Putin wirft den nächsten General raus – Machtkampf in Russlands Militär setzt sich fort
VonNadja Orth
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Lukas Rogalla
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Der Kreml entlässt zwei hochrangige russische Generäle – innerhalb weniger Tage. Sie hatten laut Beobachtern die kampfstärksten Einheiten angeführt.
Update vom 17. Juli, 19.10 Uhr: Der Machtkampf im russischen Militär setzt sich fort: Erneut hat Putin offenbar einen russischen General entlassen, wobei er russische Stellungen in gegen die Ukraine-Offensive gut verteidigt haben soll. Berichten zufolge könnte es sich um eine „laufende Säuberung von ungehorsamen Kommandeuren“ handeln. Damit verliert Russland gleich vier Generäle in wenigen Tagen.
Bereits vor einigen Tagen wurde ein russischer General im Krieg getötet und ein weiterer wegen öffentlicher Kritik an der Militärführung entlassen. Am Samstag (15. Juli) folgte nun der nächste Kommandeur, wie die Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) berichtet. Russische Quellen hätten demnach geschrieben, dass Generalmajor Wladimir Seliverstow, ein russischer Fallschirmjägerkommandeur, von seinem Posten als Chef der 106. Garde-Luftlandedivision abberufen wurde. Bislang habe der Kreml die Entlassung weder offiziell bestätigt noch begründet. Die Berichterstattung russischer Medien würde sich aber mit dem Muster bisheriger und ähnlicher Fällen decken, die sich laut dem ISW später als wahr herausgestellt haben.
Entlassungswelle in Russlands Armee: Nächster General fliegt
Der 106. Garde-Luftlandedivision wird nachgesagt, in den vergangenen Wochen eine Schlüsselrolle bei den russischen Operationen in der heftig umkämpften Stadt Bachmut eingenommen zu haben. Laut dem ISW verteidige sich die Division nun auch „relativ effektiv“ gegen die ukrainische Offensive. Eine ähnliche Effektivität wurde auch dem General Iwan Popow und seinen Streitkräften nachgesagt, bevor er vor einigen Tagen entlassen wurde.
Das Institut vermutet, dass Seliverstow ebenfalls abgesetzt wurde, weil er sich kritisch gegenüber der militärischen Führung geäußert hat. „Popow und Seliverstow haben wahrscheinlich zu ihrer relativen Effektivität beigetragen, weil sie bereit waren, Vorgesetzte und das System herauszufordern“, so das ISW. Der General soll zudem den Ruf gehabt haben, sich für seine Soldaten einzusetzen. „Seliverstows Entlassung könnte Teil einer laufenden Säuberung von ungehorsamen Kommandanten durch die russische Militärführung sein und darauf hindeuten, dass sich die Zersetzung der russischen Befehlskette in der Ukraine beschleunigt“, analysiert das Institut die jüngsten Geschehnisse.
Tot, vermisst, gefeuert: Russland gehen die Generäle im Ukraine-Krieg aus
Erstmeldung vom 14. Juli: Moskau – Einen General in einem Krieg zu verlieren, ist schlimm genug. Noch schlimmer ist es, wenn innerhalb weniger Stunden ein General getötet, ein weiterer entlassen wird – und man im Krieg ohnehin mit dem Rücken zur Wand steht. So ergeht es derzeit der 58. Armee Russlands im Süden der Ukraine, deren Aufgabe darin besteht, einen ukrainischen Durchbruch in der Region Saporischschja aufzuhalten.
Viele russische Soldaten klagen im Ukraine-Krieg öffentlich über ihre schlechte Ausstattung, mangelnde Verpflegung und planloses Vorgehen der Befehlshaber, bevor sie an vorderste Front geschickt werden. Auch Iwan Popow, Kommandeur der 58. Armee, hatte öffentlich schwere Kritik an der Militärführung Russlands geäußert – und musste nun seinen Hut nehmen. Gerade einmal drei Wochen nach dem Putschversuch der Söldnergruppe Wagner werden erneut Stimmen gegen Generalstabschef Waleri Gerassimow und Verteidigungsminister Sergei Schoigu laut und fordern ihre Absetzung. Mitten in der Gegenoffensive der Ukraine droht Putins Militär weiter in Chaos unterzugehen.
Putins Zirkel der Macht im Kreml – die Vertrauten des russischen Präsidenten
In der Gegenoffensive nimmt die Ukraine zunächst die russische Logistik sowie Kommandopunkte ins Visier. Die ukrainische Hafenstadt Berdjansk im Südosten des Landes wird seit März 2022 von russischen Truppen besetzt. Die Streitkräfte Kiews haben dort ein Hotel als Basis der 58. Armee Russlands ausmachen können und es am Dienstag (11. Juli) mit Raketen beschossen. Dabei wurde offenbar der General Oleg Zokow, der stellvertretende Chef von Russlands Wehrkreis Süd, getötet.
Chaos in Russlands Armee: General Popow nach Kritik an Militärführung entlassen
Die Situation kochte weiter hoch. Das Verteidigungsministerium in Moskau feuerte den Befehlshaber der 58. Armee, Iwan Popow – nachdem der öffentlich über die Militärführung herzog. „Die Soldaten der ukrainischen Streitkräfte konnten unsere Front nicht durchbrechen, aber von hinten hat uns der Oberbefehlshaber einen verräterischen Schlag versetzt, indem er die Armee im schwersten Moment der höchsten Anspannung enthauptet hat“, sagte Popow in einer Audiobotschaft am Mittwoch. Popow klagt über einen Mangel an Artillerie und schlechte militärische Aufklärung, die für hohe Verluste bei den russischen Streitkräften sorgen.
„Es war eine schwierige Situation mit der Hierarchie entstanden. Ich hatte die Wahl, entweder zu schweigen und Angst zu haben und das zu sagen, was sie hören wollten, oder die Dinge so zu benennen, wie sie sind. In Eurem Namen, im Namen aller gefallenen Kameraden, hatte ich nicht das Recht zu lügen“, sagte er laut dem Twitter-Account „@wartranslated“ nach seiner Entlassung weiter.
„Ich habe auch eine Reihe anderer Probleme angesprochen und sie auf höchster Ebene zum Ausdruck gebracht, und zwar offen und sehr brutal. Deshalb spürten die Vorgesetzten wahrscheinlich eine gewisse Gefahr in mir und stellten sofort, an einem Tag, einen Befehl an den Verteidigungsminister aus und wurden mich los.“ Zuvor hatten russische Militärblogger auf Telegram berichtet, Generalstabschef Waleri Gerassimow habe Popow „Panikmache“ und „Erpressung“ vorgeworfen und ihn abgelöst.
Russische Verteidigungslinien in der Ukraine brüchig
Fachleute des Institute for the Study of War (ISW) erwarten zwar, dass Popows Abgang zunächst höchstens „marginale“ Auswirkungen habe. Die Fachleute betonten aber, dass das Chaos in der Militärführung sich auf den Krieg gegen die Ukraine auswirken könnte: „Die immer fragilere russische Befehlskette könnte in Zukunft zu einer kritischen Kommando- und Kontrollkrise führen, in der die Unterstützung der Feldkommandeure für das russische Militärkommando immer schwächer werden könnte.“
Weil Moskau nicht genügend Reserven zur Verfügung stelle, hätte Popow in seiner Einheit nicht rotieren können, berichten die ISW-Fachleute – inmitten der ukrainischen Gegenoffensive. Sie schätzen die russischen Verteidigungslinien dementsprechend als brüchig ein.
Russische Militärblogger berichten, dass Zokow und Popow bei den Truppen beliebt gewesen seien und sie „inspiriert“ hätten. Die Entlassung Popows hätte sie schockiert. Erst im Januar war der bei Soldaten ebenfalls beliebte Sergei Surowikin als Oberbefehlshaber im Ukraine-Krieg abgesetzt worden. Seitdem ist Surowikin kaum noch in der Öffentlichkeit zu sehen. Er soll ein Verbündeter von Jewgeni Prigoschins sein, der im Juni mit der Wagner-Gruppe zum Aufstand gegen die Militärführung Russlands aufgerufen hatte. Laut dem Vorsitzenden des Verteidigungsausschusses in der Staatsduma, Andrej Kartapolow, „erholt sich“ Surowikin. Er sei derzeit nicht erreichbar.
Putin demonstriert Normalität
Moskau hält sich bedeckt, äußerte sich weder zum Tod Zokows noch zur Absetzung Popows oder dem Aufenthaltsort Surowikins. Kursieren Berichte über interne Kritik oder einen Machtkampf der Militärs, schickt Putin entweder Gerassimow oder Verteidigungsminister Sergei Schoigu in die Öffentlichkeit, um Normalität zu demonstrieren. Die Kritik an den beiden wird jedoch immer schärfer, vor allem bei Kriegsbefürwortern wie Prigoschin oder dem ultranationalistischen Hardliner Igor Girkin, der einen neuen Putsch gegen Putin kommen sieht.
Rybar, einer der bekanntesten Blogger, sagte, dass die Entlassung Popows das Ergebnis einer „Hexenjagd“ sei, die mit Prigoschins Rebellion begonnen hätte. Der Feind, also die Ukraine, werde die fehlende Einheit in der russischen Armee nutzen, sagte er. „Und natürlich wird Russland darunter leiden. Das ist das Traurigste.“ Der Telegram-Kanal VChK-OGPU spricht von einem fortlaufenden „Krieg“ innerhalb des Verteidigungsministeriums. (lrg/dpa)