„Pforten der Hölle“: Ukraine zerstört russischen Stützpunkt
VonKonstantin Ochsenreiter
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Ukrainische Raketen zerstören ein russisches Versteck: Putin setzt indes auf Rekrutierungen und baut offenbar eine strategische Reserve auf.
Kiew – Dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenkskyj scheint ein bedeutender Schlag im Ukraine-Krieg gelungen zu sein: Das 225. Separate Sturmregiment habe eine russische Truppenkonzentration in einem zerstörten Gebäude angegriffen und vernichtet, meldete das ukrainische Portal Defense Express.
Zuletzt erlitt die russische Armee deutliche Verluste – Putin ordnet massive Einberufung an. Ein Ende des Ukraine-Krieges scheint in weite Ferne zu rücken. (Montage)
Neben den Schlägen gegen russische Stellungen liefern neue Analysen Hinweise auf eine veränderte Kriegsführung Moskaus. Das Institute for the Study of War (ISW) meldet sinkende Verluste und führt dies auf kleinere Infanterieeinheiten, Infiltrationstaktiken und modernere Ausrüstung zurück. Gleichzeitig baut der Kreml offenbar eine strategische Reserve auf – sowohl durch massenhafte Rekrutierungen als auch durch das Zurückhalten fabrikneuer Panzerfahrzeuge. Die Lage bleibt damit dynamisch.
Ukraine schlägt zu: „Pforten der Hölle“ vereiteln russische Offensive
Ein Video des Angriffs wurde vom Black Swan Battalion auf dem Telegram-Kanal geteilt. Die Aufnahmen zeigen, wie eine Rakete ein halb zerstörtes Gebäude trifft, in dem russische Truppen Deckung gesucht hatten. Die Explosion legte den Unterschlupf in Schutt und tötete die Infanteristen, die sich offenbar auf eine Offensive vorbereiteten. Laut ukrainischen Soldaten nutzte der Feind das Gebäude als Stützpunkt und lagerte dort Munition und Lebensmittel, die per Drohne geliefert wurden. Dank genauer Aufklärung konnten die Ukrainer die Stellung angreifen, bevor der Angriff begann.
Putin greift die Gas-Infrastruktur an – Ukraine kontert
Zuletzt führte Russland nach Angaben aus Kiew den bislang größten Angriff auf die Gas-Infrastruktur der Ukraine gestartet. Naftogaz-Chef Serhij Koretskyj sprach von Schäden an einem „bedeutenden Teil der Einrichtungen“ und warf der Regierung Moskaus „gezielten russischen Terror“ gegen die zivile Energieversorgung vor. Laut Naftogaz setzten die Angreifer 35 Raketen und 60 Drohnen ein.
Die Ukraine schlug zurück und attackierte eine Erdölraffinerie im Südural – rund 1500 Kilometer von der Grenze entfernt. Auf Videos waren Drohneneinschläge auf dem Gelände der Raffinerie in Orsk zu sehen. Der Gouverneur des Gebiets Orenburg, Jewgeni Solnzew, bestätigte laut der Deutschen Presse-Agentur den Angriff. Verletzte gab es nicht.
Russlands Kriegsführung im Wandel – Verluste sinken
Zuletzt sorgte ein Expertenbericht des ISW für Aufsehen: Der US-Thinktank vermutet eine Anpassung der russischen Kriegsführung. Die Verluste gingen zuletzt stark zurück: von monatlich 32.000 bis 48.000 im ersten Halbjahr auf 29.000 im August und 13.000 in der ersten Septemberhälfte. Das ISW führt den Rückgang auf kleinere Infanteriegruppen, Infiltrationstaktiken und modernere Ausrüstung zurück.
Der Rüstungskonzern Rostec kündigte zudem eine Produktionssteigerung von Schützenpanzern an. Die neuen BMP-3 sollen mit zusätzlicher Panzerung, Anti-Drohnen-Käfigen und flammhemmenden Abdeckungen ausgestattet sein. Sie bieten Platz für sieben Infanteristen und dienen als Feuerschutz bei Angriffen der Infanterie.
Dennoch verweisen westliche Beobachter darauf, dass die neu produzierte Kampfpanzer und Schützenfahrzeuge an der Front bislang kaum gesichtet wurden. La Repubblica berichtet, dass Moskau offenbar fabrikneue T-90M, BMP-3 und BMPT zurückhält. Unter Berufung auf eine russische Quelle, gab das ISW an, dass sich seit Juli 2025 etwa 292.000 Personen beim russischen Verteidigungsministerium unter Vertrag genommen haben. Zum Vergleich, die Bundeswehr zählt derzeit etwa 260.000 Angehörige – allerdings nur 182.984 in Uniform und 80.602 Zivile.
Das Institut folgert aus den Daten, dass Wladimir Putin offenbar eine strategische Reserve ausbaut – und diese zukünftig als Drohkulisse verwenden könnte. Ob Putin seine neue Infiltrationstaktik überwirft, und zu der gefürchteten Fleischwolf-Taktik zurückkehrt, bleibt derweil offen.
Putins Rekrutierungswelle: 135.000 neue Wehrpflichtige
Zusätzlich ordnete der russische Machthaber per präsidialem Dekret die Einberufung von 135.000 Männern zum Wehrdienst an. Eingezogen würden die 18- bis 30-Jährigen in der Zeit vom 1. Oktober bis 31. Dezember, hieß es in dem von der Regierungszeitung Rossijskaja Gaseta veröffentlichten Erlass. Eingesetzt werden dürfen die Rekruten in Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine erst nach dem einjährigen Wehrdienst. Danach müssen sich per Vertrag zum Kriegsdienst verpflichten.
Bisher zieht Russland stets zweimal im Jahr – jeweils im Frühjahr und im Herbst – Wehrpflichtige ein. Im Frühjahr gab es die Rekordzahl von 160.000 neuen Soldaten. Nach einem aktuell im Parlament behandelten Gesetz sollen die Einberufungs- und Musterungsstellen künftig das ganze Jahr arbeiten. Eingezogen zum Dienst in der Armee wird aber weiter vom 1. April bis 15. Juli und vom 1. Oktober bis 31. Dezember. (Quellen: Defense Express, Institute of War, afp, dpa, La Repubblica, Rossijskaja Gaseta, dpa, afp, Bundesministerium der Verteidigung frühere Berichterstattung) (kox)