Wagner führungslos

Prigoschins mächtiges Erbe: Putin schreitet direkt zur Tat

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Wladimir Putin macht sich offenbar nach dem Tod von Jewgeni Prigoschin daran, sich dessen Vermächtnis zu sichern. (Collage aus Symbolbildern)
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Nach dem Flugzeugabsturz von Jewgeni Prigoschin überschlagen sich die Ereignisse. Wladimir Putin geht wohl direkt das Wagner-Erbe an.

Moskau – Der mutmaßliche Tod von Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin kam für viele überraschend. Noch ist unklar, ob Prigoschin wirklich an Bord war. Zudem wird noch untersucht, wie es zu dem Absturz kam, und, ob es sich womöglich um einen Anschlag gehandelt hat. Belarus-Machthaber Alexander Lukaschenko meint schonmal, dass Putin wohl nicht dahinterstecke. Die Arbeit sei „zu grob und unprofessionell“. Doch für viele Beobachter würde der Tod Prigoschins gut in die Reihe von mysteriösen Todesfällen von Putin-Gegnern passen.

Unabhängig davon ist aber eines klar: Prigoschin hinterlässt eine große Lücke in Russland. Und offenbar macht sich Wladimir Putin schon zwei Tage nach dem Flugzeugabsturz daran, das Erbe des Söldner-Führers in Anspruch zu nehmen. Nach dem mutmaßlichen Tod ihrer drei einflussreichsten Anführer ist die russische Söldnertruppe Wagner zwar deutlich geschwächt. Das Modell der Privatarmeen im Dienste des Kreml sei damit aber keineswegs am Ende, sagen Experten. Moskau werde die Paramilitärs in Zukunft jedoch stärker an die Leine nehmen.

Prigoschins Erbe: Was wird aus Wagner? Putin unterschreibt direkt heikles Dekret

Wie um die Experten-Einschätzungen zu bestätigen, unterzeichnete Präsident Wladimir Putin am Freitag ein Dekret, wonach alle Mitglieder paramilitärischer Organisationen künftig Russland „Treue“ und „Loyalität“ schwören und überdies geloben müssen, „die Befehle der Kommandeure und Vorgesetzten strikt zu befolgen“. Bislang mussten nur reguläre Soldaten diesen Schwur ableisten.

Der Kreml will Wagner offensichtlich nicht zerschlagen, will nicht auf Söldner-Truppen verzichten, die sich in den vergangenen Jahren für Moskaus Interessen als sehr nützlich erwiesen haben. Sei es in Afrika, im Nahen Osten und nicht zuletzt beim Angriff auf den ukrainischen Nachbarn. „Die jüngsten taktischen Erfolge in der Ukraine gingen auf das Konto von Wagner“, sagt Maxime Audinet vom militärischen Forschungsinstitut Irsem in Paris. Die Verlockung scheine groß zu sein, „dieses Modell irregulärer und flexibler Strukturen beizubehalten, die ohne die bürokratische Schwerfälligkeit der offiziellen Organe dort eingreifen können, wo der Staat sich nicht direkt einmischen will“.

Nach innen ist Russlands Präsident Wladimir Putin durch Prigoschins Tod einen gefährlichen Konkurrenten losgeworden. Und Prigoschins Netzwerk im Ausland versucht der Kreml schon seit einiger Zeit zu übernehmen. Mit seinen Söldnern verdiente Prigoschin speziell in Afrika gutes Geld. Schutz gegen Beteiligung an Bodenschätzen – das war oft die Formel.

Prigoschins Vermächtnis: Firmen-Konglomerat und wichtige Kämpfer

Der 62-jährige Prigoschin hatte ein mächtiges Imperium aufgebaut. Mit seinen Cateringfirmen war er unter anderem Proviantmeister der russischen Armee. Zu seinem Konglomerat gehörten nicht nur die bekannte Privatarmee Wagner, sondern auch Bau- und Förderunternehmen, Finanzdienstleister, Logistikfirmen und Medien wie die berüchtigte St. Petersburger Troll-Fabrik. Da er durch seine Geschäfte mit Autokraten und Militärjuntas in Afrika zugleich Russlands Einfluss stärkte, ohne dass Moskau sich selbst die Hände schmutzig machen musste, wurde er vom Kreml jahrelang gefördert.

Erst Anfang der Woche prahlte er in einem angeblich in Afrika aufgenommenen Video, seine Wagner-Truppe trage dazu bei, „Russland noch größer auf allen Kontinenten zu machen und Afrika noch freier.“ Der US-Denkfabrik Council on Foreign Relations zufolge sollen rund 5000 russische Kämpfer in verschiedenen Ländern Afrikas tätig sein – allein im westafrikanischen Mali laut Schätzungen bis zu 2000. Dort will sich Wagner als Alternative zu westlichen Militäreinsätzen gegen den sich ausbreitenden Dschihadismus inszenieren.

Wagner-Kämpfer in Afrika: Russland versucht schon länger sie zu übernehmen

Im Sudan, der seit Monaten von schweren Gefechten zwischen den zwei stärksten Militärblöcken des Landes erschüttert wird, soll Prigoschin Lizenzen für Goldminen erhalten haben. Im Gegenzug soll er Waffen geliefert haben. 2018 kam Prigoschins Truppe dem Präsidenten der Zentralafrikanischen Republik, Faustin-Archange Touadéra, zu Hilfe, als dieser von Rebellen gestürzt zu werden drohte. Auch hier erhielt Prigoschin als Gegenleistung die Erlaubnis, Gold abbauen zu dürfen. Medienberichten zufolge beteuerte ein Berater Touadéras nun, dass Wagner trotz Prigoschins möglichem Tod weiterhin im Land bleibe.

Eigenständig wird die Wagner-Truppe das aber wohl nicht mehr regeln können. Auf der Passagierliste des am Mittwoch in Nordrussland abgestürzten Fliegers stand nicht nur Prigoschin, sondern auch der militärische Anführer, der für seine Vorliebe zu Nazisymbolik bekannte Ex-Geheimdienstoffizier Dmitri Utkin. Der für Logistik und Sicherheit zuständige Waleri Tschekalow war auch Führungskraft. Ihr Tod wäre gleichbedeutend mit der Enthauptung der Söldnertruppe.

Prigoschin-Nachfolger: Zwei Putin-treue Kandidaten für Wagner-Posten kursieren

In diese Lücke könnte der Kreml stoßen, indem er Schlüsselpositionen mit eigenen Leuten besetzt. Ein Kandidat für einen Führungsposten ist Wagner-Mitbegründer Andrej Troschew. Putin schlug ihn schon bei einem Treffen im Kreml nach dem Prigoschin-Aufstand als neuen Chef der Söldnerorganisation vor. Auch General Andrej Awerjanow vom Militärgeheimdienst GRU gilt als Kandidat. Putin ließ ihn jüngst bei seinem Afrika-Gipfel in St. Petersburg mit den angereisten Staatschefs plaudern.

Auch in Westafrika dürfte Russland versuchen, Militärkooperationen fortzusetzen, sagt der Sahel-Experte der Konrad-Adenauer-Stiftung, Ulf Laessing: „Die Verträge mit der Zentralafrikanischen Republik und Mali sind finanziell in Zeiten westlicher Sanktionen sehr lukrativ.“ Zudem gehe es Moskau darum, geopolitisch zu expandieren. „Russland ist gerade mit Malis Hilfe dabei, Kontakte zu den Putschisten im Niger zu knüpfen. Da wird Russland alles daran setzen, die Verträge mit Mali zu erfüllen“, so Laessing weiter. Im Niger, einem der letzten westlichen Verbündeten in der Region, übernahmen vor knapp einem Monat Militärs die Macht. „Russland wird neue Strukturen für das Söldnergeschäft finden, falls Wagner als Firma nicht überlebt und Prigoschin tatsächlich tot sein sollte“, ist Laessing überzeugt.

Putins Zirkel der Macht im Kreml – die Vertrauten des russischen Präsidenten

Zu den Scharfmachern im Ukraine-Krieg gehört auch Ramsan Kadyrow.
Zu den Scharfmachern im Ukraine-Krieg gehört auch Ramsan Kadyrow, der als Oberhaupt der russischen Teilrepublik Tschetschenien im Nordkaukasus eigene Truppen befehligt. „Putins Bluthund“, der für seinen brutalen Führungsstil im muslimisch geprägten Tschetschenien bekannt ist, tat sich seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine als einer der glühendsten Kriegsbefürworter hervor. Mehrfach kritisierte er nach russischen Niederlagen die militärische Führung seines Landes scharf und forderte weitreichende Konsequenzen. © Yelena Afonina/imago
Am 2. März 2007 wählte das tschetschenische Parlament ihn auf Putins Vorschlag zum Präsidenten des Landes
Am 2. März 2007 wählte das tschetschenische Parlament ihn auf Putins Vorschlag zum Präsidenten des Landes, nachdem er das 30. Lebensjahr vollendet hatte, das Mindestalter für die Wahl des tschetschenischen Oberhaupts. Im März 2015 erhielt Kadyrow den russischen Orden der Ehre. Kadyrows diktatorische Amtsführung ist geprägt von schweren Menschenrechtsverletzungen, Korruption und einem ausufernden Personenkult. Seit Oktober 2022 ist er darüber hinaus Generaloberst der russischen Streitkräfte. © Yelena Afonina/imago
Der russische Außenminister Sergei Lawrow ist so etwas wie „Putins rechte Hand“.
Der russische Außenminister Sergei Lawrow ist so etwas wie „Putins rechte Hand“. Seit März 2004 im Amt, verteidigt Lawrow seit Beginn des Ukraine-Kriegs immer wieder die Behauptung, dass Russland die Ukraine von den dort regierenden Nazis befreien zu wollen. Anfang Mai 2022 versuchte Lawrow im italienischen Fernsehen das Argument zu entkräften, als Jude könne der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj kein Nazi sein: „Adolf Hitler hatte auch jüdisches Blut. Das heißt überhaupt nichts. Das weise jüdische Volk sagt, dass die eifrigsten Antisemiten in der Regel Juden sind.“ © Imago
Seit Beginn des Ukraine-Kriegs wiederholt Lawrow seine Vorwürfe, der Westen führe in der Ukraine Krieg gegen Russland.
Seit Beginn des Ukraine-Kriegs wiederholt Lawrow seine Vorwürfe, der Westen führe in der Ukraine Krieg gegen Russland. „Wenn wir über das sprechen, was in der Ukraine vorgeht, so ist das kein hybrider, sondern schon fast ein richtiger Krieg, den der Westen lange gegen Russland vorbereitet hat“, sagte Lawrow während einer Afrika-Reise im Januar 2023, die ihn u. a. auch nach Angola führte. Der Westen wolle alles Russische zerstören, von der Sprache bis zur Kultur, so Lawrow. © Imago
Als „Putins Marionette“ kann Dmitri Medwedew gelten.
Als „Putins Marionette“ kann Dmitri Medwedew gelten. Der Gefolgsmann des russischen Präsidenten war von 2008 bis 2012 Präsident Russlands und anschließend bis 2020 Ministerpräsident der Russischen Föderation. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs macht Medwedew, inzwischen Vizechef des russischen Sicherheitsrates, ein ums andere Mal mit Verschwörungserzählungen und martialischen Äußerungen über die Ukraine und den Westen auf sich aufmerksam. Unter anderem drohte er mit dem „Verschwinden der Ukraine von der Landkarte“. © Artyom Geodakyan/imago
Der promovierte Jurist, der einst als Stimme der Vernunft galt, hat sich inzwischen zu einem radikalen Hetzer entwickelt.
Der promovierte Jurist, der einst als Stimme der Vernunft galt, hat sich inzwischen zu einem radikalen Hetzer entwickelt. Gerne droht der Vizechef des russischen Sicherheitsrates den Nato-Staaten mit einem Angriff oder gar mit Atomschlägen. Im Sommer 2022 bezeichnete er die Regierung in Kiew als „vereinzelte Missgeburten, die sich selbst als ‚ukrainische Regierung‘ bezeichnen“, die US-Regierung waren für ihn „Puppenspieler jenseits des Ozeans mit deutlichen Anzeichen senilen Wahnsinns“. Ende 2022 versuchte er sich als Prophet für das Jahr 2023: In Deutschland entsteht demnach ein „Viertes Reich“, die EU zerfällt, in den USA bricht ein Bürgerkrieg aus. © Yekaterina Shtukina/imago
Seit vielen Jahren an Putins Seite ist Dimitri Peskow. Schon im Jahr 2000 wurde er stellvertretender Pressesprecher des Präsidenten. Als Putin 2008 Ministerpräsident wurde, wechselte Peskow das Büro. Vier Jahre später kehrte er dann ins Präsidialamt zurück. Nach Beginn des Ukraine-Kriegs setzte die EU ihn auf die Sanktionsliste und ließ sein gesamtes Vermögen einfrieren.
Seit vielen Jahren an Putins Seite ist Dimitri Peskow. Schon im Jahr 2000 wurde er stellvertretender Pressesprecher des Präsidenten. Als Putin 2008 Ministerpräsident wurde, wechselte Peskow das Büro. Vier Jahre später kehrte er dann ins Präsidialamt zurück. Nach Beginn des Ukraine-Kriegs setzte die EU ihn auf die Sanktionsliste und ließ sein gesamtes Vermögen einfrieren. © Sergei Ilnitsky/AFP
Alina Kabajewa ist wahrscheinlich so etwas wie „Putins Ballerina“.
Alina Kabajewa ist wahrscheinlich so etwas wie „Putins Ballerina“. Die frühere Spitzensportlerin galt in der Rhythmischen Sportgymnastik jahrelang als Nonplusultra. Ihre Erfolge (Olympiagold 2004 in Athen, neun WM- sowie 15 EM-Titel) sprechen für sich. Von 2007 bis 2014 war sie Abgeordnete der Russischen Staatsduma für die Partei „Einiges Russland“, seit September 2014 ist sie Vorsitzende des Verwaltungsrates der Nationalen Mediengruppe (NMG). Sie gilt Medienberichten zufolge als Geliebte des russischen Präsidenten und soll mit diesem mehrere Kinder haben, was von Kabajewa und russischen Regierungsstellen aber dementiert wird. © Imago
Schon seit Jahren gilt Kabajewa als heimliche Geliebte oder gar Ehefrau des russischen Präsidenten.
Schon seit Jahren gilt Kabajewa als heimliche Geliebte oder gar Ehefrau des russischen Präsidenten. Eine offizielle Bestätigung aus Russland hat es aber nie gegeben. Der britischen Regierung zufolge steht sie „in enger persönlicher Beziehung zu Putin“. Kabajewa soll mehrere Kinder von Putin haben, was von Kabajewa und russischen Regierungsstellen aber dementiert wird. 2015 soll sie in Lugano Zwillinge zur Welt gebracht haben, andere Quellen berichten von einer Geburt eines Jungen im Kanton Tessin und einer weiteren Geburt eines Sohnes in Moskau. Gesichert ist, dass Kabajewa nach 2015 für einige Jahre aus dem öffentlichen Rampenlicht verschwand und auch heute nur äußerst selten öffentlich auftritt. © Valery Sharifulin/imago
Wladimir Solowjow ist Putins Chefpropagandist im Ukraine-Krieg.
Wladimir Solowjow ist Putins Chefpropagandist im Ukraine-Krieg. Seine seit 2012 im Sender Rossija 1 ausgestrahlte politische Talkshow „Sonntagabend mit Wladimir Solowjow“ gilt als vielleicht wichtigste innerrussischen Propagandasendung. Im Dezember 2022 drohte er dort zahlreichen europäischen Ländern mit militärischen Interventionen, weil diese die Ukraine unterstützen würden und Teil des europäischen Nazismus seien. Auch forderte er wiederholt den Einsatz von russischen Atombomben gegen Nato-Staaten. Im April 2022 bezeichnete er die Massaker von Butscha sowie Srebrenica als inszeniert. © Sergei Karpukhin/imago
Solowjow wird in seiner Sendung oft laut
Solowjow wird in seiner Sendung oft laut, beschimpft die deutsche Regierung, streut deutsche Wörter ein und imitiert dabei eine schroffe Nazi-Aussprache. Einmal bezeichnete er Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) als „Miss Ribbentrop“. Joachim von Ribbentrop war deutscher Außenminister unter Adolf Hitler, den Solowjow im Februar 2021 in seiner Sendung einmal als „sehr mutigen Menschen“ und „tapferen Soldaten“ bezeichnet hatte. Von seiner 2014 geäußerten Meinung, „Gott verbietet, dass die Krim nach Russland zurückkehrt“, hat er sich nach dem Euromaidan, der Revolution der Würde, schnell distanziert. © Artyom Geodakyan/imago
Der russische Inlandsgeheimdienst FSB wird von einem engen Weggefährten des Präsidenten geleitet.
Der russische Inlandsgeheimdienst FSB wird von einem engen Weggefährten des Präsidenten geleitet. Schon in den 1970er Jahren war Alexander Bortnikow zeitgleich mit Putin in St. Petersburg für den KGB im Einsatz. Putin, der einst selbst Direktor des FSB war, ernannte ihn im Mai 2008 zum Chef des Geheimdienstes und sicherte sich so maximalen Einfluss. Es gilt als gesichert, dass Putin auch als Präsident entscheidende Befehle selbst übermittelt.  © Alexei Druzhinin/imago
Der FSB dient vor allem dazu, die Opposition gegen Putins Machtelite zu unterdrücken.
Der FSB dient vor allem dazu, die Opposition gegen Putins Machtelite zu unterdrücken. Ein Beispiel ist der Anschlag auf den Kremlkritiker Alexej Nawalny, der nach Angaben des Recherchekollektivs Bellingcat zuvor monatelang von FSB-Agenten verfolgt worden war. Unter Bortnikow wurde die Macht des FSB durch mehrere Reformen immer stärker ausgeweitet. Zudem soll der FSB die prorussischen Separatisten im Osten des Landes unterstützt haben. Nach der Annexion der Halbinsel Krim ging der FSB gegen Medien und Kultur vor. © Mikhail Metzel/imago
Seit November 2012 hat der Armeegeneral Sergei Schoigu das Amt des russischen Verteidigungsministers inne.
Seit November 2012 hat der Armeegeneral Sergei Schoigu das Amt des russischen Verteidigungsministers inne. In Schoigus Amtszeit fallen zunächst die militärische Unterstützung der Separatisten in der Ostukraine, die Annexion der Krim 2014 sowie das Eingreifen Russlands in den syrischen Bürgerkrieg aufseiten des Assad-Regimes. Wegen der Intervention zugunsten der Separatisten im Donbass eröffnete die Ukraine 2014 ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren gegen ihn. Seit Februar befehligt Schoigu als Verteidigungsminister die russischen Truppen im Ukraine-Krieg. © Pavel Golovkin/dpa
Schoigus Verhältnis zu Putin gilt bisher als sehr eng.
Schoigus Verhältnis zu Putin gilt bisher als sehr eng. So verbringt er regelmäßig seinen Sommerurlaub zusammen mit dem russischen Präsidenten im südsibirischen Tuwa – Schoigus Heimatregion, wo sich die beiden, wie hier im Jahr 2017, auch schon mal ein Sonnenbad in einer Pause vom Angeln gönnen. Ob das auch in Zukunft so bleiben wird, ist offen. So wies das „Institute for the Study of War“ in einem Bericht im Herbst 2022 darauf hin, dass Putin Schoigu für die Fehler im Ukraine-Krieg verantwortlich macht. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Putin seinen Vertrauten doch noch zum Sündenbock macht.  © Alexei Nikolsky/dpa
Russia s First Deputy Prime Minister Andrei Belousov
Schoigus Nachfolger soll der bisherige Vize-Regierungschef Andrej Beloussow werden. Die militärische Komponente im Verteidigungsministerium bleibe auch nach der Ernennung Beloussows unverändert. „Heute gewinnt auf dem Schlachtfeld derjenige, der offener für Innovationen und deren Umsetzung ist“, erklärte Kremlsprecher Peskow Putins Entscheidung für einen Zivilisten an der Spitze des Verteidigungsministeriums. Beloussow sei nicht nur Zivilbeamter, sondern habe auch viele Jahre erfolgreich in der Politik gearbeitet und Putin in Wirtschaftsfragen beraten. © IMAGO/Alexander Astafyev
Das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche ist heute nur noch unter seinem Namen Kirill I. bekannt.
Das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche ist heute nur noch unter seinem Namen Kyrill I. bekannt. Bürgerlich heißt der Patriarch allerdings Wladimir Gundjajew – und hat eine bewegte Vergangenheit. Unter dem Decknamen „Michailow“ hat er laut dem schweizerischen Bundesarchiv in den 1970er Jahren in Genf als Agent für den früheren sowjetischen Auslandsgeheimdienst KGB gearbeitet. Diese Vergangenheit verbindet ihn mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. © Sergei Chirikov/dpa
Seit Februar 2009 ist Gunjajew als Kyrill I. Patriarch von Moskau und der ganzen Rus und damit der Vorsteher der Russisch-Orthodoxen Kirche.
Seit Februar 2009 ist Gundjajew als Kyrill I. Patriarch von Moskau und der ganzen Rus und damit der Vorsteher der Russisch-Orthodoxen Kirche. Er gilt als enger Verbündeter Putins, dessen Regentschaft er im Zuge der Präsidentschaftswahl in Russland 2012 als „Wunder Gottes“ bezeichnete. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs fällt er zunehmend durch Hasspredigten auf. Einmal bezeichnete er die Gegner Russlands als „Kräfte des Bösen“, zudem sprach er der Ukraine ihr Existenzrecht ab. Verbal lässt Kyrill I., anders als im April 2017 in Moskau, jedenfalls keine Tauben fliegen.  © Alexander Zemlianichenko/dpa
Der rechtsnationalistische Ideologe Alexander Dugin darf getrost als „Putins Denker“ bezeichnet werden.
Der rechtsnationalistische Ideologe Alexander Dugin darf getrost als „Putins Denker“ bezeichnet werden. Dugin, der viele Bücher geschrieben hat, gilt als antiwestlicher Hassprediger und Kämpfer für die Idee einer slawischen Supermacht. In seinem Buch „Grundlagen der Geopolitik“ sprach er sich gegen die Ukraine als souveränen Staat aus. Kurz vor Beginn des Ukraine-Kriegs wurde diese Rhetorik aufgegriffen, als Putin das ukrainische Staatsgebiet in einem Aufsatz infrage stellte. © Kirill Kudryavtsev/afp
Dugin wurde 1987 Mitglied der radikal-nationalistischen und antisemitischen Gruppierung Pamjat
Dugin wurde 1987 Mitglied der radikal-nationalistischen und antisemitischen Gruppierung Pamjat. Größere Bekanntheit erlangte er in den 1990er Jahren, als er über Radio und Fernsehen seine Ideologie verbreitete. Zugleich war Dugin auch Mitglied von esoterischen und okkulten Zirkeln. Unklar ist, wie nahe Dugin dem russischen Präsidenten steht. Putins Äußerungen geben aber oft die Rhetorik Dugins wider. Als Beispiel sei das Konzept „Noworossija“ („Neurussland“) geannnt, das Russland benutzt hat, um die Krim-Annexion zu rechtfertigen. Damals gab Dugin in einem Interview auch unmissverständlich kund, wie nun vorzugehen sei: „Töten, töten, töten, das ist meine Meinung als Professor.“ © afp
Zum engsten Putin-Zirkel gehört auch Nikolai Patruschew.
Zum engsten Putin-Zirkel gehört auch Nikolai Patruschew. Der Sekretär des russischen Sicherheitsrates war lange Jahre Leiter des Inlandsgeheimdienstes FSB und gilt als radikaler, europafeindlicher Hardliner. Patruschew verbindet viel mit Putin: Sie sind etwa gleich alt, beide kommen aus dem heutigen Sankt Petersburg, vor allem aber entstammen sie beide dem sowjetischen Geheimdienst KGB. Patruschew wird als engster Vertrauter Putins wahrgenommen und soll von diesem zu seinem Stellvertreter für den Fall einer zeitweiligen Verhinderung der Amtsausübung erkoren worden sein © Zubair Bairakov/imago
Patruschew wird als „Falke“ des Ostens beschrieben.
Patruschew wird als „Falke“ des Ostens beschrieben. Im Herbst 2021 bezeichnete er die Ukrainerinnen und Ukrainer als „Nicht-Menschen“. Noch Ende Januar 2022 bestritt er jede Kriegsabsicht Russlands als „komplette Absurdität“. Ende Februar 2022 beschuldigte er in einem Manifest die USA und die EU, in der Ukraine eine „Ideologie des Neonazismus“ zu unterstützen.  © Aram Nersesyan/imago
Als Chef des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR ist Sergei Naryschkin für seine bissigen Kommentare bekannt.
Als Chef des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR ist Sergei Naryschkin für seine bissigen Kommentare bekannt. Kurz nach Beginn des Ukraine-Krieges warf er den USA und anderen westlichen Staaten vor, Russland zerstören zu wollen: „Die Masken sind gefallen. Der Westen will Russland nicht nur mit einem neuen Eisernen Vorhang umgeben“, zitierte der SWR Anfang März 2022 seinen Chef. „Wir reden über Versuche, unseren Staat zu zerstören, über seine ‚Annullierung‘, wie heutzutage in einem ‚toleranten‘ liberal-faschistischen Umfeld gesagt wird.“ Naryschkin gehörte zu jenen, die schon damals behaupteten, zwischen Russland und dem Westen tobe ein „heißer Krieg“. © Alexander Zemlianichenko/dpa
Wenige Tage vor Beginn dem russischen Einmarsch in die Ukraine war Naryschkin im Gespräch mit Wladimir Putin tüchtig ins Schlingern geraten.
Wenige Tage vor Beginn dem russischen Einmarsch in die Ukraine war Naryschkin im Gespräch mit Wladimir Putin tüchtig ins Schlingern geraten. Der SWR-Chef sprach sich damals versehentlich für eine russische Einverleibung der Volksrepubliken Luhansk und Donezk aus. Putin korrigierte ihn bei der im Staatsfernsehen übertragenen Sitzung und betonte, dass die Frage nicht gestellt sei. „Wir sprechen über die Anerkennung ihrer Unabhängigkeit oder nicht“, kanzelte Putin den SWR-Chef ab. © Valery Sharifulin/imago
Zu den engsten Vertrauten des russischen Präsidenten Wladimir Putin zählt der russische Unternehmer Jewgeni Prigoschin.
Zu den engsten Vertrauten Wladimir Putins zählte Jewgeni Prigoschin. Russlands Präsident und der erfolgreiche Geschäftsmann kannten sich lange. Als Putin noch KGB-Offizier war und in der St. Petersburger Stadtverwaltung arbeitete, soll er in Prigoschins Restaurant eingekehrt sein. Deshalb trug der in den chaotischen 1990er Jahren in Russland zu Reichtum gekommene 61-Jährige den Beinamen „Putins Koch“. Auch wegen Raubes saß er in Haft.  © Mikhail Metzel/imago
Inzwischen ist Prigoschin vor allem als Warlord der berüchtigten Schattenarme „Wagner“ im Auftrag des Kreml international gefürchtet.
Lange war Prigoschin vor allem als Warlord der berüchtigten Schattenarme „Wagner“ im Auftrag des Kreml international gefürchtet. Putin ließ ihn lange schalten und walten, als hätte diese Schattenarmee, eine paramilitärische Organisation mit vielen verurteilten Verbrechern, längst das Zepter der Macht in der Hand. Vom 23 bis 24. Juni 2023 kam es zu einem Aufstand der Wagner-Gruppe in Russland. Danach bezeichnete ihn Putin als „Verräter“. Am 23. August 2023 kam Prigoschin bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. © Vyacheslav Prokofyev/imago

Wie das funktionieren könnte, zeigt das Beispiel Syrien: Dort sind Wagner-Söldner seit 2015 aktiv. Die derzeit rund 2000 Söldner kämpfen mit dem russischen Militär an der Seite von Syriens Machthaber Baschar al-Assad und schützen auch Ölfelder für das Regime.

Die Stärke der Wagner-Truppe in Syrien bestehe vor allem in der „mutmaßlichen Nähe zum (russischen) Staat“, sagte der politische Analyst Mohamed Hage Ali der Deutschen Presse-Agentur. Sie seien in vielerlei Hinsicht eine Erweiterung der russischen Politik. Um einer möglichen Rebellion zuvorzukommen, wurden nach Prigoschins Aufstand bereits erste Maßnahmen ergriffen. Die Wagner-Offiziere seien zu einem der russischen Militärstandorte einbestellt worden. Nach Angaben der Beobachtungsstelle für Menschenrechte folgen die Söldner seitdem den Befehlen der russischen Offiziere.

Prigoschins Erbe: „Eine Lektion, die Putin gelernt hat“

Die Einsätze Wagners in Syrien wurden damit schon vor Prigoschins mutmaßlichem Tod begrenzt. Einschätzungen des unabhängigen Analysten und Syrienexperten Sobhi Franjieh zufolge, habe sein Tod aber auch Misstrauen unter anderen Wagner-Kommandeuren – etwa in Libyen – hervorgerufen. „Erstmals ist ihnen bewusst geworden, dass sie sich auf ihre Stütze – die russische Regierung – nicht verlassen können und ihr vertrauen können“, sagte er. „Das wird mit Sicherheit für Unbehagen unter den Wagner-Mitgliedern sorgen.“

„Eine Lektion, die Putin wahrscheinlich aus der Meuterei im Juni gelernt hat, ist die Gefahr, so viel Macht und Verantwortung einem einzigen Mann zu übertragen“, schreibt Catrina Doxsee, Fachfrau für Söldnertruppen bei der US-Denkfabrik CSIS. „Während Russland versuchen dürfte, das Modell der privaten Militärunternehmen für seine Außenpolitik beizubehalten, ist es wahrscheinlich, dass der Markt diversifiziert wird.“ So solle der Aufstieg neuer Prigoschins verhindert werden.

Mehrere Gruppen stehen bereits bereit, Redut, Convoy und Patriot sind drei von ihnen. Diese Unternehmen „haben viel weniger Profil und sind weniger erfolgreich als Wagner, aber sie haben denselben Aufbau“, sagt Lou Osborn von der Nichtregierungsorganisation All Eyes on Wagner und Co-Autorin eines Buches über die Miliz. Einige Wagner-Kämpfer sind Osborn zufolge schon zu den anderen Söldnertruppen übergelaufen, die bereits enge Verbindungen zum Militärgeheimdienst GRU hätten.
Mit ihnen wird der Kreml vermutlich ebenso wie mit Wagner doppeltes Spiel spielen: sie einerseits unterstützen, andererseits auf Distanz halten, um nicht für ihre Taten, vor allem in Afrika, einstehen zu müssen. „Wahrscheinlich wird Russland eine direktere Kontrolle über die Privatarmeen im Ausland ausüben, ohne aber klar zuzugeben, dass sie unmittelbar dem Kreml unterstehen“, analysiert Aditya Pareek vom britischen Institut Janes. (rjs/dpa/afp)

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