VonStefan Schollschließen
Aus Angst vor Repressalien ziehen sich viele Menschen in Russland ins Private zurück. Die Gespräche der Andersdenkenden und Andersliebenden erinnern an sowjetisches Dissidententum. Stefan Scholl ist zu Gast in einer besonderen Familie.
Eine 1,5-Literflasche mit Weißbier steht zwischen Dörrfisch, Räucherkäse und Erdnüssen auf der Glasplatte des Küchentisches, sie ist fast leer. „Ich bin immer stolz gewesen, Russe zu sein“, sagt Pawel (Namen von der Redaktion geändert). „Aber jetzt schimpfen Männer, die sich russische Christen nennen, man habe sie reingelegt, ihnen versichert, sie müssten nur mal kurz in die Ukraine fahren und Leute umlegen. Aber die würden sich glatt wehren.“
Pawel ist 55, ein graulockiger, untersetzter Kraftmensch mit wenig Bauch. Früher besaß er eine Handelsfirma, vertrieb Sonnen- und Lesebrillen, aber sein Geschäftspartner betrog ihn und drängte ihn aus dem Geschäft. Pawel, begeisterter Skilangläufer und Kajakfahrer, verkaufte seinen Toyota Camry und schaffte sich einen UASik an, einen Kleinbus sowjetischer Bauart, hässlich wie ein Kastenbrot, aber extrem geländegängig.
Jetzt organisiert er Inlandstourismus, ebenfalls einfacher, sowjetischer Manier, im Winter Skiwanderungen, im Sommer Kanufahrten. Das Geschäft laufe gut, wegen der Sanktionen müssten die meisten Russ:innen Heimaturlaub machen. Aber man merkt Pawel an, dass ihm das nicht wirklich gefällt. „Wir sitzen den Krieg in der Küche aus, tun so, als wüssten wir nicht, was passiert…“ „Papa“, der vierjährige Mischa steckt seinen Kopf zur Tür hinein, „ich habe noch immer Hunger“, er schielt auf die Erdnüsse.
Russlands Küchen sind wieder seine Festungen geworden
Wir sitzen in einer Plattenbauküche in einem Moskauer Vorort. Eine kleine Küche und doch ein Universum, sie ist gleichzeitig Kneipe, Kinderspielplatz, Konzert- und Lesesaal. Die Wände sind wie in der Sowjetära mit hellgrüner Ölfarbe gestrichen, aber darauf hat jemand einen Schwarm langhaariger Strichfiguren gemalt, die mit Speeren auf einen Riesenbären losgehen.
Russlands Küchen sind wieder seine Festungen geworden, hier empfängt man Leute, denen man vertraut, mit denen man über Politik redet. Wie damals, vor 1991, in der Sowjetunion, als draußen überall Klassenbewusstsein geheuchelt wurde, in den Küchen aber literweise schwarzer Tee oder Wodka flossen, man auf Parteibosse schimpfte und verbotene Gedichte vortrug.
Plötzlich stehen Alla und Lisa am Tisch, „meine Schwestern“, wie der Hausherr sie angekündigt hat. Zwei große und sehr schlanke Frauen mit hellen Augen, sie kommen gerade vom Volleyball. Alla, 38, Personalmanagerin, ist Pawels Gattin, Lisa, 36, Kinderärztin, ist Allas Geliebte. „Petrowitsch“, Alla nennt ihren Mann neckisch mit seinem Vatersnamen, „mach uns eine Flasche Rotwein auf!“
Russland erscheint wie eine Zeitmaschine, die rückwärts fliegt
Küche ist auch Freiraum, hier kann man anders sein. Für Kolleg:innen und Nachbar:innen sind die Frauen Kusinen, aber jetzt machen sie es sich gemeinsam auf dem Diwan hinter der Tischplatte bequem, wo außer dem Rotwein auch Teller mit Kohlsuppe und eine Pralinenschachtel auftauchen. Allas Kopf liegt an Lisas Schulter, ihre dunklen Haarsträhnen sind durcheinandergeraten, Lisa streichelt Alla, Alla lächelt ihrem Ehemann zu. Es gefällt ihnen sichtlich, den Bier trinkenden Männern auf der anderen Seite des Küchentischs zu zeigen, dass sie sich lieben. Auch Pawel lächelt, erkennbar stolz auf seine hübschen „Schwestern“.
„Ich bin immer stolz gewesen, Russe zu sein. Aber jetzt schimpfen Männer, die sich russische Christen nennen, man habe sie reingelegt, ihnen gesagt, sie müssten nur mal kurz in die Ukraine fahren und Leute umlegen. Aber die würden sich glatt wehren.“
Russland draußen scheint sich in eine Zeitmaschine verwandelt zu haben, die rückwärts fliegt. Bis 2022 gab es noch eine Opposition, die eigene Medien besaß und Straßenproteste organisierte. Der letzte Versuch aber, eine LGBT-Parade zu veranstalten, scheiterte 2012. Heute gelten Andersdenkende wie Andersliebende wieder als Kriminelle, als Staatsfeinde, „antisowjetische Elemente“ hieß es früher. „Man sagt dir offen, du bist ein Feind und musst vernichtet werden“, beschreibt Kirill Martynow, Philosoph und Chefredakteur der Exilzeitung „Nowaja Gaseta Ewropa“, die Rückverwandlung der Oppositionellen in Dissidenten. „Besser, du schweigst, beschäftigst dich mit Privatem, stellst dich nicht mit einem Plakat auf die Straße.“
Die meisten Menschen in Russland halten die Sowjetepoche für eine gute Zeit
Das unfreiwillige „Back in the USSR“ ist durchaus hip. Nach einer Umfrage der staatlichen „Stiftung für Öffentliche Meinung“ halten 80 Prozent der Russ:innen die Sowjetepoche für eine gute Zeit, 63 Prozent bedauern den Zerfall der UdSSR. Die meisten von ihnen denken dabei wohl an die vergleichsweise harmlose Breschnjew-Ära, ohne Hungersnöte, Zwangsumsiedlungen oder Massenterror.
Alla erzählt von einem Beachvolleyballturnier in der Nachbarregion Twer, da wollen sie und Lisa im Juli hin. „Und Petrowitsch passt auf die Kinder auf.“ Die Kinder, das sind Lisas 15-jähriger Sohn Daniil und der kleine Mischa, der erneut auftaucht, weinend: das Gutenacht-Märchen aus dem Handy sei dumm. Mischa schaut schluchzend nach den Pralinen, Alla nimmt ihn in den Arm, die Frauen trösten ihn, Lisa geht mit ihm Zähne putzen. Pawel öffnet die nächste Flasche Weizenbier.
Auf der Ablage unter der Glasplatte des Küchentisches liegen Bücher, „Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley, der Sowjetautor Sergei Dawlatow und Erich Maria Remarques „Drei Kameraden“. Wir streiten, ob Remarques Buch große Literatur oder Kitsch ist, alle drei sind einer Meinung.
Fast alle Liberalen in der Kunst sind emigriert
Remarque sei ehrlich gewesen, ist das Hauptargument der Gastgeber, der spätsowjetische Gewohnheitstrinker Dawlatow und seine damals ungedruckten Romane aber genial. Über Putin oder Prigoschin zu debattieren, wird immer sinnloser, ästhetisch immer hässlicher, Russlands Küchen reden lieber wieder über Schriftsteller, vor allem über gesellschaftskritische Schriftsteller jener späten Sowjetunion. Eine Epoche leise bröckelnder wirtschaftlicher Stagnation, aber auch leise bröckelnder Verbote und hoffnungsvoller Vorahnungen. Literatur, Theater und Kino blühten, das Niveau künstlerischer Fiktion hat Russland nie wieder erreicht.
2023 sind fast alle liberalen Autor:innen und Regisseur:innen emigriert, auch ihr Anführer Kirill Serebrennikow. Die drei sahen seinen neuesten Spielfilm „Die Petrows haben Grippe“ als Download aus dem Internet. Eine postsowjetische Groteske mit traumartigen Mord- und Auferstehungsszenen.
Alla sagt, es gäbe auch real viele Gründe, Angst zu haben. Angst um ihre gemeinsame Freundin Olga, eine Politikwissenschaftlerin, die auf Twitter weiter ihre Meinung über die Ukraine schreibt. Angst um Daniil, in dessen als liberal geltender Schule auch eine Filiale der paramilitärischen „Jungarmee“ eröffnet werden soll, dem in einigen Jahren sogar Kriegsdienst drohen kann.
Wer anders denkt, muss mit Repressalien rechnen
Und alle drei haben Angst umeinander. „Unsere Nachbarn sind gute Leute. Alle glauben, Alla und Lisa seien Kusinen“, sagt Pawel. „Aber was, wenn Mischa im Kindergarten erzählt, er hätte zwei Mamas?“ Die neuen Verbotsgesetze, auch gegen die „Propaganda nicht traditioneller Sexualität“ lassen Böses ahnen – für alle Abweichler. In Moskau wurde schon ein Metro-Passagier festgenommen, weil sein Sitznachbar ein ukrainisches Wappen auf seinem Handybildschirm entdeckte. Im April wurde der Oppositionelle Wladimir Kara-Mursa zu 25 Jahren strenger Lagerhaft verurteilt, ein Schuldspruch, als wäre die russische Zeitmaschine schon wieder bei Stalin gelandet.
Alla redet auch über die Angst, dass in Moskau außer Drohnen auch „echte“ Bomben einschlagen. Sie überlegen, alle gemeinsam auszureisen. Aber der neue, elektronische Reisepass, den Lisa beantragt hat, lässt auf sich warten, es heißt, mangels Chips. Und es gehen Gerüchte, außer Militärs und Beamten könnten auch öffentliche Angestellte Ausreiseverbot erhalten. Das träfe auch Lisa, die in einer staatlichen Poliklinik arbeitet. Reisefreiheit droht wieder sowjetische Mangelware zu werden.
Pawel spielt auf der Gitarre, auf Bitte der Frauen singt er die Ballade von einem jungen Mann, der mit drei Frauen zusammenlebt. Zu dritt gebären sie ihm ein Töchterlein, vielleicht aber ist es doch ein Söhnchen, er selbst oder „eine ganze Erste Mai-Parade“. Das Lied eines Sowjetbarden, der 1988 aus dem Küchenfenster im achten Stock stürzte.
Pawel spielt und singt hervorragend, er ist weit weg und doch ganz nah. Seine „Schwestern“ trinken ihren Rotwein sehr langsam, sie genießen jeden seiner Akkorde und jedes seiner Worte. Alle in dieser Küche scheinen ineinander verliebt zu sein. Und solange Pawel spielt, gibt es nur Gegenwart und Glück und nicht jene Zukunft, die immer weiter in eine Vergangenheit voller Unfreiheit und Angst rutscht.

