„Terminator“-Technik: Neuer AbramsX-Panzer soll eigenständig über Ziele entscheiden
VonKarsten-Dirk Hinzmann
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Er ist genügsam, rank und schlank um die Hüften und etwas schlauer als seine Gegner: Der AbramsX-Panzer will Platzhirsch auf dem Schlachtfeld werden.
Washington, D.C. – „Ein alter Panzer ist besser als kein Panzer“, sagt Ralf Raths, Historiker und Direktor des Deutschen Panzermuseums in Munster gegenüber der Zeit. Und Klaus Scherer spricht im tagesschau-Podcast 11km sogar von einer Zeitenwende im Panzerbau: „Die Öffentlichkeit spricht plötzlich davon, dass ein Panzer ein guter Panzer ist, wenn er der Ukraine hilft, sich zu verteidigen.“
Mit jedem weiteren Tag, den Wladimir Putins Krieg und die Gegenoffensive der Ukraine dauern, lichten sich die Bestände alten Kriegsgeräts, die die westlichen Länder an die Verteidiger geliefert haben; und plötzlich ist in westlichen Armeen wieder Platz und vor allem Bedarf für neue High Tech in Stahl: Die Amerikaner haben jetzt den Prototypen ihres Zukunftspanzers vorgestellt. Ein wenig Technologie wie aus dem „Terminator“ wird anrollen. Aber Experten bezweifeln bereits deren Nutzen.
Der Abrams-Panzer – das Arbeitspferd der US-Armee: Die neueste „X“-Generation soll mitdenken können; sie ist aber vielleicht bereits von der Zukunft überholt (Archivfoto).
Ähnlich wie der KF51 Panther von Rheinmetall oder der Enhanced Main Battle Tank (EMBT) des Konsortiums Krauss-Maffei Wegmann und Nexter ist auch der US-amerikanische AbramsX als Speerspitze zukünftiger Landkriege und als Antwort auf RusslandsT-14 Armata-Panzer gedacht. Tatsächlich hat sich Amerikas neue Panzergeneration vom möglichen künftigen Gegner etwas abgeschaut: die Reduzierung des Personals und dessen Platzierung. Künftig setzen auch die Amerikaner genauso wie Russland auf einen Ladeautomaten, wie ihn die russischen Panzerbauer seit langem verwenden. Dadurch wird künftig der Ladeschütze fehlen und die Besatzung dann aus drei Mann bestehen.
Die drei verbliebenden Crew-Mitglieder werden künftig vorn in der Wanne sitzen – und zwar nebeneinander. Der Turm bleibt also künftig menschenleer. Ein zusätzliches Plus der Überlebensfähigkeit des Systems Panzer. Der Mensch verschwindet bald ganz aus dem Stahlkoloss. Generell bleibt daher auch der Abrams in seiner neuesten Version ein Kind der westlichen Panzer-Doktrin: „Die sowjetische Panzer-Doktrin hat nie das Einzelfahrzeug im Blick gehabt, die westliche Panzer-Doktrin dagegen schon“, sagt Museumsdirektor Raths. „Für die westlichen Panzerbauer war immer von höchster Wichtigkeit, dass das Einzelfahrzeug auf dem Gefechtsfeld so lange wie möglich überlebt; wenn es ausgeschaltet wird, dass es möglichst schnell wieder einsatzfähig gemacht werden kann; und dass innen drinnen die Besatzung auch leistungsfähig bleibt.“
Putins neuer Feind: Der schlanke AbramsX
Das hat die Westpanzer aufgebläht, vollgestopft vor allem mit moderner Zielerfassung, um die Treffergenauigkeit des Erstschusses zu ermöglichen. Der AbramsX bleibt der westlichen Doktrin verhaftet, geht aber einen modifizierten Weg: In seiner Serienreife soll er zehn bis 15 Tonnen abgespeckt haben; der Prototyp auf der Vorjahres-Messe „Association of United States Army defense“ hatte 49 Tonnen aufgeboten, ohne allerdings alle Komponenten der Panzerung zu enthalten. Allein am neuen Geschütz, als Weiterentwicklung der von Rheinmetall gelieferten 120mm-Glattrohrkanone, wurden rund zwei Tonnen Gewicht eingespart. Sie ist auch die augenfälligste Neuerung am AbramsX, der auf dem Abrams M1A2 basiert – als erster westlicher Panzer trägt das Rohr eine Mündungsbremse. Diese Technik vermindert den Rückstoß des Rohres.
Auch die Fastenkur ist ein Stück Zeitenwende, hin zum kommenden landgestützten Krieg. Das hat ein Sprecher des Abrams-Herstellers General Dynamics gegenüber dem Magazin Breaking Defense geäußert: Demnach sind die aktuellen westlichen Panzer mit ihren bis zu 80 Tonnen Gewicht künftig eine zu große Herausforderung an die Logistik der einsetzenden Armee gemessen an der Umgebung, in der der Panzer agieren müsse. Beispielsweise könnten selbst einfache Brücken die hoch gerüsteten Kolosse aus dem Westen stoppen. Westliche Militärs nutzen den Ukraine-Krieg insofern als Laborsituation. Noch im September hat das US-amerikanische Verteidigungsministerium gegenüber Breaking Defense klargemacht, dass die Abrams-Version M1 an ihr technisches Ende gekommen sei.
Neue Qualitäten im Gefecht Sparsam und leise wie ein U-Boot
Der M1-Panzer heißt „Abrams“ nach dem ehemaligen Generalleutnant Creighton Williams Abrams, Jr. Als Stabschef führte Abrams die Führung der US-Armee in der Endphase des Vietnamkrieges, überwachte den Truppenabbau und die organisatorische Umstrukturierung. Er war der erste Kommandeur der US-Armeestreitkräfte in Europa und setzt die US-amerikanische Tradition fort, nach der Kampfpanzer nach Generälen benannt werden. Diese Tradition wird jetzt zukunftsfähig.
„Der Abrams-Panzer kann seine Fähigkeiten nicht mehr ohne zusätzliches Gewicht erweitern, und wir müssen seinen logistischen Platzbedarf reduzieren“, sagte Generalmajor Glenn Dean, Programm-Verantwortlicher für Bodenkampfsysteme, in einer Pressemitteilung zum kommenden Panzermodell „Der Krieg in der Ukraine hat die dringende Notwendigkeit eines integrierten Schutzes für Soldaten deutlich gemacht, der von innen heraus aufgebaut wird, anstatt ihn hinzuzufügen.“
Auch der Antrieb wird auf logistische Machbarkeit und dahingehend auf den Schutz hin optimiert. Die durstige Gasturbine ist Geschichte und wird einem Hybrid aus Elektro- und Dieselantrieb weichen – das erste in einem Kampfpanzer. Das vorherige Aggregat verbrannte unter Vollast fast 1.500 Liter Treibstoff auf 100 Kilometer, der neue Motor soll bei vergleichbarer Leistungsentfaltung die Hälfte verbrauchen. Mit E-Antrieb bekäme der Abrams Stealth-Fähigkeiten, er könnte sich also beinahe unbemerkt an den Gegner heranschleichen – lautlos wie ein getauchtes U-Boot.
China: Der wahrscheinlich kommende Gegner der Nato
Das bedeutendste Upgrade wird allerdings in der Zielerfassung vermutet – hier verfolgt der AbramsX den Weg der Vorgänger-Modelle mit seiner Unterstützung durch Künstliche Intelligenz. Verschiedene Situationen auf dem Gefechtsfeld erforderten bisher Entscheidungen des Panzerkommandanten hinsichtlich der Priorisierung von Gegnern und der Wahl von Munitionstypen. Eine komplexe Herausforderung in einer Situation, in der für Panzerbesatzungen gilt: Länger lebt, wer schneller schießt und besser trifft. In diesen Situationen soll der Faktor Mensch künftig weitestgehend reduziert werden, wie die Washington Post schreibt.
Das künstliche Intelligenzsystem an Bord des AbramsX könnte besser als Menschen Gefahren in der Ferne erkennen. Tim Reese, Direktor für US-Geschäftsentwicklung des Herstellers General Dynamics entwickelt den Abrams hin zu einem Szenario, in dem die Software Soldaten darauf aufmerksam machen könnte, dass ein feindlicher Panzer nur wenige Kilometer entfernt ist und zu etwa 90 Prozent davon ausgeht, dass es sich um eine Bedrohung handelt. Der Panzer kann auch mit unbemannten Luftfahrzeugen kommunizieren, die Gefahren vor sich aus auskundschaften könnten. Diese Unterstützung klingt wie Technik aus „Terminator“-Filmen. Allerdings betont Reese gegenüber der Washington Post, dass letztlich immer noch der Kommandant entscheidet, wann er schießen lässt und auf wen. Das autonome, automatisierte Töten ist ausgeschlossen.
Das Magazin The Warzone berichtet, dass das bereits in den Vorgängerversionen des Abrams getestete „Advanced Targeting and Lethality Aided System“ (ATLAS) den Panzerbesatzungen lediglich computergenerierte Ziel- und Feueroptionen anbietet. Die Bemühungen der US-Armee, die Kampffähigkeit von Panzern durch den Einsatz von maschinellem Lernen und KI-Technologien zu erhöhen, laufen bereits seit mehreren Jahren. Diese automatisierten Abläufe wurden bisher auf den Einsatz von Maschinenkanonen, also auf Sekundärbewaffnungen von Panzern konzentriert. Jetzt wird diese Technik langsam auf das gesamte komplexe System Panzer erweitert.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
Allerdings ist der mögliche kommende Feind solcher Waffen nicht mehr zwingend hauptsächlich Russland, wie The Warzone schreibt. Der Krieg in der Ukraine hat einerseits den Panzer wieder notwendig gemacht und andererseits seine Verwundbarkeit bewiesen – Drohnen und schultergestützte Panzerabwehr-Waffen sind Bedrohungen der neuen Generation. Darüber hinaus wird der kommende strategische Gegner der USA und des Westens, also der Nato, wahrscheinlich China sein – und diesem Gegner wäre eher mit Schiffen und aus der Luft zu begegnen. Der AbramsX könnte also gleichzeitig seiner Zeit voraus sein und dennoch der gesellschaftlich-politischen Entwicklung hinterherhinken. Und das zu einem vielleicht astronomischen Preis. Das bisherige Modell soll laut der Nachrichtenagentur Reuters mehr als zehn Millionen Euro kosten. Das neue Modell wird kaum günstiger werden.
Zukunftstechnik: wahrscheinlich anfällig, unnütz und teuer
Bill Hartung, Rüstungsexperte am „Quincy Institute for Responsible Statecraft“, äußerte gegenüber der Washington Post, es sei noch zu früh, um zu beurteilen, ob der AbramsX-Panzer ein technologisches Wunderwerk sei. „Viele Leute schauen sich diesen Panzer an und sagen: ‚Wissen Sie, das wird uns in Bezug auf China überhaupt nicht helfen‘“, sagte er. Ihm zufolge sollte die Armee mit Vorsicht vorgehen. Hartung: „Wie das Militär bei anderen Hightech-Maschinen wie dem F-35-Kampfflugzeug gesehen habe, könnten komplexe Waffensysteme ein gemischter Segen sein: Sie sind schwieriger zu warten, anfällig für technische Ausfälle und teurer als erwartet. (Karsten Hinzmann)