„Testet rote Linien“

Putin-Provokationen gegen NATO erreichen neues Level – Experten nennen „drei Haupttaktiken“

  • schließen

Von Telegram zu X zu Facebook und von dort in die Köpfe der Menschen: Polen und die Ukraine wirken hilflos gegen die Propaganda von Putins Bloggern.

Warschau – „Die Pro-Kreml-Medien diskutierten nicht über die Substanz – sie formulierten sie neu und überfrachteten die Tagesordnung mit Desinformationstechniken“, schreibt Nexta. Das osteuropäische Medium kritisiert, dass Polens stellvertretender Ministerpräsident Radosław Sikorski am 22. September gegenüber dem UN-Sicherheitsrat Schwierigkeiten gehabt haben soll, gegen Wladimir Putins Propaganda die Bedrohlichkeit der Verletzungen des polnischen beziehungsweise estnischen Luftraums darzustellen. Nexta wirft Wladimir Putin in einem Post auf X vor, Vorfälle zu verharmlosen und stattdessen eigene Themen auf die Agenda zu setzen. Als Schuldiger gilt in Russlands Rhetorik ganz klar die Ukraine.

Treffer mitten ins Herz: Ein polnischer Soldat der 3. Podkarpacka Territorial Defense Brigade trainiert mit einem 8,6-mm-SAKO TRG M10-Scharfschützengewehr – Russland setzt auf eine subtilere Strategie. Mit Propaganda via Sozialer Medien soll die Sicherheit in die eigene Souveränität perforiert werden (Symbolfoto).

Sikorski habe in seiner Rede erklärt, der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen sei zum zweiten Mal innerhalb von zehn Tagen als Reaktion auf die Provokationen Russlands zusammengetreten. Im Fall Polens sei der polnische Luftraum durch russische Drohnen verletzt worden. Die russische Provokation gegenüber Estland habe darin bestanden, dass drei MiG-31-Kampfflugzeuge illegal die Luftgrenze des Landes überquerten, wie die polnische Regierung in einer Presseerklärung mitteilt: „Der russische Diktator habe sich bereit erklärt, von der Konfrontation zum Dialog überzugehen. ‚Leider erleben wir das Gegenteil: Die russischen Provokationen eskalieren immer mehr‘, sagte Außenminister Sikorski.“

Ukraine-Krieg schwappt nach Westen: „Der Kreml testet die roten Linien der NATO“

Dialog wird in Russland scheinbar anders definiert: „Der Kreml testet die roten Linien der NATO, während seine Propagandamaschinerie die Spuren eines schleichenden Krieges verwischt“, schreibt Lesia Bidochko. Die Autorin der in Breslau sitzenden Nichtregierungsorganisation „Jan-Nowak-Jeziorański-Kolleg für Osteuropa“ verweist auf die gleichen Prinzipien der Darstellung über dem Drohnenvorfall, die der Kreml auch schon als Begründung des Ukraine-Krieges angeboten hatte – also auf „drei Haupttaktiken: Leugnung, Schuldzuweisung an die Ukraine und Verharmlosung des Vorfalls durch Manipulation der offiziellen NATO-Erklärung. Diese Strategien zielen darauf ab, Russlands Rolle zu verschleiern und Zweifel beim Publikum zu säen“. Die Menschen zum Zweifeln zu bringen, ist ein sicheres Indiz für einen hybriden Krieg.

Hybrider Krieg – Kampf ohne Schusswaffen

„In modernen Konfliktszenarien setzen Angreifer auf eine Kombination aus klassischen Militäreinsätzen, wirtschaftlichem Druck und Cyberangriffen bis hin zu Propaganda in den Medien und sozialen Netzwerken. Dieses Vorgehen wird auch als ‚hybride Taktik‘ oder ‚hybride Kriegsführung‘ bezeichnet. Konkrete Beispiele dafür sind gezielte Falschinformationen und -meldungen in den Medien, Beeinflussung des Meinungsklimas und Wahlbeeinflussung in liberalen Demokratien und offenen Gesellschaften.“ 

Quelle: Bundesministerium der Verteidigung

„Wir haben eingegriffen, wir greifen ein und wir werden eingreifen … Sorgfältig, präzise, ​​chirurgisch und auf unsere Art und Weise, so wie wir es kennen. Bei unseren punktgenauen Operationen werden wir beide Nieren und die Leber gleichzeitig entfernen“, schreibt Maksim Markelow über eine Aussage, die Jewgeni Prigoschin zugeschrieben wird – dem Führer der Söldnertruppe „Wagner“. Der Autor erinnert in The Conversation an die 2013 durch Prigoschin gegründete „berüchtigte russische ‚Trollfabrik‘“, die Internet Research Agency – eine Agentur zur Einflussnahme via Sozialer Medien.

Deutschland nicht in den Top 3: Die Nato-Länder mit den größten Truppenstärken

Nato-Übung „Arctic Defender 2024“
Die Nato ist das größte militärische Verteidigungsbündnis der Welt. Der Nordatlantikpakt („North Atlantic Treaty Organization“) soll die territoriale Souveränität der Mitgliedsstaaten sichern und im Kriegsfall verteidigen. Dafür gibt es die Beistandsklausel im Gründungsvertrag der Nato. Die Truppenstärke aller Nato-Länder zusammengerechnet umfasste 2025 nach vorläufigen Zahlen rund 3,4 Millionen Soldaten und Soldatinnen.  © Kay Nietfeld/dpa
US-Armee Nato
Dem „Global Firepower Index“ zufolge stellen die USA mit rund 1,328 Millionen Soldatinnen und Soldaten die größte Nato-Truppe. Im Kampfeinsatz vertraut die US-Armee auch auf den Chinook-Hubschrauber. Der CH-47 ist bekannt für seine Fähigkeit, schweres Material und Personal in unwegsames Gelände zu transportieren. Im Bild ist eine gemeinsame Übung von Südkorea und den USA in Yeoncheon zu sehen. © Jung Yeon-Je/AFP
Militär Türkei
Das zweitgrößte Militär der Nato-Mitgliedstaaten kommt aus der Türkei (Truppenstärke: 355.200). Die Armee gilt als eine der stärksten der Welt. Anhand von mehr als 60 Einzelfaktoren analysieren die Fachleute von „Global Firepower Index“ die militärische Gesamtstärke der Armeen. Türkei, die seit 1952 Mitglied der Nato ist, belegt hier unter 145 Armeen den neunten Platz. © Tunahan Turhan/Imago
Polnische Armee
In der Nato-Rangliste der Truppenstärke liegt Polen auf Platz drei. Die polnischen Streitkräfte verfügen über 202.100 aktive Soldatinnen und Soldaten. Die Streitkräfte sind seit 2010 eine Berufsarmee und gliedern sich wie folgt: Heer, Marine, Luftwaffe, Spezialkräfte, Territorialverteidigung (Freiwilligenmiliz). © Radek Pietruszka/dpa
Frankreich Macron
Platz vier in der Nato-Rangliste belegt Frankreich (Truppenstärke: 200.000). Frankreich ist seit dem EU-Austritt des Vereinigten Königreichs die einzige Atommacht in der Europäischen Union. Der französische Staatspräsident ist Oberbefehlshaber der Streitkräfte und die einzige Person, die einen nuklearen Angriff befehlen kann. Hier hält Präsident Emmanuel Macron (Mitte) eine Rede vor zwei Kampfjets vom Typ Dassault Mirage 2000 (links) und vom Typ Dassault Rafale (rechts). © Ludovic Marin/AFP
Britische Armee bei einer Übung in Finnland
Die Streitkräfte des Vereinigten Königreichs gliedern sich in drei Teilstreitkräfte und umfassen ungefähr 184.860 Soldatinnen und Soldaten. Bei einer Übung in der Nähe von Rovaniemi am Polarkreis testet die Armee hier die mobile Haubitze Archer.  © Ben Birchall/dpa
Pistorius-Besuch in Litauen
Auf Platz sechs in der Nato-Rangliste liegt die Bundesrepublik Deutschland. Die Bundeswehr umfasst das Heer, die Luftwaffe, die Marine, den Cyber- und Informationsraum, sowie den Unterstützungsbereich. Aktuell gibt es rund 181.600 aktive Soldatinnen und Soldaten in Uniform. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD, rechts) erlebt die Fähigkeiten eines Leopard-2-Panzers auch schon mal aus nächster Nähe. © Alexander Welscher/dpa
Tag der italienischen Streitkräfte 2021
Die italienische Kunstflugstaffel „Frecce Tricolori“ fliegt am Tag der italienischen Streitkräfte über das Denkmal des Unbekannten Soldaten hinweg. Mit einer Truppenstärke von 165.500 Soldatinnen und Soldaten belegt Italien in der Nato-Rangliste den siebten Platz.  © Giuseppe Lami/dpa
Griechenland Militär
Kampfjets, Kriegsschiffe, Drohnenabwehrsysteme: Griechenland rüstet auf. Die Regierung will Milliarden investieren, um ihr Militär stärker zu machen als je zuvor. Aktuell verfügen die griechischen Streitkräfte (hier bei einer Militärparade in Athen) über eine Truppenstärke von 142.700 aktiven Soldatinnen und Soldaten. © Kostas Galanis/Imago
Luftlandeübung Swift Response
Noch eine weitere Armee der Nato verfügt über mehr als 100.000 aktive Soldatinnen und Soldaten: Spanien (Truppenstärke: 133.282). Allerdings ist das Land weit davon entfernt, das Zwei-Prozent-Ziel der Nato zu erreichen: Mit knapp 1,3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ist Spanien sogar Schlusslicht in der Nato.  © Kay Nietfeld/dpa
Air Police Übung der Nato in Rumänien
Ein Kampfflugzeug vom Typ F-16 der rumänischen Luftwaffe steht auf dem rumänischen Luftwaffenstützpunkt in Borcea. Rumänien liegt in der Nato-Rangliste auf Platz zehn (Truppenstärke: 81.300).  © Kathrin Lauer/dpa
Kanada - Snowbirds bei Flugtag
Kanada verfügt über rund 68.000 aktive Soldatinnen und Soldaten. In Canadian Army, Royal Canadian Navy und Royal Canadian Air Force dienen nur Freiwillige. Die Kunstflugstaffel der Air Force ist unter dem Namen „Snowbirds“ bekannt. Die Schneevögel sind ein Symbol Kanadas. © Patrick Doyle/dpa
Ungarn Militär
Die H225M Caracal ist ein taktischer Mehrzweck- und Transporthubschrauber mit großer Reichweite. Benutzt wird er unter anderem von Ungarn (Truppenstärke: 41.600).  © Sergey Kohl/Imago
Abschluss der Nato-Übung Quadriga 2024
Niederländische Kräfte nehmen an der Quadriga-Übung 2024 teil. Die Niederlande liegt auf Platz 13 der Nato-Rangliste (Truppenstärke: 41.380). Die Regierung will die Stärke der nationalen Streitkräfte allerdings deutlich erhöhen. © Kay Nietfeld/dpa
Bulgarien Militär
Seit 2004 ist Bulgarien Nato-Mitglied. Die bulgarischen Streitkräfte bestehen aus den Teilstreitkräften Heer, Marine, Luftstreitkräfte. Derzeit umfasst das Militär in Bulgarien etwa 37.000 Frauen und Männern. © Vassil Donev/dpa
Kriegsende-Gedenken - Tschechien
Flugzeuge hinterlassen am Himmel farbige Spuren in den Nationalfarben Tschechiens anlässlich der Feierlichkeiten zum Tag des Sieges über Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg. Tschechien verfügt über 28.000 aktive Soldatinnen und Soldaten. © Kamaryt Michal/dpa
Belgische Kronprinzessin schwitzt beim Militär-Sommercamp
Die Streitkräfte aus Belgien untergliedern sich in Heer, Marine, Luftstreitkräfte und medizinisches Korps. Es gibt rein niederländisch- und rein französischsprachige Einheiten. Im Jahr 2022 trainierte auch die belgische Kronprinzessin Elisabeth (2. von rechts) in einem Bootcamp der Königlichen Militärschule ihre Führungsqualitäten. Belgien liegt in der Nato-Rangliste auf Platz 16 (Truppenstärke: 25.000). © Erwin Ceupp/dpa
Schwedische Nato-Truppen in Lettland stationiert
Die schwedischen Streitkräfte bestehen aus den vier Teilstreitkräften: Heer, Marine, Luftstreitkräfte, Heimwehr. Seit dem 7. März 2024 ist Schweden (Truppenstärke: 24.400) das 32. Mitglied der Nato. © Alexander Welscher/dpa
80. Jahrestag der Schlacht von Arnheim
Fallschirmjäger aus acht Nato-Mitgliedsländern (Deutschland, Griechenland, Niederlande, Polen, Portugal, Spanien, Vereinigtes Königreich und USA) springen hier zum Gedenken an den Jahrestag der Schlacht von Arnheim auf der Ginkelschen Heide ab. Portugals Truppenstärke beträgt 24.000 Frauen und Männer.  © Ben Birchall/dpa
Raketensschiff Pori der finnischen Marine
Das Raketensschiff Pori der finnischen Marine bricht vom Suomenlinna-Pier in Helsinki zur Nato-Operation „Enhanced Vigilance Activity“ in der Ostsee auf. Auch Finnland verfügt über 24.000 aktiven Soldatinnen und Soldaten. © Vesa Moilanen/dpa
Militärübung „Nordic Response“ in Norwegen
Norwegische Soldaten sitzen während der Militärübung „Nordic Response 24“ auf Schneemobilen. Die Streitkräfte bestehen aus dem Heer, der Marine, der Luftwaffe und der milizartig organisierten Heimwehr. Mit einer Truppenstärke von 23.250 Frauen und Männer belegt Norwegen Platz 20 in der Nato-Rangliste. © Jouni Porsanger/dpa
Deutsche Brigade in Litauen
Litauische Soldaten legen nach einem Schießtraining bei Rudninkai in dem Areal, wo die deutsche Brigade in Litauen stationiert werden soll, eine Pause ein. Die Truppenstärke von Litauen beträgt 23.000 Frauen und Männer. © Kay Nietfeld/dpa
The Royal Life Guards
Rekruten der Royal Life Guards aus Dänemark überqueren auf dem Truppenübungsplatz Kulsbjerg bei Vordingborg das Wasser. Dänemarks Militär verfügt derzeit über etwa 20.000 aktive Soldatinnen und Soldaten. © Mads Claus Rasmussen/Imago
Luftwaffe bildet slowakische Soldaten an Flugabwehrsystem aus
Slowakische Soldaten trainieren an einem Flugabwehrsystem. Seit 2004 ist die Slowakei Mitglied der Nato. Die Truppenstärke des Militärs beträgt 19.500 Frauen und Männer. © Marcus Brandt/dpa
Lettland Militär Parade
imago80894560.jpg © Victor Lisitsyn/Imago
Militärmanöver in Kroatien
Kroatien verfügt über 14.325 aktive Soldatinnen und Soldaten. Die Streitkräfte werden umgangssprachlich meist als „Hrvatska vojska“ (Kroatische Armee) bezeichnet. Kroatien ist seit April 2009 Mitglied der Nato. © dpa
Mazedonien Namensänderung
Die Armee der Republik Nordmazedonien (Truppenstärke: 9000) gliedert sich in ein Heer mit angeschlossenen Luftstreitkräften (Heeresflieger). Aufgrund der Binnenlage des Landes gibt es keine eigenständige Marine.  © Dragan Perkovksi/dpa
Kaja Kallas
Am 15. Mai 2024 besuchte die damalige estnische Premierministerin Kaja Kallas die gemeinsame Übung „Spring Storm“ der estnischen Streitkräfte (Truppenstärke: 7700) und der alliierten Nato-Streitkräfte in Pärnu. © Jussi Nukari/Imago
Slowenien
Sloweniens Truppenstärke beträgt 7300 Frauen und Männer. Die Streitkräfte unterstehen dem Verteidigungsministerium. Die für den Schutz der 46 Kilometer langen Adriaküste zuständige Marine und die Luftstreitkräfte sind keine selbständigen Teilstreitkräfte. © Zeljko Stevanic/Imago
Albanien
Seit 2010 hat Albanien eine Berufsarmee. Sie besteht derzeit aus 6600 aktiven Soldatinnen und Soldaten. Das Joint Force Command bildet ein Hauptquartier, dem die drei Teilstreitkräfte Heer, Luftwaffe und Marine unterstehen. © Imago
Montenegro
Die seit 2006 aufgebauten Streitkräfte von Montenegro umfassen 2350 Frauen und Männer und gelten heute als eine funktionierende Kleinarmee in Europa. Montenegro ist seit Juni 2017 Mitglied der Nato. © Imago
Luxwemburg
Die Armee Luxemburgs umfasst die Streitkräfte des Großherzogtums Luxemburg. Sie besitzt eine leichtbewaffnete, Freiwilligenarmee (Truppenstärke: 1000). Die luxemburgische Armee ist in ein Infanteriebataillon mit zwei Aufklärungskompanien gegliedert. Mit einer dieser beiden Kompanien beteiligt sich Luxemburg am Eurokorps. © Berit Kessler7Imago
Eurofighter über Island. (Archivbild)
Ein Eurofighter fliegt bei der Übung „Rapid Viking 2023“ über Island. Der hohe Norden gewinnt zunehmend an geopolitischer Bedeutung. Nato-Mitglied Island selbst verfügt über keine eigene Armee. © Britta Pedersen

Auch Lesia Bidochko bemerkt in ihrer aktuellen Analyse zu den aktuellen Drohnenaktivitäten an der NATO-Nordflanke eine rasant steigende Zahl von Posts, die die westliche Interpretation der Adressaten für absurd erklären: Polen rufe Alarm aus, obwohl keine erkennbare Bedrohung vorliege, weil die Drohnen keine russischen seien; das sei eine Version der Darstellungen, so Bidochko: „Propagandisten behaupten, Warschau und Europa würden die Spannungen absichtlich eskalieren, um Aktionen gegen russische Shahed-136-Drohnen über der Ukraine zu rechtfertigen“, fasst sie zusammen. Als Beispiel dient ihr der Telegram-Kanal eines möglichen „Milbloggers“ mit 1,2 Millionen Followern – dieser pro-Ukraine-Krieg argumentierende, womöglich aus dem militärischen Umfeld stammende, Blogger hatte sich kategorisch gegen die westliche Darstellung geäußert, so Bidochko.

Putins Propaganda arbeitet offensiv: „Hört auf, den Polen Angst einzujagen“

„Das sieht nach einer Tarnoperation für Aktionen der polnischen Luftabwehr und Luftwaffe gegen unsere ‚Geraniums‘ über der Westukraine aus. Es gibt keine Hinweise darauf, dass Geraniums nach Polen gelangt sind. Hört auf, den Polen Angst einzujagen“, hieß es in dem Post. Mit diesen und anderen millionenfach verbreiteten Nachrichten sei Russland nicht nur in den polnischen Luftraum eingedrungen, sondern auch in den Cyberspace, schreibt Sam Clarke. Zweifel würden gesät gegenüber Fakten, benennt Nexta in seinem Post auf X eine der primären Strategien Russlands im Verhältnis zu den verfeindeten westlichen Staaten. Laut dem Autor des Magazins Politico sei Russland darauf fokussiert, die Ukraine als den Schuldigen und Polens „Sicherheitsdienste als schwach und verwirrt darzustellen“, so Clarke.

Und das wird schlimmer werden, vermutet Maksim Markelov in The Conversation: Mit der Weiterentwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI) könnten Desinformationskampagnen Inhalte immer ausgefeilter aufarbeiten und verbreiten. Wie weit die KI die Propaganda-Kampagnen Russlands indes schon durchsetzt hat, ist aber unbekannt; das würde auch wenig an der strategischen Ausrichtung Russlands ändern: Fakten zu verdrehen und Unsicherheit zu schüren. Lesia Bidochko vermutet, dass gerade mit den Übergriffen – vermutlich – Russlands gegenüber der polnischen, dänischen und estnischen völkerrechtlichen Integrität deren Bereitschaft zur Unterstützung der Ukraine untergraben werden soll. Mit einer perfiden Strategie, woran Bidochko erinnert.

Experten sicher über Russlands Megaphone: Der Social-Media-Dienst Telegram als Wurzel allen Übels

Blogger mit zum Teil zwei Millionen Followern sollen anhand der Harmlosigkeit der Drohnen-Überflüge argumentiert haben, dass die fehlenden Schäden Beweis genug wären, dass die Drohnen keine aus Russland gesandten hätten sein können: „Hätte es sich um eine russische Drohne gehandelt, wäre die Zerstörung weitaus größer gewesen“, soll ein Milblogger veröffentlicht haben. Möglicherweise ist Polen neben den baltischen Staaten der Boden, auf dem Zweifel am fruchtbarsten gedeihen. Anders als beispielsweise Deutschland sind die polnischen Militärs ständig wachsam gegenüber der globalen Entwicklung – niemand aus der Verteidigungsallianz ist dem Gegner näher, keine zweite Bevölkerung spürt die Angst stärker im Nacken.

Die heute gültige polnisch-russische Grenze verläuft fast geradlinig etwa 232 Kilometer lang zwischen der Republik Polen und der Verwaltungseinhalt (Oblast) Kaliningrad in der Russischen Föderation. Das Kaliningrader Gebiet ist eine Exklave, also getrennt vom übrigen russischen Territorium. Zudem trennt eine 418 Kilometer lange Grenze das EU- und NATO-Mitglied von Russlands engstem Verbündetem Belarus. Im Zeitalter digitaler Medien sind Grenzen nahezu obsolet geworden. Telegram finde in Polen wenige Adressaten, erklärt die BBC, „doch Experten sagen, dass Falschmeldungen dort unter extremistischen Gruppen verbreitet und dann auf andere Plattformen mit größerer Reichweite übertragen werden“. Der Social-Media-Dienst Telegram gelte als Wurzel allen Übels, sagt Aleksy Szymkiewicz.

Die BBC zitiert den Analysten der polnischen Faktencheck-Organisation Demagog mit einer ernüchternden Prognose: „Dort werden zunächst falsche oder manipulative Behauptungen gepostet – dann verbreiten sie sich auf größeren Plattformen wie X. Und von X gelangen sie dann beispielsweise in Diskussionen in Facebook-Gruppen“, so Szymkiewicz gegenüber der BBC. Ihm zufolge könne Beeinflussung über diese Kanäle auch sehr viel subtiler erfolgen, als jetzt im Falle der Drohnenaktivitäten diskutiert werde. Und das beträfe neben Polen auch andere westliche Länder mit Themen, die sogar gesellschaftlichen Widerhall finden könnten, wie ihn die BBC zitiert: „Polen zeige derzeit Anzeichen einer Flüchtlingsmüdigkeit, die teilweise auf antiukrainische Propaganda zurückzuführen sei.“ (Quellen: Regierung Polen, Jan-Nowak-Jeziorański-Kolleg für Osteuropa, Nexa, The Conversation, Politico, BBC) (hz)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Artur Widak

Kommentare