Macron lehnt Rücktritt ab und will „in den nächsten Tagen“ neuen Premier ernennen
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Sonja Thomaser
Babett Gumbrecht
Nail Akkoyun
In Frankreich steht Emmanuel Macron nach dem Regierungssturz vor einem Scherbenhaufen. Mittlerweile fordert der Großteil der Bevölkerung Konsequenzen.
Update vom 5. Dezember, 21.20 Uhr: Einen Tag nach dem Sturz der Regierung in Frankreich hat Präsident Emmanuel Macron Rücktrittsforderungen zurückgewiesen. „Sie haben mir auf demokratische Weise ein Mandat für fünf Jahre anvertraut, und das werde ich bis zum Ende ausführen“, sagte er in einer TV-Ansprache am Donnerstag, 24 Stunden nachdem die Regierung von Premierminister Michel Barnier über ein Misstrauensvotum gestürzt war. Macron kündigte an, „in den nächsten Tagen“ einen neuen Regierungschef zu ernennen.
Der französische Präsident Emmanuel Macron ist auf einem Monitor in einem Kontrollraum im AFP-Hauptquartier zu sehen, als er sich während einer Fernsehübertragung aus dem Elysee-Palast an die Nation wendet.
Macron warf den Rechtspopulisten vor, es vor allem auf sein Amt abgesehen zu haben. „Sie denken nur an eine Sache, die Präsidentschaftswahl, die sie vorbereiten und schnell herbeiführen wollen“, sagte Macron mit Blick auf die Abgeordneten der rechtspopulistischen Partei Rassemblement National (RN). Deren Fraktionschefin Marine Le Pen will bei der Wahl antreten und hatte Macron in den vergangenen Tagen mehrfach den Rücktritt nahegelegt.
Macron will „in den nächsten Tagen“ neuen Premierminister ernennen
Die RN-Abgeordneten hätten „ganz einfach für das Chaos gestimmt, das ist das einzige Projekt, das sie mit den Linksextremen gemeinsam haben“, sagte Macron. Der Sturz der Regierung sei nur möglich geworden, „weil sich die extrem Rechten mit den extrem Linken zu einer antirepublikanischen Front vereint haben“, fügte er hinzu.
Macron kündigte an, „in den nächsten Tagen“ einen neuen Premierminister zu ernennen, der dann eine dem „Gemeinwohl“ verpflichtete Regierung bilden solle. Diese solle bis Mitte Dezember ein Sondergesetz auf den Weg bringen, um die Regierungsgeschäfte auf der Basis des Haushalts von 2024 fortzusetzen. Anfang kommenden Jahres solle dann ein neues Haushaltsgesetz erarbeitet werden, sagte Macron.
Rücktrittforderungen gegen Macron
Update vom 5. Dezember, 17.30 Uhr: Vor wenigen Tagen bezeichnete Frankreichs Präsident Emmanuel Macron seinen möglichen Rücktritt beim Staatsbesuch in Saudi-Arabien noch als „politische Fiktion“. Nach dem Regierungssturz werden aber die Rücktrittsforderungen immer lauter. Denn wie eine Umfrage zeigt, befürworten inzwischen 64 Prozent der Franzosen einen solchen Schritt.
Es wäre das erste Mal seit 1969, als Charles de Gaulle nach einem gescheiterten Referendum zurücktrat. Es ist auch das erste Mal seit 1962, dass eine französische Regierung über ein Misstrauensvotum gestürzt ist. Im Unterschied zu damals kann der Präsident nicht erneut die Nationalversammlung auflösen und Neuwahlen ausrufen. Diese Karte hatte er bereits im vergangenen Juni gezogen und kann es frühestens im Sommer 2025 wieder tun. Seine Begründung damals lautete, dass er ein Misstrauensvotum wegen des Haushaltes im Herbst verhindern wollte.
Sollte sich Macron tatsächlich zum Rücktritt entschließen, müsste innerhalb von 35 Tagen ein Nachfolger gewählt werden. Möglicherweise setzt die Rechtspopulistin Marine Le Pen mit ihrer Partei Rassemblement National (RN) darauf, dass sie es bereits in den Elysée schaffen könnte, bevor ihr die Richter verbieten können, bei der Wahl anzutreten.
Bislang verzichtet sie - anders als viele Linkspopulisten - auf eine klare Forderung an Macron, dass er zurücktreten solle. Aber sie erwähnt diese Möglichkeit immer häufiger. Die Zeitung Le Monde beschrieb dies kürzlich als Strategie des „langsam wirkenden Gifts“. Doch auch wenn Macron nicht freiwillig seinen Posten räumt, dürfte Le Pen weiter einen massiven Einfluss auf die künftige Regierung haben.
Macron steht vor Mammut-Aufgabe: Neuer Regierungschef muss Mehrheit organisieren
Erstmeldung: Paris – Frankreichs Präsident Emmanuel Macron steht vor einer schwierigen Aufgabe. Nach dem Sturz der Regierung von Premierminister Michel Barnier durch ein Misstrauensvotum muss er zum zweiten Mal innerhalb von fünf Monaten einen neuen Regierungschef finden.
Die Situation ist besonders heikel, da in der Nationalversammlung eine komplette Blockade herrscht. Der neue Premierminister muss in diesem schwierigen Umfeld eine Mehrheit organisieren können. Die Zeit drängt, denn nur eine handlungsfähige Regierung kann bis Ende des Jahres den Haushalt 2025 verabschieden.
Frankreich steckt in der Krise: Macron muss konservativen Premier Barnier ersetzen
Barnier hatte in seiner letzten Rede vor den Abgeordneten noch gemahnt, dass Frankreich dringend seinen Schuldenberg abbauen müsse. Allein die jährlichen Zinsen für die Schulden seien mit 60 Millionen Euro höher als der Verteidigungshaushalt, betonte er. Macron kam mit dem konservativen Barnier, der ihn aus dem Rampenlicht drängte, ohnehin nicht gut aus. Es gilt als wahrscheinlich, dass Macron ihn durch einen seiner verbliebenen Vertrauten ersetzt, etwa Verteidigungsminister Sébastien Lecornu.
Dies wird aber das Grundproblem der fehlenden Mehrheit in der Nationalversammlung nicht lösen. Der neue Premierminister dürfte zwar ohne große Schwierigkeiten ein Notgesetz durchbringen, um im kommenden Jahr auf der Basis des Haushalts von 2024 weiterzumachen. Aber schon beim Entwurf des regulären Haushalts für 2025 droht der nächste Einsatz des Verfassungsparagrafen 49.3, über den Barnier gestolpert ist. Er ermöglicht eine Verabschiedung ohne Abstimmung, wenn die Regierung ein anschließendes Misstrauensvotum übersteht. Und das könnte erneut schiefgehen.
Le Pen will Macron loswerden: Frankreichs bekannteste Rechtspopulistin hofft auf Prozess-Ausweg
Wer besonders von der politischen Krise in Frankreich profitiert, ist Le Pen sowie ihre Partei Rassemblement National (RN). Die Rechtspopulistin hatte sich jahrelang bemüht, ihrer Partei ein staatstragendes Image zu verpassen. Nun sieht sie sich mit Vorwürfen konfrontiert, durch ihre Beteiligung am Sturz der Regierung zum Chaos im Land beizutragen.
Die Zeitung Le Monde beschrieb Le Pens Strategie kürzlich als ein „langsam wirkendes Gift“. Obwohl sie öffentlich nicht direkt Macrons Rücktritt fordert, erwähnt sie diese Möglichkeit immer häufiger. Manche ihrer Gegnerinnen und Gegner sind überzeugt, dass sie ihre Strategie geändert hat, seit die Staatsanwaltschaft in einem Verfahren wegen Veruntreuung harte Strafen für sie gefordert hat.
Dazu zählt insbesondere ein Verbot, bei einer künftigen Frankreich-Wahl anzutreten, das auch im Fall eines Berufungsverfahrens gelten soll. Das Urteil soll allerdings erst Ende März verkündet werden – und verschafft Le Pen somit Zeit. Denn möglicherweise setzt Le Pen darauf, dass sie es bereits in den Elysée schaffen könnte, bevor ihr die Richter verbieten können, bei der Wahl anzutreten.
Marine Le Pen hat Frankreich-Wahl 2027 im Blick – trotz Ausschluss
Macron wendet sich in Rede an Frankreich – Rücktritt vorerst unwahrscheinlich
Viele in Frankreich sind überzeugt, dass sich das Land eine handlungsunfähige Regierung angesichts der aktuellen Herausforderungen nicht leisten kann. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob Macron einen Weg aus der Krise finden und eine stabile Regierung bilden kann.
Macron will sich am Donnerstagabend (5. Dezember) um 20 Uhr in einer TV-Ansprache an die Nation wenden. Es wird erwartet, dass Macron schnell einen Nachfolger für Barnier ernennt, um damit den Forderungen nach seinem eigenen Rücktritt den Wind aus den Flügeln zu nehmen. (nak/AFP)