VonFranziska Schwarzschließen
Als die Wagner-Panzer Richtung Moskau rollten, kamen aus dem Kreml kaum Befehle. Europäische Sicherheitsbeamte nennen jetzt Details.
Moskau/Wagner – Als Jewgeni Prigoschin den Aufstand in Russland probte, begab sich Wladimir Putin rasch mit einer Rede vor die russischen Fernsehkameras. Er beschimpfte den Boss der Wagner-Gruppe als „Verräter“. Doch tatsächlich war der Kremlchef an diesem Tag wohl kaum handlungsfähig.
Das berichtet die Washington Post unter Berufung auf ukrainische und andere Sicherheitsbeamte in Europa. Putin sei von russischen Sicherheitsdiensten „mindestens zwei oder drei Tage“ vor Prigoschins Putschversuch gewarnt worden. Die entsprechenden Geheimdienstpapiere liegen der Washington Post nach eigenen Angaben vor.
Wagner-Gruppe marschiert in Richtung Moskau: Bilder zum Putschversuch in Russland




Putins private Reaktion auf den Wagner-Aufstand: Paralyse
Putin hatte also Zeit. „Als es dann begann, herrschte auf allen Ebenen eine Lähmung … Es herrschte absolute Bestürzung und Verwirrung. Sie wussten lange nicht, wie sie reagieren sollten“, sagte einer der europäischen Sicherheitsbeamten, der anonym bleiben wollte, der US-Zeitung. Die einzigen russischen Maßnahmen im Vorfeld: Im Kreml wurde das Personal der Präsidentengarde aufgestockt und es wurden dort mehr Waffen verteilt. Das war es.
Das stimmt öffentlichen Äußerungen von CIA-Chef William Burns überein. Er sagte, dass die russischen Sicherheitsdienste fast während der gesamten 36-stündigen Wagner-Meuterei den Eindruck machten, „neben der Spur“ zu sein, schrieb die Washington Post.
Das scheint die Angst zu offenbaren, einem abtrünnigen russischen Kriegsherrn entgegenzutreten. Putin ist die Situation um die Wagner-Söldner schlicht entglitten, sagte Russland-Experte Gerhard Mangott im Gespräch mit IPPEN MEDIA. Kremlsprecher Dmitri Peskow hingegen wiegelte gegenüber der Washington Post ab. Die Einschätzungen der Geheimdienste seien „Unsinn“.
Putins Apparat während Wagner-Aufstand „ohne klaren Befehl“
Putins Paralyse während des Wagner-Aufstands hatte offenbar Folgen. Die örtlichen Militär- und Sicherheitschefs hätten infolgedessen keinen Versuch unternommen, den Söldnern entgegenzutreten. „Das autoritäre System ist so aufgebaut, dass die Menschen ohne einen klaren Befehl der Führung nichts unternehmen“, sagte ein hochrangiger ukrainischer Sicherheitsbeamter der Washington Post. „Wenn die Führung in Aufruhr und Unordnung gerät, ist die Situation auf lokaler Ebene dieselbe und noch schlimmer.“ Viele der Betroffenen hätten nicht glauben können, dass der Wagner-Aufstand überhaupt stattfinden konnte.
Russland im Ukraine-Krieg: Kluft zwischen Sicherheits- und Militärapparat
Viele Beobachter haben das bereits geäußert – und auch die europäischen Sicherheitsbeamten bestätigten der Washington Post: In Russland scheint die Kluft innerhalb des Sicherheits- und Militärapparats immer größer zu werden. Es herrscht Streit über die Kriegsführung in der Ukraine. Pikant daran: Auch in den oberen Rängen des Apparats unterstützten „viele“ Prigoschins Bestreben, Russlands Militärführung zu stürzen, so die europäischen Sicherheitsbeamten.
Wie konnten Prigoschin und seine Söldner überhaupt so weit auf Moskau vorrücken? „Es scheint wichtige Leute in den Machtstrukturen gegeben zu haben … die scheinbar sogar darauf gewartet haben“, zitiert die Washington Post einen hochrangigen Nato-Beamten. Es gab aber auch die gegenteilige Reaktion: Eliten in Russland distanzierten sich von Prigoschin.
Putin, Prigoschin und der Wagner-Aufstand in Russland
Wagner-Boss Jewgeni Prigoschin wurde vor seinem Putschversuch zu Wladimir Putins langjährigen Vertrauten gezählt. Die beiden lernten sich bereits Anfang der 1990er Jahre kennen. Als der heutige russische Präsident noch in der St. Petersburger Stadtverwaltung arbeitete, soll er in Prigoschins Restaurant eingekehrt sein – daher Prigoschins Spitzname „Putins Koch“.
Prigoschin gilt als skrupelloser Unternehmer mit krimineller Vergangenheit. Er saß mehrere Jahre wegen Raubs in Haft. Doch die langjährige Symbiose hat die Schwächen von Putins kumpelhaftem Managementsystem offengelegt, analysierte die Washington Post. In Russland werden rivalisierende Clans gegeneinander ausgespielt. Der Ukraine-Krieg strapaziert dieses fragile Gefüge zusätzlich.
Der Kreml hat nun eine PR-Kampagne gestartet. Mit ihr soll demonstriert werden, dass Putin weiterhin die Kontrolle hat. Ob sie wirkt? Prigoschin hat mit seiner Wagner-Meuterei erfolgreich Macht demonstriert. Putins Kompromissangebot für das Wagner-Exil in Belarus werten Beobachter als Beleg, dass Prigoschins Interessen und die Interessen von Putins Zirkel inzwischen zu eng miteinander verflochten sind.
Die Wagner-Gruppe hatte bis Juni eine große Rolle für die russische Offensive in der Ukraine gespielt, dann aber mit einem Aufstand am 24. Juni versucht, die russische Militärführung mit einem Marsch auf Moskau zu stürzen. Dieser wurde nach russischen Angaben durch Vermittlung des belarussischen Machthabers Alexander Lukaschenko nach wenigen Stunden beendet.
„Putin hat seinen Ruf als härtester Mann in der Stadt verloren“
„Putin hat einen unverzeihlichen Fehler gemacht“, sagte ein hochrangiger Moskauer Finanzier mit Verbindungen zum russischen Geheimdienst. „Er hat seinen Ruf als härtester Mann in der Stadt verloren.“ Gennadi Gudkow, Oberst des russischen Sicherheitsdienstes und jetzt Oppositioneller im Exil, stimmte ein: „Putin hat sich einfach versteckt. Dies wurde von der Mehrheit der russischen Bevölkerung nicht verstanden. Aber es wurde von Putins Elite sehr gut verstanden.“ (frs)
