Georgien-Wahl

Putins Einflussnahme auf Georgien: „Äußerst besorgniserregend“ für die EU

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Russland zeigt im Vorfeld der Georgien-Wahl seine Macht. Das Land könnte sich bald noch weiter vom Westen isolieren. Russland hat dies lange geplant.

Tiflis – Georgien steht vor schicksalsträchtigen Parlamentswahlen. Sie könnten darüber entscheiden, ob das Land seine Bemühungen um eine Integration in den Westen fortsetzt oder sich wieder Russland zuwendet. In der EU blickt man mit Sorge auf die Abstimmung; vor allem wegen der starken Einmischung des Kremls. Diese ist sorgfältig geplant und zeigt dem Staatenbund die Grenzen seiner Einflusssphäre auf.

Jahrelang war die EU zuversichtlich, dass ihre liberale, demokratische Agenda Georgien letztlich aus dem Einflussbereich des Kremls heraus- und Richtung Westen lenken würde. Gestärkt wurde diese Zuversicht durch Umfragen, die darauf hindeuteten, dass bis zu 80 Prozent der dortigen Bevölkerung für eine EU-Mitgliedschaft sind. Trotzdem wird bei der Wahl am kommenden Samstag (26. Oktober) wahrscheinlich eine Partei gewinnen, die mit ihrer illiberalen Agenda eine EU-Mitgliedschaft unmöglich machen würde: die populistische Partei „Georgian Dream“ (GD). Wie konnte es dazu kommen?

Russland zeigt sich vor Georgien-Wahl kompromissbereit – und trifft den Nerv der georgischen Bevölkerung

Der Schlüssel liegt zum Teil in den georgischen Regionen Abchasien und Südossetien. Diese historisch umkämpften Gebiete wurden, nach der Niederlage Georgiens im sogenannten Kaukasuskrieg mit Russland im Jahr 2008, von Moskau als souveräne Staaten anerkannt – ein Verlust, der von den meisten Georgiern als nationales Trauma empfunden wurde. Eine 2020 von Carnegie Europe und der Mikeladze-Stiftung durchgeführte Umfrage ergab, dass 75 % bis 80 % der Befragten eine Wiedererlangung der beiden abtrünnigen Regionen einer Mitgliedschaft in Nato und EU vorziehen würden. Die GD nutzt das für ihren Wahlkampf und schürt bei der georgischen Bevölkerung die Hoffnung auf eine Wiedereingliederung.

Russlands Präsident Wladimir Putin mischt auch bei der Georgien-Wahl mit.

Auf einer Pressekonferenz am Rande der UN-Generalversammlung in New York City Ende September betonte der russische Außenminister Sergej Lawrow erstmals, dass eine Einigung zur Lösung des jahrzehntelangen Konflikts möglich sei. „Sie haben gesagt, dass sie eine historische Versöhnung wollen“, so Lawrow dort über die Partei GD. „Wie diese Versöhnung aussieht, müssen die Staaten Abchasien und Südossetien entscheiden“, so der russische Außenminister weiter. Wenn alle Seiten Interesse an einer Normalisierung dieser Beziehungen hätten, sei man „bereit zu helfen“.

Georgien hat sich schon länger vom Westen abgewandt – Das Land sucht neue Verbündete, auch in Russland

Diese Bereitschaft hat für die Georgier allerdings ihren Preis. Die zunehmend autoritäre Regierung des Landes hat in den letzten Jahren engere Beziehungen zu Moskau angestrebt, während sich die Beziehungen zum Westen aufgrund des harten Vorgehens gegen die demokratische Opposition und die Zivilgesellschaft verschlechtert haben. Der derzeitige Premierminister des Landes, Irakli Kobakhidze (GD), hat diese Ängste im Vorfeld der Wahl erneut angeheizt – unter anderem mit der Ankündigung, im Falle eines Siegs führende Oppositionsparteien verbieten zu wollen.

Die Möglichkeit einer Annäherung Georgiens an Russland ist laut einer Analyse des US-Thinktanks „Jamestown Foundation“ auch eine Folge des Ukraine-Kriegs. Durch ihn habe Moskau weniger Ressourcen, um seine Macht im Südkaukasus zu sichern. Das verändere seine Beziehung zu den separatistischen Regionen und die Geopolitik der Region. Georgien seinen so neue Möglichkeiten eröffnet worden. Tiflis habe daraufhin seinen außenpolitischen Kurs verändert. Man habe so die Abhängigkeit von einem einzigen geopolitischen Partner – in diesem Fall dem kollektiven Westen – verringert und einen mehrdimensionalen Ansatz gewählt.

Putins Russland kämpft nicht nur im Ukraine-Krieg – auch die Georgien-Wahl will Moskau nutzen

Gleichzeitig hat Russland selbst großes Interesse daran, die georgischen Bemühungen um eine Integration in Europa zu vereiteln. Das geht aus einem Bericht des Thinktanks „Institute for the Study of War“ hervor. Der Kreml hoffe wahrscheinlich, die zunehmend prorussische Position der Regierungspartei zu nutzen, heißt es dort. Hybride Bemühungen, die Kontrolle über Georgien und den Südkaukasus zu erlangen und den westlichen Einfluss in der Region zu verringern, könnten so vereinfacht werden. Möglich sei auch, dass Russland versuchen werde, die verbesserten Beziehungen auszunutzen, um die Auswirkungen westlicher Sanktionen abzuschwächen. Auch die strategische Lage, einschließlich des Zugangs zum Schwarzen Meer, seien für Moskau von großer Bedeutung.

Auf dem Weg nach Europa: Die Aufnahmekandidaten der EU

EU Parlament Straßburg
Jeder europäische Staat hat laut Artikel 49 des EU-Vertrags das Recht, einen Antrag auf Mitgliedschaft zu stellen. Wichtig dabei: „Europäisch“ wird politisch-kulturell verstanden und schließt die Mitglieder des Europarats mit ein. Das betrifft zum Beispiel die Republik Zypern. Eine wichtige Rolle spielt im Beitrittsverfahren das EU-Parlament in Straßburg (im Bild). Verschiedene Delegationen verfolgen die Fortschritte in den Beitrittsländern und weisen auf mögliche Probleme hin. Zudem müssen die Abgeordneten dem EU-Beitritt eines Landes im Parlament zustimmen. Derzeit gibt es neun Beitrittskandidaten und einen Bewerberstaat. © PantherMedia
Edi Rama Albanian EU
Albanien reichte 2009 den formellen EU-Mitgliedschaftsantrag ein – vier Jahre, bevor Edi Rama (im Bild) das Amt des Ministerpräsidenten übernahm. Es dauerte aber noch eine lange Zeit, bis die Verhandlungen beginnen konnten. Grund war ein Einspruch der Niederlande, die sich zusätzlich zu den EU-Kriterien auch die Sicherstellung der Funktion des Verfassungsgerichts und die Umsetzung eines Mediengesetzes wünschte. Im Juli 2022 konnte die Blockade beendet werden und die EU startete die Beitrittsverhandlungen. © John Thys/afp
Bosnien und Herzegowina EU
Auch Bosnien und Herzegowina drängt in die EU. Gut erkennen konnte man das zum Beispiel am Europatag 2021, als die Vijećnica in der Hauptstadt Sarajevo mit den Farben der Flaggen der Europäischen Union und Bosnien und Herzegowinas beleuchtet war. EU-Botschafter Johann Sattler nutzte sofort die Gelegenheit, um das alte Rathaus zu fotografieren. Vor den geplanten Beitrittsverhandlungen muss das Balkanland noch einige Reformen umsetzen. Dabei geht es unter anderem um Rechtsstaatlichkeit und den Kampf gegen Korruption und organisiertes Verbrechen.  © Elvis Barukcic/afp
Georgien EU
Zum Kreis der EU-Beitrittskandidaten gehört auch das an Russland grenzende Georgien. Das Land, in dem rund 3,7 Millionen Menschen leben, hatte kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs die Aufnahme in die EU beantragt. Auf schnelle Fortschritte im Beitrittsprozess kann Georgien allerdings nicht hoffen. Dabei spielt auch ein ungelöster Territorialkonflikt mit Russland eine Rolle. Nach einem Krieg 2008 erkannte Moskau die abtrünnigen georgischen Gebiete Südossetien (im Bild) und Abchasien als unabhängige Staaten an und stationierte Tausende Soldaten in der Region. © Dimitry Kostyukov/afp
Moldau EU
Seit Juni 2022 gehört auch Moldau offiziell zu den EU-Beitrittskandidaten. Das Land, das an Rumänien und die Ukraine grenzt, reichte kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs das Beitrittsgesuch ein. Am 21. Mai 2023 demonstrierten 80.000 Menschen in der Hauptstadt Chișinău für einen Beitritt Moldaus in die Europäische Union. Die damalige Innenministerin Ana Revenco (Mitte) mischte sich damals ebenfalls unters Volk. © Elena Covalenco/afp
Montenegro EU
Das am kleine Balkanland Montenegro will beim EU-Beitritt zügig vorankommen. Direkt nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten Ende Oktober 2023 verkündete Milojko Spajic (im Bild), dass er den Beitritt Montenegros zur EU vorantreiben und die Justiz im Kampf gegen Korruption und organisiertes Verbrechen stärken wolle. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (rechts) hörte es damals sicher gerne. Montenegro verhandelt seit 2012 über einen Beitritt, hatte sich aber vor der Wahl nicht mehr ausgiebig um Reformen bemüht.  © Savo Prelevic/afp
Scholz Westbalkan-Gipfel Nordmazedonien EU
Nordmazedonien kämpft schon seit langer Zeit für den Beitritt in die EU. Leicht ist das nicht. So hat das kleine Land in Südosteuropa aufgrund eines Streits mit Griechenland sogar schon eine Namensänderung hinter sich. Seit 2019 firmiert der Binnenstaat amtlich unter dem Namen Republik Nordmazedonien. Auch Bulgarien blockierte lange den Beginn von Verhandlungen. Bei einem Gipfeltreffen im Oktober 2023 drängte Kanzler Olaf Scholz dann aber auf eine möglichst schnelle Aufnahme der Balkanstaaten in die EU. Nordmazedoniens Ministerpräsident Dimitar Kovacevski (rechts) war sichtlich erfreut. © Michael Kappeler/dpa
Serbien EU
Auch Serbien strebt in die EU. Wann es zu einem Beitritt kommt, scheint derzeit aber völlig offen. Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine hat sich die serbische Regierung geweigert, Sanktionen gegen Russland zu verhängen. Damit ist Serbien der einzige Staat in Europa, der keine Sanktionen verhängt hat. Offen bleibt, welche Auswirkungen das auf die seit 2014 laufenden Verhandlungen über einen EU-Beitritt Serbiens hat. Die politische Führung in Belgrad, die seit 2012 von Präsident Aleksandar Vučić (im Bild) dominiert wird, zeigt zudem wenig Willen zu Reformen. Demokratie und Medienpluralismus höhlt sie zunehmend aus. © Andrej Isakovic/afp
Türkei EU
Die Türkei ist bereits seit 1999 Beitrittskandidat. Die Verhandlungen selbst haben im Oktober 2005 begonnen. Inzwischen hat die EU-Kommission vorgeschlagen, die Beziehungen wieder auszubauen, sofern sich die Regierung in Ankara unter Präsident Recep Tayyip Erdoğan (im Bild) in einigen Punkten bewegt. Zuvor waren Projekte wie die geplante Modernisierung der Zollunion und eine Visaliberalisierung wegen Rückschritten bei Rechtsstaatlichkeit, Grundrechten und Meinungsfreiheit in der Türkei auf Eis gelegt worden. Ein EU-Beitritt scheint aktuell weiter entfernt denn je. © Adem Altan/afp
Ukraine EU
Im Dezember 2023 wurde der Beginn von Verhandlungen mit der Ukraine grundsätzlich beschlossen. Allerdings muss die Ukraine sämtliche Reformauflagen erfüllen. So waren nach dem letzten Kommissionsbericht manche Reformen zur Korruptionsbekämpfung, zum Minderheitenschutz und zum Einfluss von Oligarchen im Land nicht vollständig umgesetzt. Ohnehin gilt es als ausgeschlossen, dass die Ukraine vor dem Ende des Ukraine-Kriegs EU-Mitglied wird. Denn dann könnte Kiew laut EU-Vertrag militärischen Beistand einfordern – und die EU wäre offiziell Kriegspartei. © Roman Pilipey/afp
Kosovo EU
Kosovo hat einen Mitgliedsantrag eingereicht, jedoch noch nicht den offiziellen Status eines Beitrittskandidaten erhalten. Das Land hat 2008 seine Unabhängigkeit von Serbien erklärt. Die Freude darüber war damals bei den Menschen riesengroß. Das Bild macht auch deutlich, dass vor allem Menschen albanischer Herkunft im Kosovo beheimatet sind. Die Flagge Albaniens (links) ist ebenso zu sehen wie die des neuen Landes (hinten). Mehr als 100 Länder, darunter auch Deutschland, erkennen den neuen Staat an. Russland, China, Serbien und einige EU-Staaten tun dies aber nicht. Ohne die Anerkennung durch alle EU-Länder ist eine Aufnahme von Beitrittsverhandlungen aber nicht möglich.  © Dimitar Dilkoff/afp

Russland hat diese Einmischung minutiös geplant. Dem Wirtschaftsmagazin Bloomberg zufolge, haben russische Spione die georgische Regierung und große Unternehmen über Jahre hinweg umfassend beobachtet. Dabei konnten sie offenbar im großen Stil Informationen sammeln und sich die Befugnis verschaffen, kritische Infrastrukturen zu sabotieren. Hier raus werde deutlich, dass „Russland Georgien seit vielen Jahren ins Visier nimmt und infiltriert“, so Natia Seskuria, Geschäftsführerin des Regional Institute for Security Studies, gegenüber der Veröffentlichung. „Das ist äußerst besorgniserregend und besonders wichtig im Hinblick auf die bevorstehenden Wahlen.“

Mit dieser Sorge ist sie nicht allein. „Es ist an der Zeit, dass westliche Entscheidungsträger der Tatsache ins Auge sehen, dass sich Russlands Krieg nicht nur auf die Ukraine beschränkt – es geht darum, die demokratische Welt überall dort anzugreifen, wo Moskau glaubt, Einfluss ausüben zu können“, mahnte Ivana Stradner von der Stiftung zur Verteidigung der Demokratie in Washington gegenüber dem US-Portal Politico. Während „risikoscheue europäische und amerikanische Beamte in einzelnen Taktiken denken“, habe der russische Präsident Wladimir Putin „eine ganze Strategie, mit der er versucht, zu gewinnen“, so Stradner weiter. (tpn)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Alexander Shcherbak

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