VonChristina Denkschließen
In der Ukraine herrscht Krieg. Der Kreml-Kritiker und Ex-Oligarch Michail Chodorkowski glaubt, dass Putin seinen eigenen Sturz vorantreibt und gibt Auskünfte über aktuelle Vertraute des Präsidenten.
Moskau - Der Ukraine-Konflikt ist zum Krieg eskaliert. Der Hauptakteur der Spannungen: Der russische Präsident Wladimir Putin. Seit der Eskalation stellt sich immer wieder die Frage nach seinem Motiv für den Angriff. Der russische Exil-Oppositionelle Michail Chodorkowski hält den Ukraine-Krieg für eine „emotionale“ Angelegenheit. Es zeige, dass der russische Präsident zunehmend „paranoid“ handle, sagte Chodorkowski in einem Interview mit dem französischen Sender France24.
Ukraine-Krieg: Kreml-Kritiker sieht bei Putin „paranoide Senilität“ – „im klinischen Sinne nicht verrückt“
Frankreichs Präsident Macron und eine ehemalige CIA-Agentin hatten zuletzt Veränderungen an Putin bemerkt. Auch für die US-Nachrichtendienste ist Putins Gesundheitszustand oberste Priorität. Es gebe bei ihm Anzeichen einer „paranoiden Senilität“, sagte auch Chodorkowski in einem in London aufgezeichneten Interview gegenüber dem französischen Sender France24, aber Wladimir Putin sei „im klinischen Sinne nicht verrückt“. Nachdem Russlands Präsident zwei Jahrzehnte von Beratern umgeben gewesen sei, die ihm die Wahrheit nicht zu sagen wagten, habe er das Ausmaß des ukrainischen Widerstandes unterschätzt. „Er dachte, er würde in der Ukraine mit Blumen begrüßt“, sagte Chodorkowski. „Das hat er nicht erwartet“, fügte er mit Blick auf den entschlossenen militärischen Widerstand hinzu. Eine Übersicht der Kämpfe zeigt diese Karte.
In einem anderen Interview mit ntv erklärte der Exil-Oppositionelle Chodorkowski über Putin: „Ich denke, dass er in seiner imaginären Welt lebt“, so die Übersetzung. Sowohl Putin, als auch sein Umfeld würden die Position vertreten, dass alles in zwei, drei Wochen vorbei sei und Russland über die Ukraine siegen werde. Das sei die Position, die an die Öffentlichkeit getragen werde. „Das zeigt, dass er in seiner eigenen Welt lebt“, untermalt Chodorkowski seine Einschätzung über Russlands Präsidenten Putin abermals.
Ukraine-Krieg: Einstiger Oligarch und Putin-Gegenspieler Chodorkowski lange Zeit Russlands bekanntester Gefangener
Der Kreml-Kritiker und einstige Oligarch Michail Chodorkowski war lange Zeit Russlands bekanntester Häftling. Er saß von 2003 bis 2013 in Haft. Seine Anhänger sagten, der Prozess gegen Chodorkowski sei geführt worden, weil er Putin in die Quere kam. Auch Amnesty International hielt den Fall für politisch motiviert, der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte stufte die Verteilung 2011 als „nicht politisch motiviert“ ein. Vor seiner Verhaftung hatte Chodorkowski als Chef des Ölkonzerns Yukos Putin aus nächster Nähe kennengelernt.
Ukraine-Konflikt: Auf wen hört Putin noch? - Kreml-Kritiker offenbart Vertraute Putins
Im Interview mit ntv spricht Chodorkowski über die Vertrauten Putins. Gibt es noch Menschen in seinem Umfeld, von denen sich der russische Präsident beraten lassen würde? „Es gibt ein paar Leute in seiner Umgebung, auf die er hört“, wird der Kreml-Kritiker im Interview übersetzt.
Es gibt ein paar Leute in seiner Umgebung, auf die er hört. Das sind sicherlich einer der Kowaltschuk-Brüder, das ist sicherlich Herr Patruschew, und noch ein paar Leute.
„Das sind sicherlich einer der Kowaltschuk-Brüder, das ist sicherlich Herr Patruschew, und noch ein paar Leute.“ Die Kowaltschuks sind einflussreiche Finanzgeschäftsmänner, Medienmogule und Milliardäre in Russland und scheinen der Regierung nahezustehen. Bei Nikolai Patruschew handelt es sich um Russlands Sicherheitsratschef.
Ukraine-Krieg: Ex-Oligarch Chodorkowski glaubt nur an Rückzug bei Gefahr des Machtverlusts von Putin
Kreml-Kritiker Chodorkowski geht im Interview davon aus, dass sich Putin zu einem Rückzug überzeugen lassen würde, wenn alle diese Vertrauten die Sicherheit Russlands und Putins Macht als gefährdet ansehen und sich somit für einen Rückzug der Armee ins Land aussprechen würden. Sicher fühlt sich der Kreml-Chef bei der Unterstützung seines Umfelds den Aussagen zufolge wohl nicht.
Chodorkowski erklärt, dass Beratungen in der letzten Zeit an langen Tischen stattgefunden haben, keine nahen Treffen. Zudem sei Putins Umfeld gezwungen, den Krieg zu unterstützen. Das alles deutet darauf hin, „dass er nicht in Sicherheit ist“, wird Chodorkowski im Interview übersetzt. Diese Aussagen Chodorkowskis lassen sich nicht weiter überprüfen.
Ukraine-Konflikt: Putin treibt eigenen Sturz voran – Angriff sei ein „Suizid“
Wie der Kremlkritiker in dem Interview mit France24 betont, ist er der Überzeugung, dass der russische Präsident Wladimir Putin durch den Krieg in der Ukraine seinen eigenen Sturz vorantreibt. Die Macht des Kreml werde „nicht schnell“ verfallen, aber in „ein oder zwei Jahren“.
Der Angriff auf die Ukraine sei ein „Suizid“, Putin werde selbst dann nicht obsiegen, wenn seine Truppen die ukrainische Hauptstadt Kiew und die östliche Großstadt Charkiw einnähmen, sagte Chodorkowski. Es sei auch möglich, dass das Ende durch einen Zusammenbruch der russischen Wirtschaft erfolge. Bereits jetzt sei der Krieg durch die EU-Sanktionen wirtschaftlich ein „schwerer Schlag“ für Russland, sagte er bei ntv. Doch wie tickt der russische Präsident wirklich? Ein Psychologe sieht einen Punkt, den Putin „nie verstanden hat“. (chd/AFP/dpa)
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