Ringen um Ende des Ukraine-Kriegs: Medienbericht enthüllt, was Kiew für Frieden opfern könnte
VonChristoph Gschoßmann
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Der ukrainische Präsident verhandelt im Kanzleramt über das Ende des Krieges und macht dabei die größten Zugeständnisse seit dem russischen Überfall.
Berlin – Fünf Stunden hinter verschlossenen Türen, zermürbende Verhandlungen und ein ukrainischer Präsident, der den größten Kompromiss seit Kriegsbeginn anbietet: Im Berliner Kanzleramt ringen Wolodymyr Selenskyj und Donald Trumps Gesandte um ein Ende des blutigsten Krieges in Europa seit Generationen. Was dabei herauskam, könnte die Weichen für Frieden stellen – oder die Ukraine teuer zu stehen kommen.
Die USA und die Ukraine verhandeln, Deutschland spielt Gastgeber: Friedrich Merz (r.) sieht zu, wie sich Wolodymyr Selenskyj (M.) und Steve Witkoff (3.v.r.) begrüßen.
Der Paukenschlag kam bereits vor den Gesprächen: Selenskyj erklärte erstmals offiziell, auf eine NATO-Mitgliedschaft verzichten zu können. „Sicherheitsgarantien der USA sowie europäischer und anderer Partner anstelle einer NATO-Mitgliedschaft seien ein Kompromiss“, sagte der ukrainische Präsident in einem WhatsApp-Chat mit der Presse. Für ein Land, das den NATO-Beitritt in seiner Verfassung verankert hat, ist das ein dramatischer Kurswechsel. „Von Anfang an war es der Wunsch der Ukraine, der NATO beizutreten, denn das sind echte Sicherheitsgarantien“, räumte Selenskyj ein. Doch die Realität zwinge zum Umdenken: „Das ist bereits ein Kompromiss unsererseits.“
Ende des Ukraine-Kriegs: Drei Szenarien stehen im Raum
Der US-Sondergesandte Steve Witkoff und Trumps Schwiegersohn Jared Kushner verhandelten am Sonntag über fünf Stunden mit der ukrainischen Delegation. Witkoff bestätigte anschließend, dass „große Fortschritte“ erzielt worden seien. Die Gespräche sollen heute fortgesetzt werden.
Die in den Gesprächen diskutierte Waffenruhe würde den Status quo an der Front festschreiben – ein für die Ukraine schmerzhafter Kompromiss. Rund 20 Prozent des ukrainischen Staatsgebiets blieben unter russischer Kontrolle, darunter strategisch wichtige Industrieregionen im Donbass. Dabei soll die Waffenruhe als erster Schritt zu umfassenderen Friedensverhandlungen dienen. Unklar bleibt jedoch, wie eine solche Feuerpause überwacht und durchgesetzt werden könnte, zumal frühere Versuche, einen Waffenstillstand durchzusetzen, regelmäßig gescheitert sind.
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Ist ein Ende des Ukraine-Kriegs möglich? Selenskyj fordert symmetrischen Truppenrückzug
Die Gebietsfrage bleibt der heikelste Punkt der Verhandlungen. Wie UNIAN berichtet, diskutiert Selenskyj drei mögliche Szenarien: Eine Pufferzone entlang der aktuellen Frontlinie, eine entmilitarisierte Wirtschaftszone mit nur polizeilicher Präsenz oder einen beiderseitigen Truppenrückzug.
Besonders brisant ist Selenskyjs Forderung nach Symmetrie: „Wenn sich ukrainische Streitkräfte fünf bis zehn Kilometer zurückziehen, warum sollten sich russische Streitkräfte nicht auch die gleiche Entfernung tiefer in die besetzten Gebiete zurückziehen?“
Ukraine-Krieg vor dem Ende? Schutz für die Ukraine wie in NATO-Artikel 5 ohne Beitritt?
Diese Bedingung macht eine russische Zustimmung unwahrscheinlich, da Moskau die vollständige Kontrolle über die beanspruchten Gebiete Donezk, Luhansk, Saporischschja und Cherson fordert. So verlangt Russland zudem den Abzug ukrainischer Truppen auch aus jenen Teilen des Donbass, die bisher nicht erobert werden konnten – eine Forderung, die Kiew kategorisch ablehnt.
Die Verhandlungen kreisen um einen heiklen Kompromiss bei den Sicherheitsgarantien: Schutz wie in Artikel 5 der NATO, aber ohne die rechtliche Bindung des Bündnisartikels. „Das ist die schmale Brücke, die alle zu überqueren versuchen“, erklärt ein hochrangiger westlicher Beamter gegenüber derKyiv Post. Das Dilemma zeigt die unterschiedlichen Interessen der Akteure: „Die Ukraine will Gewissheit. Die USA wollen Handlungsfreiheit. Und Russland will ein Vetorecht über beide“. Während Kiew bindende Zusagen für militärischen Beistand im Angriffsfall fordert, wollen die USA sich nicht automatisch zu einem Kriegseintritt verpflichten. Moskau hingegen besteht darauf, jegliche westliche Sicherheitsarchitektur für die Ukraine blockieren zu können. Dieser Dreiklang widersprüchlicher Forderungen macht deutlich, warum die Gespräche so zäh verlaufen.
Militärische Lage im Ukraine-Krieg: Dramatische Situation an der Front in der Ukraine
Während in Berlin verhandelt wird, verschlechtert sich die militärische Lage für die Ukraine dramatisch. Um die strategisch wichtige Bergarbeiterstadt Pokrowsk toben weiterhin schwere Kämpfe – obwohl Russland die Einnahme behauptet, kontrollieren ukrainische Truppen noch den nördlichen Teil der Stadt. Auch in anderen Frontabschnitten geraten ukrainische Einheiten unter Druck.
Bundeskanzler Friedrich Merz empfängt am Montag (15. Dezember 2025) Selenskyj zu Wirtschaftsgesprächen und einem Austausch über den Friedensprozess. Dabei wird auch über die Nutzung eingefrorener russischer Vermögenswerte verhandelt. Die EU will diese Gelder für die Ukraine einsetzen – ein Plan, der auf Widerstand aus Washington stößt. Am Abend werden weitere europäische Staats- und Regierungschefs in Berlin erwartet, darunter Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und der britische Premier Keir Starmer. Europa versucht, seinen Einfluss in den Friedensverhandlungen geltend zu machen, nachdem es seit Trumps Amtsantritt weitgehend eine Zuschauerrolle eingenommen hatte. (Quellen: DPA, Unian, Kyiv Post) (cgsc)