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Im Rennen um die Nachfolge von Boris Johnson sind nur noch fünf Kandidaten über. Rishi Sunak ist Favorit auf den Posten als Tory-Parteiführer. Klappt es?
London – Rishi Sunak steht nicht im Verdacht, seinen Tag mit dem Metallica-Klassiker „For Whom the Bell Tolls“ zu beginnen. Der ehemalige Schatzkanzler Großbritanniens gilt als Favorit im Rennen um die Nachfolge von Boris Johnson, ihm könnte schon bald die Stunde schlagen, wie sich der Metallica-Song sinngemäß übersetzen lässt. Sollte sich der 42-Jährige im finalen Duell durchsetzen, hätte er das Amt des Tory-Parteiführers sowie des britischen Premierministers inne. Was spricht für Rishi Sunak – und was gegen den designierten Nachfolger von Boris Johnson spricht?
Rishi Sunak: Was für Boris Johnsons möglichen Nachfolger spricht – und Favorit mit zwei Gesichtern
Ein Nachfolger für Boris Johnson muss her. Das steht fest. Noch fünf Kandidaten sind nach dem zweiten Wahlgang im Rennen, Rishi Sunak werden die besten Karten eingeräumt. Doch wer ist der 42-Jährige überhaupt, der als Getreuer von Boris Johnson galt und nun britischer Premierminister werden will?
Grundsätzlich können sich die Geister am potenziellen Boris Johnson Nachfolger scheiden. Je nachdem, welches Bild einem von Rishi Sunak vermittelt wird. Mal wird er in einem Video als Kind von Immigranten dargestellt, das es unter widrigen Umständen an die Spitze der britischen Gesellschaft und Politik geschafft hat. Und mal ist er nur der 21-Jährige, dessen Freunde „Aristokraten“ sind, aus der „Oberschicht“kommen, nicht aber der „Arbeiterklasse“ entstammen.
Rishi Sunak will Nachfolger von Boris Johnson werden – Familienmensch oder arroganter Emporkömmling?
In Umfragen zum „Blutbad“-ähnlichen Rennen um die Nachfolge von Boris Johnson liegt Rishi Sunak oft vorne, er weiß eine große Zahl an Tory-Abgeordneten hinter sich zu vereinen. Er möchte als volksnaher Familienmensch wahrgenommen werden, so präsentiert sich der 42-Jährige zumindest in seinem Bewerbungsvideo für das Amt des britischen Premierministers. Doch wird Rishi Sunak durch ältere Videoaufnahmen auch ganz anders aufgenommen. Als arroganter Emporkömmling, wie es auch schon Boris Johnson gewesen sei.
Die Wahrheit liegt wahrscheinlich – wie so oft – irgendwo dazwischen. Fakt ist: Rishi Sunak wurde schon früh alles abverlangt. Der mögliche Nachfolger von Boris Johnson besuchte eine Eliteschule, studierte in Oxford und Stanford. Referenzen, die schlechter sein könnten. Im Folgenden arbeitete Sunak als Analyst bei Goldman Sachs, dann als Hedgefonds-Manager. Dann der Gang in die Politik, viel Werbung für den Brexit, im Februar 2020 schließlich die Ernennung zum Finanzminister – durch Boris Johnson.
Boris Johnsons Nachfolger: Rishi Sunak war einst „BoJo“-Vertrauter und will ihn nun beerben
Kaum im Amt, begann für Rishi Sunak der erste große, im Grunde bis heute andauernde Härtetest: die Corona-Pandemie. Für den möglichen Nachfolger von Boris Johnson aber auch eine Art Chance. Schließlich machte sich Sunak direkt in der Bevölkerung beliebt. Sein für Freude sorgendes Dreigestirn: Lohnfortzahlungen bei Kurzarbeit, Kredite für angeschlagene Firmen sowie Gutscheine für Restaurantbesuche.
Parallel zur wachsenden Neuverschuldung Großbritanniens 2020 wuchs auch die Popularität von Rishi Sunak. Der damals noch als Tory-Parteiführer agierende Boris Johnson ließ seinen Kompagnon schalten und walten. Dann der Bruch zwischen „Dishy Rishi“ und „BoJo“, wie die beiden Politiker auch schon mal abwertend bezeichnet werden, mehr als zwei Jahre später. Erneut eine große Chance für Rishi Sunak – mit enormer Fallhöhe.
Boris Johnsons Nachfolger: Das sind die anderen Kandidaten neben Favorit Rishi Sunak
- Rishi Sunak (zurückgetretener Finanzminister)
- Penny Mordaunt (Staatsministerin für Handelspolitik)
- Liz Truss (Außenministerin)
- Tom Tugendhat (derzeit ohne Minister-Posten)
- Kemi Badenoch (frühere Staatssekretärin)
Rishi Sunak, der „verräterische Drecksack“: Versaut ihm das „Dirty Dossier“ die Nachfolger von Boris Johnson?
Binnen neun Minuten verkündeten Rishi Sunak und Gesundheitsminister Sajid Javid, zuvor ebenfalls Schatzkanzler, ihren Rücktritt. Sie konnten Boris Johnson und seine Skandale, allen voran die „Partygate“-Affäre, nicht länger tolerieren. Nach außen hin wurde das so nicht kommuniziert. In seinem Rücktrittsgesuch schrieb Sunak lediglich, die Herangehensweise von ihm und Boris Johnson an die Wirtschaft sei „zu unterschiedlich“. Alles nur eine Finte?
Das wird Rishi Sunak im Rahmen des Rennens um die Nachfolge von Boris Johnson zumindest vorgeworfen. In Teilen der Partei hat Sunaks Ansehen gelitten. In Tory-WhatsApp-Gruppen kursierte ein Dokument, das „Dirty Dossier“, das ihn als abgehoben und hinterhältig darstellt. Aus Kreisen der Downing Street wird Sunak als „verräterischer Drecksack“ verunglimpft, der schon im Dezember 2021 auf den Sturz von Boris Johnson hingearbeitet haben soll. Durchaus starker Tobak.
Boris Johnson Nachfolger: Rishi Sunak will mit „finanzpolitischer Vernunft“ regieren
Und doch gilt Rishi Sunak als Favorit unter den anderen fünf Kandidaten auf die Nachfolge von Boris Johnson. Er würde sich in seiner Bewerbung immer noch als „ein ernsthafter Kandidat für ernsthafte Zeiten“ präsentieren. Das Wort „Steuersenkung“ nimmt Sunak im Gegensatz zu seinen verbliebenen Konkurrenten nicht in den Mund, vielmehr spricht er von „finanzpolitischer Vernunft“. Die Devise: bloß keine leeren Versprechen abgeben.
Zudem gilt Rishi Sunak als Kämpfer für eine grünere Wirtschaft. Doch fürchten Kritiker, dass er diese Position im Rahmen des Machtkampfes aufgeben könnte. Die These: Rishi Sunak will seine Unterstützer aus dem konservativen Lager nicht verlieren. Zudem müsse Sunak auch die Arbeiterklasse für sich gewinnen. Dann sei es durchaus möglich, dass „Dishy Rishi“ auf „BoJo“ folgt. Ihm könnte die Stunde schlagen. Oder aber, um es erneut mit Metallica zu sagen: Bleibt es doch beim „Day That Never Comes“?
Nachfolger von Boris Johnson: Rishi Sunak liegt auch in der zweiten Tory-Abstimmung vorn
Rishi Sunak jedenfalls surft erst einmal weiter auf der Erfolgswelle. Auch in der zweiten Abstimmung, wer die Nachfolge von Boris Johnson als Tory-Parteiführer antritt, bietet sich nämlich das gleiche Bild, das sich schon beim ersten Votum präsentiert hat: Sunak liegt ganz vorne und dürfte damit weiterhin die Rolle als Favorit auf die Nachfolge von Boris Johnson innehaben.
Im Rahmen der zweiten Abstimmung erreichte Rishi Sunak 101 Stimmen. Gefolgt wird er von der Handels-Staatssekretärin Penny Moridaunt, die auf 83 Stimmen kommt. Nicht mehr im Rennen um die Nachfolge von Boris Johnson ist derweil die britische Generalstaatsanwältin Suella Braverman. Die Chefjustiziarin der Regierung erhielt am Donnerstag, 14. Juli 2022, im zweiten Wahlgang die wenigsten Stimmen.

