In Russland läuft ein möglicher Putsch. Wagner-Chef Prigoschin probt den Aufstand gegen Putin. Die Auswirkungen für den Ukraine-Krieg könnten gewaltig sein.
Moskau – Russland versinkt im Chaos. Nach zahlreichen Monaten im Ukraine-Krieg ist nun eingetroffen, was Experten seit jeher beschworen haben: Statt weitere Angriffe auf die Ukraine zu starten, muss sich Moskau nun einer neuen Bedrohung stellen. Die Wagner-Gruppe um ihren Anführer Jewgeni Prigoschin probt den Aufstand. Fast minütlich überschlagen sich die Entwicklungen. Dass es so weit kommen konnte, wird schlussendlich auch dem Kreml-Chef Wladimir Putin selbst angelastet. Doch der Angriff der Wagner-Truppe hat nicht nur Auswirkungen auf das unmittelbare Machtgefüge in Russland – er könnte auch den Verlauf des Ukraine-Kriegs maßgeblich entscheiden.
Putsch in Russland: Wagner und Prigoschin proben den Aufstand – so gefährlich wird die Situation
Jewgeni Prigoschin, seines Zeichens Putins Koch und Chef der Wagner-Gruppe, wurde immer mal wieder als möglicher Nachfolger von Wladimir Putin gehandelt. Doch während seine Söldner die Gegenoffensive der Ukrainer in Bachmut bremsten, betonte der Söldnerführer immer wieder, dass ein möglicher Putsch gegen Putin nicht in seinem Interesse gewesen sei. Moskau sei nicht der Feind, hieß es damals immer wieder.
Nun also die Umkehr: Prigoschins Wagner-Gruppe marschiert in Russland – angeblich gen Moskau. Überraschend kommt das nicht. Prigoschin hatte Schoigus Kopf gefordert, andernfalls würde er in die Hauptstadt marschieren. Während Putin von einem „Dolchstoß in den Rücken“ spricht, ist im Verlauf des 24. Juni unklar, welche Städte die Söldner in Russland bereits eingenommen haben. Der FSB ermittelt gegen Prigoschin wegen eines „bewaffneten Aufstands“. Inzwischen wird von „terroristischen Methoden“ gesprochen. Letzte Zweifler, die Prigoschins Aktion noch als mögliche Reiberei mit der russischen Militärführung bezeichnet haben, werden inzwischen eingesehen haben, dass es in Russland derzeit zu einer Meuterei kommt. Doch welche Auswirkungen resultieren daraus für den eigentlichen Krieg in der Ukraine?
Prigoschin schickt Wagner nach Russland: Putsch gegen Putin und Kämpfe abseits des Ukraine-Kriegs
Während weiterhin unklar ist, wie genau die Situation in Russland nach dem Angriff der Wagner-Gruppe ist, steht bereits jetzt fest, dass Wladimir Putin wohl der große Verlierer der Auseinandersetzung sein und womöglich weitere Niederlagen im Ukraine-Krieg erleiden wird. Aktuellen Informationen zufolge kann Prigoschin auf etwa 25.000 Söldner zurückgreifen und mit ihnen in Russland operieren – einen ernsthaften Versuch, einen Sturz Putins herbeizuführen, wird er voraussichtlich nicht unternehmen. Dafür wird die Schlagkraft mutmaßlich nicht ausreichen. Dennoch steht Putin vor einem großen Schaden: Seit Monaten bildet die Wagner-Gruppe im Ukraine-Krieg das Rückgrat der russischen Streitkräfte.
Putin in Gefahr: Experte sieht Kremlchef wegen Putsch wanken
Der Kreml-Kenner und Universitätsprofessor für Politikwissenschaft in Innsbruck, Gerhard Mangott sieht Putin wanken. „Prigoschin wollte sich gegen die zivile und militärische Führung des Landes wenden. Aber er hat nun ganz klar Putins Autorität untergraben, weil er das Kriegsmotiv Putins für den Überfall auf die Ukraine als unwahr bezeichnet hat. Er hat Putin jetzt in Bedrängnis gebracht und die Lage eskaliert“, sagt der Experte zu Merkur.de von IPPEN.MEDIA.
Putins Zirkel der Macht im Kreml – die Vertrauten des russischen Präsidenten
Putschversuch durch Wagner-Gruppe: Diese Auswirkungen auf die Gegenoffensive der Ukraine sind mögliche
Dass die Ukraine die gegenwärtige Situation in Russland für die eigene Gegenoffensive ausnutzen wird, zeigte sich bereits am Morgen des 24. Juni. Insbesondere im Süden des Landes rückten Selenskyjs Truppen vor. Womöglich könnte ein Ziel sein, die Region um das Atomkraftwerk Saporischschja zu erobern. Während die Wagner-Gruppe in Russland wichtige Positionen einnimmt, öffnet sich für die Ukraine damit ein wachsendes Operationsfeld für die Gegenoffensive.
Spätestens mit der Annexion der Krim im Jahr 2014 war die Wagner-Gruppe untrennbar mit dem Erfolg Russlands in der Ukraine verbunden. Seit knapp einem Jahrzehnt stellte sie die militärische Infrastruktur, die Moskaus Macht im Nachbarland sicherte. Der jetzige Angriff der Wagner-Söldner auf Russland bedroht diese Sicherheit daher massiv. Dass Prigoschin Rostow unter seiner Kontrolle hält, ist dabei aktuell besonders bedrohlich für die russischen Kämpfer. Denn über das militärische Logistikzentrum für die Front bei Donezk könnte Putins Koch praktisch die komplette Versorgung der russischen Armee lahmlegen.
Sturz von Putin: So gefährlich ist der Putsch für den Ukraine-Krieg des Kreml
Sollte Prigoschin sich dazu entscheiden, die Versorgung der russischen Streitkräfte in der Region zu kappen, könnten die Ukrainer auf lange Sicht ihren Erfolg bei der aktuellen Gegenoffensive womöglich deutlich steigern. Damit ist auch die Zukunft der Krim ungewiss: Schon länger gibt es in Russland die Befürchtung, dass die annektierte Halbinsel wieder an die Ukraine fallen könnte. Wie sich die Front in den kommenden Wochen verschieben wird, ist zwar noch ungewiss, allerdings bietet der nun offene Konflikt in Russland für die Ukraine zahlreiche Gelegenheiten, Erfolge auf dem Schlachtfeld zu erzielen.
Während in Russland nun Kämpfe zwischen Wagner-Gruppe und kremltreuen Kämpfern toben, muss Putin schnellstmöglich Herr über den Aufstand werden, um nicht auch die Kontrolle in der Ukraine zu verlieren. Sollten allerdings sein Militär oder Geheimdienst die Seiten wechseln, könnte es für ihn auch in Russland brenzlig werden. Wenn sich die Kämpfe weiter ausweiten sollten und mehr Streitkräfte zur Sicherung des Inlands erforderlich werden, wird Putins Armee im Ukraine-Krieg zweifelsohne weiter geschwächt und vom weiteren Nachschub abgeschnitten. Wie sich dann der Verlauf des Ukraine-Kriegs entwickelt, ist völlig offen – höchstwahrscheinlich droht aber ein Ausgang, der Putin keinesfalls zufrieden stimmen wird. (febu)