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„Junge Menschen sind sozial veranlagt“ und brauchen keinen Pflichtdienst

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Wie kann man junge Leute zum Ehrenamt bewegen, ohne sie zu einem Pflichtdienst zu zwingen? Die Jungen Liberalen haben eine Idee.

Sollen die Menschen in Deutschland per Dienstpflicht zu mehr sozialem Engagement und stärkerem Miteinander gedrängt werden? Der SPD-Fraktionsvize Dirk Wiese knüpfte nun an einen Vorstoß von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an und machte sich für einen sozialen Pflichtdienst stark. Es dauerte nur wenige Stunden, bis Wieses eigene Fraktionsführung dem Vorschlag eine Absage erteilte.

Franziska Brandmann von den Jungen Liberalen (Julis) sieht einen Pflichtdienst wie viele andere FDP-Politiker:innen kritisch. Der Vorstoß von Wiese überrasche sie nicht: „Mit fast schon rührender Regelmäßigkeit wird diese Forderung in der politischen Sommerpause von mittelalten Herren der SPD und der CDU hervorgekramt“, sagt sie zu BuzzFeed News Deutschland. Neue Argumente höre sie jedoch keine.

Ein Pflichtdienst macht Menschen nicht sozial, findet Julis-Vorsitzende

Nach der Sommerpause 2023 wollte Dirk Wiese weiter über die mögliche Einführung eines sozialen Pflichtdienstes diskutieren. Das sagte er der Rheinischen Post am Freitag, 21. Juli „Wir brauchen wieder mehr Respekt im Umgang und ein stärkeres Miteinander im Land“, sagte Wiese. Beides schwinde „im täglichen Umgang und digital, in Freibädern, beim Nichtbilden von Rettungsgassen, im Alltag oder bei AfD-Trollen im Internet“.

Wie aber kann man junge Leute zum Ehrenamt bewegen, ohne sie zu einem Pflichtdienst zu zwingen? Indem man ihnen mehr zutraut, findet Brandmann. „Viele junge Menschen engagieren sich bereits sozial, ganz ohne die Pflicht dazu“, sagt die Julis-Vorsitzende. „Junge Menschen sind sozial veranlagt! Und die, die es nicht sind, werden es nicht plötzlich durch ein dreimonatiges Praktikum, das ist einfach Quatsch.“

Wie kann man junge Leute zum Ehrenamt bewegen, ohne sie zu einem Pflichtdienst zu zwingen?

Hier berichtet ein Rettungsschwimmer übrigens von fehlendem Respekt, den er während seines Jobs erlebt.

Ehrenamt mehr in die Schulen bringen

Statt auf einen Pflichtdienst zu setzen, befürworte sie, das Ehrenamt weiter zu stärken. „Wir JuLis fordern zum Beispiel, ehrenamtliche Initiativen stärker als bisher mit Schulen zu vernetzen und ihre Sichtbarkeit zu erhöhen. Für die Freiwillige Feuerwehr, das Deutsche Rote Kreuz, aber auch die Extremismus-Prävention kann das einen großen Unterschied machen“, sagt Brandmann BuzzFeed News Deutschland.

Im Bereich der Integration setze man auf Patenschaftsprogramme. Außerdem wolle man grundsätzlich Förderzeiträume für ehrenamtliche Projekte erhöhen und wo möglich sogar entfristen, um Planungssicherheit zu gewährleisten.

Pflichtdienst: Ja oder Nein?

Sollte es einen Pflichtdienst geben? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Politik seit mehr als einem Jahr. Schon im Juni 2022 schlug der Bundespräsident Steinmeier den Pflichtdienst vor, worauf Twitter mit neun Gegenvorschlägen reagierte. Ein Professor für nachhaltigen Konsum an der Technischen Universität (TU) Berlin findet ein soziales Pflichtjahr eine gute Idee, weil junge Erwachsene in einer schnelllebigen Welt so zu „Ineffizienz“ gezwungen würden.

Das Thema wird vor dem Hintergrund des Ukraine-Kriegs auch im Zusammenhang mit Nachwuchssorgen bei der Bundeswehr diskutiert. So äußerte die Wehrbeauftragte des Bundestags, Eva Högl (SPD), Sympathien, unter anderem für eine Wehrpflicht, die im Netz wild diskutiert wird. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) machte im Februar 2023 deutlich, dass er gute Argumente für eine allgemeine Dienstpflicht zur Stärkung von Katastrophenschutz, Bundeswehr und Rettungsdiensten sieht.

(Mit Material der dpa)

Rubriklistenbild: © Westend61/IMAGO

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