Rentenpaket-Debatte

Aus für Beamten-Sonderweg? Juso fordert Renten-Kehrtwende – „Höhere Beiträge sind Problem“

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In der Rentenpaket-Debatte drohten Junge Unionsabgeordnete zuletzt, Bas‘ Gesetzesentwurf zu blockieren. Nun meldet sich Juso-Chef Türmer mit Forderungen.

Berlin – Mit ihrem Rentenpaket will die Bundesregierung gleich an einer Reihe von Stellschrauben drehen, um die Rente trotz den Hürden des demografischen Wandels zukunftsfest zu machen. Wichtige Eckpunkte der Rentenreform sind etwa die Aktiv- sowie die Frühstart-Rente, aber auch die Aufwertung der Mütterrente (Mütterrente III). Für Aufregung im Bundestag sorgte zuletzt ein weiterer Aspekt des Rentenpakets: die Stabilisierung des Rentenniveaus. Schon im Koalitionsvertrag hatten sich Union und SPD auf eine Haltelinie von 48 Prozent bis 2031 geeinigt – doch was geschieht danach? Eine Gruppe junger Unionsabgeordneter nahm diesen Aspekt zum Anlass für herbe Kritik und drohte, den Gesetzentwurf von Sozialministerin Bärbel Bas (SPD) zu blockieren. Junge SPD-Vertreter zeigten sich bislang zurückhaltend, doch nun reagiert Juso-Chef Philipp Türmer.

Juso-Chef Philipp Türmer

Nach Kritik junger Unionsabgeordneter – Juso-Chef schaltet sich in Rentenniveau-Debatte ein

Die Junge Gruppe, eine 18-köpfige Vertretung junger Unionsabgeordneter im Bundestag, drohte unlängst mit der Blockade des Gesetzentwurfs von Arbeitsministerin Bas. Der Vorwurf: Bas’ Entwurf wolle das Rentenniveau nach 2031 nicht wieder auf das Niveau ohne Reform sinken lassen, stattdessen soll es dauerhaft um ein Prozent höher liegen, als es sich nach geltendem Recht ergäbe. Damit gehe Bas über Einigungen hinaus, die im Koalitionsvertrag getroffen worden waren. In den Jahren 2032 bis 2040 würden so Mehrkosten von über 115 Milliarden Euro entstehen, womit Bas’ Entwurf für die Junge Gruppe nicht tragfähig ist, wie ihr Vorsitzender, Pascal Reddig, etwa gegenüber phoenix sagte. Er forderte Nachbesserungen.

Juso-Chef Türmer sieht das anders. Mit einem erneut sinkenden Rentenniveau ab 2031, wie es die Junge Gruppe wegen der zu hohen Folgekosten fordert, kann sich der SPD-Politiker nicht anfreunden: „Ich verstehe nicht, wie das der jungen Generation helfen soll“, resümiert Türmer nun in einem Interview mit dem Spiegel. „Der Anspruch muss doch sein, dass wir später eine Rente haben, von der wir leben können. Ohne dass wir uns mit immer höheren Rentenbeiträgen zu Tode zahlen“, fügt der Juso-Chef hinzu.

Juso-Vorsitzender Türmer fordert, mehr Berufsgruppen in gesetzliche Rente einzubeziehen

Dass die Rentenniveau-Stabilisierung für die jüngere Generation bis 2040 zu hohe Kosten bedeutet, darin sind sich die jungen Vertreter von Union und SPD einig. Doch diese durch ein wieder niedrigeres Rentenniveau ab 2040 im Zaum zu halten, hält Juso-Vorsitzender Türmer für den falschen Ansatz. Zwar seien die höheren Rentenbeiträge ein Problem, doch ließen sich die Türmer zufolge gesamtgesellschaftlich nicht durch Rentenkürzungen lösen, denn die seien ohnehin schon zu niedrig angesetzt. „Im Moment liegt die Durchschnittsrente ungefähr 100 Euro über der Armutsgrenze. Das sichert kaum den Lebensstandard und ist für junge Menschen nicht erstrebenswert“, so Türmer.

Renten-Meilensteine in Deutschland in Bildern – von Bismarck über Riester bis Müntefering

Otto von Bismarck brachte im Juni 1889 nach jahrelanger Debatte das „Gesetz über die Invaliditäts- und Altersversicherung“ durch den Reichstag.
Der Name Bismarck hallt bis heute nach. Auch weil Otto von Bismarck im Juni 1889 nach jahrelanger Debatte das „Gesetz über die Invaliditäts- und Altersversicherung“ durch den Reichstag brachte. Die Geburtsstunde der Rente in Deutschland. © Photo 12/www.imago-images.de
Der Holzstich zeigt Dreher, Gießer und Former in einer Porzellanfabrik um 1880.
Altersrente gab es damals aber erst ab dem vollendeten 70. Lebensjahr – die Lebenserwartung betrug damals nicht mal 50 Jahre. Der Holzstich zeigt Dreher, Gießer und Former in einer Porzellanfabrik um 1880. © imago stock&people/Imagebroker
Bismarcks politisches Kalkül war klar: Er wollte die Arbeiter besänftigen.
Bismarcks politisches Kalkül war klar: Er wollte die Arbeiter besänftigen. Rentenversichert waren zunächst Arbeiter und „kleine Angestellte“ mit Einkommen bis 2.000 Mark. Die Beiträge zahlten Arbeitgeber und -nehmer zu gleichen Teilen. © IMAGO/GRANGER Historical Picture Archive
Angestellte waren ab 1913 bei der Reichsversicherungsanstalt für Angestellte angesiedelt.
Größere Reformen gab es Anfang des 20. Jahrhunderts. Angestellte waren ab 1913 bei der Reichsversicherungsanstalt für Angestellte angesiedelt. Sie konnten schon ab 65 Jahren in Rente gehen – anders als Arbeiter. © imago stock&people/Arkivi
Das Bild zeigt verwundete deutsche Soldaten in Frankreich.
Vor dem Ersten Weltkrieg hatten die deutschen Rentenversicherungsanstalten Überschüsse, die sie etwa in Wohnungsbau steckten. Entlassungswellen und Hinterbliebenenrenten änderten das schnell. Das Bild zeigt verwundete deutsche Soldaten in Frankreich. © imageBROKER/GTW
Frauen im Ghetto Warschau bei erzwungener Näharbeit
Im NS-Regime werden Jüdinnen und Juden und andere verfolgte Gruppen aus der Rentenversicherung ausgeschlossen. Millionen von Zwangsarbeitern - im Foto: Frauen 1941 im Ghetto Dambrowa Gornicza bei erzwungener Näharbeit – bleiben ohne Rentenansprüche. Überschüsse der Kassen flossen in Kriegsanleihen. © Imago/Reinhard Schultz
Bundeskanzler Konrad Adenauer (r) gibt in Bonn seine Stimme für die Bundestagswahl 1957 ab
„Keine Experimente“ lautete Konrad Adenauers Slogan zur Bundestagswahl 1957. Bei der Rente wagte er aber eine Reform. Bis dato waren die Renten enorm gering, 50 DM war der Mindestsatz, der Durchschnitt nur unwesentlich höher. Nun änderte sich die Berechnung, Arbeiterrenten stiegen um etwa 60 Prozent. © DB/picture alliance/dpa
Willy Brandt im Jahr 1972.
Die nächste große Neuerung gab es unter Willy Brandt. Seit (dem Wahljahr) 1972 können auch Nicht-Pflichtversicherte in die Rentenversicherung einzahlen – etwa Selbstständige und Hausfrauen. Letzteres war ein Schritt zur Unabhängigkeit von den Ehemännern. Ab 1977 gab es dann auch einen „Versorgungsausgleich“ bei Scheidung. © Imago/Sven Simon
Norbert Blüm klebt Rentenplakat
„Die Rente ist sicher“: Auch mit diesem Satz blieb der mittlerweile verstorbene Arbeitsminister Norbert Blüm in Erinnerung. Auch Blüm kümmerte sich aber um die Lage der Rentnerinnen – er führte 1986 die „Mütterrente“ ein. Seither zählen Kindererziehungszeiten für die Rentenhöhe. © Peter Popp/picture-alliance/dpa
13 09 1985 Berlin Deutsche Demokratische Republik DDR Alte Frauen unterhalten sich
Die nächste große Herausforderung ist die Eingliederung der Bürger der ehemaligen DDR (hier ein Foto aus Ostberlin 1985) in die bundesdeutsche Rentenkasse. Die Deutsche Rentenversicherung preist rückblickend die Stärke des umlagefinanzierten Systems: „Die Rentenversicherung zahlte von einem Tag auf den anderen fast vier Millionen zusätzlicher Renten. Das wäre in einem kapitalgedeckten Rentensystem nicht vorstellbar gewesen.“ © imago stock&people/Franksorge
Kanzler Helmut Kohl (re.), Blüm und Finanzminister Theo Waigel
Die nächste Reform folgt dennoch – Kanzler Helmut Kohl (re.), Blüm und Finanzminister Theo Waigel (li.) müssen sparen, auch angesichts der alternden Bevölkerung. Ab 1992 steigen Altersgrenzen. Frauen und Arbeitslose (bislang bis 62 Jahren) und langjährige Versicherte (bis 63) müssen nun bis 65 arbeiten. Nur noch ein Jahr Kindererziehungszeit ist anrechenbar. © Michael Jung/dpa/picture-alliance
Koalitionsverhandlungen Riester Schröder
Auch Gerhard Schröders Rot-Grün hat ebenfalls Rentenpläne im Gepäck. Arbeitsminister Walter Riester leiht der „Riester-Rente“ seinen Namen – der Staat fördert auf ihrem Wege private Altersvorsorge. Das Modell gilt mittlerweile aber als Flop. Riester arbeitete später auch für Carsten Maschmeyers Finanzdienstleister AWD, dem die Reform gelegen gekommen sein dürfte. © picture-alliance / dpa | Hermann_J._Knippertz
Franz Münterfering und Angela Merkel 2007 im Bundestag.
Heikle Operation: SPD-Vizekanzler Franz Müntefering brachte 2007 die „Rente mit 67“ auf den Weg. Angela Merkels GroKo plante allerdings lange Übergangsfristen, noch bis 2031 dauert die Anhebung des Eintrittsalters an. Für Menschen, die 45 Jahre einzahlten, gab es eine Sonderregel. © Imago/Metodi Popow
Angela Merkel und Andrea Nahles 2017 bei einer Kabinettssitzung.
Müntefering war nicht mehr dabei als Merkels zweite GroKo 2017 das nächste „Rentenpaket“ schnürte. Arbeitsministerin war nun Andrea Nahles. Diesmal ging es um Erleichterungen. Langjährig Versicherte konnten nun ab 63 in Rente, die Mütterrente wurde ausgeweitet. 2018 kamen im „Rentenpakt“ (ohne drittes e) „Haltelinien“ für Beiträge und Rentenniveau hinzu. © Michael Kappeler/dpa/picture alliance
19 02 2017 Angleichung der Rente Rente Ostrente Westrente Ost West Altersruhegeld Angleichu
Fast 35 Jahre wird es gedauert haben – aber ab 2025 werden für die Rente in Ost- und Westdeutschland die gleichen Berechnungsgrößen gelten. Ein durchaus historischer Schritt. Beschlossen wurde er schon 2017. © imago stock&people/Steinach
Arbeitsminister Hubertus Heil – zuständig auch für die Rente – im Bundestag.
Die Evolution der Rente geht weiter: Seit 2021 gibt es die Grundrente als Zuschlag für Menschen, die unterdurchschnittlich verdient haben. Es wird nicht der Schlusspunkt sein: Angedacht – aber umstritten – ist die Aktienrente. Zugleich altert die deutsche Bevölkerung weiter, das Umlagesystem ist unter Druck. Ist die Rente sicher, auch über die Amtszeit von Hubertus Heil hinaus? Die Zukunft wird es zeigen. © Hannes P. Albert/dpa/picture-alliance

„Die richtige Antwort auf steigende Beiträge ist daher nicht zu kürzen, sondern mehr Menschen in das Solidarsystem einzubeziehen“, so Juso-Chef Türmers Forderung im Spiegel-Interview. So lasse sich ein ausreichend hohes Rentenniveau ohne Übermäßige Belastung der jungen Genration sichern. Denn ab 2029 stehe das Rentensystem durch den demografischen Wandel vor Hürden: Die Babyboomer-Generation erreicht das Renteneintrittsalter, doch weil sie selbst weniger Kinder bekommen haben, gibt es weniger Beitragszahler. Entgegentreten ließe sich diesem Ungleichgewicht laut Türmer, durch den Einbezug weiterer Berufsgruppen in die gesetzliche Rente: Beamte, Freiberufler, Selbstständige und Abgeordnete etwa.

„Die Beitragsbemessungsgrenze muss weg“ – Juso-Chef will stärkere Umverteilung im Rentensystem

Der Einbezug übriger Berufsgruppen, insbesondere von Beamten, hatte bereits in der Vergangenheit immer wieder für Diskussionen in der schwarz-roten Koalition gesorgt. Bereits im Mai hatte Arbeitsministerin Bas den Vorschlag vorgebracht, auch Beamte in die gesetzliche Rente einzubeziehen. Doch die Union zeigte sich nicht begeistert, CDU-Politiker Christoph Ahlhaus bezeichnete Bas’ Vorschlag gar als „populistischen Unfug“, wie mitunter die Tagesschau berichtete. 

Für Juso-Chef Türmer kann der Einbezug weiterer Berufsgruppen in die gesetzliche Rente jedoch durchaus ein Mittel sein, den kurz- und mittelfristigen Anforderungen des demografischen Wandels nachzukommen. Einen solchen Zeitrahmen sollten Gegenmaßnahmen Türmer zufolge ins Auge fassen, denn langfristig, so der SPD-Politiker, werde sich das Rentensystem im Zuge des demografischen Wandels ohnehin wieder stabilisieren. 

Daneben fordert Türmer auch, innerhalb des Rentensystems stärker umzuverteilen. Auch das könnte erleichtert werden, indem Beamte und Abgeordnete in die gesetzliche Rente einbezogen würden. „Hohe Einkommen sollte dazu genutzt werden, kleine Renten aus kleinen Einkommen zu stabilisieren“, so Türmer. Er fordert deshalb gegenüber dem Spiegel auch: „Die Beitragsbemessungsgrenze muss weg.“ (Quellen: Spiegel, Phoenix, Tagesschau) (fh)

Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa | Kay Nietfeld

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