VonStephanie Munkschließen
Putin heizt Gerüchte um einen Waffenstillstand an – und lässt gleichzeitig Raketen auf die Ukraine regnen. Was paradox wirkt, könnte ein perfider Plan sein.
Moskau/Kiew – Will Wladimir Putin einen Waffenstillstand in der Ukraine? Seit Herbst heißt es in verschiedenen Medien, dass der russische Präsident über Mittelsmänner signalisiere, er sei offen dafür, die Waffen im Ukraine-Krieg ruhen zu lassen. Gleichzeitig überzieht er die Ukraine seit Weihnachten mit so schweren Bombardements wie seit langem nicht. Wie soll das zusammenpassen?
Es passt zusammen, wie die US-Zeitschrift The New Yorker in einer aktuellen Analyse herausarbeitet. Putin habe durchaus ein Interesse daran, den Krieg samt seinem aktuellen Stand durch einen Waffenstillstand einzufrieren, heißt es darin. Gleichzeitig wolle er seine Übermacht demonstrieren, indem er weiter unaufhörlich Zerstörung, Leid und Tod in der Ukraine anrichtet. So halte er dem Westen und der Ukraine vor: Ihr habt keine Alternative als aufzugeben. Gegen Russland könnt ihr nicht gewinnen.
Putin spekuliert darauf, dass Westen die Ukraine im Krieg hängen lässt
Putin könnte dabei die nachlassende Unterstützung der Ukraine Auftrieb geben. US-Präsident Joe Biden kann dem Kongress keine neuen, milliardenschweren Waffenpakete mehr abringen – und hat Donald Trump im Genick, der ein Ende der Ukraine-Hilfen verspricht und sich das Amt von Biden zurückholen will. Auch die EU wird sich bei der Verabschiedung eines neuen Hilfspakets für die Ukraine nicht einig. Bundeskanzler Olaf Scholz warnte jüngst, Putin setze darauf, dass die Solidarität mit der Ukraine schwinde.
Dass Putin gleichzeitig brutal wie nie im Ukraine-Krieg vorgeht und Nacht für Nacht die zivile Infrastruktur durch Bombardements zerstört, ist da kein Widerspruch. Putin könnte darauf spekulieren, dass sich der Westen sich angesichts des nicht abreißenden Raketenhagels auf die Ukraine keinen Erfolg mehr von einer weiteren Unterstützung des Landes verspricht und der Kriegshilfen müde wird.
Putin kriegsmüde? Oder führt er Westen und Ukraine in die Irre?
Laut einem Bericht der New York Times ist auch der russische Präsident kriegsmüde geworden. Er würde den teuren und verlustreichen Ukraine-Krieg am liebsten hinter sich lassen, heißt es unter Berufung auf ehemalige russische Regierungsbeamte – aber nur mit etwas in der Hand, was er den Russinnen und Russen als Sieg verkaufen kann. „Er ist wirklich bereit, bei den aktuellen Positionen zu stoppen“, sagte einer der russischen Ex-Beamten gegenüber dem US-Blatt.
Ukraine-Besuche im Krieg – Die Politik zeigt Solidarität




Andererseits könne Putin könnte mit seinen Andeutungen, er sei bereit für einen Waffenstillstand, auch ein makabres Spiel treiben und den Westen in die Irre führen wollen. Der russische Präsident „könne seine Meinung durchaus nochmal ändern, wenn die russischen Soldaten an Dynamik gewinnen“, schreibt die New York Times unter Berufung auf russische Ex-Beamte.
Von Waffenstillstand würde laut Selenskyj nur Russland profitieren
So oder so: Die Ukraine zeigt sich in der derzeitigen Situation nicht bereit, eine Waffenruhe hinzunehmen. Russland hält Teile des Ostens der Ukraine besetzt und hat drei ukrainische Regionen zu russischem Staatsgebiet erklärt. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj betonte am Donnerstag (10. Januar) bei einem Besuch in Estland, von einer Waffenruhe würde nur Russland profitieren.
Ziel der Ukraine ist es, sein Staatsgebiet vollständig zurückzuerobern, einschließlich der Halbinsel Krim, die Russland schon im Jahr 2014 völkerrechtswidrig annektiert hat. Ohne Unterstützung des Westens würde dieses Ziel jedoch in weite Ferne rücken – auch wenn die Ukraine seit Kriegsbeginn mit Kampfgeist und Erfindungsreichtum überrascht, und nun offenbar auch an Geheim-Informationen eines Drohnen-Herstellers gelangt ist.
Sieg Russlands über Ukraine könnte Putins Machthunger füttern
Zumindest zahlreiche europäische Länder wollen bisher auch keinesfalls davon ablassen, Waffen gegen Russlands Angriff an die Ukraine zu liefern – denn sie befürchten unter anderem, dass Putin bei einem Sieg weitere Länder im Visier hat. Schwedens Regierung hat zum Beispiel jetzt eine überraschend deutliche Warnung an die eigene Bevölkerung ausgesendet. (smu)
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