- VonBettina Menzelschließen
Washington will seine Herstellung von Artilleriegeschossen verdreifachen: Ab kommendem Jahr sollen mehr als eine Million Schuss vom Band laufen. Ein Teil davon ist für die USA selbst bestimmt.
Kiew – Im Ukraine-Krieg ist Munition eine wichtige Ressource. Um für Nachschub zu sorgen, wählt Kiew auch unkonventionelle Methoden. So stellen ukrainische Kämpfer und Freiwillige etwa Bomben in 3D-Druckern her. Angesichts des immensen Granatenhungers der Ukraine beeilen sich die USA nun, ihre Produktion anzukurbeln. Künftig sollen pro Monat 80.000 statt wie bislang 24.000 155-Millimeter-Artilleriegeschosse vom Band laufen.
Ukraine verbraucht fast zehnmal mehr Munition pro Monat, als Verbündete produzieren
Der Mangel an 155-Millimeter-Projektilen etwa für die Panzerhaubitze 2000 ist groß. Wie viele Geschosse die Ukraine täglich verbraucht, ist aus Sicherheitsgründen unter Verschluss. Schätzungen reichen aber von 90.000 bis 140.000 Schuss pro Monat, wie Militärexperte Jack Watling der Washington Post sagte. Anonym sprach ein ukrainischer Militär gegenüber der US-Zeitung sogar von 7700 Geschossen pro Tag, das entspräche monatlich über 230.000 Schuss. Die Produktion hinkt da deutlich hinterher. In der EU liefen vor Beginn des Krieges pro Monat 14.500 Artilleriegeschosse vom Band und die hergestellte Menge kletterte seitdem nur mühsam. Die Herstellung der USA ist mit monatlich 24.000 Schuss zwar deutlich höher, doch auch das reicht nicht aus, um den Hunger der Ukraine nach Munition zu stillen.
In Kürze wollen die USA daher ihre Produktion von 155-Millimeter-Artilleriemunition auf 28.000 Stück pro Monat erhöhen, sagte der stellvertretende Heeresminister für Beschaffung, Douglas Bush, am Montag bei einem Pressetermin, wie Business Insider berichtete. Schon im kommenden Jahr soll die produzierte Anzahl dann bei 80.000 Granaten pro Monat liegen. Unterm Strich werde man aber letztendlich über eine Million Geschosse pro Jahr produzieren – in erster Linie, um die Ukraine zu unterstützen. Es ginge aber auch darum, eigene Bestände aufzufüllen und für die Verbündeten genügend Munition zur Verfügung zu haben. Man habe in mehrere Anlagen investiert und arbeite mit einer Reihe von Partnern aus der Industrie zusammen, hieß es von Bush dazu, wie Washington dieses hochgesteckte Ziel in so kurzer Zeit erreichen will.
Zwei Millionen Schuss Artillerie von USA an Ukraine – lediglich 25.000 kommen aus Deutschland
Bislang gingen US-Militärhilfen in Höhe von 43 Milliarden US-Dollar an die Ukraine, darunter auch zwei Millionen Schuss Artilleriemunition. Die Bundesregierung lieferte eigenen Angaben zufolge indes lediglich etwa 25.000 Stück der 155-Millimeter-Projektile (Stand: 4. August 2023). Auch Deutschland will die Produktion deutlich ankurbeln: 600.000 Artilleriegeschosse pro Jahr könnten laut Rheinmetall-Chef Armin Pappberger ab 2024 auch hierzulande produziert werden. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) kündigte im Juli an, in den kommenden Jahren 20 Milliarden Euro in die Munitionsproduktion investieren zu wollen. „Ohne Munition nutzen die modernsten Waffensysteme nichts, auch wenn sie einsatzbereit auf dem Hof stehen“, so der Minister. Erste Pakete von jeweils 20.000 Geschossen seien für dieses und kommendes Jahr anvisiert, hieß es.
Aus Expertensicht setzen ukrainische Truppen die Geschosse effektiver ein als Russland und verbrauchen dadurch unterm Strich deutlich weniger. Zu Beginn des Krieges wurde das Verhältnis auf eins zu zehn geschätzt: Auf 5000 ukrainische Schuss kamen demnach rund 50.000 russische Geschosse. Doch im Zentrum der militärischen Auseinandersetzungen zwischen Moskau und Kiew stehen Artilleriekämpfe. Dabei verbrauchen beiden Seiten viel Munition. Besonders um die massiven Bollwerke aus Panzersperren und Minenfelder der Russen zu durchdringen, lässt sich nicht sparen. „Dort, wo man durchbrechen will, muss man massiv Artillerie einsetzen, um auf einem engen Raum den Gegner so niederzuhalten, dass man mit Panzern und Infanterie herankommen kann [...] durchbrechen und dann in die Tiefe stoßen kann“, sagte Militärexperte Wolfgang Richter dem Sender ProSieben.