„Schwer erträglich“

14-Jährige Islamistin sticht mit Messer zu – wie TikTok unsere Kinder zu Terroristen macht

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Eine Jugendliche aus Paderborn plante offenbar einen Anschlag. Der Fall zeigt ein Phänomen: Die Zahl minderjähriger Radikalisierter wächst rasant. Eine Analyse.

Sie ist fast noch ein Kind – und gilt längst als gefährliche Islamistin. Der Fall einer Jugendlichen aus dem Kreis Paderborn in Nordrhein-Westfalen sorgt bundesweit für Aufsehen. Im vergangenen Jahr musste die Polizei das damals erst 13 Jahre alte Mädchen rund um die Uhr überwachen. Denn es gab wohl konkrete Hinweise, dass sie einen Anschlag auf Polizisten plante. Im August verletzte die Jugendliche dann eine Betreuerin in einer psychiatrischen Klinik schwer.

Das Zeltlager al-Hol im Nordosten Syriens

Zwischenzeitlich lebte die inzwischen 14-Jährige, die sich womöglich im Internet radikalisiert hat, in einer geschlossenen Psychiatrie. Jetzt wohnt sie Berichten zufolge auf einem abgesicherten Gelände – das ebenfalls permanent überwacht wird. Der Fall zeigt: Die Gefahr durch Radikalisierung ist groß, und die Frage, wie der Rechtsstaat mit radikalisierten, straffällig gewordenen Jugendlichen umgehen soll, ist komplex. Experten warnen derweil davor, dass sogenannte IS-Rückkehrer in Zukunft zu einem weiteren Sicherheitsproblem werden könnten.

14-jährige Islamistin: Radikale Netzwerke haben es auf Kinder abgesehen

Radikale Islamisten haben es vor allem auf ganz junge Menschen abgesehen, die sie im Internet ködern. Bewegungen wie die „Generation Islam“ nutzen soziale Medien wie TikTok, um radikalislamische Ideologien zu verbreiten. Das Langzeit-Ziel: Der Kampf gegen die aus ihrer Sicht „Ungläubigen“ und die Errichtung eines Kalifats – auch in Deutschland. Die Mittel, die sie nutzen, um Menschen für ihre Sache zu gewinnen, sind vergleichbar mit aktuellen Propagandatricks von Rechtsextremisten, sagen Experten. Auffällig: Die Radikalen werden immer professioneller und damit erfolgreicher. Expertinnen und Experten von Aussteigerprogrammen berichten, dass die Zahl von Radikalisierten, die noch minderjährig sind, deutlich zunehme: Manche seien kaum dem Grundschulalter entwachsen. In Westeuropa sind nach Zahlen von Sicherheitsbehörden fast 70 Prozent aller Terrorverdächtigen Teenager.

Die „Generation Islam“ oder die inzwischen verbotene Gruppe „Muslim Interaktiv“ haben über Jahre bei Youtube oder Tiktok eine große Followerschaft aufgebaut, ihre Videos und Beiträge wurden zehntausendfach gelikt und geteilt. Sicherheitsbehörden werten tausende Videos aus, in denen Hassprediger ihrem jungen Publikum vermeintliche Lebenstipps gibt. Etwa solche: Eine Laufbahn als Polizist? Auf keinen Fall, das sei haram, also nach den Gesetzen der islamischen Scharia verboten. Einer Frau die Hand geben? Nein, lieber nicht. Clips von Influencern mit Namen wie El Azzazi oder Asanov werden millionenfach aufgerufen und gelikt. „Das ist schwer erträglich, dass es Applaus gibt für diese menschenverachtende Ideologie und ein Rollenverständnis aus dem Mittelalter“, kommentierte das NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) vor einiger Zeit.

Die Methoden der Extremisten sind perfide, sie bieten ganz bewusst vermeintlich einfache Lösungen für Alltagsprobleme von Teenagern und platzieren nach und nach ihre radikale politische Propaganda. Dazu nutzen sie aktuell auch zugespitzte Slogans über den Krieg in Israel oder im Iran. Klar sei: Niemand werde als Terrorist geboren, sagte der renommierte Extremismusforscher Florian Hartleb kürzlich im Interview mit unserer Redaktion: „Wenn Jugendliche in ihrer Identitätssuche oder bei Problemen wie Mobbing oder auch Liebeskummer keine Hilfe bekommen, kanalisieren sie bisweilen ihre Nöte auf alternativen Wegen.“ Manche würden dann empfänglich für politische Radikalisierung. „Und dann spielt es auch keine Rolle, ob es sich um Rechtsradikalismus oder Islamismus handelt, die Strukturen dahinter sind im Grunde gleich.“

Experten beobachten, dass der radikale Islamismus sich parallel zu einem friedlichen Islam in Deutschland immer fester etabliert. Dahinter stecke auch politisches Versagen, sagt etwa Autorin Seyran Ateş, die in Berlin eine progressive Moschee mitgegründet hat, im Gespräch mit unserer Redaktion. „In Deutschland wird der liberale Islam nicht gefördert. Im Gegenteil, stattdessen hofiert die Politik islamistische Verbände wie Ditib oder auch Millî Görüş seit Jahrzehnten. Sie sind gut vernetzt, haben Lobbyismus betrieben.“ Manche Beobachter glauben, dass dieser sogenannte legalistische Islamismus dem gewaltbereiten Islamismus zumindest Tür und Tor öffnet.

Taliban an der Macht: Die Geschichte der Radikalislamisten in Afghanistan

Erstes Bild von Taliban-Führer Mullah Mohammed Omar
Im Herbst 1994 traten die Taliban erstmals militärisch in der südlichen afghanischen Stadt Kandahar in Erscheinung. Als auslösender Moment wird die Entführung und Vergewaltigung zweier Mädchen durch einen lokalen Milizenführer genannt, zu deren Befreiung sich 30 Männer unter der Führung von Mullah Omar (Mitte) zusammenschlossen. Die Bewegung rekrutierte sich aus ehemaligen Mudschaheddin des Krieges gegen die Sowjetunion und aus religiösen Schulen für afghanische Gefüchtete in Pakistan. © dpa
Madrasas in Pakistan
Der Name Taliban stammt aus dem Persischen und ist die Pluralform des arabischen Wortes „talib“, was „Schüler“ oder „Wissen Suchender“ bedeutet. Die wörtliche Übersetzung von Taliban lautet daher „Religionsstudenten“. Diese Bezeichnung verweist auf die Herkunft der Bewegung aus islamischen Koranschulen, den sogenannten Madrasas, in Pakistan, wo viele der späteren Taliban-Kämpfer ihre religiöse Ausbildung erhielten. © Can Merey/dpa
Mudschaheddin in Afghanistan
Nach dem Zusammenbruch des sowjetgestützten Regimes 1992 versank Afghanistan in einem verheerenden Bürgerkrieg zwischen rivalisierenden Warlords und Mudschaheddin-Gruppen. Es herrschte das Gesetz des Stärkeren, jeder bewaffnete Mann nahm sich, was er brauchte: Brot, Frauen und Besitz – ohne juristische Konsequenzen. Im Chaos der Gewalt und Anarchie fanden die Taliban mit ihrem Versprechen, Ordnung und Sicherheit zu schaffen, zunächst großen Zuspruch in der kriegsmüden Bevölkerung. © Douglas E. Curran/AFP
Afghanistan 1994
Am 5. November 1994 eroberten die Taliban die strategisch wichtige Stadt Kandahar und brachten sie unter ihre Kontrolle. Bis zum 25. November 1994 nahmen sie auch die Stadt Laschkar Gah und die gesamte Provinz Helmand ein. Zudem eroberten sie weitere Provinzen im Süden und Westen Afghanistans, die nicht unter Kontrolle der Zentralregierung standen. Diese schnellen militärischen Erfolge machten sie zu einer ernstzunehmenden Macht im afghanischen Bürgerkrieg. © Terence White/AFP
Mullah Omar
Mullah Mohammed Omar wurde zum spirituellen Anführer und späteren Staatsoberhaupt der Taliban. Der ehemalige Dorfschullehrer für religiöse Studien aus Kandahar führte die ursprünglich kleine Miliz von 30 Mann an. Omar nahm später den Titel „amir al-mumenin“ (Herrscher der Gläubigen) an und bezeichnete sich in Anlehnung an den zweiten Kalifen als „zweiter Omar“, womit die Taliban ihren Führungsanspruch in der islamischen Welt unterstrichen. © dpa
Taliban in Afghanistan 1995
Bis März 1995 hatten die Taliban bereits sechs Provinzen eingenommen und die Hauptstadt Kabul erreicht. Von 1995 an entwickelten sich die Taliban zur dominanten Fraktion innerhalb Afghanistans, wobei der Großteil der Bevölkerung ihre wachsende Macht zunächst begrüßte. Es waren junge Männer, die sich bewusst von den Warlords absetzten und dem Volk Hoffnung auf Frieden und Ordnung gaben. © Saeed Khan/AFP
Kabul 1996
Mit logistischer Unterstützung des pakistanischen Geheimdienstes ISI und neuen Waffen sowie Fahrzeugen aus Pakistan und Saudi-Arabien reorganisierten die Taliban 1996 ihre Truppen nach einigen Niederlagen. Am 26. September 1996 befahl Verteidigungsminister Ahmad Schah Massoud einen Rückzug der Regierungstruppen in den Norden Afghanistans. Einen Tag später, am 27. September 1996, marschierten die Taliban in Kabul ein und errichteten das „Islamische Emirat Afghanistan“. © Terence White/AFP
Afghanistan 1996
Das neu proklamierte Islamische Emirat Afghanistan der Taliban wurde international weitgehend isoliert. Lediglich drei Staaten erkannten das Taliban-Regime diplomatisch an: Pakistan, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate. Die internationale Gemeinschaft verweigerte der Taliban-Regierung die Anerkennung aufgrund ihrer extremistischen Politik und ihrer Menschenrechtsverletzungen. Diese diplomatische Isolation sollte das Land über Jahre hinweg prägen. © Emmanuel Dunand/AFP
Nordallianz
Nach dem Fall Kabuls kontrollierten die Taliban etwa 65 Prozent des afghanischen Territoriums. Der entmachtete Präsident Rabbani (im Bild), Ahmad Schah Massoud und Abdul Raschid Dostum gründeten als Reaktion auf die Taliban-Offensiven die „Vereinte Front“, die auch als Nordallianz bekannt wurde. Als mächtigster Mann im Bündnis galt Massoud, dem später auch der spätere Präsident Hamid Karzai beitrat. Iran und Russland unterstützten die Truppen Massouds, während Pakistan militärisch auf Seiten der Taliban intervenierte. © dpa
Frauen in Afghanistan
In den von ihnen kontrollierten Gebieten setzten die Taliban ihre extreme Interpretation des Islam durch und führten die Scharia mit drakonischen Strafen ein. Eine Sittenpolizei überwachte die rigide Umsetzung der religiösen Gesetze. Verbote von Rasieren, Tanzen, Musikhören, Portraitfotos, Fernsehern oder sogar Papiersäcken entsprachen eigenwilligen Interpretationen der religiösen Schriften, die sie täglich um weitere Verbote ergänzten. Frauen wurden über Arbeits- und Schulbesuchsverbot sowie die Pflicht des Tragens der Burka völlig aus dem öffentlichen Leben verbannt. © Stefan Smith/AFP
Osama bin laden und Aiman az-Zawahiri
1996 kam der international gesuchte Top-Terrorist Osama bin Laden (hier rechts im Bild neben Aiman az-Zawahiri) aus dem Sudan nach Afghanistan und schloss schnell Freundschaft mit Taliban-Führer Mullah Omar. Der Multimillionär etablierte sich als Dauergast und finanzierte Ausbildungslager sowie Waffen für die Taliban-Kämpfer. Seine Terrororganisation Al-Qaida operierte fortan vom Hindukusch aus und entwickelte Afghanistan zu einem „sicheren Hafen“ des globalen Dschihadismus. Obwohl das Verhältnis zwischen Taliban und Al-Qaida nicht spannungsfrei war, hielt Mullah Omar seine schützende Hand über bin Laden. © dpa
Panzer der Nordallianz
Bei ihrer Offensive von 2001 gegen die Reste der Nordallianz (hier im Bild) setzten die Taliban geschätzt 25.000 eigene Kämpfer ein, unterstützt von rund 10.000 islamistischen Milizionären aus arabischen Ländern, Pakistan und anderen asiatischen Ländern wie Usbekistan. Die Kämpfe führten zu systematischen Massakern unter der Zivilbevölkerung, während die Taliban versuchten, ihre Kontrolle im Westen und Norden Afghanistans zu konsolidieren. © Anja Niedringhaus/dpa
Bamiyan UNESCO
Am 10. März 2001 zerstörten die Taliban trotz enormer Proteste auch in der islamischen Welt die 1500 Jahre alten Buddha-Statuen von Bamiyan durch Sprengladungen und Artilleriebeschuss. Die Zerstörung des Weltkulturerbes war die Antwort der Taliban auf ihre zunehmende politische Isolation und stand unter dem Einfluss der Araber um Osama bin Laden.  © Imago
Vorbereitung auf Todestag von Shah Massoud
Am 9. September 2001, nur zwei Tage vor den Terroranschlägen in den USA, ließen zwei arabische Selbstmordattentäter während eines Interviews mit Ahmad Schah Massoud eine in ihrer Videokamera versteckte Bombe detonieren. Der als „Löwe von Pandschir“ bekannte Kommandeur der Nordallianz starb wenig später an seinen Verletzungen. Massoud galt als mächtigster Gegner der Taliban und sein Tod schwächte die Widerstandskraft der Nordallianz erheblich. Die Ermordung erfolgte durch Attentäter, die sich als Journalisten ausgegeben hatten. © S. Sabawoon/dpa
Jahrestag 11. September
Die Terroranschläge vom 11. September 2001 auf das World Trade Center und das Pentagon katapultierten Afghanistan endgültig ins Zentrum der Weltpolitik. Vier Verkehrsflugzeuge wurden entführt, zwei in die WTC-Türme und eines ins Pentagon gelenkt, das vierte stürzte nach Widerstand der Passagiere in Pennsylvania ab. Insgesamt starben mindestens 2993 Menschen bei diesen Anschlägen. Die USA identifizierten umgehend Osama bin Laden und seine in Afghanistan operierende Al-Qaida als Drahtzieher der Anschläge. © Hubert Boesl/dpa
Bush und Rumsfeld
Nach den Anschlägen forderten die USA die Taliban-Regierung zur sofortigen und bedingungslosen Auslieferung Osama bin Ladens auf. US-Präsident George W. Bush (rechts im Bild neben dem damaligen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld) erklärte vor dem Senat: „Sie werden die Terroristen ausliefern oder ihr Schicksal teilen.“ Mullah Omar und Taliban-Vertreter erklärten, sie würden eine Auslieferung erwägen, sollten ihnen Beweise für bin Ladens Verwicklung in die Anschläge vorgelegt werden. Letztlich weigerte sich Mullah Omar jedoch, bin Laden auszuliefern, auch weil er glaubte, die USA würden keine Bodentruppen ins Land schicken. © Imago
Afghanistan-Krieg
Am 7. Oktober 2001 begann die US-Luftwaffe Stellungen der Taliban zu bombardieren. Die Vereinigten Staaten unterstützten mit massiven Luftangriffen Bodentruppen der Nordallianz in einer Großoffensive gegen die Taliban. Im November brach der Widerstand der Taliban zusammen, am 8. Dezember 2001 verloren sie mit Kandahar ihre letzte wichtige Hochburg. Die Taliban-Führung um Mullah Omar floh nach Pakistan und zog sich in die unzugänglichen Bergregionen im Grenzgebiet zurück. © Sergei Ilnitsky/dpa
Angriff auf Öltankwagen in Afghanistan
Obwohl die militärische Intervention der USA 2001 die Organisationsbasis der Taliban zerstörte, gelang der Bewegung sukzessive eine Reorganisation. Spätestens seit 2005 hatten sich die Taliban neu aufgestellt und forderten die afghanische Regierung, deren Soldaten (im Bild) sowie die US-Armee in Süd- und Ostafghanistan militärisch heraus. Die Taliban waren dabei polyzentrisch organisiert und vereinten mehrere Machtzentren, die über eigene parastaatliche Strukturen verfügten. © Shiab Humayoun/dpa
Präsidentschaftswahl in Afghanistan - Drogenproblem
Bis 2009 vermochten es die Taliban, in den ländlichen Regionen Süd- und Ostafghanistans ganze Landstriche zu erobern, wo sie über Rechtsprechung und die Schaffung von Sicherheit Legitimität gewannen. In dieser Phase zeigten sich die Taliban gegenüber der Bevölkerung weit moderater und flexibler als in der Vergangenheit zeigten. Je nach lokalem Kontext tolerierten sie etwa Schulbildung und Erwerbstätigkeit für Frauen. Auch die Opiumökonomie, die wichtigste Einkommensquelle in Südafghanistan, tasteten sie nicht an, sondern partizipierten an ihren Einnahmen. © Humayoun Shiab/dpa
Pakistani Taliban
Ein Bericht der London School of Economics aus dem Jahr 2010 kam zu dem Schluss, dass der pakistanische Geheimdienst ISI eine „offizielle Politik“ der Unterstützung der Taliban betreibt. Der ISI finanzierte und bildete die Taliban aus, obwohl Pakistan sich offiziell als Verbündeter der NATO ausgab. Der Bericht konstatierte: „Pakistan scheint ein Doppelspiel erstaunlichen Ausmaßes zu spielen.“ Diese Unterstützung erfolgte durch Infrastruktur, Logistik und militärische Berater, während Pakistan gleichzeitig immer wieder Taliban-Leute ausschaltete, wenn diese zu eigenwillig handelten. Auch in Pakistan selbst wurden die Taliban damals immer stärker.  © Rashid Iqbal/dpa
Taliban in Doha
Im Juni 2013 eröffneten die Taliban ein Verbindungsbüro in Doha, Katar, das für Friedensverhandlungen genutzt werden sollte (im Bild: der katarische Vize-Außenminister Ali bin Fahad Al-Hajri, 2. von rechts, und Taliban-Funktionär Jan Mohammad Madani, 2. von links). An dem Büro enthüllten sie eine Plakette mit der Aufschrift „Islamisches Emirat Afghanistan“ und hissten die Taliban-Flagge. Die USA kündigten kurz danach an, direkte Friedensgespräche mit den Taliban in Doha aufzunehmen. Allerdings nahmen die Verhandlungen erst mit dem Amtsantritt von Donald Trump richtig Fahrt auf. © dpa
Doha-Abkommen
Am 29. Februar 2020 erzielten die USA und die Taliban im sogenannten Doha-Abkommen eine historische Übereinkunft. Die USA versprachen den Abzug sämtlicher Truppen, im Gegenzug garantierten die Taliban, dass sie keine internationalen Soldaten in Afghanistan mehr angreifen würden und dass aus den von ihnen kontrollierten Gebieten keine Terrorakte gegen die USA mehr stattfinden werden. Dieses Friedensabkommen sollte den Weg für den Abzug der internationalen Truppen und innerafghanische Friedensgespräche ebnen. © Karim Jaafar/AFP
Taliban in Kabul
Mit dem voranschreitenden Abzug der US-Truppen starteten die Taliban im Frühjahr 2021 eine Offensive, unter der der afghanische Sicherheitsapparat buchstäblich zusammenbrach. Im Juli nahmen die Taliban eine Provinz nach der anderen ein, während die afghanischen Sicherheitskräfte nicht in der Lage waren, die von der US-Armee aufgegebenen Stellungen zu halten. Von 2014 bis 2019 waren nach Angaben der afghanischen Regierung bereits 45.000 Soldaten der afghanischen Nationalarmee im Kampf gegen die Taliban und andere Gruppierungen gefallen. © Oliver Weiken/dpa
Flughafen in Kabul
Am Nachmittag des 15. August 2021 eroberten die Taliban innerhalb weniger Stunden Kabul und verkündeten ihren Sieg. Die tumultartigen Szenen am Kabuler Flughafen standen emblematisch für das Scheitern der internationalen Intervention und die Rückkehr der Taliban an die Macht. Sie riefen erneut das „Islamische Emirat Afghanistan“ aus. Die internationale Gemeinschaft versagte den Taliban die Anerkennung und belegte das Land mit Sanktionen. Seitdem befindet sich Afghanistan in einer prekären wirtschaftlichen Lage und humanitären Dauerkrise. © Shakib Rahmani/AFP
Taliban in Afghanistan
Inzwischen sind vor allem Frauen immer stärker werdenden Repressalien ausgesetzt. Sie sind von höherer Bildung ausgeschlossen und wurden aus zahlreichen Berufen gedrängt. Im August 2024 erließen die Taliban das sogenannte Sittengesetz, das Frauen unter anderem eine Vollverschleierung in der Öffentlichkeit vorschreibt. Zwar zeigen sich noch immer Frauen mit unverhülltem Gesicht und ohne männliche Begleitung auf den Straßen größerer Städte. Laut den Vereinten Nationen kommt es deshalb immer wieder zu Verhaftungen von Frauen aufgrund angeblicher Verstöße gegen die Kleiderordnung.  © Wakil Kohsar/AFP

Derweil werden Zeltlager im Nahen Osten, in denen ganze radikalisierte Familien festgehalten werden, zum Sicherheitsrisiko. Beispiel: der Fall Lydia G. aus Bayern. Nach Recherchen von Ippen.Media und dem Bayerischen Rundfunk (BR) gehört G. zu den Frauen mit Deutschlandbezug, die vorübergehend in einem der beiden kurdischen Gefängnis-Zeltlager al-Hol oder Rodsch im Norden Syriens festsaßen. Am 30. April letzten Jahres ist sie mit ihren vier minderjährigen Kindern in einem Flugzeug der Bundeswehr zurück nach Deutschland gebracht worden. Vor elf Jahren war sie offenbar über die Türkei nach Syrien gelangt, wo sich ihr damaliger Mann aufhielt, der sich der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) angeschlossen hatte.

In Rodsch und al-Hol leben schätzungsweise mehr als 50.000 Menschen, viele sind Frauen und Kinder von Kämpfern des IS. Darunter sind außerdem rund 10.000 Männer und minderjährige Jungen – mutmaßliche ehemalige IS-Kämpfer, die sich teils seit Jahren dort in Gefängnisbauten aufhalten. Derweil besteht die Sorge, dass angesichts der unsicheren Entwicklungen in Nahost die Bewachung der Gefängnisse zusammenbricht und zahlreiche IS-Anhänger die Chance nutzen könnten, auf eigene Faust zu entkommen und etwa unbemerkt in Deutschland unterzutauchen.

Gefahr durch Rückkehrer: IS-Lager in Nahost sind „tickende Zeitbomben“

Der Grünen-Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende der deutsch-türkischen Parlamentariergruppe, Max Lucks, nannte im Gespräch mit dieser Redaktion vor einiger Zeit die syrischen Zeltlager eine „tickende Zeitbombe“. „Die IS-Terroristen und -Terroristinnen radikalisieren sich dort immer mehr. Wenn dieses Netzwerk aus Al-Hol heraustritt, haben wir ein weltweites Sicherheitsproblem“, so Lucks. „Deutsche Staatsbürger, die dort noch sitzen, müssen auch vor deutsche Gerichte“, forderte der Politiker.

Rubriklistenbild: © Christoph Reichwein, Elisa Schu/dpa (Montage)

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