Dauerbaustelle: Der russische Flugzeugträger Admiral Kusnezow liegt im Schiffsreparaturwerk in Murmansk. Russlands einziger Flugzeugträger wird seit rund sechs Jahren repariert und modernisiert. Entgegen Putins Ambitionen scheint er seiner Marine die nötigen Mittel vorzuenthalten.
Reine Machtdemonstration oder ein wahrhaftig realisierbares Vorhaben? Russland überarbeitet erneut seine Marinedoktrin; um das Versagen zu kaschieren.
Moskau – „Die russische Marine, einst eine Großmacht des Kalten Krieges, kämpft darum, ihre globale Machtprojektion aufrechtzuerhalten“, schreibt Die Caleb Larson. Die Meinung des Autors des US-Magazins National Security Journal scheint Wladimir Putin zu teilen. Wie der Kiyv Independent(KI) aktuell berichtet, habe Russlands Präsident auf See eine Kehrtwende befohlen. Die Nato sollte gewarnt sein.
Demnach habe der russische Präsident Wladimir Putin eine neue Marinestrategie gebilligt mit dem Ziel der vollständigen Wiederherstellung der Position Russlands als führende globale Seemacht, so Kreml-Berater Nikolai Patruschew in einem Interview mit der staatlich kontrollierten russischen Zeitung Argumenty i Fakty. Sie sei betitelt mit „Strategie für die Entwicklung der russischen Marine bis 2050“, so der Independent.
Putins Altlasten: „Russland verfügt über eine alternde Überwasserflotte“
Tatsächlich überarbeitet Russland die Ausrichtung seiner Marine häufiger – 2022 zuletzt; davor publizierte Russland 2017 eine Überarbeitung der 2015 erlassenen Doktrin, die auch nur drei Jahre alt war. „Russlands Position als eine der größten Seemächte der Welt erholt sich allmählich“, zitiert der KI Patruschew aktuell. Der sprach ergänzend von einer „langfristigen Vision künftiger maritimer Herausforderungen und Bedrohungen“, ohne jedoch ins Detail zu gehen über das neue Papier.
„… Die Russische Föderation wird keine nennenswerte Überlegenheit der Seestreitkräfte anderer Staaten gegenüber der Marine zulassen und wird danach streben, ihre Position auf dem zweiten Platz in der Welt hinsichtlich der Kampffähigkeiten zu festigen.“
„Russland verfügt über eine alternde Überwasserflotte, zu der auch der unzuverlässige Flugzeugträger Admiral Kusnezow gehört, und ist auf kleinere Fregatten und Korvetten angewiesen. Dem Land fehlen die Kapazitäten für dauerhafte Operationen auf hoher See“, urteilt aktuell Caleb Larson. Tatsächlich hat sich gerade im Ukraine-Krieg der kleinste der vier russischen Flottenverbände aus der militärischen Bedeutung verabschiedet: die Schwarzmeerflotte. Aufgrund ihrer Verluste hat die ukrainische Nachrichtenagentur Unian den anfangs des Krieges auf der Krim stationierten Verband sogar zu einer künftigen „Küstenwache“ degradiert. Sie soll aufgrund der wiederholten Überwasserdrohnen-Angriffe der Ukraine mindestens ein Viertel ihrer Schlagkraft eingebüßt haben.
Möglicherweise wird Russland den Fokus jetzt auf die Ostsee legen; naturgemäß werden die Marschrichtungen der aktuellen militärischen Lage angepasst. Allerdings hatte Überarbeitung 2017 ein hehres Ziel ausgegeben – und in der Retrospektive ihr bis heute nachgewiesenes Versagen dokumentiert: „ … Die Russische Föderation wird keine nennenswerte Überlegenheit der Seestreitkräfte anderer Staaten gegenüber der Marine zulassen und wird danach streben, ihre Position auf dem zweiten Platz in der Welt hinsichtlich der Kampffähigkeiten zu festigen“, zitierte Prochor Tebin.
Russlands Anspruch auf See: Der Realismus und die Vernünftigkeit einer solchen Position äußerst fraglich
Der Analyst des russischen Thinktanks Russian International Affairs Council (RIAC), kommentierte diesen Absatz 39 des bis 2030 gedachten Grundlagenpapiers als aufsehenerregend. Tatsächlich ließ sich der russische Forscher hinreißen zur Bemerkung, dass „der Realismus und die Vernünftigkeit einer solchen Position in Frage gestellt“ worden seien. Zu der Zeit, dass räumte auch Tebin ein, galt die russische Flotte insgesamt als zweitstärkste Marine der Welt – Tebin zufolge hauptsächlich aufgrund ihrer „Kampffähigkeit“, die gestützt wurde auf Russlands nichtstrategische Nuklearwaffen, die von Atom-U-Booten als genauso einsatzbereit galten als von Überwasserschiffen.
Russlands Flotten-Quartett
Nordflotte operiert im Barentsmeer und im arktischen Nordteil des Atlantiks; stationiert Murmansk und auf der Halbinsel Kola.
Pazifische Flotte: operiert im Pazifik und im russischen Fernen Osten; stationiert in Wladiwostok und in Petropawlowsk-Kamtschatski auf der Halbinsel Kamtschatka.
Baltische Flotte operiert im Baltischen Meer; stationiert in Baltijsk, im Verwaltungsbezirk Kaliningrad.
Schwarzmeerflotte operiert(e) im Schwarzen Meer und war in Sewastopol stationiert. Aufgrund des Ukraine-Krieges ist sie ausgewichen nach Noworossijsk. Laut der Neuen Zürcher Zeitung wird gerade die Hafenstadt Otschamtschira in Abchasien aufgebaut – wahrscheinlich zur Stationierung der Schwarzmeerflotte.
Offene Daten deuten darauf hin, dass Russland über 79 U-Boote, darunter 14 atomgetriebene U-Boote mit ballistischen Raketen, sowie über 222 Kriegsschiffe verfügt (Quelle: Reuters).
Mittlerweile hat Chinas Marine aufgeholt; wenn sie nicht gar vorbeigezogen ist. „Obwohl Russland verzweifelt versucht, wieder in den Club der Hochseeflotten zurückzukehren, bleibt es offen, ob es seine Ziele in absehbarer Zeit erreichen wird. Wirtschaftliche Schwierigkeiten, Konflikte mit europäischen Nationen, die zuvor bereit waren, Technologie an Russland zu verkaufen, und mangelnde Expertise im Großschiffbau drohen Russlands Wiederaufstieg in der Marine zunichtezumachen“, schrieb der spätere Außenministeriumssprecher Sean MacCormac für das Magazin der Nichtregierungsorganisation Center for International Maritime Security (CIMSEC) – und zwar bereits 2015. Russlands wirtschaftliche Krise legte also auch schon vor zehn Jahren den militärischen Schiffbau trocken.
Ein krasses Beispiel für den Niedergang der sowjetischen Marine sei das aktuelle Flugzeugträgerprogramm Russlands – die moderne russische Marine verlasse sich auf einen einzigen Träger, die Admiral Kusnezow, erläutert Caleb Larson. China arbeitet am dritten, die USA verfügen über elf einsatzfähige Träger. Bereits in der 2017er-Ausgabe der Marinestrategie war von neuen Trägern die Rede – entweder eines Ersatzes des alten oder eines zusätzlichen: Geplant war die Realisierung eines Flugzeugträgerkomplexes für die Marine, moderner Kampfüberwasserschiffe und -U-Boote, mariner Tiefseesysteme der neuen Generation sowie der Einsatz mariner Robotersysteme zur Durchführung einer großen Bandbreite von Kampf- und Unterstützungsaufgaben“, wie ein Blog des russischen Thinktanks Zentrums für Strategie- und Technologieanalyse (CAST) wiedergibt.
Nato vorsichtig aber entspannt: Aussichten deuten auf eine Rückkehr zu den Unterinvestitionen hin
Die Blog-Autoren sehen in den Ankündigungen allerdings vor allem Forderungen unter Berücksichtigung künftiger Verteilung von Mitteln: Die Marine wolle sich damit als Stützpfeiler der Abschreckung positionieren und formuliere daher Maximalpositionen, so die Replik auf die zitierten Regierungsdokumente. Darüberhinaus sind die Autoren überzeugt, dass Russlands maritimes Potenzial lediglich solange währt, bis auch China den Bau von Atom-U-Booten forciere – vermutlich von 2030 an.
Neben dem Bedeutungsverlust der Seemacht Russlands im Schwarzen Meer, sinkt Putins Stern auch im Pazifik, wie verschiedene Medien im Januar berichtet hatte: Der endgültige Verlust des Hafens Tartus ist ein schwerer Schlag für Moskaus Marine – einschließlich seiner fähigen U-Boot-Streitkräft, schreibt beispielsweise der Business Insider. Die Marine sei auf den Warmwasserhafen angewiesen, um ihre Macht in der Region und darüber hinaus auszuüben. Nachdem Mitte 2024 das U-Boot „Novorossiysk“ spektakulär von seinem Stützpunkt nahe St. Petersburg durch die Ostsee nach Tartus verlegt hatte, ging die Reise Anfang dieses Jahres wieder zurück. Auch russische Überwasserschiffe haben Tartus wieder verlassen, wie die Neue Zürcher Zeitung berichtet hat.
Westliche Beobachter halten die Zukunft von Russland als Seemacht für ein Hirngespinst: Die russische Marine bleibe für die Nato ein ernst zu nehmender Gegner, zeige allerdings Anzeichen eines Niedergangs, der an die 1990er-Jahre erinnere, schreibt H.I. Sutton. Teure Wiederaufbauprojekte gerieten ins Stocken, der Bau von Kriegsschiffen scheine eher der Demonstration von Macht und dem nationalen Prestige zu dienen als militärischem Nutzen, vermutet der Autor der Naval News.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
Russland baue seit Mitte der 2000er-Jahre neue Kriegsschiffe sowie U-Boote und beschleunigte seine Entwicklung Ende der 2010er-Jahre, erläutert Sutton. Unter den angestoßenen Projekten sei auch die Modernisierung der stärksten Schiffe aus dem Kalten Krieg; die „Spezialoperation“ in der Ukraine habe aber Ressourcen abgezogen und somit alles verändert.
Darunter gelitten hätte auch die Umrüstung des Flugzeugträgers „Admiral Kusnezow“ – die verzögere sich um Jahre. Wie Sutton weiter schreibt, wisse er aus Open Source-Berichten, dass selbst viele Besatzungsmitglieder an die Front in der Ukraine geschickt, worden seien. Dementsprechend ordnet er die Pläne Putins und eine neue Marinedoktrin für ein erneutes Auftrumpfen auf See in die Welt der Fantasie ein: „Die Aussichten deuten auf eine Rückkehr zu den Unterinvestitionen und dem Verfall der 1990er-Jahre hin.“ (KaHin)