Putin errichtet geheime Raketenbasen in Belarus – NATO alarmiert
VonMax Nebel
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Belarus errichtet neue Militärkomplexe nahe Ukraine. Ein Areal bei Minsk könnte Oreschnik-Raketen aufnehmen. „Sapad-2025“ sorgt zusätzlich für Druck.
Minsk – In Belarus entstehen in rasantem Tempo neue Militäranlagen. Besonders im Fokus steht ein Areal südlich von Minsk, wo großflächig Wälder gerodet und Straßen angelegt werden. Die Dimensionen des Projekts lassen auf eine strategische Nutzung schließen, die weit über gewöhnliche Ausbildungsstätten hinausgeht. Auch nahe der Stadt Homel, unweit der Grenze zur Ukraine, wächst ein weiterer Komplex heran, der die regionale Sicherheitslage verändern dürfte.
Putins Verbündete: Diese Länder stehen im Ukraine-Krieg an der Seite Russlands
Die Bauaktivitäten verstärken die Befürchtungen, dass Russland seine militärische Präsenz in Belarus massiv ausweitet. Beide Standorte liegen so, dass sie den Druck sowohl auf Kiew im Ukraine-Krieg als auch auf NATO-Staaten erhöhen könnten. Mit den für September angesetzten Großmanövern „Sapad-2025“ gewinnt die Entwicklung zusätzliche Brisanz – Beobachter erwarten, dass die neuen Anlagen erstmals einbezogen werden.
Während Ukraine-Krieg tobt: Putin baut geheime Raketenbasen in Belarus
Gleich mehrere neue Militärstandorte sind derzeit in Belarus im Bau, darunter ein Komplex unweit von Minsk auf dem Gelände einer früheren sowjetischen Raketenbasis. Der Bau begann im Juni 2024; bis September 2025 umfasst die Fläche mehr als zwei Quadratkilometer. Ausgewertete Planet-Labs-Bilder zeigen gerodete Wälder, Erdarbeiten, ein Straßennetz sowie 13 Munitionsdepots und drei rund 100 Meter lange Hallen. Ermittler des RFE/RL-Projekts (Radio Free Europe / Radio Liberty) „Skhemy“ (deutsch: „Schema“) sehen hier mögliche Vorbereitungen für die Stationierung russischer ballistischer „Oreschnik“-Raketen.
Die Anlage gliedert sich laut Analyse in vier getrennte Abschnitte, verbunden durch neue Straßen. Es sind Fundamente weiterer Gebäude sichtbar, ein nahezu 150 Meter langer Neubau sowie aufgeschüttete Erdwälle. Offizielle belarussische Bestätigungen fehlen; im Kataster gibt es keine eindeutigen Einträge. Auch Anfragen an das Verteidigungsministerium blieben unbeantwortet.
Die russische Hyperschall-Mittelstreckenrakete „Oreschnik“ (li.) gilt als nuklearfähig und extrem schwer abzufangen. Satellitenaufnahmen (re.) belegen parallel großangelegte Bauarbeiten in Belarus, südlich von Minsk, wo nach Experteneinschätzung ein neuer Militärstützpunkt für solche Systeme entstehen könnte.
Historischer Ort mit nuklearem Erbe – jetzt großflächig durch Putin reaktiviert
Das Gelände war zu Sowjetzeiten als Militärlager Nr. 25 „Pawliwka/Pavlovka“ Standort des 306. Strategischen Raketenregiments (R-12, später „Pionier“ und „Topol“). Nach dem NPT-Beitritt (Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen)1993 wurden Regiment und Infrastruktur aufgegeben. Seit Frühjahr 2024 laufen Minenräumung, Rodungen und Bauarbeiten in hoher Taktung – belegt durch Fernsehbilder und Satellitenaufnahmen.
„Meine Einschätzung wäre, dass diese Basen mit einer Art Ausrüstung auf strategischer Ebene verbunden sind, die in Belarus stationiert werden kann“, sagt der Militärexperte Konrad Muzyka gegenüber RFE/RL. „Ob das der Oreschnik ist oder etwas anderes, werden wir sehen, aber es ist definitiv von strategischer Bedeutung.“ In jedem Fall gehe er davon aus, dass die genannte Ausrüstung eine „nukleare Komponente“ habe.
Zweite Großbaustelle bei Homel – nur wenige Dutzend Kilometer zur Ukraine
Ein weiterer neuer Komplex entsteht am Rand der Stadt Homel, keine 40 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Luftbilder zeigen seit Ende 2023 Rodungen, Trassenbau, Fundamente und eine geplante Übungs- und Gefechtszone. Die Dimension entspreche einer Brigadebasis mit Platz für mehrere Tausend Soldaten, berichten die Investigativteams. In Ausschreibungen ist von einem „Militärstädtchen mit Ausbildungs- und Taktikfeld“ die Rede, schreibt The Kyiv Independent.
Belarussische Medien, notiert die Ukrainska Pravda, nannten bereits Exerzierplatz, Unterkünfte und Kantine für bis zu 680 Personen. Offiziell ist nicht benannt, welche Einheit dort einzieht. Angesichts der neu aufgestellten 37. Luftsturm-Brigade zur Verstärkung des Südabschnitts liegt eine Stationierung nahe, heißt es in den Recherchen.
Oreschnik – Daten und Fakten
Merkmal
Angabe / Beschreibung
Typ
Russische mobile Mittelstreckenrakete (IRBM) mit Hyperschallgeschwindigkeit
Reichweite
Bis zu 5.500 Kilometer
Geschwindigkeit
Mobil, bodengestützte ballistische Rakete, Start von LKW-Plattformen
Sprengkopf
Konventionell oder nuklear (bis zu 900 Kilotonnen, ~45 Hiroshima-Bomben); bis zu sechs MIRV-Gefechtsköpfe möglich
Erste Tests/Einsatz
Tests 2023 und 2024; erster Einsatz im November 2024 gegen Dnipro (Ukraine)
Stationierung
Geplant ab Ende 2025 in Russland und Belarus
Antrieb
Feststoffraketentriebwerk
Besonderheit
Entwickelt zur Umgehung moderner Luftabwehrsysteme; extrem schwer abzufangen
Zielgenauigkeit
Streukreisradius (CEP) 90–250 Meter
Strategische Bedeutung
Verkürzt Vorwarnzeit für Ukraine und NATO erheblich; mögliche Einsatzzeit nur wenige Minuten bis zu Zielen in Europa
„Oreschnik“ als Hyperschall-Mittelstreckenrakete – Putin kündigt Stationierung in Belarus an
Russlands Präsident Wladimir Putin pries die neue hyperschallschnelle Mittelstreckenrakete „Oreschnik“ mehrfach an. Im Dezember 2024 erklärte er, Systeme würden zeitgleich mit der Einführung bei den russischen Strategischen Raketentruppen in Belarus stationiert, voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte 2025.
Der „Oreschnik“ gilt als nuklearfähig und wurde laut offenen Quellen bereits gegen die Ukraine eingesetzt. Westliche Einschätzungen gehen von wenigen Serienexemplaren aus. Belarus war in den vergangenen Jahren wiederholt als Standort russischer taktischer Nuklearwaffen im Gespräch – Minsk und Moskau hatten 2024 entsprechende Vereinbarungen getroffen, erläutert The Kyiv Independent.
„Sapad-2025“ erhöht den Druck – NATO-Nachbarn alarmiert
Analystinnen und Analysten, bemerkt RFE/RL, sehen in den sichtbaren Bauprojekten ein Signal strategischer Verlagerung: Belarus könnte zur vorgeschobenen Startrampe werden – die Pufferzone zur Ukraine und zu NATO-Staaten schrumpft auf wenige Dutzend Kilometer. Parallel hantiert Moskau mit nuklearfähigen Systemen und nutzt die Manöver als Schaufenster militärischer Handlungsfreiheit.
Was bisher unklar ist – und was sich prüfen lässt
Ungeklärt bleibt, ob tatsächlich „Oreschnik“-Werfer in Pavlovka aufgestellt werden, wer die Baukosten trägt und ob die Infrastruktur bereits einsatzbereit ist. Die Baumerkmale – voneinander getrennte Sektoren, Munitionsdepots, Hallen und ein 150-Meter-Neubau – sprechen laut Experten für strategische Fähigkeiten. Die Behörden schweigen jedoch. Entscheidend werden die nächsten Wochen: Sollten die neuen Areale in „Sapad-2025“ einbezogen werden, ließe sich Nutzung und Zuführung schwerer Systeme beobachten, heißt es in dem RFE/RL-Bericht.