VonFranziska Schwarzschließen
So zynisch es klingt: Von Putins Krieg gegen die Ukraine profitieren die ärmsten Regionen Russlands. Ein russischer Ökonom erklärt die Sache.
Moskau – Wer in den Ukraine-Krieg zieht, riskiert sein Leben. Für viele Menschen in Russland geht diese Rechnung dennoch auf. Warum, erklärt der Ökonom Wladislaw Inosemzew in seinem Konzept der „Deathconomics“, frei aus dem Englischen übersetzt: der „Ökonomie des Todes“ des Regimes von Kremlchef Wladimir Putin.
„Die Antwort könnte in der seltsamen Verbindung zwischen der Verehrung des Todes und der Verehrung des Geldes liegen.“ Das heutige Russland sei „ein wirtschaftsorientiertes Land, in dem alles vom Geld entschieden wird“. In den armen Regionen Russlands liegt das Durchschnittsgehalt bei weniger als 400 Euro im Monat, und von dort stammen die meisten Rekruten für die Gefechte an der Front im Ukraine-Krieg.
„Inzwischen sprechen selbst wichtige Regierungsvertreter darüber, dass sehr viel Geld in die ärmeren Regionen fließt und dass dort neue Häuser und hoch bezahlte Jobs entstehen“, sagte Inosemzew in einem Podcast des TV-Senders n-tv.
Putins „Ökonomie des Todes“ im Ukraine-Krieg: Neue Vorteile für Rekruten
Vor dem Hintergrund der Gegenoffensive der Ukraine will Russland Rekruten locken – ohne Mobilmachung. Putin will 1,5 Millionen Soldaten in der russischen Armee. Waren die Bedingungen für einen Vertragssoldaten Ende 2022 noch schlechter, machte die russische Führung sie jetzt deutlich attraktiver. Das sind daher die Versprechungen an russische Rekruten:
- Freiwillige erhalten 200.000 bis 600.000 Rubel (umgerechnet etwa 5700 Euro)
- Der monatliche Soldaten-Sold beträgt mindestens 2000 Euro
- Die Höhe der Lebensversicherung beläuft sich auf 30.000 Euro
- Im Todesfall erhalten die Angehörigen eine Einmalzahlung von fast 50.000 Euro
- Hinzu kommen eine reguläre Entschädigung des Verteidigungsministeriums (47.000 Euro) sowie Entschädigungen der regionalen Behörden (fast 10.000 Euro)
Wer ein halbes Jahr lang die Gefechte in der Ukraine überlebt, erhält umgerechnet fast 18.000 Euro, rechnete n-tv vor – für diese Summe müssten Menschen in den ärmsten russischen Regionen fast vier Jahre lang arbeiten. „Die Entschädigungszahlungen an die Familien der Gefallenen sind wirklich riesig, in einigen Fällen sogar größer als in den Vereinigten Staaten“, sagte Inosemzew zu n-tv..
Russlands Wirtschaft seit dem Ukraine-Krieg
In Russland setzt sich der Verfall der Landeswährung Rubel seit Kriegsbeginn fort. War der Rubel 2022 zunächst eingebrochen, legte er später im Jahresverlauf stark zu. Ein Grund dafür waren auch die westlichen Sanktionen, die zunächst die Importe beschränkten, während der russische Export weiterlief. Mit den Beschränkungen für den Ölexport und der Einführung eines Preisdeckels für russisches Öl sind allerdings 2023 die Exporteinnahmen Russlands gesunken.
„Diese Summen machen fast zehn Prozent der Bundesausgaben der Vorkriegszeit aus. Einige Leute gehen bereits davon aus, dass eine neue soziale Gruppe der ‚jungen Reichen‘ ensteht“, schreibt Inosemzew. Sein viel beachteter Beitrag ist im Juli auf Riddle erschienen. Inosemzew war einst Berater des russischen Ex-Präsidenten Dmitri Medwedew. Er selbst empfahl kürzlich in sozialen Netzwerken eine Analyse seiner Theorie, hier sein Eintrag:
My recent thoughts on Putin's "deathonomics" are resonating in many countries and languages, but here is a rare example of many respected authors uniting in exploring the topic deeper than I previously did https://t.co/QrxK3pNlpq
— Vladislav Inozemtsev (@Vladi_Moscou) August 6, 2023
Auch ohne Wagner: Putins Soldaten mental „reine Söldner-Armee“
Inosemzew machte im Gespräch mit n-tv noch eine pikante Aussage zum Söldnertum in Russland, speziell der Wagner-Gruppe, deren Söldner den Aufstand in Russland gewagt hatten. Die gesamte russische Armee sei inzwischen eine Söldner-Armee, meinte Inosemzew: „Niemand kämpft für sein Vaterland oder für Putin, alle kämpfen für Geld. Nicht mehr nur Prigoschins Truppen.“
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Tod für Russen im Ukraine-Krieg ein „ehrenvolles Schicksal“
Inosemzew glaubt, dass Putin diese neue Strategie noch lange aufrechterhalten könne. Bei einer Bevölkerung von 145 Millionen Menschen fielen 300.000 Tote „kaum ins Gewicht“, sagte er im Podcast-Interview. Er ging von weiteren 600.000 finanziell armen Russen aus, die noch leicht für den Ukraine-Krieg zu mobilisieren seien.
Denn in Russland seien „im Zuge der gegenwärtigen Faschisierung Versuche entstanden, den gewaltsamen Tod als etwas Natürliches und sogar Erhabenes darzustellen, wobei Parallelen zum Deutschland der 1930er Jahre offensichtlich sind“, schrieb Inosemzew. Sein bitteres Fazit: „Der Tod im Krieg ist im heutigen Russland nicht nur ein ‚ehrenvolles Schicksal‘, sondern auch eine gewinnbringende Art, seinem Leben ein Ende zu setzen.“ (frs)
