Russisches Vorgehen

Brutales Bombardement und Waffenstillstand: Putin verfolgt paradoxe Ukraine-Strategie

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Putin heizt Gerüchte um einen Waffenstillstand an – und lässt gleichzeitig Raketen auf die Ukraine regnen. Was paradox wirkt, könnte ein perfider Plan sein.

Moskau/Kiew – Will Wladimir Putin einen Waffenstillstand in der Ukraine? Seit Herbst heißt es in verschiedenen Medien, dass der russische Präsident über Mittelsmänner signalisiere, er sei offen dafür, die Waffen im Ukraine-Krieg ruhen zu lassen. Gleichzeitig überzieht er die Ukraine seit Weihnachten mit so schweren Bombardements wie seit langem nicht. Wie soll das zusammenpassen?

Es passt zusammen, wie die US-Zeitschrift The New Yorker in einer aktuellen Analyse herausarbeitet. Putin habe durchaus ein Interesse daran, den Krieg samt seinem aktuellen Stand durch einen Waffenstillstand einzufrieren, heißt es darin. Gleichzeitig wolle er seine Übermacht demonstrieren, indem er weiter unaufhörlich Zerstörung, Leid und Tod in der Ukraine anrichtet. So halte er dem Westen und der Ukraine vor: Ihr habt keine Alternative als aufzugeben. Gegen Russland könnt ihr nicht gewinnen.

Putin spekuliert darauf, dass Westen die Ukraine im Krieg hängen lässt

Putin könnte dabei die nachlassende Unterstützung der Ukraine Auftrieb geben. US-Präsident Joe Biden kann dem Kongress keine neuen, milliardenschweren Waffenpakete mehr abringen – und hat Donald Trump im Genick, der ein Ende der Ukraine-Hilfen verspricht und sich das Amt von Biden zurückholen will. Auch die EU wird sich bei der Verabschiedung eines neuen Hilfspakets für die Ukraine nicht einig. Bundeskanzler Olaf Scholz warnte jüngst, Putin setze darauf, dass die Solidarität mit der Ukraine schwinde.

In Kiew brennt es nach einem Raketenangriff Russlands am 2. Januar 2024. Wladimir Putin (r.) streut derweil Gerüchte, er wolle einen Waffenstillstand.

Dass Putin gleichzeitig brutal wie nie im Ukraine-Krieg vorgeht und Nacht für Nacht die zivile Infrastruktur durch Bombardements zerstört, ist da kein Widerspruch. Putin könnte darauf spekulieren, dass sich der Westen sich angesichts des nicht abreißenden Raketenhagels auf die Ukraine keinen Erfolg mehr von einer weiteren Unterstützung des Landes verspricht und der Kriegshilfen müde wird.

Putin kriegsmüde? Oder führt er Westen und Ukraine in die Irre?

Laut einem Bericht der New York Times ist auch der russische Präsident kriegsmüde geworden. Er würde den teuren und verlustreichen Ukraine-Krieg am liebsten hinter sich lassen, heißt es unter Berufung auf ehemalige russische Regierungsbeamte – aber nur mit etwas in der Hand, was er den Russinnen und Russen als Sieg verkaufen kann. „Er ist wirklich bereit, bei den aktuellen Positionen zu stoppen“, sagte einer der russischen Ex-Beamten gegenüber dem US-Blatt.

Ukraine-Besuche im Krieg – Die Politik zeigt Solidarität

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj mit den Staats- und Regierungschefs des Europäischen Rates während einer gemeinsamen Pressekonferenz  im März 2022.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj (vorne) empfängt im März 2022 hohen Besuch (von links): Jaroslaw Kaczynski (Vize-Ministerpräsident von Polen), Petr Fiala (Ministerpräsident der Tschechischen Republik), Janez Jansa (Verteidigungsminister von Slowenien), Mateusz Morawiecki (Ministerpräsident von Polen) sind zu Gast in Kiew. © imago-images
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen besuchte am 08. April ein Massengrab in der Stadt Butscha.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen besuchte am 08. April ein Massengrab in der Stadt Butscha. Flankiert wird sie vom slowakischen Ministerpräsidenten Eduard Heger (links) und dem Hohen Vertreter der Europäischen Union für Außen- und Sicherheitspolitik Josep Borrell (rechts).  © SERGEI SUPINSKY/AFP
Wolodymyr Selenskyj (links) und Karl Nehammer in Kiew am 09. April 2022
Selenskyj traf sich mit dem österreichischen Bundeskanzler Nehammer für bilaterale Gespräche. © imago
Der britische Premierminister Boris Johnson besuchte die Ukraine, um seine Solidarität auszudrücken
Der britische Premierminister Boris Johnson besuchte die Ukraine, um seine Solidarität auszudrücken. © AFP PHOTO / the Ukrainian Presidential Press Service
Der polnische Präsident Andrzej Duda besichtigt mit Militärschutz den ukrainischen Ort Borodjanka.
Der polnische Präsident Andrzej Duda besichtigt mit Militärschutz den ukrainischen Ort Borodjanka. © Jakub Szymczuk/dpa
Die Präsidenten der baltischen Staaten und Polen reisten in die Ukraine, um Selenskyj zu treffen.
Die Präsidenten der baltischen Staaten und Polen reisten in die Ukraine, um Selenskyj (Mitte) zu treffen (von links): Gitanas Nauseda (Litauen), Andrzej Duda (Polen), Egils Levits (Lettland) und Alar Karis (Estland). © Jakub Szymczuk/Kprp/dpa
Der US-Verteidigungsminister und der US-Außenminister trafen sich Ende April mit Selenskyj in Kiew.
Der US-Verteidigungsminister Lloyd Austin (links in der Mitte) und der US-Außenminister Anthony Blinken (rechts daneben) trafen sich Ende April mit Selenskyj in Kiew. © Ukraine President s Office/imago
Während dem Besuch des UN-Generalsekretärs Antonio Guterres am 28. April 2022 griff Russland Kiew an.
Während des Besuchs des UN-Generalsekretärs Antonio Guterres am 28. April 2022 griff Russland Kiew an. © AFP PHOTO/UKRAINIAN PRESIDENTIAL PRESS SERVICE
Der CDU-Parteivorsitzende Friedrich Merz traf sich mit Wladimir und Vitali Klitschko in Kiew.
Der CDU-Parteivorsitzende Friedrich Merz traf sich mit Wladimir und Vitali Klitschko (rechts) in Kiew.  © Efrem Lukatsky/dpa
Auf seinem Weg in die Ukraine besucht Gregor Gysi (Die Linke) in Lemberg eine Suppenküche.
Auf seinem Weg in die Ukraine besucht Gregor Gysi (Die Linke) in Lemberg eine Suppenküche. © Michael Schlick/dpa
Anniken Huitfeldt und Masud Gharahkhani (Norwegen) besuchen eine Kirche in der Region Kiew.
Anniken Huitfeldt und Masud Gharahkhani (Norwegen) besuchen eine Kirche in der Region Kiew. © Pavlo_Bagmut/imago
Selenskyj beobachtet, wie Justin Trudeau (Kanada) einem unbekannten Soldaten die Hand schüttelt
Selenskyj beobachtet, wie Justin Trudeau (Kanada) einem Soldaten die Hand schüttelt. © SERGEI SUPINSKY/AFP
Die Band U2 signiert eine Fahne, als sie die Ukraine am 8. Mai 2022 besucht.
Bono (Mitte) und The Edge (Zweiter von links) von der Band U2 signieren eine Fahne, als sie die Ukraine am 8. Mai 2022 besuchen. © SERGEI CHUZAVKOV/AFP
Annalena Baerbock (Bündnis 90/Grüne) besucht als erstes deutsche Kabinettsmitglied die Ukraine.
Annalena Baerbock (Bündnis 90/Grüne) besucht als erstes deutsche Kabinettsmitglied die Ukraine. © Efrem Lukatsky/dpa
Selenskyj und Minderheitsführer im Senat Mitch McConnell im Gebäude der Präsidialverwaltung in Kiew.
Selenskyj und Minderheitsführer im Senat, Mitch McConnell, im Gebäude der Präsidialverwaltung in Kiew. © Ukraine Presidency/imago

Andererseits könne Putin könnte mit seinen Andeutungen, er sei bereit für einen Waffenstillstand, auch ein makabres Spiel treiben und den Westen in die Irre führen wollen. Der russische Präsident „könne seine Meinung durchaus nochmal ändern, wenn die russischen Soldaten an Dynamik gewinnen“, schreibt die New York Times unter Berufung auf russische Ex-Beamte.

Von Waffenstillstand würde laut Selenskyj nur Russland profitieren

So oder so: Die Ukraine zeigt sich in der derzeitigen Situation nicht bereit, eine Waffenruhe hinzunehmen. Russland hält Teile des Ostens der Ukraine besetzt und hat drei ukrainische Regionen zu russischem Staatsgebiet erklärt. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj betonte am Donnerstag (10. Januar) bei einem Besuch in Estland, von einer Waffenruhe würde nur Russland profitieren.

Ziel der Ukraine ist es, sein Staatsgebiet vollständig zurückzuerobern, einschließlich der Halbinsel Krim, die Russland schon im Jahr 2014 völkerrechtswidrig annektiert hat. Ohne Unterstützung des Westens würde dieses Ziel jedoch in weite Ferne rücken – auch wenn die Ukraine seit Kriegsbeginn mit Kampfgeist und Erfindungsreichtum überrascht, und nun offenbar auch an Geheim-Informationen eines Drohnen-Herstellers gelangt ist.

Sieg Russlands über Ukraine könnte Putins Machthunger füttern

Zumindest zahlreiche europäische Länder wollen bisher auch keinesfalls davon ablassen, Waffen gegen Russlands Angriff an die Ukraine zu liefern – denn sie befürchten unter anderem, dass Putin bei einem Sieg weitere Länder im Visier hat. Schwedens Regierung hat zum Beispiel jetzt eine überraschend deutliche Warnung an die eigene Bevölkerung ausgesendet. (smu)

Rubriklistenbild: © Imago/Genya Savilov/AFP (Montage)

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