VonKarsten-Dirk Hinzmannschließen
Die Ukraine feiert Erfolge mit ihren Drohnen: Russlands Artillerie muss sich deshalb tief eingraben.. Putins militärischer Erfolg ist noch in weiter Ferne.
Kiew – „Schwarzseher rechnen schon seit Jahren nicht mehr mit den Verteidigern der Ukraine. Doch sie sind noch nicht gebrochen und kämpfen weiter“, schreibt Michael Peck. Der Analyst des US-Thinktanks Center for European Policy Analysis (CEPA) hält die Ukraine noch lange nicht für besiegt. Der Defense Express mag das wohl unterschreiben – das Magazin sieht einen Hinweis auf die Dominanz des von der Ukraine bestimmten Drohnenkrieges darin, dass Wladimir Putins Invasionsarmee eine 2S5 Giatsint-S-Haubitze offenbar einbunkert.
In einem auf Telegram veröffentlichten Post zeigen Bilder eine Giatsint-Haubitze in einem bunkerähnlichen Holzverschlag. Von außen zu sehen ist fast nur noch die Mündungsbremse. Im vergangenen August hat das Magazin Armyrecognition bereits berichtet, russische Truppen hätten „begonnen, ausgefeilte Tarnmethoden einzusetzen, die eine Kombination aus Holzbunkern, Erde und Vegetation beinhalten, um ihre Artillerie effektiv vor Beobachtung aus der Luft und Gegenfeuer zu schützen“.
Lehre aus Ukraine-Krieg: Tarnen und Täuschen wieder Generaltugenden einer modernen Armee
Die Verteidiger jagen ihre Feinde offenbar mittlerweile wie ein hungriger Hai seine Beute. Wie das Magazin Defense Express kürzlich geschrieben hat, hatte die Ukraine offenbar eine russische 2S5 Giatsint-S-Selbstfahrlafette zerstört, weil der Angriff vermutlich die Munitionsladung pulverisiert hat. Die Einheit hat davon ein Video in den Sozialen Medien veröffentlicht. Vorausgegangen war ein erfolgreicher Flug einer Shark-Drohne, die die Ukraine inzwischen zur Aufklärung einsetzt.
„Wenn Sieg bedeutet, dass die Ukrainer alle russischen Truppen aus ihrem Territorium vertreiben – einschließlich der Krim und der annektierten östlichen Gebiete –, dann ist dies unwahrscheinlich. Wenn der Sieg jedoch darin besteht, dass die Ukraine aus dem Krieg als unabhängige Nation hervorgeht, die wirtschaftlich und politisch lebensfähig ist, dann ist der Sieg durchaus machbar.“
Tarnen und Täuschen seien wieder zu den Generaltugenden einer modernen Armee zu zählen, erklärte beispielsweise Oberstleutnant Martin Winkler, Leiter des Sachgebietes „Auswertung“ im Kommando Heer, im Bundeswehr-Podcast Nachgefragt. Bei den Einsätzen beispielsweise in Afghanistan oder Mali waren Armeen im Gegenteil darum bemüht, wie Winkler sagte, „offen Präsenz zu zeigen und zu stabilisieren“. Das erweise sich schon in den aktuellen militärischen Konflikten beinahe als überholt, das Gefechtsfeld wird gläsern werden.
Umso wichtiger sei das Legen falscher Fährten beziehungsweise das Vermeiden eigener Spuren. Laut Armyrecognition hätten die Russen sich dem Drohnenkrieg anpassen müssen, indem sie Bunker mit starker Tarnung errichtet hätten. Diese Bunker seien so gestaltet, dass sie sich nahtlos in die Umgebung einfügten, was die Aufklärungsdrohnen in die Irre führte. Allerdings ist dieser Bunker auch geeignet, dass feindliche Artillerie quasi hineinstolpert oder möglicherweise sogar daran vorbeiläuft.
Putins Preis: 13.050 Artillerie- und 407 Luftabwehrsysteme der Russen zerstört oder beschädigt
Die Konstruktion unter Vegetation auf einer Holzkonstruktion könnte ganze Batterien im Wald verstecken. Bei Schussbereitschaft würden die Luken am Bunker aufgeklappt, so dass die Haubitze unbehelligt feuern kann. In Feuerpausen wird sie wieder vom Dickicht verschluckt – das Zeitfenster, in dem die einzelne Haubitze von Drohnen oder Spähern ausgemacht werden kann, wird somit verengt. „Versteckspiele“ gehören zum taktischen Repertoire jeder Armee. Perfekt getarnt sind Haubitzen, wenn sie beispielsweise in Waldsäume eingebettet sind. „Die effektivste Feuerbatterie in einem langwierigen Kampf ist die überlebensfähigste“, hat Unteroffizier Timothy S. Harris in einem Report der U.S. Army geäußert.
Laut Angaben des britischen Thinktanks Royal United Services Institute (RUSI) soll Russland etwa 5.000 Artilleriegeschütze im Einsatz haben – ein Fünftel davon auf Selbstfahrlafette wie die 2S5 Giatsint-S-Haubitze, der überwiegende Teil ist gezogene Artillerie. Die Verluste wurden durch Reservebestände aus riesigen Freiluftlagern ersetzt. Dabei handelt es sich hauptsächlich um Ausrüstung aus der Sowjetzeit, die auf hochauflösenden Satellitenbildern zu sehen und zu zählen ist. Zu Beginn des Konflikts hatte Russland etwa 19.000 Artilleriegeschütze eingelagert, viele davon waren jedoch unbrauchbar, nachdem sie jahrzehntelang im Freien verrostet waren“, schreibt David Hambling.
Der Forbes-Autor berichtet anhand der Zählungen von Statistik-Plattformen wie beispielsweise Oryx von Verlusten dieser Artillerie zwischen 500 und mehr als 1.000 Einheiten pro Monat – je nach Intensität der Kämpfe. 13.050 Artillerie- und 407 Luftabwehrsysteme der Russen soll die Ukraine bis Ende vergangenen Jahres zerstört oder beschädigt haben, wie der Thinktank Institute for the Study of War (ISW) berichtet. Den Grund dafür sehen Matthias Lehna und Paul Strobel durchaus in der in manchen Phasen der Invasion gezeigten Unfähigkeit der russischen Streitkräfte zu großen und komplexen militärischen Operationen, wie die beiden Autoren auf dem Miltärblog hartpunkt schreiben.
Selenskyjs Speerspitze: Experten sehen in den Drohnen eine „Revolution der Gefechtsführung“
Vor allem aber sehen sie in den Drohnen eine „Revolution der Gefechtsführung“ – ihnen zufolge hätte sich Hightech geradezu demokratisiert. „Ein front-umfassendes Netzwerk aus Aufklärungsplattformen und Wirkmöglichkeiten ist nicht mehr nur hochmodernen Streitkräften wie denen der Vereinigten Staaten vorbehalten. Das Gefechtsfeld ist ,gläsern‘ geworden – auf allen Führungsebenen entlang eines mehrere Kilometer breiten Korridors entlang der gesamten Frontlinie. Der massenhafte Einsatz unbemannter Systeme macht das möglich“, wie sie schreiben.
Abgesehen vom Verlust der Rüstungsgüter des Gegners durch Zerstörung der Geschütze, ist die beste Lebensversicherung der ukrainischen Verteidiger, die feindliche Artillerie niederzuhalten, also erst gar nicht zum Schuss kommen zu lassen – im „klassischen“ Krieg hat die Feuerwalze der Geschützbatterien den Infanteristen das Vorrücken erschwert. Im „neoklassischen“ Gefecht tragen Drohnen die Angst zu den Artilleristen zurück. Die operieren in der Regel weit hinter den angreifenden Schützen. Drohnen allerdings egalisieren die Entfernung – die russischen Truppen werden quasi in ihrem Rücken angegriffen; und wenn dort die Feuer erlöschen, geht auch der Infanterie in vorderster Front die Energie aus.
„Enorme Angst ist ein todsicherer Weg, die Kampfkraft feindlicher Soldaten zu verringern. Obwohl die Erfahrungen der einzelnen Einheiten unterschiedlich sind, ist bekannt, dass vielen russischen Soldaten Motivation und Moral fehlen und viele gegen ihren Willen kämpfen, da sie eingezogen wurden“, schreibt Patrick Hinton. Auch ein möglicher Drohnen-Angriff in ihren Bunker hinein würde das Engagement der Russen lähmen, legt der RUSI-Analyst nahe. Nichtsdestotrotz stellen die relativ neuen Tarnmethoden eine Herausforderung für die ukrainischen Drohnenpiloten dar.
Russlands Verschlag: Symbolisiert einen Krieg, in dem sich jede Seite krampfhaft am Leben festhält
Möglicherweise liegen in Wärmesignaturen die Schlüssel für eine Aufklärung verbunkerter russischer Stellungen. Das ukrainische Drohnenunternehmen Odd Systems optimiert jetzt offenbar die an der Front massenhaft eingesetzten FPV-Drohnen (First-Person-View) mit Wärmebildkameras, wie die Kiew Post jüngst berichtet hat. Wärmebildgeräte sind demnach in der Lage, die von einem Körper ausgehende Infrarotsignatur als Wärmestrahlung sichtbar zu machen. Wie das österreichische Outoor-Magazin Spartanat schreibt, vermag ein Wärmebildsensor trotz vollkommener Dunkelheit oder anderen visuellen Hindernissen wie Rauch oder Nebel Temperaturunterschiede zu registrieren und diese in ein Thermalbild umzuwandeln.
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Dagegen schützt auch kein Verschlag aus Holz und Laub. Mittlerweile seien Drohnen für rund 70 Prozent aller Todesfälle und Verletzungen verantwortlich, sagen ukrainische Kommandeure, wie die New York Times (NYT) aktuell berichtet. Der Bunker an sich erinnert an einen alten, längst vergessenen Krieg; die Drohne an einen Krieg der Zukunft. Ein talentierter Drohnen-Pilot könnte seine Drohne durch die geöffneten Luken steuern, wenn das Geschütz im Einsatz ist. Schutz bietet der Do-It-Yourself-Bunker ohnehin wenig. Er symbolisiert einen Krieg, in dem sich jede Seite krampfhaft am Leben festhält.
CEPA-Autor Michael Peck hält jedenfalls für offen, inwieweit die Ukraine noch gewinnen könnte – trotz eingebunkerter russischer Truppen: „Wenn Sieg bedeutet, dass die Ukrainer alle russischen Truppen aus ihrem Territorium vertreiben – einschließlich der Krim und der annektierten östlichen Gebiete –, dann ist dies unwahrscheinlich. Wenn der Sieg jedoch darin besteht, dass die Ukraine aus dem Krieg als unabhängige Nation hervorgeht, die wirtschaftlich und politisch lebensfähig ist, dann ist der Sieg durchaus machbar.“
