Foreign Policy

Putin lässt die eigenen Rekruten durch Demütigungen und Schikane brechen

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Der russische Präsident Wladimir Putin (links) trifft Soldaten während eines Besuchs in einem militärischen Ausbildungszentrum des Westlichen Militärbezirks für mobilisierte Reservisten außerhalb der Stadt Rjasan. (Archivbild)
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In der russischen Armee ist das brutale Schikanieren ein einzigartiges kulturelles Merkmal und ein prägender Teil der militärischen Identität. Die betroffenen Soldaten lassen es an Zivilisten aus.

Moskau – Aufgrund von Erfrierungen mussten dem russischen Gefreiten Andrei Sychyow Anfang 2006 Beine und Genitalien amputiert werden. Zuvor waren er und mindestens sieben weitere Wehrpflichtige während der Silvesterfeierlichkeiten gezwungen worden, stundenlang im Schnee zu hocken, wobei sie brutal geschlagen wurden. Es dauerte drei Tage, bis er medizinische Hilfe erhielt. 2018 wurde dem Gefreiten Artjom Pachotin zur Strafe für das Rauchen in der Kaserne das Wort „petuh“ (Hahn) in die Stirn geritzt (im übertragenen Sinne: „Gefängnisschlampe“). Zwei Wochen später tötete er sich mit seiner AK. Am 25. Oktober 2019 eröffnete der Wehrpflichtige Ramil Schamsutdinow das Feuer auf seine Kameraden und tötete acht von ihnen, nachdem er nach eigenen Angaben über einen längeren Zeitraum geschlagen und mit Vergewaltigung bedroht worden war.

Alle sechs Monate werden etwa 130.000 russische Wehrpflichtige zu ihrem Dienstjahr einberufen, wo die meisten von ihnen sadistischen Schikanen ausgesetzt sind. Auf Russisch heißt das Dedowschtschina, ein brutales internes Armeeregime, das in der Sowjetzeit begann, aber in der modernen Militärkultur fest verankert ist. Westliche Streitkräfte haben hart daran gearbeitet, Mobbing und Schikanen in den Reihen der Soldaten zu reduzieren – mit einigem, aber nicht vollständigem Erfolg. Doch in der russischen Armee ist die Dedowschtschina ein einzigartiges kulturelles Merkmal und ein prägender Teil der militärischen Identität. Es ist ein Prozess, der russische Soldaten brutalisiert und traumatisiert und sie lehrt, anderen Schmerz zuzufügen.

Das Schikanieren ist ein bewusster Teil der russischen militärischen Indoktrination

Mehrere Quellen, sowohl solche, die zu Sowjetzeiten gedient haben, als auch solche mit Erfahrung in den modernen russischen Streitkräften, haben mir dieses Schikanieren als nicht nur ein Nebenprodukt des Dienstes, sondern als bewussten Teil der russischen militärischen Indoktrination beschrieben. (Ich habe diese Quellen während meines Geschichtsstudiums und meiner frühen journalistischen Arbeit zu diesem Thema befragt und viele von ihnen für diesen Artikel erneut kontaktiert.) Die gleiche Einstellung findet sich überall im russischen Internet. Wie Lenta.ru berichtete, gab der damalige Generalstaatsanwalt Russlands, Wladimir Ustinow, 2006 in einer Rede vor Präsident Wladimir Putin und seinen Staatsanwaltskollegen sogar zu, dass er „nicht in der Lage ist, etwas gegen die Kriminalität in den Streitkräften zu unternehmen“.

Wladimir Putin: Der Aufstieg von Russlands Machthaber in Bildern

Wladimir Putin ist seit dem 24. Februar 2022 auch Kriegsherr – auch wenn in Russland nach offizieller Lesart nur von einer militärischen „Spezialoperation“ in der Ukraine gesprochen wird.
Am 24. Februar 2022 befahl Wladimir Putin den Angriff russischer Truppen auf die Ukraine. Setdem ist er nicht nur Präsident Russlands, sondern Kriegsherr – auch wenn in Russland der Ukraine-Krieg nach offizieller Lesart nur eine militärische „Spezialoperation“ genannt wird. © Mikhail Klimentyev/Imago
Wladmir Putin mit Flottenchef Kurojedow
Von 1975 bis 1982 war der am 7. Oktober 1952 geborene Putin KGB-Offizier, von 1984 bis 1985 besuchte er die KGB-Hochschule in Moskau. Ab 1985 war er in der DDR tätig, hauptsächlich in Dresden. Danach ging es wieder zurück nach St. Petersburg. Vom 25. Juli 1998 bis August 1999 war Putin Direktor des Inlandsgeheimdienstes FSB. In dieser Eigenschaft traf er sich im November 1998 mit Flottenchef Wladmir Kurojedow (rechts). © Stringer/dpa
So sah Wladimir Putin im Alter von 40 Jahren aus, als er an der Eröffnung der Honda Motor Show 1992 in St. Petersburg teilnahm.
Eine Schwarz-Weiß-Aufnahme zeigt Wladimir Putin im Jahr 1992 im Alter von 40 Jahren, als er an der Eröffnung der Honda Motor Show 1992 in St. Petersburg teilnahm. Zwei Jahre später wurde er von einem der Vizebürgermeister zum ersten Vizebürgermeister der Stadt ernannt. Sein politischer Aufstieg nahm Formen an. © Russian Look/IMAGO
Dieses Foto zeigt den russischen Präsidenten Wladimir Putin im Jahr 1994 in seinem Büro. Damals war er 42 Jahre alt und Vizebürgermeister von St. Petersburg.
In seinem ersten Jahr als erster Vizebürgermeister der Stadt St. Petersburg im Jahr 1994 wurde Wladimir Putin in seinem Büro fotografiert. Damals war er 42 Jahre alt. Von körperlichen Beschwerden aus dieser Zeit ist nichts bekannt. Putin war zudem bereits seit seiner Jugend sportlich und ging unter anderem dem Kampfsport Judo nach, in dem er sich einen Schwarzen Gurt verdiente. © Russian Look/IMAGO
Drei Jahre später enstand dieses Foto von Wladimir Putin zusammen mit Anatoly Sobchak, ehemaliger Bürgermeister von St. Petersburg.
Dieses Foto entstand drei Jahre später, 1997, und zeigt Wladimir Putin – damals 45 Jahre alt – zusammen mit Anatoly Sobchak, dem ehemaligen Bürgermeister von St. Petersburg. © Russian Look/IMAGO
Wladimir Putin mit Boris Jelzin im Kreml.
Im Jahr 1999 übernahm Putin zum ersten Mal das Amt des Ministerpräsidenten – mit Option auf die Nachfolge von Präsident Boris Jelzin (links). Als Jelzin am 31. Dezember 1999 sein Amt niederlegte, übernahm Putin kommissarisch auch die Amtsgeschäfte des Präsidenten. Im Mai 2000 wurde Putin dann regulär zum Präsidenten Russlands gewählt. © dpa
Im Jahr 2000 wurde Putin zum ersten Mal Präsident der Russichen Föderation. Das Foto zeigt den damals 48-Jährigen zusammen mit Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder in Berlin.
Im Jahr 2000 wurde Wladimir Putin erstmals zum Präsidenten der Russischen Föderation gewählt. Das Foto zeigt den damals 48-Jährigen zusammen mit Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) in Berlin. Die Beiden sollte im weiteren Verlauf eine innige Freundschaft verbinden, die auch über Schröders politische Karriere hinaus Bestand hatte. © Thomas Imo/IMAGO
Wladimir Putin während einer Trainingssession in Sotschi im Jahr 2019. Der russische Präsident gilt als großer Judo-Fan und hat im Jahr 2000 in Tokio den Titel des sechsten Dan des „Kodokan-Judo“ verliehen bekommen.
Wladimir Putin während einer Trainingssession in Sotschi im Jahr 2019. Der russische Präsident gilt als großer Judo-Fan und hat im Jahr 2000 in Tokio den Titel des sechsten Dan des „Kodokan-Judo“ verliehen bekommen. © Mikhail Metzel/Imago
Am 7. Mai 2000 legte Putin seinen Amtseid ab.
Am 7. Mai 2000 legte Putin unter den Augen von Boris Jelzin seinen Amtseid ab. Mit einer Ausnahme einer Zeit als Regierungschef von 2008 bis 2012 hat Putin seither das Amt des Präsidenten der Russischen Föderation inne.  © Imago
Wladimir Putin und Bill Clinton bei der Unterzeichnung eines Vertrages in New York.
Im September 2000 führte Putin der Weg in die USA. Bill Clinton (rechts) war der erste US-Präsident, mit dem er es in den kommenden Jahren zu tun bekam. in seiner Mit dem damals noch amtierenden US-Präsidenten B © Imago
Mit einer Umarmung begrüßen sich Gerhard Schröder und Wladmir Putin im Foyer des Taschenbergpalais in Dresden.
Als Russlands Präsident reiste Putin im September 2001 zu einem dreitägigen Staatsbesuch nach Deutschland. Im Foyer des Taschenbergpalais in der sächsischen Landeshauptstadt Dresden begrüßte ihn auch der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (links). Die beiden verstanden sich offensichtlich schon damals ausnehmend gut. Die Freundschaft hat auch heute noch Bestand. © Jan-Peter Kasper/dpa
Der schwarze Labrador von Wladimir Putin läuft beim Treffen seines Herrchens mit Angela Merkel durchs Zimmer.
Putin spielt gerne psychologische Spielchen – so auch 2007 mit Kanzlerin Angela Merkel. Bei ihrem Treffen in Sotschi am Schwarzen Meer ließ Putin während einer gemeinsamen Pressekonferenz eine Labradorhündin ohne Leine herumlaufen. Merkel, einst in ihrer Jugend von einem Hund gebissen worden, fühlte sich sichtlich unwohl.  © Dmitry Astakhov/dpa
George Bush und Wladimir Putin spazieren auf dem Gelände von Putins Sommerresidenz Bocharov Ruchei.
George W. Bush (rechts) war der zweite US-Präsident, mit dem es Putin zu tun bekam. Im April 2008 trafen sich beiden Staatschefs auf dem Gelände von Putins Sommerresidenz Bocharov Ruchei. © Imago
Wladimir Putin neuer russischer Regierungschef.
Am 7. Mai 2008 löste Dmitri Medwedew nach zwei Amtszeiten Putin im Amt des russischen Präsidenten ab. Einen Tag danach wählte die Duma Putin auf Vorschlag des neuen Präsidenten zum neuen Regierungschef. Putin blieb auch in dieser Position der starke Mann. © dpa
Im Jahr 2009 ließ sich Putin mit freiem Oberkörper auf einem Pferd sitzend zur Demonstration von Macht fotografieren, als er durch die südsibirische Republik Tuwa ritt.
Im Jahr 2009 ließ sich Wladimir Putin mit freiem Oberkörper auf einem Pferd sitzend fotografieren, als er durch die südsibirische Republik Tuwa ritt. Mit solchen Fotos pflegte Putin sein Macho-Image. Er wollte er laut Informationen der „Süddeutschen Zeitung“ Wirkung in der russischen Bevölkerung erzielen und auch international demonstrieren, dass er ein starker Gegner ist. © epa Alexey Druzhinyn
Bekleidet mit olivgrüner Jagdhose und einem dazu passenden Sonnenhut präsentiert sich Wladimir Putin beim Angeln in den sibirischen Bergen im Jahr 2017. Geht es nach dem russischen Präsidenten, hat der Oberkörper aber freizubleiben.
Bekleidet mit olivgrüner Jagdhose und einem dazu passenden Sonnenhut präsentiert sich Wladimir Putin beim Angeln in den sibirischen Bergen im Jahr 2017. Geht es nach dem russischen Präsidenten, hat der Oberkörper aber freizubleiben. Das gilt für Reiten wie offenbar auch fürs Angeln. © Aleksey Nikolskyi/Imago
Putin und Obama stoßen miteinander an.
Am 7. Mai 2012 wurde Putin erneut zum Präsidenten gewählt. Sein Verhältnis zu US-Präsident Barack Obama war von Distanz geprägt. Das war auch im September 2015 bei einer Veranstaltung der Vereinten Nationen in New York der Fall.  © Amanda Voisard/dpa
Wladimir Putin in einem camouflage-farbendem Tauchanzug während eines Ausflugs in der russischen Republik Tuwa in Sibirien im Jahr 2017. Das Foto zeigt den russischen Präsidenten während einer Verschnaufpause.
Wladimir Putin in einem camouflage-farbendem Tauchanzug während eines Ausflugs in der russischen Republik Tuwa in Sibirien im Jahr 2017. Das Foto zeigt den russischen Präsidenten während einer Verschnaufpause. © Alexei Nikolsky/Imago
Putin trifft Trump beim Apec-Gipfel in Vietnam.
Als Donald Trump die US-Wahl 2016 gegen Hillary Clinton gewann, hatte Russland wohl seine Hände mit im Spiel. Putin hatte sicher seinen Grund. Mit Donald Trump kam er jedenfalls gut zurecht. Im November 2017 begrüßten sie sich Familienfoto im Rahmen des Gipfeltreffens der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft (Apec) in Da Nang (Vietnam) herzlich.  © Mikhail Klimentyev/dpa
Der chinesische Präsident Xi Jinping (r) und der russische Präsident Wladimir Putin (l) geben sich am 04.07.2017 im Kreml in Moskau (Russland) bei einem Gespräch die Hände
Unter Putin sind sich Russland und China zuletzt immer nähergekommen. Ein wichtiger Termin war der 4. Juli 2017, als der chinesische Präsident Xi Jiping im Kreml in Moskau zu Besuch war. Damals wurden mehrere Verträge und Wirtschaftsabkommen unterzeichnet. © Sergei Ilnitsky/dpa
Wladimir Putin und Olaf Scholz am Tisch im Kreml.
So pflegt Putin inzwischen seine Gäste zu empfangen – vor allem die aus dem Westen. Am 15. Februar 2022 reiste Kanzler Olaf Scholz nach Moskau. Damals hatte der Ukraine-Krieg noch nicht begonnen. Putin ließ sich von Scholz aber nicht beeindrucken. © Kremlin Pool/Imago
Wladimir Putin im Kreml.
Putin forcierte in seiner dritten Amtszeit die kriegerischen Auseinandersetzungen. Seit dem 21. März 2014 betrachtet Russland die Krim als Teil des eigenen Staatsgebiets, seit September 2015 unterstützt die russische Luftwaffe im Militäreinsatz in Syrien den syrischen Präsidenten Assad im dortigen Bürgerkrieg.  © Sergei Ilnitsky/dpa
Wladimir Putin (links) und Joe Biden schütteln sich bei ihrem Treffen in der „Villa la Grange“ die Hand.
Anlässlich der Genfer Gipfelkonferenz traf sich Putin am 16. Juni 2021 mit US-Präsident Joe Biden zu einem Gespräch. Schon damals waren die russischen Truppenaufmärsche an der Grenze zur Ukraine ein Thema. © Denis Balibouse/dpa
Wladimir Putin lacht
Genutzt hat das Gipfelgespräch wenig. Am 24. Februar 2022 begann mit dem Einmarsch der russischen Truppen ins Nachbarland der Ukraine-Krieg. Putin wusste es wohl schon in Genf.  © Denis Balibouse/dpa
Selbst wenn sich der Kreml-Chef nahe den Gewässern Russlands erholt, sind die Kameras der russischen Staatspresse nicht weit entfernt. Schnappschüsse von einem schwimmenden Wladimir Putin, wie hier im Jahr 2017, würde ihnen sonst glatt entgehen.
Selbst wenn sich der Kreml-Chef nahe den Gewässern Russlands erholt, sind die Kameras der russischen Staatspresse nicht weit entfernt. Schnappschüsse von einem schwimmenden Wladimir Putin, wie hier im Jahr 2017, würde ihnen sonst glatt entgehen. © Alexei Nikolsky/Imago

Die Überlebenden dieser Schikanen sagen, dass das Hauptziel darin besteht, junge Männer zu brechen. Sie werden in unterwürfige, eingeschüchterte und gehorsame Drohnen verwandelt, die weder unnötige Fragen stellen noch unabhängige Gedanken oder Initiative zeigen. Die Methoden sind brutal. Nehmen Sie das Stanzen des Sperrholzes, das als sogenanntes Härtetraining und auch als eine Form der Kollektivstrafe eingesetzt wird. Die Soldaten stehen in Formation in einer einzigen Reihe und stehen stramm. Eine Autoritätsperson, die an der Formation vorbeigeht, schlägt jedem der stehenden Soldaten mit dem Gewehrkolben eines AKM-Sturmgewehrs auf die Brust, bis der Bolzen im Rahmen zuckt. Soldaten, die das mitgemacht haben, sagen, dass die Brust mindestens eine Woche lang schwarz und geprellt bleibt.

Das Elchpfählen ist besonders bei der russischen Luftwaffe bekannt

Dann gibt es noch das Elchpfählen, das besonders bei der russischen Luftwaffe bekannt ist. Der Soldat legt seine Hände auf die Stirn, wobei die Handflächen nach außen zeigen, wie das gespreizte Geweih eines Elchs. Sein Peiniger schlägt mit seinen Fäusten, einem Gewehrkolben, einem Hocker oder was auch immer gerade zur Hand ist, auf die Mitte der gekreuzten Handflächen. Die Aufgabe des „Elchs“ besteht darin, stehenzubleiben. Gelingt ihm das nicht, hat dies zweifellos noch härtere Schläge und andere Strafen zur Folge. Es gibt verschiedene Varianten davon, z. B. den „selbstmörderischen Elch“, bei dem eine weit entfernte Wand ausgewählt wird und der Rekrut gezwungen ist, so schnell wie möglich darauf zuzulaufen, bis sein „Geweih“ dagegen knallt. Wenn sie nicht schnell genug rennen, gibt es weitere Schläge.

Nicht alle Bestrafungen sind körperlich. In einem Blog mit dem Titel „Army Diary of a Conscript 2012-13“ schreibt der Autor, der sich nur „Sergei“ nennt: „Es ist eine Sache, wenn man nachts durch einen Schlag auf den Kopf mit einem Schemel geweckt wird und danach nur zum ‚Spaß‘ schikaniert wird, und eine andere, wenn zum Beispiel jüngere Wehrpflichtige überhaupt erst zu harter und unehrenhafter Arbeit geschickt werden. Der Unterschied liegt in den Zielen – manchmal ist das Leiden und die Demütigung der Hauptzweck, manchmal ist es ein Nebeneffekt“.

Ein anderer ehemaliger Wehrpflichtiger berichtete über seine Erfahrungen in einem Link, der jetzt nur noch über die Waybackmachine zugänglich ist: „Furcht. Missverständnis. Und wieder Angst. Bis zu dem Punkt, an dem man in den Knien zittert. Es ist ein seltsames Gefühl. Ich bin überrascht, dass es so weit verbreitet ist. Wir waren nicht ‚Gäste für drei Tage‘ in der alten Armeetradition. Wir wurden in der ersten Nacht abgeholt und verprügelt.“

Mit „Gäste für drei Tage“ ist die ungeschriebene Regel aus Sowjetzeiten gemeint, bei der die Wehrpflichtigen drei Tage lang mit übertriebener Freundlichkeit und Höflichkeit behandelt wurden, bevor das Grauen begann, nur um zu sehen, was für Menschen sie sind und wie sie sich in Stresssituationen verhalten würden. Solche Nettigkeiten sind weitgehend verschwunden.

Es gibt Fälle von Vergewaltigung und Zwangsprostitution sowie entsprechende Drohungen

Aber das sind nur die üblichen Methoden. Einige der Methoden, mit denen die jungen Wehrpflichtigen eingeweiht oder gebrochen werden, sind wirklich beunruhigend, und diejenigen, die gedient haben, wollen nur selten über die schlimmsten Erfahrungen sprechen, die sie gemacht haben. Das ist nicht verwunderlich, denn oft stehen sie auf der gleichen Stufe wie die schlimmsten Strafen in der Gefängniskultur und weisen Parallelen zu den heutigen Fällen von Polizeifolter in Russland auf. Es gibt Fälle von Vergewaltigung und Zwangsprostitution sowie entsprechende Drohungen. Hinzu kommen Misshandlungen wie das berüchtigte Sitzen auf einer Flasche, das von Ramsan Kadyrows tschetschenischen Einheiten häufig zur Bestrafung von Gegnern eingesetzt wird. Alles dreht sich um Demütigung, die zum Teil von der Ponyatiya, dem sadistischen Regime der russischen Gefängniskultur, übernommen wurde.

Wie der Name, wörtlich die „Herrschaft der Alten“, schon sagt, beruht die Dedowschtschina auf der Überlegenheit der Veteranen gegenüber den Neulingen. Mobbing gab es zwar schon immer, schon im zaristischen Militär, aber die sowjetische Dedowschtschina begann direkt nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Armee durch die Kriegseinberufung noch stark angeschwollen war. Natürlich war sich die Militärführung darüber im Klaren, dass Schikanen eine törichte Idee waren, aber der Armee fehlte es aufgrund der immensen Zahl von Verlusten, die sie erlitten hatte, an Arbeitskräften, und man hatte wenig Lust, gegen die Soldaten vorzugehen. Aufgrund des Personalmangels wurden außerdem häufig Gefangene in die Armee überstellt, was zur Verbreitung ihrer eigenen ungeschriebenen Gesetze, der Ponyatiya, in den Streitkräften führte.

Veteranen, die einen Krieg überlebt hatten, in dem 8,7 Millionen ihrer Kameraden und etwa 19 Millionen sowjetische Zivilisten ums Leben gekommen waren, interessierten sich nicht für militärische Angelegenheiten in Friedenszeiten und für alltägliche Aufgaben wie Bodenwaschen oder Putzen. Sie kümmerten sich auch nicht um eine angemessene Kleiderordnung und Disziplin. Ihre Offiziere hatten oft mit ihnen im Krieg gedient und neigten dazu, sie mit wohlverdientem Respekt zu behandeln. Deshalb überließen diese Veteranen den frischen Rekruten alle täglichen Arbeiten und übernahmen es auch, ihnen die richtige Disziplin und das Ethos der Armee beizubringen, wobei sie sie bei Ungehorsam hart schlugen. Dann wurden die Veteranen demobilisiert und die früheren Opfer nahmen ihren Platz ein, wodurch ein ständiger Kreislauf der Gewalt entstand.

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Dies verschärfte sich noch, nachdem Leonid Breschnew 1968 die Dienstzeit in der Armee von drei auf zwei Jahre verkürzt hatte. Da die Sowjetunion zu einer stagnierenden Bürokratie geworden war, wies die Verkürzung zahlreiche Mängel auf und wurde nachlässig und willkürlich umgesetzt. Diejenigen, die bereits ein Jahr gedient hatten, mussten noch zwei weitere Jahre dienen, während die neuen Rekruten nur zwei Jahre dienen mussten. Dies löste bei den älteren Rekruten Unmut und bei den jüngeren Hass aus, so dass die älteren Soldaten begannen, die Gewalt und Demütigung, die sie den neuen Rekruten zufügten, zu verstärken, die dann das Gleiche mit den nachfolgenden Wehrpflichtigen taten.

Nach der Einführung des Ein-Jahres-Systems, einem weiteren halbherzigen Versuch einer Militärreform Mitte der 2000er Jahre, wurden diese Schläge auf Zeit weniger formalisiert. Dies bedeutete jedoch nicht, dass die Gewalt aufhörte oder sogar generell abnahm, sondern lediglich, dass sich die Gründe und das Tempo änderten. Heute verprügeln die älteren Soldaten einfach, wen sie wollen. Früher musste ein Soldat ein Jahr lang Prügel einstecken und sie dann ein weiteres Jahr lang an die neuen Rekruten weitergeben. Jetzt macht ein Wehrpflichtiger beides für jeweils sechs Monate. Einst organisierte Gewalt ist zu allgemeiner Brutalität geworden.

Schikane aus nationalen oder regionalen Gründen

Eine andere Form der Schikane ist Zemlyadstvo: Schikane aus nationalen oder regionalen Gründen. Es begann, als die verschiedenen Nationalitäten der Sowjetunion – und heute der Russischen Föderation – Cliquen bildeten und sich zusammenschlossen, um gemeinsam gegen „Außenseiter“ vorzugehen. Das Wesen von Zemlyadstvo hat sich seit der Sowjet-Ära nicht wesentlich verändert – abgesehen davon, dass einige der einst beteiligten Nationalitäten, wie Georgier und Armenier, im Allgemeinen verschwunden sind. Aber es gibt immer noch viele Minderheiten in Russland, und sie werden besonders häufig zur Wehrpflicht herangezogen. Es sind unverhältnismäßig viele Minderheiten, vor allem aus den östlichen Regionen, die die Hauptlast der russischen Invasion in der Ukraine tragen.

Obwohl sich die Sowjetunion als internationales Arbeiterparadies verkaufte, war sie alles andere als das. Die russische Kultur wurde den nationalen Republiken stets als überlegene Kultur aufgedrängt, und wenn man nicht als echter Russe galt, wurde man oft als Bürger zweiter Klasse behandelt. Wir in den baltischen Staaten waren immer „böse Nazi-Sympathisanten“, wobei die Esten besonders als langsam und dumm dargestellt wurden. Es gab eine ganze Reihe ethnischer Beleidigungen: Kaukasier waren chernye, „Schwarze“, oder „Schwarzarsch“; Zentralasiaten waren cherka, „Schwachköpfe“; Ukrainer waren nichts anderes als khohols und so weiter. Diese Einstellungen haben sich hartnäckig gehalten und zu Konflikten zwischen den ethnischen Russen, die sich selbst als überlegen betrachten, und allen anderen geführt.

Für einige Gruppen waren dies im Wesentlichen Schutzbündnisse, die ihre Mitglieder vor der Brutalität schützten. Mein verstorbener Vater erzählte mir, dass in seiner Einheit die Leute aus dem Baltikum in der Fahrzeugwerkstatt herumhingen und dort alle notwendigen Arbeiten verrichteten, während die Leute aus dem Kaukasus die Kantine übernahmen. Das sprach für ihre Macht, denn dort war es immer warm und sie hatten Zugang zu zusätzlichen Lebensmitteln. Keine der beiden Gruppen verbrachte viel Zeit in der Kaserne und vermied so die dort stattfindende Dedowschtschina. Diese Zusammenarbeit war von entscheidender Bedeutung, da der russische Rassismus sonst dazu führte, dass Minderheiten auf das Schlimmste schikaniert wurden - wie im tragischen Fall von Schamsutdinow, einem ethnischen Tataren aus dem Gebiet Tjumen, der ausrastete und seine Kameraden erschoss.

Putins Zirkel der Macht im Kreml – die Vertrauten des russischen Präsidenten

Zu den Scharfmachern im Ukraine-Krieg gehört auch Ramsan Kadyrow.
Zu den Scharfmachern im Ukraine-Krieg gehört auch Ramsan Kadyrow, der als Oberhaupt der russischen Teilrepublik Tschetschenien im Nordkaukasus eigene Truppen befehligt. „Putins Bluthund“, der für seinen brutalen Führungsstil im muslimisch geprägten Tschetschenien bekannt ist, tat sich seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine als einer der glühendsten Kriegsbefürworter hervor. Mehrfach kritisierte er nach russischen Niederlagen die militärische Führung seines Landes scharf und forderte weitreichende Konsequenzen. © Yelena Afonina/imago
Am 2. März 2007 wählte das tschetschenische Parlament ihn auf Putins Vorschlag zum Präsidenten des Landes
Am 2. März 2007 wählte das tschetschenische Parlament ihn auf Putins Vorschlag zum Präsidenten des Landes, nachdem er das 30. Lebensjahr vollendet hatte, das Mindestalter für die Wahl des tschetschenischen Oberhaupts. Im März 2015 erhielt Kadyrow den russischen Orden der Ehre. Kadyrows diktatorische Amtsführung ist geprägt von schweren Menschenrechtsverletzungen, Korruption und einem ausufernden Personenkult. Seit Oktober 2022 ist er darüber hinaus Generaloberst der russischen Streitkräfte. © Yelena Afonina/imago
Der russische Außenminister Sergei Lawrow ist so etwas wie „Putins rechte Hand“.
Der russische Außenminister Sergei Lawrow ist so etwas wie „Putins rechte Hand“. Seit März 2004 im Amt, verteidigt Lawrow seit Beginn des Ukraine-Kriegs immer wieder die Behauptung, dass Russland die Ukraine von den dort regierenden Nazis befreien zu wollen. Anfang Mai 2022 versuchte Lawrow im italienischen Fernsehen das Argument zu entkräften, als Jude könne der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj kein Nazi sein: „Adolf Hitler hatte auch jüdisches Blut. Das heißt überhaupt nichts. Das weise jüdische Volk sagt, dass die eifrigsten Antisemiten in der Regel Juden sind.“ © Imago
Seit Beginn des Ukraine-Kriegs wiederholt Lawrow seine Vorwürfe, der Westen führe in der Ukraine Krieg gegen Russland.
Seit Beginn des Ukraine-Kriegs wiederholt Lawrow seine Vorwürfe, der Westen führe in der Ukraine Krieg gegen Russland. „Wenn wir über das sprechen, was in der Ukraine vorgeht, so ist das kein hybrider, sondern schon fast ein richtiger Krieg, den der Westen lange gegen Russland vorbereitet hat“, sagte Lawrow während einer Afrika-Reise im Januar 2023, die ihn u. a. auch nach Angola führte. Der Westen wolle alles Russische zerstören, von der Sprache bis zur Kultur, so Lawrow. © Imago
Als „Putins Marionette“ kann Dmitri Medwedew gelten.
Als „Putins Marionette“ kann Dmitri Medwedew gelten. Der Gefolgsmann des russischen Präsidenten war von 2008 bis 2012 Präsident Russlands und anschließend bis 2020 Ministerpräsident der Russischen Föderation. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs macht Medwedew, inzwischen Vizechef des russischen Sicherheitsrates, ein ums andere Mal mit Verschwörungserzählungen und martialischen Äußerungen über die Ukraine und den Westen auf sich aufmerksam. Unter anderem drohte er mit dem „Verschwinden der Ukraine von der Landkarte“. © Artyom Geodakyan/imago
Der promovierte Jurist, der einst als Stimme der Vernunft galt, hat sich inzwischen zu einem radikalen Hetzer entwickelt.
Der promovierte Jurist, der einst als Stimme der Vernunft galt, hat sich inzwischen zu einem radikalen Hetzer entwickelt. Gerne droht der Vizechef des russischen Sicherheitsrates den Nato-Staaten mit einem Angriff oder gar mit Atomschlägen. Im Sommer 2022 bezeichnete er die Regierung in Kiew als „vereinzelte Missgeburten, die sich selbst als ‚ukrainische Regierung‘ bezeichnen“, die US-Regierung waren für ihn „Puppenspieler jenseits des Ozeans mit deutlichen Anzeichen senilen Wahnsinns“. Ende 2022 versuchte er sich als Prophet für das Jahr 2023: In Deutschland entsteht demnach ein „Viertes Reich“, die EU zerfällt, in den USA bricht ein Bürgerkrieg aus. © Yekaterina Shtukina/imago
Seit vielen Jahren an Putins Seite ist Dimitri Peskow. Schon im Jahr 2000 wurde er stellvertretender Pressesprecher des Präsidenten. Als Putin 2008 Ministerpräsident wurde, wechselte Peskow das Büro. Vier Jahre später kehrte er dann ins Präsidialamt zurück. Nach Beginn des Ukraine-Kriegs setzte die EU ihn auf die Sanktionsliste und ließ sein gesamtes Vermögen einfrieren.
Seit vielen Jahren an Putins Seite ist Dimitri Peskow. Schon im Jahr 2000 wurde er stellvertretender Pressesprecher des Präsidenten. Als Putin 2008 Ministerpräsident wurde, wechselte Peskow das Büro. Vier Jahre später kehrte er dann ins Präsidialamt zurück. Nach Beginn des Ukraine-Kriegs setzte die EU ihn auf die Sanktionsliste und ließ sein gesamtes Vermögen einfrieren. © Sergei Ilnitsky/AFP
Alina Kabajewa ist wahrscheinlich so etwas wie „Putins Ballerina“.
Alina Kabajewa ist wahrscheinlich so etwas wie „Putins Ballerina“. Die frühere Spitzensportlerin galt in der Rhythmischen Sportgymnastik jahrelang als Nonplusultra. Ihre Erfolge (Olympiagold 2004 in Athen, neun WM- sowie 15 EM-Titel) sprechen für sich. Von 2007 bis 2014 war sie Abgeordnete der Russischen Staatsduma für die Partei „Einiges Russland“, seit September 2014 ist sie Vorsitzende des Verwaltungsrates der Nationalen Mediengruppe (NMG). Sie gilt Medienberichten zufolge als Geliebte des russischen Präsidenten und soll mit diesem mehrere Kinder haben, was von Kabajewa und russischen Regierungsstellen aber dementiert wird. © Imago
Schon seit Jahren gilt Kabajewa als heimliche Geliebte oder gar Ehefrau des russischen Präsidenten.
Schon seit Jahren gilt Kabajewa als heimliche Geliebte oder gar Ehefrau des russischen Präsidenten. Eine offizielle Bestätigung aus Russland hat es aber nie gegeben. Der britischen Regierung zufolge steht sie „in enger persönlicher Beziehung zu Putin“. Kabajewa soll mehrere Kinder von Putin haben, was von Kabajewa und russischen Regierungsstellen aber dementiert wird. 2015 soll sie in Lugano Zwillinge zur Welt gebracht haben, andere Quellen berichten von einer Geburt eines Jungen im Kanton Tessin und einer weiteren Geburt eines Sohnes in Moskau. Gesichert ist, dass Kabajewa nach 2015 für einige Jahre aus dem öffentlichen Rampenlicht verschwand und auch heute nur äußerst selten öffentlich auftritt. © Valery Sharifulin/imago
Wladimir Solowjow ist Putins Chefpropagandist im Ukraine-Krieg.
Wladimir Solowjow ist Putins Chefpropagandist im Ukraine-Krieg. Seine seit 2012 im Sender Rossija 1 ausgestrahlte politische Talkshow „Sonntagabend mit Wladimir Solowjow“ gilt als vielleicht wichtigste innerrussischen Propagandasendung. Im Dezember 2022 drohte er dort zahlreichen europäischen Ländern mit militärischen Interventionen, weil diese die Ukraine unterstützen würden und Teil des europäischen Nazismus seien. Auch forderte er wiederholt den Einsatz von russischen Atombomben gegen Nato-Staaten. Im April 2022 bezeichnete er die Massaker von Butscha sowie Srebrenica als inszeniert. © Sergei Karpukhin/imago
Solowjow wird in seiner Sendung oft laut
Solowjow wird in seiner Sendung oft laut, beschimpft die deutsche Regierung, streut deutsche Wörter ein und imitiert dabei eine schroffe Nazi-Aussprache. Einmal bezeichnete er Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) als „Miss Ribbentrop“. Joachim von Ribbentrop war deutscher Außenminister unter Adolf Hitler, den Solowjow im Februar 2021 in seiner Sendung einmal als „sehr mutigen Menschen“ und „tapferen Soldaten“ bezeichnet hatte. Von seiner 2014 geäußerten Meinung, „Gott verbietet, dass die Krim nach Russland zurückkehrt“, hat er sich nach dem Euromaidan, der Revolution der Würde, schnell distanziert. © Artyom Geodakyan/imago
Der russische Inlandsgeheimdienst FSB wird von einem engen Weggefährten des Präsidenten geleitet.
Der russische Inlandsgeheimdienst FSB wird von einem engen Weggefährten des Präsidenten geleitet. Schon in den 1970er Jahren war Alexander Bortnikow zeitgleich mit Putin in St. Petersburg für den KGB im Einsatz. Putin, der einst selbst Direktor des FSB war, ernannte ihn im Mai 2008 zum Chef des Geheimdienstes und sicherte sich so maximalen Einfluss. Es gilt als gesichert, dass Putin auch als Präsident entscheidende Befehle selbst übermittelt.  © Alexei Druzhinin/imago
Der FSB dient vor allem dazu, die Opposition gegen Putins Machtelite zu unterdrücken.
Der FSB dient vor allem dazu, die Opposition gegen Putins Machtelite zu unterdrücken. Ein Beispiel ist der Anschlag auf den Kremlkritiker Alexej Nawalny, der nach Angaben des Recherchekollektivs Bellingcat zuvor monatelang von FSB-Agenten verfolgt worden war. Unter Bortnikow wurde die Macht des FSB durch mehrere Reformen immer stärker ausgeweitet. Zudem soll der FSB die prorussischen Separatisten im Osten des Landes unterstützt haben. Nach der Annexion der Halbinsel Krim ging der FSB gegen Medien und Kultur vor. © Mikhail Metzel/imago
Seit November 2012 hat der Armeegeneral Sergei Schoigu das Amt des russischen Verteidigungsministers inne.
Seit November 2012 hat der Armeegeneral Sergei Schoigu das Amt des russischen Verteidigungsministers inne. In Schoigus Amtszeit fallen zunächst die militärische Unterstützung der Separatisten in der Ostukraine, die Annexion der Krim 2014 sowie das Eingreifen Russlands in den syrischen Bürgerkrieg aufseiten des Assad-Regimes. Wegen der Intervention zugunsten der Separatisten im Donbass eröffnete die Ukraine 2014 ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren gegen ihn. Seit Februar befehligt Schoigu als Verteidigungsminister die russischen Truppen im Ukraine-Krieg. © Pavel Golovkin/dpa
Schoigus Verhältnis zu Putin gilt bisher als sehr eng.
Schoigus Verhältnis zu Putin gilt bisher als sehr eng. So verbringt er regelmäßig seinen Sommerurlaub zusammen mit dem russischen Präsidenten im südsibirischen Tuwa – Schoigus Heimatregion, wo sich die beiden, wie hier im Jahr 2017, auch schon mal ein Sonnenbad in einer Pause vom Angeln gönnen. Ob das auch in Zukunft so bleiben wird, ist offen. So wies das „Institute for the Study of War“ in einem Bericht im Herbst 2022 darauf hin, dass Putin Schoigu für die Fehler im Ukraine-Krieg verantwortlich macht. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Putin seinen Vertrauten doch noch zum Sündenbock macht.  © Alexei Nikolsky/dpa
Russia s First Deputy Prime Minister Andrei Belousov
Schoigus Nachfolger soll der bisherige Vize-Regierungschef Andrej Beloussow werden. Die militärische Komponente im Verteidigungsministerium bleibe auch nach der Ernennung Beloussows unverändert. „Heute gewinnt auf dem Schlachtfeld derjenige, der offener für Innovationen und deren Umsetzung ist“, erklärte Kremlsprecher Peskow Putins Entscheidung für einen Zivilisten an der Spitze des Verteidigungsministeriums. Beloussow sei nicht nur Zivilbeamter, sondern habe auch viele Jahre erfolgreich in der Politik gearbeitet und Putin in Wirtschaftsfragen beraten. © IMAGO/Alexander Astafyev
Das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche ist heute nur noch unter seinem Namen Kirill I. bekannt.
Das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche ist heute nur noch unter seinem Namen Kyrill I. bekannt. Bürgerlich heißt der Patriarch allerdings Wladimir Gundjajew – und hat eine bewegte Vergangenheit. Unter dem Decknamen „Michailow“ hat er laut dem schweizerischen Bundesarchiv in den 1970er Jahren in Genf als Agent für den früheren sowjetischen Auslandsgeheimdienst KGB gearbeitet. Diese Vergangenheit verbindet ihn mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. © Sergei Chirikov/dpa
Seit Februar 2009 ist Gunjajew als Kyrill I. Patriarch von Moskau und der ganzen Rus und damit der Vorsteher der Russisch-Orthodoxen Kirche.
Seit Februar 2009 ist Gundjajew als Kyrill I. Patriarch von Moskau und der ganzen Rus und damit der Vorsteher der Russisch-Orthodoxen Kirche. Er gilt als enger Verbündeter Putins, dessen Regentschaft er im Zuge der Präsidentschaftswahl in Russland 2012 als „Wunder Gottes“ bezeichnete. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs fällt er zunehmend durch Hasspredigten auf. Einmal bezeichnete er die Gegner Russlands als „Kräfte des Bösen“, zudem sprach er der Ukraine ihr Existenzrecht ab. Verbal lässt Kyrill I., anders als im April 2017 in Moskau, jedenfalls keine Tauben fliegen.  © Alexander Zemlianichenko/dpa
Der rechtsnationalistische Ideologe Alexander Dugin darf getrost als „Putins Denker“ bezeichnet werden.
Der rechtsnationalistische Ideologe Alexander Dugin darf getrost als „Putins Denker“ bezeichnet werden. Dugin, der viele Bücher geschrieben hat, gilt als antiwestlicher Hassprediger und Kämpfer für die Idee einer slawischen Supermacht. In seinem Buch „Grundlagen der Geopolitik“ sprach er sich gegen die Ukraine als souveränen Staat aus. Kurz vor Beginn des Ukraine-Kriegs wurde diese Rhetorik aufgegriffen, als Putin das ukrainische Staatsgebiet in einem Aufsatz infrage stellte. © Kirill Kudryavtsev/afp
Dugin wurde 1987 Mitglied der radikal-nationalistischen und antisemitischen Gruppierung Pamjat
Dugin wurde 1987 Mitglied der radikal-nationalistischen und antisemitischen Gruppierung Pamjat. Größere Bekanntheit erlangte er in den 1990er Jahren, als er über Radio und Fernsehen seine Ideologie verbreitete. Zugleich war Dugin auch Mitglied von esoterischen und okkulten Zirkeln. Unklar ist, wie nahe Dugin dem russischen Präsidenten steht. Putins Äußerungen geben aber oft die Rhetorik Dugins wider. Als Beispiel sei das Konzept „Noworossija“ („Neurussland“) geannnt, das Russland benutzt hat, um die Krim-Annexion zu rechtfertigen. Damals gab Dugin in einem Interview auch unmissverständlich kund, wie nun vorzugehen sei: „Töten, töten, töten, das ist meine Meinung als Professor.“ © afp
Zum engsten Putin-Zirkel gehört auch Nikolai Patruschew.
Zum engsten Putin-Zirkel gehört auch Nikolai Patruschew. Der Sekretär des russischen Sicherheitsrates war lange Jahre Leiter des Inlandsgeheimdienstes FSB und gilt als radikaler, europafeindlicher Hardliner. Patruschew verbindet viel mit Putin: Sie sind etwa gleich alt, beide kommen aus dem heutigen Sankt Petersburg, vor allem aber entstammen sie beide dem sowjetischen Geheimdienst KGB. Patruschew wird als engster Vertrauter Putins wahrgenommen und soll von diesem zu seinem Stellvertreter für den Fall einer zeitweiligen Verhinderung der Amtsausübung erkoren worden sein © Zubair Bairakov/imago
Patruschew wird als „Falke“ des Ostens beschrieben.
Patruschew wird als „Falke“ des Ostens beschrieben. Im Herbst 2021 bezeichnete er die Ukrainerinnen und Ukrainer als „Nicht-Menschen“. Noch Ende Januar 2022 bestritt er jede Kriegsabsicht Russlands als „komplette Absurdität“. Ende Februar 2022 beschuldigte er in einem Manifest die USA und die EU, in der Ukraine eine „Ideologie des Neonazismus“ zu unterstützen.  © Aram Nersesyan/imago
Als Chef des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR ist Sergei Naryschkin für seine bissigen Kommentare bekannt.
Als Chef des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR ist Sergei Naryschkin für seine bissigen Kommentare bekannt. Kurz nach Beginn des Ukraine-Krieges warf er den USA und anderen westlichen Staaten vor, Russland zerstören zu wollen: „Die Masken sind gefallen. Der Westen will Russland nicht nur mit einem neuen Eisernen Vorhang umgeben“, zitierte der SWR Anfang März 2022 seinen Chef. „Wir reden über Versuche, unseren Staat zu zerstören, über seine ‚Annullierung‘, wie heutzutage in einem ‚toleranten‘ liberal-faschistischen Umfeld gesagt wird.“ Naryschkin gehörte zu jenen, die schon damals behaupteten, zwischen Russland und dem Westen tobe ein „heißer Krieg“. © Alexander Zemlianichenko/dpa
Wenige Tage vor Beginn dem russischen Einmarsch in die Ukraine war Naryschkin im Gespräch mit Wladimir Putin tüchtig ins Schlingern geraten.
Wenige Tage vor Beginn dem russischen Einmarsch in die Ukraine war Naryschkin im Gespräch mit Wladimir Putin tüchtig ins Schlingern geraten. Der SWR-Chef sprach sich damals versehentlich für eine russische Einverleibung der Volksrepubliken Luhansk und Donezk aus. Putin korrigierte ihn bei der im Staatsfernsehen übertragenen Sitzung und betonte, dass die Frage nicht gestellt sei. „Wir sprechen über die Anerkennung ihrer Unabhängigkeit oder nicht“, kanzelte Putin den SWR-Chef ab. © Valery Sharifulin/imago
Zu den engsten Vertrauten des russischen Präsidenten Wladimir Putin zählt der russische Unternehmer Jewgeni Prigoschin.
Zu den engsten Vertrauten Wladimir Putins zählte Jewgeni Prigoschin. Russlands Präsident und der erfolgreiche Geschäftsmann kannten sich lange. Als Putin noch KGB-Offizier war und in der St. Petersburger Stadtverwaltung arbeitete, soll er in Prigoschins Restaurant eingekehrt sein. Deshalb trug der in den chaotischen 1990er Jahren in Russland zu Reichtum gekommene 61-Jährige den Beinamen „Putins Koch“. Auch wegen Raubes saß er in Haft.  © Mikhail Metzel/imago
Inzwischen ist Prigoschin vor allem als Warlord der berüchtigten Schattenarme „Wagner“ im Auftrag des Kreml international gefürchtet.
Lange war Prigoschin vor allem als Warlord der berüchtigten Schattenarme „Wagner“ im Auftrag des Kreml international gefürchtet. Putin ließ ihn lange schalten und walten, als hätte diese Schattenarmee, eine paramilitärische Organisation mit vielen verurteilten Verbrechern, längst das Zepter der Macht in der Hand. Vom 23 bis 24. Juni 2023 kam es zu einem Aufstand der Wagner-Gruppe in Russland. Danach bezeichnete ihn Putin als „Verräter“. Am 23. August 2023 kam Prigoschin bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. © Vyacheslav Prokofyev/imago

Dieser Fall schlug damals im russischen Internet hohe Wellen. Meine Gesprächspartner waren sich einig, dass er wegen seines „asiatischen Aussehens“ von den ethnischen Russen besonders hart behandelt worden sein muss. „Er muss über seinen Platz hinaus gesprungen sein“, sagte mir ein russischer Matrose, der derzeit in der Nordsee dient, am Telefon. „Er muss versucht haben, sich bei jemandem über die Schläge zu beschweren oder es gewagt haben, sich gegen jemanden zu wehren. Schlechte Idee. Für die Armee sind sie (die Nicht-Russen) Fleisch. Sie sind weit weg von Moskau oder Sankt Petersburg. Niemand kümmert sich darum, wenn sie sterben.“ Die russische Überlegenheit, die den Soldaten eingeimpft wurde, trägt heute zum Rassismus von Putins Krieg bei, in dem die Ukrainer als Untermenschen dargestellt werden.

Bis zu einem gewissen Grad gedieh die Dedowschtschina in Friedenszeiten, weil es nichts anderes zu tun gab, und sie nahm traditionell im Krieg ab. Da Putin jedoch aus politischen Gründen Hassgruppen im eigenen Land anheizt und unterstützt, wird es nur noch schlimmer. Ein traditioneller Aspekt der Brutalität, der sich jedoch nicht geändert hat, ist die Tatsache, dass sie sich in der Regel in Gewalt gegen Zivilisten äußert. Die ukrainische Zivilbevölkerung hat unter den Kriegsverbrechen der brutalisierten Russen zu leiden, so wie die Chinesen unter den brutalisierten kaiserlichen Japanern zu leiden hatten. Auch das war eine militarisierte Gesellschaft, in der den Menschen beigebracht wurde, dass ihr Leben dem Kaiser gehöre. Die Ausbildung war brutal, und Schläge - aus wenig oder gar keinem Grund – waren häufig. Diejenigen, die dies ertrugen, wurden selbst brutal und desensibilisiert und waren in der Lage, jede Grausamkeit zu rechtfertigen. Ähnliche Parallelen lassen sich zur südkoreanischen Armee im Vietnamkrieg ziehen, deren extrem harte interne Disziplin und brutale Ausbildung zu einer grausamen Behandlung der Vietnamesen führte.

interne Gewalt in der russischen Armee hat sich verschlimmert

Und die interne Gewalt in der russischen Armee hat sich verschlimmert – selbst wenn man die aufkeimenden ethnischen Spannungen außer Acht lässt. Es gibt Berichte darüber, dass diejenigen, die sich weigern wollen, in der Ukraine zu kämpfen, oder die sich in der russischen Armee einfach nicht benehmen, von der Militärpolizei verprügelt und dann tagelang in Folterkellern festgehalten werden. Die Soldaten, die nach Hause zurückkehren, begehen Verbrechen, und die Gewalt in Russland wird immer normaler.

Das ist nichts Neues – Statistiken des US-Justizministeriums aus dem Jahr 1992 zeigen, dass 1989, als der sowjetisch-afghanische Krieg zu Ende ging, die Zahl der registrierten Verbrechen insgesamt um 31,8 Prozent gestiegen ist. Natürlich waren die letzten heimkehrenden Soldaten nicht die einzige Ursache dafür, aber sie trugen sicherlich ihren Teil dazu bei. Und dann kamen die 1990er Jahre, als die Veteranen der Tschetschenienkriege ihren Teil dazu beitrugen, dass die Mordzahlen 1994 und 2002 ihren Höhepunkt erreichten.

Eine weitere Generation wird unter dem selbstverschuldeten Elend Russlands zu leiden haben. Russische Oppositionsjournalisten sprechen bereits darüber, wie sich Russland verändert hat und wie es sein wird, nach dem Krieg dort zu leben. Doch weder diese Brutalität noch die Hassgruppen und die Kriminalität, die daraus hervorgegangen sind, werden so schnell verschwinden.

Zum Autor

Kristaps Andrejsons ist Journalist in Lettland und Gründer des Podcasts The Eastern Border über die UdSSR und die moderne osteuropäische Politik. Er ist außerdem Doktorand in Kommunikationswissenschaften.

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Dieser Artikel war zuerst am 10. Dezember 2023 in englischer Sprache im Magazin „ForeignPolicy.com“ erschienen – im Zuge einer Kooperation steht er nun in Übersetzung auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung.

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