„Deathonomics“ im Ukraine-Krieg

„Niemand kämpft für Putin, alle kämpfen für Geld“: Russlands perfide Ökonomie des Todes

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Ein Obdachloser in St. Petersburg: Armen Russen sind Ziel von Putins (kleines Bild) neuer Rekrutierungs-Taktik.
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So zynisch es klingt: Von Putins Krieg gegen die Ukraine profitieren die ärmsten Regionen Russlands. Ein russischer Ökonom erklärt die Sache.

Moskau – Wer in den Ukraine-Krieg zieht, riskiert sein Leben. Für viele Menschen in Russland geht diese Rechnung dennoch auf. Warum, erklärt der Ökonom Wladislaw Inosemzew in seinem Konzept der „Deathconomics“, frei aus dem Englischen übersetzt: der „Ökonomie des Todes“ des Regimes von Kremlchef Wladimir Putin.

„Die Antwort könnte in der seltsamen Verbindung zwischen der Verehrung des Todes und der Verehrung des Geldes liegen.“ Das heutige Russland sei „ein wirtschaftsorientiertes Land, in dem alles vom Geld entschieden wird“. In den armen Regionen Russlands liegt das Durchschnittsgehalt bei weniger als 400 Euro im Monat, und von dort stammen die meisten Rekruten für die Gefechte an der Front im Ukraine-Krieg.

„Inzwischen sprechen selbst wichtige Regierungsvertreter darüber, dass sehr viel Geld in die ärmeren Regionen fließt und dass dort neue Häuser und hoch bezahlte Jobs entstehen“, sagte Inosemzew in einem Podcast des TV-Senders n-tv.

Putins „Ökonomie des Todes“ im Ukraine-Krieg: Neue Vorteile für Rekruten

Vor dem Hintergrund der Gegenoffensive der Ukraine will Russland Rekruten locken – ohne Mobilmachung. Putin will 1,5 Millionen Soldaten in der russischen Armee. Waren die Bedingungen für einen Vertragssoldaten Ende 2022 noch schlechter, machte die russische Führung sie jetzt deutlich attraktiver. Das sind daher die Versprechungen an russische Rekruten:

  • Freiwillige erhalten 200.000 bis 600.000 Rubel (umgerechnet etwa 5700 Euro)
  • Der monatliche Soldaten-Sold beträgt mindestens 2000 Euro
  • Die Höhe der Lebensversicherung beläuft sich auf 30.000 Euro
  • Im Todesfall erhalten die Angehörigen eine Einmalzahlung von fast 50.000 Euro
  • Hinzu kommen eine reguläre Entschädigung des Verteidigungsministeriums (47.000 Euro) sowie Entschädigungen der regionalen Behörden (fast 10.000 Euro)

Wer ein halbes Jahr lang die Gefechte in der Ukraine überlebt, erhält umgerechnet fast 18.000 Euro, rechnete n-tv vor – für diese Summe müssten Menschen in den ärmsten russischen Regionen fast vier Jahre lang arbeiten. „Die Entschädigungszahlungen an die Familien der Gefallenen sind wirklich riesig, in einigen Fällen sogar größer als in den Vereinigten Staaten“, sagte Inosemzew zu n-tv..

Russlands Wirtschaft seit dem Ukraine-Krieg

In Russland setzt sich der Verfall der Landeswährung Rubel seit Kriegsbeginn fort. War der Rubel 2022 zunächst eingebrochen, legte er später im Jahresverlauf stark zu. Ein Grund dafür waren auch die westlichen Sanktionen, die zunächst die Importe beschränkten, während der russische Export weiterlief. Mit den Beschränkungen für den Ölexport und der Einführung eines Preisdeckels für russisches Öl sind allerdings 2023 die Exporteinnahmen Russlands gesunken.

„Diese Summen machen fast zehn Prozent der Bundesausgaben der Vorkriegszeit aus. Einige Leute gehen bereits davon aus, dass eine neue soziale Gruppe der ‚jungen Reichen‘ ensteht“, schreibt Inosemzew. Sein viel beachteter Beitrag ist im Juli auf Riddle erschienen. Inosemzew war einst Berater des russischen Ex-Präsidenten Dmitri Medwedew. Er selbst empfahl kürzlich in sozialen Netzwerken eine Analyse seiner Theorie, hier sein Eintrag:

Auch ohne Wagner: Putins Soldaten mental „reine Söldner-Armee“

Inosemzew machte im Gespräch mit n-tv noch eine pikante Aussage zum Söldnertum in Russland, speziell der Wagner-Gruppe, deren Söldner den Aufstand in Russland gewagt hatten. Die gesamte russische Armee sei inzwischen eine Söldner-Armee, meinte Inosemzew: „Niemand kämpft für sein Vaterland oder für Putin, alle kämpfen für Geld. Nicht mehr nur Prigoschins Truppen.“

Wagner-Gruppe marschiert in Richtung Moskau: Bilder zum Putschversuch in Russland

Söldner der Wagner-Gruppe posieren in Rostow am Don vor Panzern.
Söldner der Wagner-Gruppe posieren in Rostow am Don vor Panzern. © IMAGO/Erik Romanenko
Die Stadt Rostow am Don wurde von der Wagner-Gruppe besetzt. Hier stehen zwischen den Zivillisten bewaffnete Soldaten und Panzer auf den Straßen.
Die Stadt Rostow am Don wurde von der Wagner-Gruppe besetzt. Hier stehen zwischen den Zivillisten bewaffnete Soldaten und Panzer auf den Straßen. © Sergey Pivovarov/IMAGO
Nahaufnahme der Ausrüstung. Die Soldaten in Rostow am Don sind mit kugelsicheren Westen ausgestattet.
Die Soldaten in Rostow am Don sind mit kugelsicheren Westen ausgestattet und schwer bewaffnet. © Erik Romanenko/IMAGO
Auf der schusssicheren Weste eines Soldaten in Rostow am Don steht auf einem Aufnäher: „Mama hat gesagt: Anziehen“. (Yandex Image Translator)
Auf der schusssicheren Weste eines Soldaten in Rostow am Don steht auf einem Aufnäher: „Mama hat gesagt: Anziehen“. (Yandex Image Translator) © Erik Romanenko/IMAGO
Die bewaffneten Wagner-Söldner in Rostow am Don bewachen auch mit militärischen Fahrzeugen die Stadt.
Die bewaffneten Wagner-Söldner in Rostow am Don bewachen auch mit militärischen Fahrzeugen die Stadt. © Erik Romanenko/IMAGO
Die Soldaten in Rostow am Don stehen inmitten der Bevölkerung wache und werden teilweise von Zivilisten angesprochen.
Die Soldaten in Rostow am Don stehen inmitten der Bevölkerung wache und werden teilweise von Zivilisten angesprochen. © IMAGO/Erik Romanenko
Soldaten der Wagner-Gruppe bewachen das südliche militärische Hauptquartier in Rostow am Don mit Scharfschützen.
Soldaten der Wagner-Gruppe bewachen das südliche militärische Hauptquartier in Rostow am Don mit Scharfschützen. © IMAGO/Erik Romanenko
In Moskau sind rund um den Kreml alle Straßen und Kreuzungen weiträumig abgesperrt und bewacht.
In Moskau sind rund um den Kreml alle Straßen und Kreuzungen weiträumig abgesperrt und bewacht. © Kirill Zykov/IMAGO
Das Moskauer „Grabmal des unbekannten Soldaten“ an der Mauer des Kremls. Zusätzlich zu den üblichen Wachen in prunkvoller Uniform sind hier Polizisten postiert.
Das Moskauer „Grabmal des unbekannten Soldaten“ an der Mauer des Kremls wird zusätzlich zu den üblichen Wachen von der Polizei bewacht. © Ilya Pitalev/IMAGO
Eine Polizistin in Moskau steht hinter der Absperrung des Roten Platzes neben einem Einsatzwagen. Im Hintergrund sind die farbigen Kuppeln der Basilius Kathedrale zu sehen.
Der Rote Platz in Moskau ist weiträumig abgesperrt und wird von der Polizei bewacht. © IMAGO/Ilya Pitalev
Wagner-Gebäude in mehreren russischen Städten, wie hier in St. Petersburg, werden von Polizisten bewacht.
Wagner-Gebäude in mehreren russischen Städten, wie hier in St. Petersburg, werden von Polizisten bewacht. © IMAGO/Alexander Galperin
Die russische Polizei sperrt Straßen in der Region Moskau und kontrolliert die Dokumente von Fahrzeugen, die sie passieren möchten.
Die russische Polizei sperrt Straßen in der Region Moskau und kontrolliert die Dokumente von Fahrzeugen, die sie passieren möchten. © IMAGO/Kirill Kallinikov
In der Region Moskau wird die Autobahn M2 bei Podoslk von mehreren LKW blockiert.
In der Region Moskau wird die Autobahn M2 bei Podoslk von mehreren LKW blockiert. © IMAGO/Vitaliy Belousov
Den Menschen, die in Staus auf russischen Autobahnen festsitzen, wird Trinkwasser zur Verfügung gestellt.
Den Menschen, die in Staus auf russischen Autobahnen festsitzen, wird Trinkwasser zur Verfügung gestellt. © IMAGO
In der russischen Stadt Rostow am Don stehen Soldaten in den Straßen Wache und beobachten die Lage.
Die Soldaten stehen in den Straßen Wache und beobachten die Lage. © IMAGO/Erik Romanenko

Tod für Russen im Ukraine-Krieg ein „ehrenvolles Schicksal“

Inosemzew glaubt, dass Putin diese neue Strategie noch lange aufrechterhalten könne. Bei einer Bevölkerung von 145 Millionen Menschen fielen 300.000 Tote „kaum ins Gewicht“, sagte er im Podcast-Interview. Er ging von weiteren 600.000 finanziell armen Russen aus, die noch leicht für den Ukraine-Krieg zu mobilisieren seien.

Denn in Russland seien „im Zuge der gegenwärtigen Faschisierung Versuche entstanden, den gewaltsamen Tod als etwas Natürliches und sogar Erhabenes darzustellen, wobei Parallelen zum Deutschland der 1930er Jahre offensichtlich sind“, schrieb Inosemzew. Sein bitteres Fazit: „Der Tod im Krieg ist im heutigen Russland nicht nur ein ‚ehrenvolles Schicksal‘, sondern auch eine gewinnbringende Art, seinem Leben ein Ende zu setzen.“ (frs)

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