Russland vor „Renaissance des Fußkampfs“: Ukraine-Dilemma zwingt Putin wohl zu neuer Strategie
VonFelix Busjaeger
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Im Ukraine-Krieg scheint Russland vermehrt auf Frontalangriffe zu setzen. Die Strategie bringt hohe Verluste – könnte aber auf einen Plan von Putin hindeuten.
Moskau/Kiew – Ein nahender Winter, hohe Verluste im Ukraine-Krieg und womöglich sinkende Moral in Putins Armee: Knapp 20 Monate nach Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine sind die Probleme für Russland groß. Der Krieg in der Ukraine gilt inzwischen als Materialschlacht und die Bewegungen an der Front sind nahezu zum Stillstand gekommen. Inmitten der Kämpfe zeichnet sich indes ein russischer Strategiewechsel ab. Offenbar setzt der Kreml nicht mehr auf schwer gepanzerte Fahrzeuge, sondern schickt vermehrt Bodentruppen in den Kampf – Berichten zufolge nur mit mäßigem Erfolg.
Verluste im Ukraine-Krieg nehmen wegen Stellungskrieg zu – Russland vor neuen Problemen
Dem weitgehenden Stillstand im Ukraine-Krieg zum Trotz: Immer wieder kommt es entlang des Frontverlaufs zu verlustreichen Gefechten. Wegen der häufigen Angriffe der Ukrainer unter Oberbefehlshaber General Walerij Saluschnyj scheinen die Truppen von Präsident Wladimir Putin vor Schwierigkeiten zu stehen, Schläge gegen befestigte Stellungen der Ukrainer laufen derweil ins Leere. Wie das US-amerikanische Institut für Kriegsstudien (ISW) unter Verweis auf einen Militärblogger berichtet, hat Russland zudem keine Möglichkeit, gut ausgebildete Soldaten für intensivere Frontalangriffe zu rekrutieren. Der Kreml könnte so riskieren, zahlreiche unerfahrene Rekruten zu verlieren.
Ein russischer Soldat feuert im Zuge der russischen Militäroperation in der Ukraine eine selbstfahrende Haubitze vom Typ Giatsint-B 152 mm auf ukrainische Stellungen ab. Der Ukraine-Krieg entwickelt sich zum Stellungskampf. (Archivbild)
Ungeachtet der Rückschläge gibt sich die russische Führung im Ukraine-Krieg aber weiter demonstrativ selbstbewusst. „In Kiew und Washington müssen alle einsehen: Russland ist auf dem Schlachtfeld nicht zu besiegen“, sagte zuletzt Kremlsprecher Dmitri Peskow. Inwieweit die militärische Position Russlands wegen der Verluste gefährdet ist, lässt sich allerdings nicht unabhängig überprüfen.
Weniger Panzer im Ukraine-Krieg: Russland ändert Strategie
Zwar setzt Putins Armee im Krieg in der Ukraine weiter auf Angriffe mit der Luftwaffe, allerdings scheint klar, dass Putin bei seinen Bodeneinheiten wegen der Verluste im Ukraine-Krieg erhebliche Nachschubprobleme zu lösen hat. Ein russischer Militärblogger schrieb laut ISW von einer „echten Renaissance des Infanteriekampfes“: In der Nähe der Front kämen immer weniger Panzer und schwer gepanzerte Fahrzeuge zum Einsatz. Ein weiterer Beobachter habe ergänzt, dies könne indirekt auf Verluste sowie direkt auf eine schlechte Koordination der russischen Armee hinweisen.
Auch ein Auszug aus einem Telegram-Kanal legt Probleme in Putins Armee nahe. Dort kritisierten Mitglieder einer Speznaz-Gruppe Russlands aktuelle Strategie scharf. Die Spezialeinheiten seien nicht für Frontalangriffe ausgebildet und würden aus diesem Grund im Krieg in der Ukraine derzeit zahlreiche Soldaten verlieren, so der Tenor.
Putin vor Dilemma im Ukraine-Krieg: Führung nimmt Verluste wohl billigend in Kauf
Die „militärische Parität“ im Ukraine-Krieg könnte Putins aktuelles Dilemma sein. Laut des ISW ist es möglich, dass die neue Strategie Russlands das Problem beheben soll. Die russische Führung um Präsident Putin, dessen Gesundheitszustand immer wieder für Diskussionen sorgt, hat allerdings bisher billigend hohe Verluste in der Armee in Kauf genommen. Die Vermutung liegt nahe, dass das Kriegsziel auch jetzt um jeden Preis erreicht werden soll.
Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland
Inzwischen gilt die groß angelegte Gegenoffensive der Ukraine als gescheitert, pessimistische Stimmen prognostizieren einen langen Krieg in der Ukraine, der hohe Verluste und jahrelange Kämpfe bringen könnte. Selbst Saluschnyj schloss zuletzt in einem Gastbeitrag für den EconomisteinenDurchbruch im Ukraine-Krieg aus. Er warnte angesichts des Stellungskriegs, Putin könne einen statischen Frontverlauf nutzen, um in Russland weiteren Nachschub für die Front zu mobilisieren. Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, dementierte, dass die Front im Krieg festgefahren sei. Er mahnte zugleich, dass sich das Kräftegleichgewicht zwischen Russland und der Ukraine zugunsten Moskaus drehen könnte.
Ukraine-Krieg: Langer Konflikt droht – Russland setzt auf Angriffe in der Ostukraine
Inwieweit sich Russlands aktuelle Strategie im Ukraine-Krieg am Ende als erfolgreich erweisen wird, ist ungewiss. Da der Kreml zuletzt aber wachsende Teile des russischen Staatshaushaltes in die Aufrüstung investiert, scheint ein größerer Erfolg auf lange Sicht möglich.
Dass Putins Vorgehen schon jetzt nicht nur zu hohen Verlusten im Ukraine-Krieg führt, zeigen derweil Angriffe der Streitkräfte in der Ostukraine, über die etwa Euronews berichtet. Entgegen der allgemeinen Entwicklung sollen Truppen Versuche unternommen haben, an die Ukraine verlorene Regionen zurückzuerobern. (febu)