14-Jährige Islamistin sticht mit Messer zu – wie TikTok unsere Kinder zu Terroristen macht
VonPeter Sieben
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Eine Jugendliche aus Paderborn plante offenbar einen Anschlag. Der Fall zeigt ein Phänomen: Die Zahl minderjähriger Radikalisierter wächst rasant. Eine Analyse.
Sie ist fast noch ein Kind – und gilt längst als gefährliche Islamistin. Der Fall einer Jugendlichen aus dem Kreis Paderborn in Nordrhein-Westfalen sorgt bundesweit für Aufsehen. Im vergangenen Jahr musste die Polizei das damals erst 13 Jahre alte Mädchen rund um die Uhr überwachen. Denn es gab wohl konkrete Hinweise, dass sie einen Anschlag auf Polizisten plante. Im August verletzte die Jugendliche dann eine Betreuerin in einer psychiatrischen Klinik schwer.
Zwischenzeitlich lebte die inzwischen 14-Jährige, die sich womöglich im Internet radikalisiert hat, in einer geschlossenen Psychiatrie. Jetzt wohnt sie Berichten zufolge auf einem abgesicherten Gelände – das ebenfalls permanent überwacht wird. Der Fall zeigt: Die Gefahr durch Radikalisierung ist groß, und die Frage, wie der Rechtsstaat mit radikalisierten, straffällig gewordenen Jugendlichen umgehen soll, ist komplex. Experten warnen derweil davor, dass sogenannte IS-Rückkehrer in Zukunft zu einem weiteren Sicherheitsproblem werden könnten.
14-jährige Islamistin: Radikale Netzwerke haben es auf Kinder abgesehen
Radikale Islamisten haben es vor allem auf ganz junge Menschen abgesehen, die sie im Internet ködern. Bewegungen wie die „Generation Islam“ nutzen soziale Medien wie TikTok, um radikalislamische Ideologien zu verbreiten. Das Langzeit-Ziel: Der Kampf gegen die aus ihrer Sicht „Ungläubigen“ und die Errichtung eines Kalifats – auch in Deutschland. Die Mittel, die sie nutzen, um Menschen für ihre Sache zu gewinnen, sind vergleichbar mit aktuellen Propagandatricks von Rechtsextremisten, sagen Experten. Auffällig: Die Radikalen werden immer professioneller und damit erfolgreicher. Expertinnen und Experten von Aussteigerprogrammen berichten, dass die Zahl von Radikalisierten, die noch minderjährig sind, deutlich zunehme: Manche seien kaum dem Grundschulalter entwachsen. In Westeuropa sind nach Zahlen von Sicherheitsbehörden fast 70 Prozent aller Terrorverdächtigen Teenager.
Die „Generation Islam“ oder die inzwischen verbotene Gruppe „Muslim Interaktiv“ haben über Jahre bei Youtube oder Tiktok eine große Followerschaft aufgebaut, ihre Videos und Beiträge wurden zehntausendfach gelikt und geteilt. Sicherheitsbehörden werten tausende Videos aus, in denen Hassprediger ihrem jungen Publikum vermeintliche Lebenstipps gibt. Etwa solche: Eine Laufbahn als Polizist? Auf keinen Fall, das sei haram, also nach den Gesetzen der islamischen Scharia verboten. Einer Frau die Hand geben? Nein, lieber nicht. Clips von Influencern mit Namen wie El Azzazi oder Asanov werden millionenfach aufgerufen und gelikt. „Das ist schwer erträglich, dass es Applaus gibt für diese menschenverachtende Ideologie und ein Rollenverständnis aus dem Mittelalter“, kommentierte das NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) vor einiger Zeit.
Die Methoden der Extremisten sind perfide, sie bieten ganz bewusst vermeintlich einfache Lösungen für Alltagsprobleme von Teenagern und platzieren nach und nach ihre radikale politische Propaganda. Dazu nutzen sie aktuell auch zugespitzte Slogans über den Krieg in Israel oder im Iran. Klar sei: Niemand werde als Terrorist geboren, sagte der renommierte Extremismusforscher Florian Hartleb kürzlich im Interview mit unserer Redaktion: „Wenn Jugendliche in ihrer Identitätssuche oder bei Problemen wie Mobbing oder auch Liebeskummer keine Hilfe bekommen, kanalisieren sie bisweilen ihre Nöte auf alternativen Wegen.“ Manche würden dann empfänglich für politische Radikalisierung. „Und dann spielt es auch keine Rolle, ob es sich um Rechtsradikalismus oder Islamismus handelt, die Strukturen dahinter sind im Grunde gleich.“
Experten beobachten, dass der radikale Islamismus sich parallel zu einem friedlichen Islam in Deutschland immer fester etabliert. Dahinter stecke auch politisches Versagen, sagt etwa Autorin Seyran Ateş, die in Berlin eine progressive Moschee mitgegründet hat, im Gespräch mit unserer Redaktion. „In Deutschland wird der liberale Islam nicht gefördert. Im Gegenteil, stattdessen hofiert die Politik islamistische Verbände wie Ditib oder auch Millî Görüş seit Jahrzehnten. Sie sind gut vernetzt, haben Lobbyismus betrieben.“ Manche Beobachter glauben, dass dieser sogenannte legalistische Islamismus dem gewaltbereiten Islamismus zumindest Tür und Tor öffnet.
Taliban an der Macht: Die Geschichte der Radikalislamisten in Afghanistan
Derweil werden Zeltlager im Nahen Osten, in denen ganze radikalisierte Familien festgehalten werden, zum Sicherheitsrisiko. Beispiel: der Fall Lydia G. aus Bayern. Nach Recherchen von Ippen.Media und dem Bayerischen Rundfunk (BR) gehört G. zu den Frauen mit Deutschlandbezug, die vorübergehend in einem der beiden kurdischen Gefängnis-Zeltlager al-Hol oder Rodsch im Norden Syriens festsaßen. Am 30. April letzten Jahres ist sie mit ihren vier minderjährigen Kindern in einem Flugzeug der Bundeswehr zurück nach Deutschland gebracht worden. Vor elf Jahren war sie offenbar über die Türkei nach Syrien gelangt, wo sich ihr damaliger Mann aufhielt, der sich der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) angeschlossen hatte.
In Rodsch und al-Hol leben schätzungsweise mehr als 50.000 Menschen, viele sind Frauen und Kinder von Kämpfern des IS. Darunter sind außerdem rund 10.000 Männer und minderjährige Jungen – mutmaßliche ehemalige IS-Kämpfer, die sich teils seit Jahren dort in Gefängnisbauten aufhalten. Derweil besteht die Sorge, dass angesichts der unsicheren Entwicklungen in Nahost die Bewachung der Gefängnisse zusammenbricht und zahlreiche IS-Anhänger die Chance nutzen könnten, auf eigene Faust zu entkommen und etwa unbemerkt in Deutschland unterzutauchen.
Gefahr durch Rückkehrer: IS-Lager in Nahost sind „tickende Zeitbomben“
Der Grünen-Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende der deutsch-türkischen Parlamentariergruppe, Max Lucks, nannte im Gespräch mit dieser Redaktion vor einiger Zeit die syrischen Zeltlager eine „tickende Zeitbombe“. „Die IS-Terroristen und -Terroristinnen radikalisieren sich dort immer mehr. Wenn dieses Netzwerk aus Al-Hol heraustritt, haben wir ein weltweites Sicherheitsproblem“, so Lucks. „Deutsche Staatsbürger, die dort noch sitzen, müssen auch vor deutsche Gerichte“, forderte der Politiker.