VonAnika Zuschkeschließen
Klimaaktivisten machen mit radikalen Protestaktionen in Museen auf sich aufmerksam. Ihre Forderungen sind nachvollziehbar. Experten sehen darin erst den Anfang.
Berlin – Der Klimawandel ist in Anbetracht der Energiekrise, der Inflation in Deutschland und auch der Corona-Pandemie auf der politischen Agenda in den Hintergrund gerückt. Dabei macht die Abhängigkeit von russischem Gas derzeit auf schmerzhafte Weise deutlich, wie wichtig der Ausbau erneuerbarer Energien ist. Klimaaktivisten haben seit einiger Zeit die Nase voll davon, still auf Veränderung zu warten – und machen ihrem Ärger auf teils illegale Weise Luft.
Das Ausmaß von radikalem Klimaaktivismus wächst in ganz Europa stark an. In der Bevölkerung sorgt das für Unmut.
Klimaaktivisten zerstören Gemälde in Europa – Gruppe „Letzte Generation“ in Deutschland aktiv
Seit diesem Sommer ist bei radikalen Klimaaktivisten neben Straßenblockaden und anderen Störaktionen ein neues Ziel in den Fokus gerückt: Museen. Mitte Oktober 2022 bewarfen Aktivisten der Gruppe „Just Stop Oil“ das Sonnenblumen-Gemälde von Vincent van Gogh in einem Londoner Museum mit Tomatensuppe. Das Gemälde war jedoch mit Glas geschützt, beschädigt wurde demzufolge nur der Rahmen.
Vor wenigen Tagen folgte dann die nächste Protestaktion in einem deutschen Museum: Aktivisten der Gruppe „Letzte Generation“ bekannten sich dazu, Kartoffelbrei auf ein Gemälde von Claude Monet im Potsdamer Museum Barberini geschüttet zu haben. Sie forderten im Zuge dessen laut dem Bayrischen Rundfunk entschlosseneres Handeln gegen den Klimawandel. Der Sachschaden beläuft sie nach Schätzungen des Potsdamer Museums auf eine fünfstellige Summe – zudem sollen jetzt die Sicherheitsvorkehrungen in dem Museum verschärft werden.
Radikale Klimaaktivisten entdecken Museen für sich – sie kleben sich in Den Haag an Gemälde
Die aktuellste Kunst-nahe Protestaktion erfolgte am Donnerstag, 27. Oktober 2022, im niederländischen Kunstmuseum Mauritshuis in Den Haag. Auf einem über Twitter verbreiteten Video ist zu sehen, wie ein Aktivist seinen Kopf am Glas vor dem weltberühmten Gemälde „Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge“ von Johannes Vermeer mit Leim festklebte und mit einer roten Flüssigkeit übergossen wurde. Ein anderer Mann hatte seine Hand an die Wand neben dem Bild festgeklebt.
In Aufnahmen aus Online-Netzwerken war laut der Zeit zu sehen, dass die Aktivisten T-Shirts mit der Aufschrift „Just Stop Oil“ trugen. Das Gemälde hat nach Angaben des Museums keine Schäden davongetragen, die Aktivisten wurden von der Polizei festgenommen.
Aktionen lösen Empörung aus: „Was die ‚Letzte Generation‘ durchführt, sind allesamt Straftaten“
In der Welt der Kunst und Kultur trifft diese Art des Klimaaktivismus auf Empörung. „Kunst für den Klimaschutz zu attackieren – das ist aus meiner Sicht definitiv der ganz falsche Weg“, schrieb die Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) im Focus. Protest dürfe ihr zufolge radikal sein, aber nicht willkürlich.
Auch Stefan Heck (CDU), Mitglied im Ausschuss für Inneres und Heimat, äußerte sich mit eindeutigen Worten zu den Unterfangen der Klimaaktivisten. „Was die ‚Letzte Generation‘ an Aktionen durchführt, sind allesamt Straftaten“, so der CDU-Innenpolitiker im Gespräch mit der Welt. „Wer das macht, ist ein Krimineller – und so sollten wir diesen Teil der Bewegung auch behandeln.“
Klimaaktivisten sind zufrieden: „Scheiße dafür auf jedes einzelne Bild in einem deutschen Museum“
Der Klimaaktivist Tadzio Müller bezeichnete die Anschläge auf Kunstobjekte in Europa im Gegensatz dazu als erfolgreich. Damit gelinge es den Aktivisten, die Gesellschaft aus ihrer Verdrängung des Klimawandels zu reißen, sagte der Mitgründer der Anti-Kohle-Gruppe „Ende Gelände“ bei ZDFheute.
„Wenn ich Tomatensuppe auf ein Bild schütte, dann geht es um Aufmerksamkeit. Und gerade reden alle darüber. Wir sind im Klimanotstand und trotzdem schützt niemand das Klima“, erklärt Müller die Aktionen und fährt fort: „Wenn Menschen in Bolivien nicht mehr am Klimawandel sterben müssen, dann scheiße ich dafür auf jedes einzelne Bild in einem deutschen Museum.“
Nicht nur Angriffe auf Gemälde: Radikale Klimaaktivisten blockieren Straßen und besprühen Autohäuser
Doch beschränken sich Klimaaktivisten auch aktuell nicht auf Angriffe von Gemälden. In London besprühten Vertreter der Gruppe „Just Stop Oil“ den Showroom eines Luxus-Automobilhändlers mit orangener Farbe, weitere Aktivisten blockierten zeitgleich eine Straße nahe des Piccadilly Circus, bis laut der Welt die Polizei anrückte und die Aktion beendete.
In Berlin haben sich Mitte Oktober radikale Klimaschützer der Gruppen „Debt for Climate“ und „Scientist Rebellion“ für eine Protestaktion sogar erfolgreich Zugang ins Finanzministerium verschafft. Der Neuen Zürcher Zeitung zufolge hielten sich etwa 30 Aktivisten rund zwei Stunden lang in dem Gebäude auf, klebten sich im Sekretariat von Finanzminister Christian Lindner fest und führten anschließend sogar ein Gespräch mit dem Politiker. Danach sei man jedoch friedlich auseinandergegangen, so Lindner.
Wird Klimaaktivismus sich stärker radikalisieren? Aktuelle Aktionen lassen „schlimmeres befürchten“
Friedlich scheint dabei das Schlüsselwort zu sein – denn Extremismusforscher sehen aktuell bereits die Gefahr, dass sich einzelne Protestler der Klimaschiene deutlich radikalisieren könnten. Ahmad Mansour, Psychologe und Experte für Extremismusprävention, erklärte im Gespräch mit der Welt: „Ich sehe, dass die Debatte sehr vergiftet ist, dass Einzelpersonen mittlerweile abwertend gegenüber anderen auftreten.“ Das sei ihm zufolge auch der erste Schritt Richtung Angriffe auf Menschen.
Wir haben erlebt, dass diejenigen, die da unterwegs sind in den radikalen Teilen dieser Bewegung, vor gar nichts zurückschrecken. Und das, was wir in den letzten Tagen gesehen haben [...] lässt schlimmeres befürchten [...].
Bislang haben sich die Aktionen von radikalen Klimaaktivisten auf städtische Infrastruktur und materielle Güter beschränkt, doch auch CDU-Innenpolitiker Heck äußerte im Interview mit der Tageszeitung: „Wir haben erlebt, dass diejenigen, die da unterwegs sind in den radikalen Teilen dieser Bewegung, vor gar nichts zurückschrecken. Und das, was wir in den letzten Tagen gesehen haben [...] lässt schlimmeres befürchten [...].“
Radikaler Klimaaktivismus sorgt in Bevölkerung für Unmut – aber ihre Forderungen sind richtig
In der Bevölkerung wächst ebenfalls der Unmut über das von radikalen Klimaaktivisten verursachte Chaos im öffentlichen Leben – dabei bereiten die Klima-Veränderungen einer Umfrage zufolge Menschen in ganz Deutschland große Sorgen. Eine Umfrage der Europäischen Investitionsbank EIB von August 2022 hat demnach ergeben, dass 57 Prozent der Befragten den Klimawandel als größte Herausforderung sehen.
81 Prozent befürchten zudem ein Zusteuern auf eine globale Katastrophe, sollten der Energieverbrauch und der Konsum in den nächsten Jahren nicht radikal reduziert werden. Ganze 84 Prozent sind außerdem der Auffassung, die Regierung handele zu langsam. Auf genau diese Aspekte wollen auch Klimaaktivisten mit ihren Protestaktionen aufmerksam machen, auch sie fordern schnelleres Handeln von der Politik. Ob das Beschmieren berühmter Gemälde der richtige Weg dahin ist, darüber lässt sich sicherlich streiten. Für Aufmerksamkeit sorgt es aber garantiert.
