„Angst vor Gewalt“

Queere Berliner:innen fühlen sich in ihrer Stadt tatsächlich „unsicherer“

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Hape Kerkeling verlässt Berlin, weil es ihm zu homofeindlich ist. Wir haben uns in der Hauptstadt umgehört und gemerkt: Das offene Klima scheint sich zu ändern.

Als der schwule Entertainer Hape Kerkeling erklärte, er habe zusammen mit seinem Freund Berlin verlassen, weil die Stadt ihm inzwischen zu homofeindlich geworden sei, entbrannte in der queeren Community eine Debatte darüber, wie es Homosexuellen, aber auch queeren Menschen derzeit in Berlin geht.

Gleichzeitig gab es viel Kritik am neuen Queerbeauftragten der Hauptstadt, Alfonso Pantisano. Er sprach in einem Interview zwar auch von der Hasskriminalität in Berlin, wollte allerdings auch auf mehrfache Rückfrage kein Statement zu Attacken von jungen Männern abgeben. Die Kritik lautete, sich der Realität nicht stellen zu wollen. Kritisch äußerten sich dabei auch die Polizei sowie Vertreter:innen von CDU und FDP. Auch das Berliner Anti-Gewalt-Projekt Maneo sprach zuvor bereits von „testosteronaufgeladenen Jungmännern aus bestimmten Problemkiezen“. Für 2022 verzeichnete die Organisation erneut in Berlin einen Anstieg von Hasskriminalität gegenüber der queeren Community, die meisten Opfer sind dabei schwul oder bisexuell.

Am 22. Juli 2023 zog der CSD zum 45. Mal durch die Hauptstadt.

Queerer Aktivist über Berlin: „Es gibt definitiv Viertel, wo man sich unsicherer fühlt“

Die Diskussion ist seitdem in der queeren Community von neuem entbrannt und hat vor allem nach dem Berliner CSD noch einmal an Fahrt aufgenommen. Das Resümee der Pride-Parade Ende Juli: 84 Strafanzeigen, rund jede Dritte davon (30 Prozent) aufgrund von Körperverletzungen. Die Berliner Feuerwehr verzeichnete 160 Rettungseinsätze, 104 CSD-Teilnehmer:innen kamen ins Krankenhaus.

Denken nach den vergangenen Wochen also ähnlich wie Hape Kerkeling immer mehr queere Menschen daran, das einstige Mekka der LGBTQIA+-Community zu verlassen?

Eines der prominenten Gesichter der Stadt ist der Sänger, Songwriter und Aktivist MKSM (ausgesprochen Maksim), der in diesem Jahr mit seinem Song „Loving Myself“ die CSD-Hymne des Jahres komponierte und auf über 30 Pride-Parden präsent ist, auch zuletzt beim Berliner Pride. Er lebt zusammen mit seinem Mann in Bezirk Charlottenburg, einem eher ruhigeren Viertel der Stadt – hier fühlt sich MKSM noch sicher, sagt aber BuzzFeed News auch: „Es gibt definitiv Viertel, wo man sich unsicherer fühlt – da kommt es für uns gar nicht in Frage, auf der Straße Händchen zu halten oder ähnliches.“

Queerfeindlicher Hass im Netz und in der realen Welt

Wegziehen aus Berlin möchte er noch nicht, kann aber die Entscheidung von Kerkeling durchaus verstehen, das sei ein persönlicher Schritt, den es zu respektieren gelte. Die ansteigende Hasskriminalität ist allerdings auch in seinem Freundeskreis sowie im Beruf ein präsentes Thema, vor allem, weil viele Anfeindungen zunächst online auftreten, bevor die Welle aus Hass in die reale Welt hinübergleitet.

„Gerade bei meinen Künstlerkolleg:innen ist das Thema Queerphobie in den sozialen Medien ein Thema. Wir tauschen uns da aus, melden queerphobe Kommentare und machen immer wieder auf diese Vorfälle aufmerksam. Und natürlich versuche ich mit meiner Musik meine Zuhörer:innen auf ihrem Weg zu bestärken. Ich will der Künstler sein, den ich mir als kleiner Junge gewünscht hätte.“

MKSM will trotz aller Probleme bleiben und blickt zuversichtlich auf die queere Gemeinschaft: „Queere Menschen haben es nicht leicht, aber die Community ist auch unglaublich stark und wird nicht aufgeben. Ich bin überzeugt – gerade, wenn ich die jungen Generationen auf den CSDs sehe –, dass die Community weiterhin für Akzeptanz kämpfen wird. Ich versuche, da ganz bewusst positiv zu denken, weil es mich auch als queerer Künstler und Aktivist motiviert, weiterzumachen!“

Zusammenhalt „nur noch ein Schatten von dem, was es einmal war“

Nicht ganz so positiv blickt die lesbische Autorin Marie Miro auf die aktuelle Situation in Berlin: „Der Zusammenhalt der Community ist seit einiger Zeit nur noch ein Schatten von dem, was es einmal war. Natürlich kann die Gemeinschaft vielleicht durch Druck und Anfeindung von außen wieder mehr zusammengeschweißt werden, doch momentan erlebe ich das nicht. Vielerorts herrscht oftmals das Gefühl vor, erst einmal die eigene Haut retten zu wollen.“

Dabei gebe es laut Miro noch ein deutlich größeres Problem, das kein noch so guter Zusammenhalt beheben könne: „Bei Veranstaltungen wie dem CSD oder direkt in der Szene mag es noch eine gewisse Form von gegenseitigem Schutz geben, doch das endet spätestens auf dem Nachhauseweg. Wenn ich mit lesbischen und schwulen Freund:innen spreche, zeigt sich ganz deutlich, dass sie gerade in den Abendstunden immer seltener die Wohnung verlassen. Noch extremer nehme ich das bei trans* Freund:innen wahr.

Immer dann, wenn auch nur die Gefahr bestehen könnte, aufgrund von Aussehen oder Auftreten vom Fremden als queer gelesen zu werden, ist die Angst vor Gewalt groß. Und leider erleben viele Bekannte von mir, dass diese Gewalt zumeist von Gruppen junger Männer ausgeht. Ich lebe seit vielen Jahren in der Stadt und ertappe mich selbst neuerdings wieder dabei, immer öfter sehr genau im Blick zu haben, was auf der Straße vor mir passiert, wenn ich unterwegs bin, damit ich gegebenenfalls bei Gefahr im Verzug schnell die Straßenseite wechseln kann. An manchen Tagen gleicht ein Spaziergang durch Berlin für mich als lesbische Frau so einem Spießrutenlauf mit Zick-Zack-Kurs – und dass auch mitten am Tag.“ Miro überlegt aktuell durchaus, die Stadt möglicherweise im kommenden Jahr zu verlassen.

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Viele queere Berliner:innen sind verunsichert

Direkte Angriffe und ein Anstieg von Hass und Gewalt gegenüber queeren Menschen erlebt auch die trans* Aktivistin Anastasia Biefang seit geraumer Zeit in Berlin: „Ich erlebe dies zum Teil persönlich als auch durch Erzählungen von queeren Freund:innen und durch die mediale Berichterstattung. Ich selbst habe das Gefühl, dass das offene und akzeptierende Klima in Berlin sich auf jeden Fall in Teilen negativ verändert hat, gerade auch in vormals safer spaces für Queers.“

Diese Verunsicherung erleben immer mehr queere Berliner:innen, wie sich auch in Gesprächen zusehend abzeichnet. „Ich habe zwar keine physische Gewalt erlebt, aber beleidigende, trans*- und queerfeindliche Kommentare habe ich in den letzten Monaten mehr erfahren. In den meisten Fällen reagiere ich auf die Kommentare oder Sprüche, indem ich mich den Menschen stelle. Ich will einfach nicht leise sein oder unsichtbar werden oder gar hilflos. Wenn, dann sollen diese Menschen sich mit mir in dem Moment auseinandersetzen“, sagt Biefang BuzzFeed News.

Ähnlich wie MKSM will auch Biefang trotz den aktuellen Entwicklungen die Stadt nicht verlassen. „Die Stadt gehört uns allen und ein respektvoller und wertschätzender Umgang sollte uns allen anbei stehen. Ich werde den Hatern nicht diese wunderbare Stadt überlassen! Nur wenn wir zusammenstehen als Community und auf diese Missstände aufmerksam machen, können wir etwas bewegen. Flucht ist einfach keine Option.“

Hape Kerkeling verlässt Berlin – Biefang findet das „einfach schade“

Für die bekannte trans* Aktivistin ist es auch betrüblich, wenn Menschen wie Hape Kerkeling Berlin verlassen. „Ich finde es einfach schade, denn das sind Menschen, die eine Stimme haben und gehört werden. Ich hoffe natürlich, dass zumindest die Gesellschaft und Politik Notiz von der Lage nehmen und sich mit dem Thema genauer befassen. Aber ich denke, es ist einfach das falsche Signal. Und das Verlassen der Stadt ist auch eine Maßnahme für in Teilen privilegierte Menschen. Nicht alle queeren Menschen haben diese Möglichkeit.“

Biefang hofft, dass die queere Community in diesen Tagen erkennt, dass sie sich jetzt erst recht gegen Anfeindung und Hass wehren muss – eine Flucht sei der falsche Weg. „Wir stehen ja nicht mit dem Rücken zur Wand. Wir als Community erfahren ja auch viel Solidarität, auch von nicht queeren Menschen. Und daraus müssen wir Kraft schöpfen. Die Stadt gehört uns allen und wir haben genauso das Recht in diesen Räumen und Orten zu existieren. Darauf müssen wir schauen und gemeinsam mit Politik und Gesellschaft stark und laut gegen Hass und Intoleranz antreten.“

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Rubriklistenbild: © IMAGO/Müller-Stauffenberg

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