Krankenschwester klagt an

Cannabis-Patientin: „Das Kraut hat mich gerettet“

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Cannabis ist bislang nur zu medizinischen Zwecken legal, doch das soll sich ändern. Eine Patientin befürchtet Nachteile durch die Ampel-Pläne – auch wegen der Grasqualität auf dem Freizeitmarkt.

München – Melanie Hermann hat die dunkelste Zeit ihres Lebens hinter sich. Durch eine schwere Darmkrankheit nahm die Krankenschwester aus Niederbayerin drastisch ab, brachte zwischenzeitlich nur 33 Kilo auf die Waage. Dann entschied sie sich zu einer Cannabis-Therapie. Ein „Gamechanger“, wie Hermann sagt. „Das Kraut hat mich gerettet.“ Seit 2021 ist sie Patientin und erhält Cannabis auf Rezept.

„Der Arzt sagte nur: Einem Junkie wird keine Therapie finanziert“

Hermann ist angewiesen auf ärztliche Betreuung und nimmt Cannabis ausschließlich zu gesundheitlichen Zwecken. Sie erhält es per Rezept. Dafür musste sie lange kämpfen. „Als ich Cannabis ausprobieren wollte, war ich sehr dünn und hatte schlechte Haut. Der Arzt sagte nur: Einem Junkie wird keine Therapie finanziert.“ Mittlerweile übernimmt die Krankenkasse die Kosten.

Melanie Hermann ist intensivmedizinische Fachkrankenschwester für Beatmungstechnik und hat eine Ausbildung als Sachverständige für Cannabis-Medizin abgeschlossen. Sie selbst bezeichnet sich als „Cannabis-Krankenschwester“.

Bei anderen Menschen ist das nicht so. In der Praxis wird Cannabis sehr selten verschrieben – obwohl es bei mehreren Krankheiten helfen kann. Potenzielle Patienten weichen daher auf den Schwarzmarkt aus, wie eine Studie des Cannabisunternehmen Cannamedical zeigt. Hermann sitzt dort im Beirat, die Studie liegt uns vor. Als Grund für den Schwarzmarktkauf nennen die Teilnehmer den einfacheren Zugang oder schlicht die Tatsache, keinen Arzt gefunden zu haben. Der Weg zum Dealer birgt aber Risiken. So ist die Qualität nicht geprüft, außerdem macht man sich mit dem Besitz von Drogen strafbar. Bald soll sich das jedoch ändern. Die Bundesregierung plant die Legalisierung von Cannabis zum 1. April 2024.

Cannabis-Krankenschwester gegen Legalisierung

Hermann ist gegen die Legalisierung, spricht von einem „Schlag ins Gesicht“ für Menschen, die auf ein Rezept warten. Heute dauert es lange, bis eine Cannabis-Therapie genehmigt wird, die meisten Anträge lehnt die Krankenkasse ab. Man müsse sich daher erst um diese Bevölkerungsgruppe kümmern und etwa den Genehmigungsvorbehalt streichen, sagt Hermann.„Das Medikament sollten diejenigen erhalten, die es benötigen, bevor wir über einen Freizeitkonsum sprechen.“ Die Bundesregierung argumentiert, mit dem Cannabis-Gesetz auch die Lage für Patienten zu verbessern.

Hermann beim Konsum von medizinischem Cannabis. Sie benutzt einen sogenannten Vaporizer, ein Gerät zur Verdampfung von Wirkstoffen, in dem Fall Cannabis.

Eine Versorgung über den Freizeitmarkt kommt für Hermann nicht infrage: „Das möchte ich nicht. Ich habe eine schwere Krankheit und bin darauf angewiesen, dass die Dosierung des THC-Gehalts immer dieselbe bleibt.“ Die medizinische Qualität sieht sie auf dem Freizeitmarkt nicht gegeben. „Wenn da nur eine Spore, ein kleiner Schimmelpilz, auf der Pflanze ist, würde ich eine schwere Lungenentzündung bekommen oder daran versterben.“

Hermann befürchtet gar Versorgungsengpässe. „Wir müssen schauen: Ist dann noch genug für alle da?“ Da Cannabis in Deutschland noch nicht flächendeckend produziert werden darf, würde Medizinalcannabis in den Freizeitmarkt übergehen, prognostiziert die Krankenschwester. „Und das fehlt dann natürlich für die Patienten.“ Insgesamt könnte die Legalisierung laut Hermann einen wirtschaftlichen und ökologischen Wandel bringen, „aber leider nicht auf dem geplanten Weg“, wie sie sagt. „An erster Stelle sollten Patienten stehen und vernünftig, gezielt und geplant vorgegangen werden.“ Hanf als Treib und Baustoff könne im vollen Umfang genutzt werden, sagt sie. „Hanfplastik kann produziert werden, und fürs Klima machen wir auch was. Hanf kann die Welt revolutionieren, wenn wir klug und besonnen damit umgehen.“

Ob das allerdings wirklich der Fall sein wird, ist fraglich. Laut Gesundheitsministerium und aktuellem Gesetzesentwurf ist die Versorgung von medizinischem Cannabis nicht von der Freizeitlegalisierung betroffen. Vielmehr handelt es sich um zwei unterschiedliche Anbaumärkte. In einer ersten Säule des Gesetzes soll es um Eigenanbau und die Weitergabe in sogenannten Social Clubs gehen. Bis es zur Legalisierung kommt, dauert es aber wohl ohnehin noch etwas. Die Bundesregierung hat schon mehrere Termine zur Legalisierung verstreichen lassen, zuletzt scheiterte es an Bedenken innerhalb der SPD.

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels wurden die Aussagen von Frau Hermann ohne Einordnung wiedergegeben. Wir haben den Artikel entsprechend aktualisiert.

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