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Steht Wladimir Putin vor einem Sturz? Laut einem Russlandexperten wäre der „Nimbus der Unbesiegbarkeit“ von Russlands Präsident längst ins Wanken geraten.
Innsbruck/Moskau – Der „Zarenthron“ von Wladimir Putin wackelt. Russland steht vor einem Machtkampf in der Führungselite, der sich zu einem handfesten Bürgerkrieg entwickeln könnte. So sehen es zumindest einige Politik-Beobachter in den USA, aber auch in der Europäischen Union (EU), heißt es von Russlandexperte Gerhard Mangott in einem Gastbeitrag für Focus Online.
Vor dem Hintergrund der sich mehrenden Gerüchte, Putin stehe vor einem Sturz, befasst sich Mangott mit der gegenwärtigen Situation des Kreml-Herrschers. Es müsse sich die Frage gestellt werden, über welche Macht Russlands Präsident denn tatsächlich verfügt. Bringt Putin womöglich der von ihm selbst initiierte Ukraine-Krieg zum Fall?
Sturz von Wladimir Putin: Kreml-Führungselite hält „Kriegsniederlage Russlands für möglich“
Für Mangott ist Putin ein „zurückgezogener Zar“, der mit schlechten Nachrichten von der Front nicht in Verbindung gebracht werden will. Bestes Beispiel sei der russische Truppen-Abzug aus Cherson, den Putin weder befohlen noch kommentiert hatte. Und es sei auch richtig, „dass sich in der Führungselite die Anzeichen mehren, dass immer mehr auch eine Kriegsniederlage Russlands für möglich halten“.
Anzeichen von Unruhe und Aufregung innerhalb der russischen Reihen würde es auf jeden Fall geben. Von einem Sturz Putins will Mangott aber nichts wissen. Daran würden auch zwei der mächtigsten Verbündeten des Kreml-Herrschers nichts ändern. Natürlich seien Jewgeni Prigoschin, Finanzier der Söldnertruppe Wagner und Putins Koch, sowie der tschetschenische Präsident Ramsan Kadyrow zuletzt verstärkt sehr selbstbewusst und zunehmend lauter aufgetreten. Einen Sturz Putins durch seine Verbündeten schließt Mangott aber aus. Der russische Inlandsgeheimdienst FSB würde ihnen den Zutritt zum Inneren der Macht verwehren.
Ende des Ukraine-Kriegs durch Sturz von Putin? Kreml-Herrscher zeigt „zweifellos Zeichen der Schwäche“
Von einem Sturz Putins und einem Ende des Ukraine-Kriegs will der Russlandexperte also nicht sprechen. Die Position des Kreml-Herrschers als Zar sehe er derzeit nicht gefährdet. Und dennoch würde Putin „zweifellos Zeichen der Schwäche“ zeigen. Seit Beginn des Krieges hätte die russische Armee bereits drei große militärische Niederlagen hinnehmen müssen. Gegen den bereits erwähnten Abzug aus der ukrainischen Region Cherson hätte sich Putin Gerüchten zufolge sogar lange Zeit ausgesprochen.
Schwäche hätte Putin aber auch im Umgang mit dem von den Vereinten Nationen (UN) und der Türkei vermittelten Getreideabkommen gezeigt. Dieses ermöglicht es der Ukraine, über insgesamt drei Häfen Getreide zu exportieren. Nach einem ukrainischen Drohnenangriff auf die russische Schwarzmeerflotte hatte aber die russische Führung erklärt, die Teilnahme an eben jenem enorm wichtigen Abkommen auszusetzen. Doch entgegen aller Erwartungen setzten die anderen drei Parteien des Abkommens die Exportverschiffungen weiter fort, ganz ohne Russland.
Die Drohung Russlands, militärisch gegen die Getreidefrachter vorgehen zu wollen, verpuffte und blieb wirkungslos. Kurz darauf trat Russland dem Getreideabkommen wieder bei, es wurde gar einer Verlängerung des Vertrages für 120 weitere Tage zugestimmt. Dementsprechend trifft Mangott folgende Aussage: „Putins Nimbus der Unbesiegbarkeit, des ständigen Erfolgs ist zweifellos angeschlagen“. Und ein Anführer, als der sich Putin versteht, würde an Autorität verlieren, wenn er keine Erfolge mehr vorweisen kann.
Teilmobilisierung für Ukraine-Krieg lässt Stimmung in Russland kippen – Experte schließt Sturz von Putin dennoch aus
Zu guter Letzt würde auch die Teilmobilisierung in Russland eine wichtige Rolle bei der allgemeinen Stimmung, die Putin entgegenschlägt, spielen. Diese Teilmobilisierung hätte die Stimmung im Land verändert, „der vorher zelebrierte Anschein der Normalität ist einer bitteren Realität gewichen“. Schließlich wurden Väter und Söhne aus ihren Familien herausgerissen und an die Kriegsfront geschickt. Dadurch sei der Ukraine-Krieg in nahezu jeden Haushalt eingedrungen.
Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätte die Mehrheit der russischen Bevölkerung realisiert, dass die „militärische Spezialoperation“, wie Putin seinen Krieg nennt, eben nicht nach Plan verläuft. Das Image des ständig erfolgreichen Präsidenten hätte er daher auch in der eigenen Bevölkerung eingebüßt. Schwächen und militärische Niederlagen hätten demnach die Position des Kreml-Herrschers im Machtgefüge verschlechtert. Von einem intrigenreichen Sturz Putins sei man aber noch weit entfernt.
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