Übungen (zum Beispiel 2021) dienten als versteckte Vorbereitung für den russischen Überfall auf die Ukraine 2022
Reaktionen: NATO-Staaten rüsten auf, Polen schloss Grenze zu Belarus, Warnungen vor Eskalation
Bedeutung: Intensivierung russisch-belarussischer Militärkooperation, neue Gefährdung durch atomwaffenfähige Mittelstreckenraketen
Geheime Militärbasis in Belarus: Was über Putins Oreschnik-Rakete bekannt ist
Russlands Präsident Wladimir Putin pries Oreschnik unlängst als neuartige, nuklearfähige Mittelstreckenrakete. Im November 2024 wurde das System bei einem Angriff auf die Ukraine erstmals eingesetzt. Offizielle Aussagen aus Moskau sehen eine Stationierung in Belarus parallel zur Einführung in die eigenen Strategischen Raketentruppen vor, notiertThe Kyiv Independent.
Belarus hatte bereits in den vergangenen Jahren die militärische Kooperation mit Russland vertieft und die Verlegung taktischer Nuklearwaffen auf sein Territorium politisch akzeptiert – auch wenn Details um Menge und Status weiterhin umstritten sind. (Quellen: Radio Free Europe/Radio Liberty, Newsweek, Kyiv Post, The Kyiv Independent, Reuters) (chnnn)