VonFlorian Naumannschließen
Zweimal binnen gerade mal 14 Stunden hält Wladimir Putin Ansprachen. Der Tenor: Alles ist gut. Dennoch werden Panzer im Apparat (um)verteilt.
Moskau - Es war eine der Hauptfragen an dem Wochenende, an dem Russland den Atem anhielt: Wie würde Wladimir Putin auf die offene Herausforderung Jewgeni Prigoschins reagieren? Vor der Unberechenbarkeit eines angeschlagenen Putins warnen Experten schließlich seit Monaten.
Nun gibt der Kremlchef zumindest Teilantworten, offenbar läuft eine PR-Offensive an. Einige Aspekte überraschen: Schon in einer TV-Ansprache am Montagabend hatte Putin die Hand in Richtung Wagner-Söldner ausgestreckt - er bot Auswege an, pries „Patrioten“ und dankte für den Verzicht auf Blutvergießen.
Bereits am Dienstagmittag folgte der nächste, eher unerwartete Schulterschluss. In einer Rede vor Soldaten in Moskau gratulierte Putin seinem Verteidigungsminister Sergej Schoigu zur „geglückten Niederschlagung“ der angeblich ja freiwillig beendeten Revolte. Nichtsdestotrotz soll nun offenbar die Nationalgarde mit Panzern ausgerüstet werden. Schon diese Punkte scheinen im Gesamtbild logisch wenig Sinn zu ergeben. Bei genauerer Betrachtung ergeben sich weitere Zweifel.
Putin lobt Prigoschin - ordert aber offenbar lieber schon mal Panzer für die Nationalgarde
Russlands Sicherheitskräfte hätten „im Grunde einen Bürgerkrieg verhindert“, sagte Putin nun laut Berichten des Guardian und der Agentur Reuters rund 2.500 Uniformierten vor dem Kreml. Er lobte „klares und kohärentes“ Verhalten. Schoigu befand sich offenbar persönlich unter den Zuhörern. Zuletzt waren Spekulationen über sein Schicksal aufgekommen - gerade weil die Wagner-Söldner bis 200 Kilometer vor Moskau vorrücken konnten und dabei offenbar relativ sporadisch auf Widerstand aus der Luft gestoßen waren.
Putin selbst hatte am Samstagmorgen eher den Eindruck erweckt, die Revolte niederschlagen zu wollen. Er hatte eine Parallele zu den Ereignissen vor der Russischen Revolution 1917 gezogen. Offenbar ist nun auch geplant, Sicherheitskräfte abseits der Armee zu stärken: Die Nationalgarde, die während des Aufstands Moskau gesichert hatte, soll laut ihrem Chef Viktor Solotow schwere Waffen und Panzer erhalten.
Putin-Schwäche nur These aus „Hysterie“?
Der Subtext von Putins inhaltlich widerstreitenden Äußerungen scheint aber klar: Der Kreml habe alles unter Kontrolle. Der bewaffnete Wagner-Aufstand wäre „in jedem Falle unterdrückt worden“, sagte Putin am Montag laut Übersetzung der Staatsagentur Tass. Er selbst habe schnell Order erteilt, Blutvergießen zu vermeiden. Um das umzusetzen, sei lediglich „Zeit“ notwendig gewesen. Auch die Aufständischen hätten die Aussichtslosigkeit ihres Unterfangens letztlich einsehen müssen. „Wir wussten, dass wir gewinnen, die Aufständischen hätten Moskau nicht eingenommen“, sagte Putin.
Das Volk und die Armee waren nicht auf der Seite der Meuterer.
Mit dem Lob für Schoigu schlug Putin in dieselbe Kerbe. Soldaten und Mitarbeiter der Geheimdienste hätten sich dem Versuch einer Revolte entgegengestellt, sagte der russische Präsident und betonte: „Das Volk und die Armee waren nicht auf der Seite der Meuterer.“ Er räumte mit einer Schweigeminute zugleich indirekt erstmals ein, dass es Todesopfer beim Aufstand gab. Der Rede vom vermiedenen Blutvergießen zum Trotz.
Bemerkenswerterweise stützte Putin mit seinen zwei Ansprachen zwei gegensätzliche Pole der Debatte im Ukraine-Krieg: Einerseits Schoigu und die offizielle Staatsarmee, andererseits jedenfalls die einfachen Söldner der Gruppe Wagner. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow dementierte am Dienstag vehement eine mögliche „Schwäche“ Putins: Es handle sich um „ultra-emotionale Hysterie“ unter „Fachleuten, Pseudo-Fachleuten, Politikwissenschaftlern und Pseudo-Politikern“.
Putin spart nicht mit Ansprachen: „Der letzte Wahlkampf hat begonnen“
Dass es damit getan ist, kann zumindest bezweifelt werden. Söldner-Chef Prigoschin wurde in der Nacht auf Sonntag unter Jubel aus dem zwischenzeitlich von Wagner kontrollierten Rostow verabschiedet. Das könnte dem Kreml Anlass zur Sorge geben - wenngleich unklar blieb, ob die Zustimmung der Anwesenden Rückschlüsse auf die allgemeine Stimmung im Land zulässt. Einerseits sind viele Russen ob heftiger staatlicher Repression generell eingeschüchtert. Andererseits war das von militärischem Gerät in den Straßen geprägte Bild in Rostow mutmaßlich abschreckend für Kritiker des Aufstandes.
In Teilen rätselhaft bleibt auch die offizielle russische Deutung der Ereignisse vom Wochenende: Putin schien nun gleichermaßen eine „Niederschlagung“ der Revolte durch die Armee und ein Einlenken der Wagner-Kräfte zu preisen. Künftig sollen beide Seiten teils sogar zusammenarbeiten: Dem Moskau gegenüber loyalen Teil der Wagner-Truppe bot Putin an, Verträge mit dem russischen Verteidigungsministerium zu schließen. Gegen genau diese Aussicht hatte sich Prigoschin unter anderem gewehrt - und betont, die Armee wolle die Söldner auf verschiedene Frontabschnitte aufteilen und zu Kanonenfutter machen. Die Kämpfer können auch nach Belarus gehen, dort werden offenbar bereits Lager für sie gebaut.
Alex Yusupov, Russland-Chef der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung, wunderte sich in einem privaten Tweet über Putins Auftreten. „Die Hektik, Ambiguität und Schnappatmigkeit der öffentlichen Aktionen im Kreml ist zum Kopfschütteln“, erklärte er. Schadensbegrenzung, Selbstvergewisserung und „Sorge um kaskadenartige Kontrollverlusteffekte“ stünden im Vordergrund. Sein Urteil lautete: „Der letzte Wahlkampf von Wladimir Putin hat angefangen.“ (fn)
Rubriklistenbild: © IMAGO/Sergey Guneev

