Kontroverse Debatte um Idee

Streit um Rente mit 70: „Zutiefst ungerecht“ und „unsozialer Bullshit“ – oder nicht?

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Die Rente ist sicher. Sagte einst Norbert Blüm (CDU). Wenn es nach einer neuen Idee geht, ist nicht mal das Rentenalter sicher. Es hagelt Kritik an der Idee.

Berlin – Rente mit 70? Ein Vorstoß, der für Unmut in Deutschland sorgt. Denn eigentlich, so könnte man meinen, ist alles mehr als klar. „Es wird keine Rentenkürzungen und keine Anhebung des gesetzlichen Renteneintrittsalters geben“– so steht es im Koalitionsvertrag von SPD, FDP und Grünen, in der letztere mit ihrer Haltung zur Verlängerung der Laufzeiten für Atomkraftwerke für einen Stresstest in der Ampel-Koalition sorgen. Und dennoch: Gesamtmetall-Chef Stefan Wolf fordert nun eine stufenweise Anhebung des Rentenalters auf 70 Jahre. Das trifft nicht bei allen auf Gegenliebe. Schon gar nicht bei der Koalition, aber auch nicht bei der CDU. Experten hingegen springen beim Thema Rente ab 70 dem Gesamtmetall-Boss zur Seite.

Ja, was denn nun: Ist die Rente mit 70 in Deutschland „zutiefst ungerecht“, wie der Grünen-Fraktionsvize im Bundestag, Andreas Audretsch, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland gesagt hat, und „unsozialer Bullshit“, wie Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch befindet? Oder aber och das Allheilmittel? Und warum kommt die Diskussion über die Rente mit 70 Jahren überhaupt auf?

Rente mit 70: Bundesarbeitsminister Hubertus Heil schon im Mai 2022 dagegen – auch jetzt Widerstand aus Partein

Aktuell ist die Rente mit 70 nicht geplant. Stattdessen soll die Altersgrenze für die Rente ohne Abschläge bis zum Jahr 2029 schrittweise von 65 Jahren auf 67 Jahre angehoben werden. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hat eine weitere Erhöhung des Renten-Eintrittsalters zuletzt schon im Mai 2022 abgelehnt, als es Vorstoß von Ökonomen gab, die zu diesem Zeitpunkt auch die Rente ab 70 Jahren ins Gespräch gebracht hatten. „Wir haben in der Koalition vereinbart, dass wir das gesetzliche Renten-Eintrittsalter nicht erhöhen. Und daran wird sich nichts ändern“, so Heil damals zur Einstellung der Regierungs-Politik zur Rente ab 70, bei der es vorher schon hieß, es gäbe in der Ampel einen Renten-Zoff.

Müssen Menschen in Deutschland bald noch länger arbeiten und dürfen erst mit 70 in Rente gehen? Die Idee steht im Raum – und in der Kritik. (kreiszeitung.de-Montage)

Auch jetzt argumentiert die SPD – ebenso wie die Grünen – dass es keine Notwendigkeit für die Rente ab 70 gebe. „Wer 67 Jahre alt ist, muss in Rente gehen dürfen“, sagte Der SPD-Arbeitsmarktexperte Michael Gerdes sagte dem RND. Eine weitere Anhebung des gesetzlichen Renteneintrittsalters sei für viele, die nicht länger arbeiten könnten, mit einer Kürzung der Rente verbunden.

Warum gibt es die Idee Rente mit 70?

Stefan Wolf als Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall begründet seine Idee der Rente ab 70 mit einer immer älter werdenden Gesellschaft begründet. Angesichts der demografischen Entwicklung und der Belastungen der Sozial- und Rentenkassen seien die Reserven aufgebraucht. Das Eintrittsalter in die Rente müsse erhöht werden, weil auch das Lebensalter steigt. Gleichzeitig ist die Geburtenrate gering. Die Folge: Immer weniger Erwerbstätige müssen eine immer größere Zahl von Rentnern finanzieren.

„Das ist ungerecht“, so Gerdes in der Debatte über die Rente ab 70, in der für die CDU Stephan Stracke als Vorsitzender der Arbeitsgruppe Arbeit und Soziales der CDU/CSU dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) gegenüber konstatiert: „Für die Anhebung der Regelaltersgrenze gibt es keinen akuten Handlungsbedarf.“

Grünen-Politiker: Idee der Rente ab 70 geht an Lebensrealität vieler Menschen vorbei – warum findet Vorschlag dennoch auch Zuspruch?

Grünen-Politiker Andreas Auretsch befindet mit Blick auf die Diskussionen über die Rente ab 70 sogar, dass „die Idee, man könnte Pflegekräfte, Stahlarbeiter oder Feuerwehrleute künftig bis 70 arbeiten lassen, zeigt, dass nicht alle bereit sind, die Lebensrealität vieler Menschen zur Kenntnis zu nehmen.“ Neben den Parteien erntet Gesamtmetall-Chef Stefan Wolf für seinen Vorschlag der Rente ab 70 auch von diversen Verbänden Kritik.

Rente mit 70? So sieht das aktuelle Renten-Modell aus

Bis zum Jahr 2012 konnten Erwerbstätige mit 65 Jahren ohne Abschläge in Rente gehen. Seitdem steigt das Alter für den Eintritt in die Rente schrittweise von Jahrgang zu Jahrgang um ein bis zwei Monate an. So liegt das Alter zum Eintritt in die Rente für alle, die nach 1964 geboren wurden, bei 67 Jahren.

Doch die Idee Wolfs, das Eintrittsalter für die Rente auf 70 Jahre zu erhöhen, findet auch Zuspruch. „Der Vorschlag ist richtig und wichtig: Denn er hilft gegen Altersarmut und entlastet zudem die Rentenkasse, die vor dem Kollaps steht“, sagte der Ökonom Bernd Raffelhüschen von der Universität Freiburg der Bild-Zeitung.

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Auch die „Wirtschaftsweise“ Monika Schnitzer zeigt Gefallen an dem Vorschlag, dass Menschen in Zukunft erst ab 70 Jahren in ihre Rente gehen: „Um die Rente auch in Zukunft zu sichern, gibt es drei Stellschrauben: Renteneintrittsalter, Beitragshöhe und Rentenhöhe. Man wird nicht umhinkommen, an allen drei Schrauben zu drehen, wenn wir die künftigen Generationen nicht überlasten wollen“, so die Münchner Wirtschaftsprofessorin gegenüber der Funke Mediengruppe.

Rubriklistenbild: © photothek/Norbert Neetz/imago

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