Lügen gegen Geld

Putin rekrutiert Militärblogger für seinen Ukraine-Krieg – und besticht sie

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Russlands Präsident Wladimir Putin rekrutiert Militärblogger für seinen Ukraine-Krieg. Sie sollen ganz nach seinem Gusto berichten.
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Russische Militärblogger berichten auf Telegram anders über den Verlauf des Ukraine-Kriegs als die Staatsmedien. Das macht sich Präsident Wladimir Putin nun zu Nutzen.

Moskau – Für Wladimir Putin ist der von ihm geführte Ukraine-Krieg nach wie vor eine „Sonderoperation“. Nur einmal hat sich Russlands Präsident dazu hinreißen lassen, den militärischen Überfall der Russen auf die Ukraine als das zu bezeichnen, was er ist: Krieg.

Damit Putin seinen vermeintlichen Nimbus der Unbesiegbarkeit bewahren kann und medial nicht als kriselnder Kreml-Herrscher wahrgenommen wird, erfährt die Bevölkerung des einstigen Zaren-Reiches bestenfalls Halbwahrheiten über diese „Sonderoperation“. Durch die Bestechung von russischen Militärblogger wird sich das nicht ändern. Doch dies hat Putin offenbar bereits in die Wege geleitet.

Militärblogger auf Telegram mit eigener Berichterstattung über Wladimir Putins Ukraine-Krieg

Auf Telegram berichten diese Blogger nämlich anders als die Staatsmedien über den tatsächlichen Verlauf vom Ukraine-Krieg. Dessen Einfluss, vor allem auf jüngere Menschen, will sich Wladimir Putin zu Nutzen machen. Denn auch der Kreml-Herrscher weiß: Trotz strenger Zensur der Staatsmedien sickern immer wieder Informationen durch, die dem russischen Volk mit einer Wahrheit konfrontieren, die eben nicht den Lügenmärchen Putins und seiner Getreuen entsprechen.

Die Militärblogger, kurz Milblogger, berichten in aller Regelmäßigkeit über die Geschehnisse auf dem Schlachtfeld. Teilweise sind sie selbst als Soldaten an der Front – und üben auch Kritik an etwaigen Militärtaktiken. Sie betrachten sich vor dem Hintergrund der „lächerlichen“ Kreml-Propaganda als „die einzige vernünftige Informationsquelle“. So formuliert es zumindest der Milblogger Wladlen Tatarskyj auf Telegram.

Putin rekrutiert russische Militärblogger für seine Propaganda-Maschine über den Ukraine-Krieg

Laut The Institute for the Study of War (ISW) erreichen diese Militärblogger mit ihren Texten mehr als Hunderttausend Menschen. Knapp 50 der Blogger schätzt der Kreml gar als extrem einflussreich ein. An dieser Stelle kommt Wladimir Putin ins Spiel. Nach Angaben vom ISW bezieht der Kreml ausgewählte Militärblogger in seine Informationskampagnen ein. Auf diesem Wege soll wieder die Überhand über die russische Informationssphäre gewonnen werden. Oder anders formuliert: Der Kreml hält die Propaganda-Maschinerie aufrecht.

Zu den ausgewählten Bloggern soll auch Wladen Tatarskyj, der als Soldat im Oblast Donezk kämpft, gehören. Am Montag, 26. Dezember 2022, gab er dem russischen Fernsehsender Erster Kanal ein 20-minütiges Interview. In diesem äußerte er sich linientreu zur Mobilmachung und Kriegsunterstützung. Beides Themen, die Putin und das russische Verteidigungsministerium in der Vergangenheit als problematisch ausgemacht hatten. Für den Ukraine-Krieg eingezogene Männer, die sich über die Mobilisierung und die schlechten Bedingungen an der Front beschwert hatten, wurden von Tatarskyj schlicht als schwach bezeichnet.

Prominente russische Militärblogger von Putin bestochen: Nur noch Kreml-Märchen statt eigener Meinung

Doch damit nicht genug: Der Militärblogger echauffierte sich auch über die emotionalen Appelle der Ehefrauen. Er rief sie dazu auf, mit den Beschwerden über die Probleme ihrer Männer sofort aufzuhören. Zudem unterstellte Wladen Tatarskyj russischen Bürgern, die das Land aus Protest gegen den Ukraine-Krieg verlassen hatten, dass sie keinen Respekt vor der russischen Gesellschaft und deren Interessen hätten. Berichte über die schlechten Bedingungen an der Kriegsfront wurden heruntergespielt. Diese wären einzig und allein die Schuld der lokalen Kommandeure.

Warum aber kooperieren Militärblogger wie Wladen Tatarskyj mit dem Kreml? Ganz einfach: Ihnen werden hohe Positionen im Machtapparat angeboten. Beispielweise habe Putin einen von ihnen, Walerij Fadeew, im russischen Menschenrechtsrat eingesetzt. „Es gibt kein einziges Anzeichen, dass jemand in den Gefängnissen gezwungen wird, ein Maschinengewehr in die Hand zu nehmen. Sie gehen freiwillig“, antwortete er im Rahmen einer Pressekonferenz auf die Frage, ob denn Häftlinge für den Ukraine-Krieg zwangsrekrutiert würden. Linientreu, ganz im Sinne des Kremls. Von eigener, schonungslos ehrlicher Meinung keine Spur mehr.

Kreml verstärkt Selbstzensur von Militärbloggern – und bezeichnet Ukraine-Krieg weiter als „Sonderoperation“

Ein weiterer Militärblogger, der namentlich nicht genannt wird, hätte einen Posten in der staatlichen Arbeitsgruppe zur Mobilmachung erhalten. Nun könne er „sich direkt und auf Augenhöhe mit dem Verteidigungsminister“ Sergeij Shoigu über die Probleme bei der Mobilmachung austauschen, frohlockte er sogleich auf Telegram angesichts seines ersten Meetings.

Laut ISW hätte Moskau bereits sieben prominente Militärblogger für seine Propagandazwecke geködert. Auf diesem Weg verstärkt der Kreml die Selbstzensur der Blogger, die kaum noch kritische Worte äußern. Zudem infiltriert der Kreml die Szene mit seinem ganz eigenen Narrativ der „Sonderoperation“. Diese würde laut Staatspropaganda, na klar, genau nach Plan verlaufen.

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