Russlands BTR-82A: Schützenpanzer marschieren auf - Putins neuer Anlauf auf Awdiijwka
VonKarsten-Dirk Hinzmann
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Weit hinter der Front viele Wracks, kurz hinter der Front frische Kräfte: Russland bündelt wohl neue Einheiten zum nächsten Anlauf auf Awdiijwka.
Awdiijwka – Vorne wird gestorben, hinten wird nachgerückt: Das ist die düstere Analyse, mit der die Bild aktuell von der Front in der Kleinstadt Awdiijwka berichtet. Auf den Bildern ist eine große Anzahl moderner Schützenpanzer aus Russland zu sehen. Diese auf Rädern rollenden Panzer, die mit dem deutschen Boxer vergleichbar sind, verlegen russische motorisierte Schützen in das Gefecht gegen die Ukraine. Entlang des Anmarschweges südlich von Awdiijwka reihen sich Wracks von abgeschossenen Schützenpanzern wie an einer Perlenkette auf. Wladimir Putins Truppen füllen offenbar ihre Verluste auf oder verstärken ihre Einheiten.
Die ukrainische Kleinstadt mit ihren rund 30.000 Einwohnern liegt in Sichtweite von Donezk, also nah an den von Russland ab 2014 besetzten Gebieten in der Ostukraine. Die Stadt ist seit rund zehn Jahren Frontstadt und liegt damit ständig unter Feuer beider Parteien im Ukraine-Krieg. Strategisch oder psychologisch scheint die Stadt für beide Seiten wichtig zu sein, zumindest bindet sie russische Kräfte, die an anderen Frontabschnitten fehlen. Mehrere westliche Beobachter meinen aber zunehmende Ermüdungserscheinungen unter den ukrainischen Verteidigern zu erkennen, wie beispielsweise die tagesschau schreibt: Die ukrainischen Truppen seien in einer schwierigen Lage. Russland habe mehr Drohnen, mehr Artilleriegeschosse, mehr Männer und gehe an vielen Stellen der Front zum Angriff über. Daher eben der massive Aufmarsch der radgestützten Schützenpanzer. Die nächste Angriffswelle rollt.
Die russischen Truppen könnten bis zu einem Drittel der dort eingesetzten Kräfte bereits verloren haben, sagt der ehemalige Nato-General Erhard Bühler im MDR-Podcast „Was tun, Herr General“. Eine große strategische Bedeutung spricht er Awdijiwka eher nicht zu – was beispielsweise der Militärexperte Carlo Masala anders sieht. Laut Bühler handele sich bei den bisherigen massiven Angriffen eher um Entlastungsangriffe für die Truppen an der Südfront, um die Ukrainer im Osten zu binden. Die taz sieht in den Kämpfen das Ringen um ein Prestige-Objekt ähnlich wie der Kampf um die Krim: Um Awdiijwka herum stoppte die Ukraine 2014 die Versuche Russlands und der russisch gesteuerten Donbass-Separatisten, das gesamte Umland von Donezk unter ihre Kontrolle zu bringen. „Awdijiwka blieb danach ein ukrainischer Stachel im Fleisch der russischen Besatzung des Donbass. Sollte Russland nun um Awdijiwka eine empfindliche Niederlage erleiden, stünde der Ukraine sogar der Weg in die nur 15 Kilometer entferne Millionenstadt Donezk offen.“
Der Schützenpanzer: Zulieferer für Putins Menschenmaterial
Wie in den meisten militärischen Bewegungen ist Schnelligkeit auch bei Awdiijwka ein entscheidender Aspekt – dafür werden die motorisierten Schützen herangeführt; ihr Pendant im Westen ist der Panzergrenadier. Der Panzergrenadier geht auf den deutschen Panzergeneral Heinz Guderian zurück. Der sah für sie vor, mit einem speziellen gepanzerten Fahrzeug, dem Schützenpanzer, ausgerüstet zu werden, um sowohl auf- wie abgesessen kämpfen zu können. Ihre hauptsächliche Aufgabe bestand in der Unterstützung gepanzerter Verbände. In den Armeen des Ostens ist die Bezeichnung eine andere, ihre Aufgabe ist aber die gleiche.
Ihr Arbeitspferd ist der BTR-80A – ausgelegt dafür, neun Infanteristen einschließlich des auf der rechten Frontseite sitzenden Kommandanten zu transportieren. Die Gefechtsfahrzeuge der Baureihe BTR-80 ermöglichen den aufgesessenen Kampf durch in die Panzerung eingebaute Schießluken, jeweils zwei nach vorn und hinten, sowie jeweils drei auf beiden Seiten. Bedient werden die Schützenpanzer vom Richtschützen und vom Kraftfahrer, in der aufgesessenen Kampfweise zusätzlich vom Gruppenführer. Der bei Awdiijwka gesichtete Typ ist die kampfwertgesteigerte Version BTR-82A, die den Insassen besseren Schutz bietet, einen leistungsstärkeren Motor besitzt und eine 30mm-Maschinenkanone als hauptsächlicher Bewaffnung.
Die Vermutung, dass sich auch Awdiijwka für die Russen zu einer Materialschlacht entwickelt, stützt eine aktuelle Veröffentlichung der Plattform ukrinform bezüglich zerstörter russischer Fahrzeuge. Demnach sollen der Invasionsarmee bis Ende November 5.388 Kampfpanzer verloren gegangen sein und 10.121 gepanzerte Kampffahrzeuge – darunter eben auch die für den Nachschub an Mannschaften dringend notwendigen Radschützenpanzer. Taktisch wirkt sich dieser Verlust auch auf die Einsatzfähigkeit aller involvierten Einheiten aus, gerade auch auf den Einsatzwert der Kampfpanzer.
In der Gegenoffensive: Jeder Grenadier ein Panzervernichter
Militärs sprechen in der Kombination der unterschiedlichen Fahrzeugtypen und soldatischen Aufgaben vom Gefecht der verbundenen Waffen – darin profitieren eben die unterschiedlichen Waffengattungen voneinander. Vor- und Nachteile können ausgeglichen werden. So bilden die Kampf- und Schützenpanzer idealtypisch eine feste Einheit. Die Bereitstellung von ausgebildeten motorisierten Schützen an der Front hat demnach auch eine große Bedeutung auch für die eingesetzten westlichen Waffensysteme. Die Gefahr auch für die westlichen Panzer lauert in jeder Hecke. Schultergestützte Panzerabwehr-Waffen aus dem Hinterhalt auf die Flanken abgefeuert, sind für Panzer weitaus gefährlicher als das direkte Panzerduell.
Jeder gut ausgebildete Panzergrenadier ist ein Panzervernichter. Schnelligkeit des einzelnen Soldaten ist dabei genauso wichtig wie die Menge und die Beweglichkeit ihrer Fahrzeuge: Abgesessene Panzergrenadiere beziehungsweise motorisierte Schützen erkunden den Raum und beziehen eine Stellung. Der Ablauf ist im Idealfall immer derselbe – wie ihn die Bundeswehr beschreibt: Der erste Schütze ermittelt die Entfernung zum zu bekämpfenden Panzer, meldet sie und schießt auf Befehl. Hat er nicht getroffen, kann ein zweiter Schütze sofort die Schussentfernung korrigieren und ebenfalls schießen.
Danach weichen die Soldaten sofort in ihren Sammelraum aus, um von ihrem Schützenpanzer aufgenommen zu werden oder einen weiteren Auftrag zu erhalten. „Das darf nur ein paar Minuten dauern. Panzer warten nicht darauf, bekämpft zu werden. Und die Panzerfaust ist am wirksamsten, wenn der Panzer steht oder nur langsam fährt“, zitiert die Bundeswehr ihren Stabsfeldwebel Axel P. (Name abgekürzt), Zugführer in der 3. Kompanie des Panzergrenadierbataillons 371 in Marienberg, Sachsen.
„Sowjetisches Prinzip“: Ohne Gnade gegenüber Leib und Leben
Die aktuellen Bilder erwecken den Eindruck, Russland könne unerschöpfliche Ressourcen heranführen, ohne Rücksicht auf die eigenen Verluste. Schätzungen gehen davon aus, dass zu Beginn des Ukraine-Krieges den rund 2.000 ukrainischen Kampfpanzern, das Zehnfache an russischem Material gegenüberstand, an gepanzerten Fahrzeugen soll die Ukraine zwischen 30.000 und 40.000 Fahrzeuge in den Einsatz geworfen haben können, Russland das Fünffache.
Der hohe Materialverschleiß in den aktuellen Gefechten liegt allerdings an der teilweise unzureichenden Panzerung der russischen Fahrzeuge. Roger Näbig schreibt im Magazin Internationale Politik: „Der grundsätzliche Mangel an Soldaten führte weiter dazu, dass Russlands technisch mittlerweile moderneres und leistungsfähigeres Gerät nicht sein volles Potenzial entfalten konnte. Außerdem verfügte die russische Armee nicht über genügend motorisierte beziehungsweise mechanisierte Infanterie sowie Nachrichtendienst- und Aufklärungskräfte, um ihre Verbindungslinien und Nachschubkonvois in der Ukraine effektiver zu schützen.“
Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland
An der grundsätzlichen russischen Doktrin mag das im Verlauf des Krieges wenig rütteln, wie der Historiker und Direktor des Deutschen Panzermuseums, Ralf Raths, klarstellt – ihm zufolge legt die russische Führung keinen Wert auf das einzelne Fahrzeug. Für russische Offiziere zähle allein der Erfolg des Verbands. Die russische Führung setze darauf, den Gegner mit Masse zu erdrücken. Die Bilder lassen also ahnen, dass die Russen weiterhin die Taktik verfolgen, die Raths als das überkommene „sowjetische Prinzip“ bezeichnet: mit höchster brachialer Gewalt durch Feuerunterstützung Lücken in Punkte zu schlagen, um mit schweren und konzentrierten Kräften dort durchzustoßen – unter Inkaufnahme auch großer Verluste an Material und Menschen.