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Der Freistaat gilt oft als altmodisch und konservativ. Gerade die LGBTQ+-Community bekommt das zu spüren – bis jetzt.
Im Oktober dieses Jahres finden in Bayern Landtagswahlen statt – für die queere Community im Freistaat ein besonderes Ereignis, denn erstmals hat die CSU-Regierung Homosexuellen und queeren Menschen versprochen, sich verstärkt für sie einzusetzen. Ein Aktionsplan für mehr Akzeptanz soll den Hass und die Anfeindungen gegenüber der LGBTQIA+-Community zurückdrängen.
Doch wie ernst es die Landesregierung damit wirklich meint, wird nach wie vor stark bezweifelt – bis heute schweigt die Landesregierung, wenn es um Details geht sowie auch bei der Frage, ob und welche queeren Vereine denn nun tatsächlich mit eingebunden werden könnten. Verkommt der Aktionsplan zu einer Luftnummer im Wahlkampfgetöse?
Comeback für einen alten Hoffnungsträger?
Währenddessen meldete sich in diesen Tagen ein anderer Hoffnungsträger in Bayern zurück – Michael Adam (38). Der ehemalige politische SPD-Superstar wurde 2008 über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt, als er als junger, offen schwuler Mann in der Gemeinde Bodenmais die Wahl zum Bürgermeister gegen den CSU-Herausforderer gewann. Jung, schwul und erfolgreich? Die queere Community feierte Adam damals wie einen Heilsbringer, der vor allem gedanklich für einen Wechsel in ganz Bayern sorgen sollte.
Adam selbst sprach damals davon, sogar Bundeskanzler von Deutschland werden zu wollen – ganz so weit reichte es allerdings nicht. Mit 23 Jahren wurde er erst der jüngste Bürgermeister der Bundesrepublik, knapp drei später auch der jüngste Landrat für den Landkreis Regen. Was folgte, war der zähe tiefe Fall – zuerst berichteten die Boulevard-Zeitungen über sexuelle Abenteuer, die der junge Landrat in seinem Dienstzimmer mit sechs jungen Männern hatte, später gab Adam selbst zu, ein ernsthaftes Alkoholproblem zu haben. Im Jahr 2017 trennte er sich schließlich von seinem Freund und schied zudem aus dem Amt aus.
Nun das Comeback – Adam verkündete, er wolle im Oktober noch einmal für das Amt des Bürgermeisters in seiner Heimatgemeinde Bodenmais kandidieren: „Ich habe mir die Entscheidung gründlich überlegt: Ich weiß exakt, was das Amt bedeuten würde und was auf mich zukäme. Etwas gezögert hatte ich, weil ich erst vor einigen Wochen – aus rein persönlichen Gründen – wieder nach Bodenmais gezogen bin. Ich habe mich zwar sofort wieder ‚dahoam‘ gefühlt. Auch tat es mir gut, dass mich viele Menschen von sich aus zu einer erneuten Kandidatur ermuntert haben.“
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„Wir sind gekommen, um zu bleiben.“
Dazu ermutigt haben ihn schlussendlich auch alte Freund:innen und Weggefährt:innen. „Am Ende waren zwei Gründe ausschlaggebend: Erstens habe ich es geliebt, Bürgermeister zu sein, das heißt Ideen zu entwickeln, Menschen zusammenzubringen, zu kommunizieren und Dinge auch tatsächlich umsetzen zu können. Die Jahre in Bodenmais waren – trotz damals extremer Herausforderungen – die besten Jahre meines Lebens. Zweitens habe ich mir viel Gedanken über die Zukunft von Bodenmais gemacht. Wenn ich heute durch den Ort gehe oder fahre, juckt es mich an vielen Stellen einfach wieder massiv in den Fingern. Ja, ich würde wahnsinnig gerne wieder anpacken!“
Im August nun wurde Adam offiziell nominiert. Dabei hat er allerdings klar ausgeschlossen, noch einmal für ein höheres Amt antreten zu wollen. „Hier habe ich viel dazugelernt, und bin von höheren politischen Ämtern heute definitiv geheilt. Um es deutlich zu sagen: Im Falle eines Wahlsiegs wäre mein Platz in Bodenmais – und bliebe es auch.“ Die queere Community blickt trotzdem in diesen Tagen mit Freude nach Bodenmais, weil von Adam eine erneute Strahlkraft ausgeht, die weit über die Gemeinde hinaus spürbar ist – mit seinem möglichen Comeback schürt er Hoffnung anderenorts im Freistaat, dass LGBTQIA+-Menschen nicht nur immer selbstverständlicher gleichberechtigt zur Gesellschaft dazugehören, sondern dass auch die deutliche Mehrheit der Bayer:innen das genau so auch unterschreiben würde.
„Ich war damals richtig euphorisch, als die Geschichte mit Adam durch die Medien ging und er der CSU so richtig Feuer unterm Hintern machte. Die haben damals so richtig Angst bekommen, dass sie ein schwuler SPDler links überholt. Inzwischen hat es sich die CSU wieder gemütlich mit den Freien Wählern im Mief eingerichtet und tut für Schwule, Lesben und queeren Menschen bisher nichts, abgesehen von warmen Worten. Adams Comeback-Versuch könnte für die Queers hier im Freistaat genau der Anstoß sein, den es braucht, um der CSU endlich klarzumachen: Wir sind gekommen, um zu bleiben. Und wir wollen Gleichberechtigung, jetzt!“, so Maximilian aus München. Der 43-Jährige arbeitet in der Energiebranche und ist seit zwei Jahren mit seinem langjährigen Partner verheiratet.
Straftaten gegenüber der queeren Community haben sich verdreifacht
Viele in der queeren Community in Bayern sehen das ähnlich, man müsse der CSU vor der Landtagswahl stärker verdeutlichen, dass sich LGBTQIA+-Menschen mit den aktuellen Gegebenheiten nicht mehr zufriedengeben wollen. In diesem Sommer forderten über ein Dutzend CSDs im Land die sofortige Umsetzung des Aktionsplans, zudem auch deutlich mehr Einsatz beim Thema Hasskriminalität. Anfang August veröffentlichte das Bayerische Innenministerium die neusten Zahlen – binnen von knapp drei Jahren haben sich die Straftaten gegenüber der queeren Community im Freistaat verdreifacht, wobei noch immer eine sehr große Diskrepanz zwischen offiziell angezeigten Angriffen (96) und tatsächlichen Zwischenfällen existiert – mehrere Studien (Ipsos 2023) gehen davon aus, dass nach wie vor rund 90 Prozent der Fälle von Hasskriminalität gar nicht erst angezeigt wird.
Innenminister Joachim Hermann erklärte dazu bei der Vorstellung der jüngsten Zahlen: „Hasskriminalität hat leider weiter Konjunktur.“ Selbst wenn man anerkennt, dass sich inzwischen mehr Menschen möglicherweise trauen, überhaupt eine Anzeige zu stellen, weswegen auch höhere Fallzahlen teilweise zu erklären wären, erschrecken die rapide und stetig ansteigenden Angriffe im Freistaat trotzdem – und müssten eigentlich jede Landesregierung dazu auffordern, endlich zu handeln. Noch dazu, wo weniger als jede zweite Straftat (rund 43 %) gegenüber LGBTQIA+ überhaupt im vergangenen Jahr aufgeklärt wurde.
„Warum hinkt Bayern in so vielen Punkten noch immer dem restlichen Deutschland hinterher?“
„Ich habe eben erst vor einigen Tagen von Michael Adam erfahren und ich war echt erstaunt, dass wir als queere Community schon einmal so weit waren. Ich frage mich, was ist denn bitte seitdem passiert? Warum hinkt Bayern in so vielen Punkten noch immer dem restlichen Deutschland hinterher, wenn es um unsere Rechte geht? Ich würde mir wünschen, dass die Unterstützer:innen von uns sowie auch die Community selbst spätestens jetzt durch Adam checkt, was wir in den letzten Jahren irgendwie verloren haben – wir brauchen diese Aufbruchsstimmung und das nicht nur bei CSDs, sondern auch im Oktober bei der Landtagswahl“, sagt die trans* Frau Mareike aus Nürnberg BuzzFeed News Deutschland.
Adam kann im Herbst dieses Jahres erneut Bürgermeister in seiner Heimat Bodenmais werden, doch vielleicht schafft er bereits im Vorfeld nur durch seine Kandidatur, dass viele queeren Bayer:innen sich wieder daran erinnern, was bereits zum Greifen nahe war – und was es wieder sein kann. Ein Gefühl von Aufbruch liegt in der Luft.
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